Wenn Unendlichkeit und Endlichkeit in Resonanz oder in Konflikt treten

Voll Mensch sein

Der folgende Beitrag ist ein Ausschnitt aus Martins Buch «Voll Mensch sein». Es behandelt die Chakren, jedoch kulturell neutral formuliert, um keine Trennung zu verstärken, die eigentlich nicht existiert. Die Chakren werden «Quellen» genannt, denn das sind sie: Quellen des Empfindens und Erkennens. Das Buch behandelt Themen, die normalerweise nicht behandelt werden: hier die verschiedenen Zeithorizonte.

Martins CHAKRA YOGA-Kurse thematisieren die Quellen auf einzigartige Weise.


Die verschiedenen Quellen haben verschiedene Zeithorizonte. Viele unserer Lebens-Konflikte können wir als Konflikt zwischen Endlichem und Unendlichem betrachten. Das Endliche wandelt sich, ist Schwankungen unterworfen, entwickelt sich, und ist damit auch immer in einem Stadium des Noch-Nicht-Entwickelten. Positiv formuliert: es hat Entwicklungs-Potenzial. Dieses Endliche speist sich aus dem Unendlichen, dem Unwandelbaren, das wir in einem tiefen Flow-Zustand erfahren können. Oder in der zeitfreien Weisheit des Herzens. Das Unendliche ist der ursprüngliche Atem, der schon vor unserem ersten Atemzug da war.

Die erste Quelle unserer Wurzeln bringt uns ins Hier, so wie uns unsere Geburt ins Hier bringt. Wo wirklich ein Hier ist, ist auch ein Jetzt. Dieses Jetzt sitzt jedoch nicht in der ersten Quelle, sondern in der siebten am Scheitel. So bilden die erste und die siebte Quelle eine Einheit, und man kann auch sagen, dass durch diese polare Einheit des Hier und Jetzt die gesamte Entwicklung des Spektrums erst in Gang kommt. Je stärker diese polare Einheit von Hier und Jetzt, desto größer das Spektrum, das sich entfalten kann. Deshalb ist die Arbeit mit der Goldenen Linie ein so wichtiger Teil dessen, was wir hier machen. Es sind ganz einfache, aber extrem kraftvolle Übungen. Die Einheit des Hier und Jetzt ist zeit- und raumfrei, ermöglicht aber durch ihre polare Dynamik die Entfaltung verschiedener Zeit- und Raumqualitäten.
Paradoxerweise entwickeln andere Quellen, die durch die polardynamische Einheit erst richtig entwickelt werden, Zeithorizonte, die es fertig bringen können, diesen Einheits-Fluss von Hier und Jetzt, von Raum und Zeit, zu stören. Eigentlich sind diese anderen Zeithorizonte nur Ausformungen des Hier und Jetzt, doch sie können abgespaltet werden, ein Eigenleben entwickeln und uns glauben machen, es gäbe noch etwas Anderes als das Hier und Jetzt. Ganz stark ist die Illusion einer linearen Zeit, einer Zukunft und einer Vergangenheit. Ich nenne das Phänomen, bei dem etwas Zeitliches in etwas Unzeitliches oder etwas Unzeitliches in etwas Zeitliches kippt, den Ereignishorizont. Darauf kommen wir gleich zu sprechen, doch schön der Reihe nach.

Die zweite Quelle im Becken hat einen Zeithorizont von jetzt und jetzt gleich. Ein Baby gibt uns nicht zu verstehen, dass es innerhalb einer guten halben Stunde voraussichtlich Nahrung zu sich nehmen muss, um nicht in ein Hungerloch zu fallen. Es hat jetzt Hunger und braucht jetzt gleich die erlösende Brust! So verhält es sich mit allen Trieben. Sie auszuhalten, Spannung aufzubauen und aufrecht zu erhalten, ohne ihr gleich zu folgen, ist bereits ein Kultivations-Vorgang, der andere Quellen einbezieht. Die zweite Quelle sagt: «Her mit der Brust! Ich möchte jetzt befriedigt werden! Ich möchte jetzt gleich gemeinsam Spaß haben, und zwar hier, an Ort und Stelle!» Nur ein bisschen hält es Spannung aus, die sich als «jetzt gleich» ausdrückt. Es fluktuiert unaufhörlich zwischen diesem Jetzt und Jetzt-Gleich. Das ist ja auch das Schöne und befreiende an der Sexualität. Sie bringt uns ganz nah ans Hier und Jetzt. Das ist das Schöne an einem Witz, der die lineare Rationalität durchbricht, die Vernunft ins Unvernünftige wandelt, das Gewohnte ins Absurde.
(...)

Die dritte Quelle ist die Quelle der Linearität. Logik, Folgerichtigkeit, die lineare Sprache, Grammatik. Der Verstand ist in der Lage, in der Zeit zu reisen, jedenfalls scheinbar. Er kann Erinnerungen abrufen, sich eine Zukunft ausmalen und daraus Dies und Das (aber nicht das Hier und Jetzt) abstrahieren. Er reist ins Gestern und ins Morgen – scheinbar. Das passiert natürlich alles immer nur gerade hier und jetzt. Doch für den Verstand sind seine Zeitreisen real. Er kann Vergangenes wieder empfinden, als wäre es jetzt real. Er kann sich Sorgen machen um eine Zukunft, als würde sie sich garantiert so entfalten. Wie viele Ängste produzieren wir wegen einer Vorstellung von Zukunft, die wir für real halten? Letztendlich gibt es keine Zukunft, und es gibt keine Vergangenheit. Es gibt sie nur innerhalb des Verstandes. Vergangenheit und Zukunft sind ein Gedankenexperiment. Ein hartnäckiges, dem man meist anhaftet. Man identifiziert sich noch immer mit dem siebenjährigen Kind, das es seit fünfzig Jahren nicht mehr gibt. Natürlich hat das Kind Erfahrungen gemacht, die fünfzig Jahre später immer noch prägen. Die Prägung ist nicht das Problem. Das Problem ist die Anhaftung an die Prägung und den Prägungs-Vorgang.
(...)

Dann stehen wir uns in der vierten Quelle gegenüber. Hast du dich auch schon in den Augen einer anderen Person erblickt, und zwar so, wie du schon immer warst und immer sein wirst, reine Liebe, ja, reinste Liebe? Hast du in den Augen einer anderen Person ein ewiges Leben erblickt, alle Welten aller Zeiten? Hast du in einer Berührung etwas erfahren, das nicht benannt werden kann, denn das hieße, das Unendliche in die Endlichkeit zu zerstückeln? Liebst du einen Menschen so, dass du weißt, mit jeder Faser deines Seins, dass diese Liebe schon immer war und immer währt, dass sie immer wahr ist, wahr war und wahr sein wird, was auch an der Oberfläche passieren mag?
Du bist diese Liebe. Die Augen, die dich sehen, sind diese Liebe. Wir sind diese Liebe. «Wer warst du, bevor deine Eltern geboren wurden?», fragt der Zen. Du warst das, was du heute bist: Liebe.
Das Herz ist das Tor zur Unendlichkeit. Unendlichkeit stellen wir uns vielleicht als einen Strahl vor, der jetzt beginnt und nie endet. Doch Unendlichkeit ist eher ein Feld, das sich auf alle Seiten ausbreitet und nie endet. Sie ist nicht eine Variation der linearen Zeit. Sie ist außerzeitlich, etwas, das der lineare Verstand, der sich nur von A nach B bewegen kann, nicht verstehen kann. Aber wir können es empfinden, in jenen Momenten, die ich oben angefragt habe. Momente sind flüchtig, sie kommen und sie gehen. Doch wenn du dieses Außerzeitliche einmal berührst, ist es immer mit dir. Dann geht es darum, das Gewahrsein dieser Qualität so zu kultivieren, dass du es möglichst immer wahrnimmst. Wenn wir uns einmal mit einem Menschen auf dieser Ebene verbunden haben (beziehungsweise die Illusion der Trennung als Illusion erfahren haben), dann bleiben wir immer verbunden, selbst wenn wir eines Tages diese Tiefe nicht mehr erreichen.
Das mag kitschig klingen, es ist aber eine ganz tiefe, stille, nährende Erfahrung, die keine Worte braucht. Erst wenn wir sie in Worte fassen, entsteht daraus allenfalls Kitsch. Kitsch ist oft überladen. Als wolle man zu viel auf einmal sagen oder zeigen.
Die Unendlichkeit, zu welcher das Herz das Tor ist, kanalisiert sich in die Fülle des Lebens und ermöglicht die Fülle des Lebens. Vieles, das für den denkenden Verstand nicht fassbar ist, ist für das Herz kein Problem. Das Herz kann Paradoxien auflösen, an denen der Verstand kläglich scheitert. Denn das Herz löst nichts, es ist und nimmt das Sein an, wie es ist. Im Herzen wird die Kraft des Hier und Jetzt zum menschlichen Sein. Zum Menschsein. Der Zeithorizont des Herzens ist die Ewigkeit.

© Martin Schmid. Aus «Voll Mensch sein. Entdecke deine Lebensquellen».


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