Tief verwurzelt in den Himmel wachsen | Ein Vers, 31 Praxis-Impulse

Eine kurze Einführung

Wenn wir Taiji üben, bewegen wir uns in einer Tradition. Das mag einengend klingen, doch das ist es eben gerade nicht. Es hat vielmehr Hand und Fuß. Tradition schafft Freiheit, weil sie uns gezielte Erfahrungsräume öffnet. Alles, was wir im Taiji machen, muss in der Tradition gefunden werden. Nicht als Regel und Dogma und Erstarrtes, sondern als Boden für Inspiration. So bleibt Tradition lebendig und noch mehr, entwickelt sich weiter.

Hier folgt nun ein Beispiel, wie wir mit dem Daodejing, der Grundlagenschrift des Daoismus, auf welchem Taiji basiert, arbeiten können.

Das Daodejing dient hier nicht als Grundlage zur Interpretation, sondern zur Inspiration. Wir nehmen das Daodejing als Grundlage, um daraus Praxis-Tipps für die Taiji-Praxis zu erhalten. Die Erfahrung zeigt auch, dass wir durch Taiji das Daodejing – und damit den Ursprung des Taiji – studieren und verstehen können. Diese Art von Studium ist ganz anders als das intellektuelle Studium. Das Verstehen ist ein anderes. Wir strukturieren unser Nervensystem neu. Wir arbeiten also nicht mit Inhalten (Gedanken, Begriffen, Konzepten usw.), sondern mit den Leitbahnen, in denen diese Inhalte sich bewegen. Wir dekonstruieren alte Strukturen im V^Nervensystem, indem wir mit Bewegung arbeiten, und rekonstruieren dadurch neue. Wir entlinken nicht mehr gültige neuronale Verknüpfungen und stellen neue Verknüpfungen her.

Als Beispiel nehme ich Vers 2. Die davon inspirierten Praxis-Übungen sind nicht in Stein gemeißelt. Es braucht keine Diskussion darüber, ob die eine oder andere Übung nicht auch einem anderen Vers zugeordnet werden könnte. Natürlich. Ich hoffe, das nur schon die Fülle an Übungs-Möglichkeiten aufzeigt, wie vielseitig und vielschichtig wir Taiji praktizieren können. Denn schließlich sind es ja 81 Verse, und das nur im Daodejing! Dazu kommen dann die eigentlichen Taiji-Klassiker. Das Buch dazu folgt. Das Folgende ist ein Auszug daraus.


Vers 2


Wenn wir Dinge als schön kategorisieren, erschaffen wir auch das Unschöne.
Wenn wir Dinge als gut bezeichnen, erschaffen wir das Ungute.

Seiendes und Nicht-Seiendes erzeugen einander.
Schwer und leicht erschaffen einander.
Lang und Kurz bilden einander.
Hoch und tief sind abhängig voneinander.
Vorher und Nachher folgen einander.

Darum handeln wir, ohne etwas zu kreieren
und lehren, ohne Worte zu produzieren.
Was entsteht, nehmen wir nicht in Besitz.
Wir lassen wirken, ohne einzuwirken
und  vollenden unser Werk, ohne uns damit zu identifizieren.

Da wir es nicht festhalten, kann es fortbestehen.


Wenn wir Dinge als schön kategorisieren, erschaffen wir auch das Unschöne.
Wenn wir Dinge als gut bezeichnen, erschaffen wir das Ungute.

Kommentar

Interpretation ist wichtig. Doch Interpretation, die zu Identifikation führt, stoppt den Fluss. Das Verstehen kann das Entstehen verhindern, wenn wir an ihm festhalten.


Was ist, was sich ändert

Nimm wahr, was ist, und nimm wahr, was sich ändert. Halte dich nicht am ersten Eindruck fest. Identifiziere dich nicht mit ihm. Kategorisiere ihn nicht. Lass die Veränderung zu, indem du offen bleibst.


Am Atemfluss sitzen

Du sitzt am Atemfluss. Sei immer bei deinem Atem und beobachte ihn. Alle Gedanken, alle Empfindungen – Fülle und Leere, Fließen und Stocken, Wärme und Kälte, aber auch Emotionen – und alle Urteile und Meinungen sind Schiffe, die auf diesem Fluss fahren. Lass sie ziehen. Setze dich in keines der Boote. Wenn du es trotzdem tust, komm sanft zurück und setze dich wieder an den Fluss. Sanft bedeutet: ohne neue Meinungs- und Urteils-Schiffe zu produzieren.

Seiendes und Nicht-Seiendes erzeugen einander


Die Lupe hinhalten 1

Bevor du dich zu bewegen beginnst: Nimm die Stille wahr. Wie du stehst. Nimm die Bewegungen in dieser Stille wahr: die Atembewegung. Den Puls. Weite deine Wahrnehmung vom Herzen auf den ganzen Körper. Wo spürst du überall den Puls? Höre den tiefen Ton des fließenden Blutes in deinen Ohren. Hörst du auch das hohe Surren des Nervensystems? Nimm subtilere Rhythmen wahr: die Verdauung. Den Lymphfluss. Den cranialen Fluss in der Wirbelsäule. Das ist die Bewegung in der Nicht-Bewegung.

Die Lupe hinhalten 2
Jede Bewegung ist eine Ausgestaltung der Atembewegung. Nimm im Stehen wahr, wie dein Atem das Zwerchfell bewegt (oder das Zwerchfell den Atem), die Rippen, den Herzraum, die Arme. Irgendwann entsteht aus dieser Atem-Bewegung die erste Bewegung deiner Taiji-Form. Nimm diesen Übergang aus der Stille in die Bewegung möglichst differenziert wahr, als würdest du eine Lupe hinhalten und den ganze Vorgang deutlich verlangsamen. Bei jeder Bewegung, die ihre maximale Ausdehnung erreicht, hältst du wieder die Lupe hin und betrachtest in Slow-Motion den Umkehrvorgang. Ist die Bewegung im Zentrum (oder in den verschiedenen Zentren Lot, Herz, Becken, Boden) angekommen, betrachtest du den Umkehrvorgang wieder ganz genau.

Schwer und leicht erschaffen einander

100% verlagern

Bei jedem Schritt: verlagere 100%. So wird eine Seite schwer und eine leicht.


In den Boden verlagern

Verlagere nie nach links und rechts und vorne und hinten, auch wenn es so ausschaut. Es sieht so aus, weil der Boden Widerstand gibt und dich daher in der Horizontalen bewegt. Doch es bist nicht du, der/die dich Horizontal bewegt. Es ist der Boden! Denn du bewegst dich immer in den Boden. Verlagere das Gewicht immer ganz in den Boden hinein. Immer nach unten. So wirst du unten schwer und oben leicht.

Yin-Hand, Yang-Hand

Wenn eine Hand sinkt und eine steigt, fokussiere nicht nur auf die steigende Hand. Kultiviere das Yin in der sinkenden Hand. Fülle sie mit deiner Wahrnehmung. So ist sie schwer, ohne schwerfällig zu sein, und leicht, ohne leer zu sein.

Hoch und tief sind abhängig voneinander


Strecken als Weiten

Wenn du einen Arm nach oben streckst, ist dies keine lineare Bewegung. Jedes Strecken ist ein sphären-förmiges Aufgehen deines ganzen Körpers. Damit behältst du auch im Strecken die Tiefe.


Das Becken sinken lassen

Lass das Becken auch sinken, wenn die Arme nach oben kommen. Das Becken senkt sich immer.


Die Perlenschnur
Wenn die Schultern steigen (das heißt die Arme sich zu heben beginnen), sinkt die Hüfte.
Wenn die Ellbogen steigen, sinken die Knie.
Wenn die Handgelenke steigen, senke die Sprunggelenke.


Das Gegengewicht setzen
Wenn der Körper steigt, sinkt die Wahrnehmung. Sind die Hände oben, nimm auch deine Füße wahr.

Vorher und nachher folgen einander

Immer fließen

Halte nie an. Sei immer im Fluss.


Immer kreisen

Jede Bewegung ist kreisförmig. Sie entsteht aus dem Boden, wird im Becken gelenkt und im Oberkörper entfaltet. Sie faltet sich dann wieder ein, wird im Becken in den Boden gelenkt und sinkt in ihn hinein. Der große Kreis wird geschlossen. Das Becken impulsiert dabei immer Kreise und Spiralen.

Darum handeln wir, ohne etwas zu kreieren


Taiji fließen lassen

Produziere keine Form. Übergib dich der Form. Lass sie durch dich fließen. Lass dich von ihr gestalten.

Bewegung entfalten
Bewege nicht Einzelteile. Hier ein Arm, da einen Fuss. Entfalte die Bewegung von unten nach oben und von innen nach außen. Setze klare Impulse, als würdest du einen Stein ins Wasser werfen. Dann lass die Bewegung sich natürlich ausbreiten.

lehren, ohne Worte zu produzieren

Nomen durch Verben ersetzen

Mach eine Liste deiner Begriffe, die du verwendest (oder im Unterricht hörst): Qi, Yi, Struktur, Erdung, Atmung und so weiter. Ersetze die Nomen durch Verben. Denn diese kannst du tatsächlich praktizieren.


Leere Worthülsen fallen lassen

Bewusstsein, Bewusstheit, Energie, Dao, Yin, Yang… Was heißt das ganz genau? Übersetze es in eine konkrete Bewegung oder Bewegungs-Praxis. Lass alles, was du nicht konkret praktizieren kannst, fallen.

Was entsteht, nehmen wir nicht in Besitz


Dynamisch stehen

Ent-Stehen bedeutet, dass etwas aus der Starrheit (oder auch Sturheit) in Be-Weg-ung kommt. Das Stehen wird zum Weg. Stehe und nimm wahr, was ist und was sich ändert. Ruhe dich nicht darauf aus (be-sitzen), sondern bleib offen und dynamisch stehen. Auch in Bewegung, setz dich innerlich nie auf deine Erfahrungen. Ruhe dich nicht darauf aus.


Dankbarkeit

Taiji fließt durch dich. Nährt dich. Gestaltet dich. Sei dem Taiji dankbar. Du hast es nicht selber erfunden, es hat dich gefunden. Sei denen dankbar, die diese Tradition lebendig gehalten haben und es noch immer tun. Bevor du in der Form in die erste Bewegung gleitest, sei dankbar. Ist die Form zu Ende, sei dankbar.

wir lassen wirken, ohne einzuwirken

Lehr-Praxis: Inne-Halten

Halte immer wieder mal inne im Unterricht, gerade wenn es darum geht, einen Form-Ablauf zu lehren. Lenke die Wahrnehmung aller Teilnehmenden immer wieder nach innen. Was zeigt sich jetzt? Was ruft? Was ändert sich? Was hat sich im Vergleich zum letzten Inne-Halten verändert? Halte das Innere, damit es zum Empfindungsraum werden kann.


Lehr-Praxis: Wirk-Raum und Wirk-Kraft

Die Wirk-Kraft des Taiji braucht Raum, um sich entfalten zu können. Halte am Ende jeder Lektion genug Raum und Zeit für Integration bereit. Lass das Qi sich im Dantian sammeln und ermutige, zu empfinden. Eröffne einen Empfindungs-Raum. Das kann auch liegend geschehen, bei gedämpftem Licht.

Eine Beziehung zu Taiji aufbauen

Gute Lehrer sind Partner-Vermittler und stellen sich nicht zwischen dich und das Taiji. Es ist wie mit einer menschlichen Beziehung: Je mehr Interesse da ist, desto mehr wollt ihr zusammen sein. Taiji interessiert sich auf jeden Fall für dich und empfängt dich jederzeit mit offenen Armen. Lässt du dich empfangen? Gibts du euch Raum? Zu Beginn braucht das vielleicht Disziplin. Forschungen reden von 66 Tagen unumstößlicher Disziplin, bis etwas ein neues Grund-Muster wird. Je größer dann die Beziehung, je intensiver die Liebe, desto weniger Disziplin braucht es.


Entstehen lassen

Du musst nicht sofort verstehen. Zuerst muss einmal entstehen. Lass Empfindungen zu. Lass sie wirken. Lass sie verschiedene Schichten deines Seins durchfließen. Lass sie verschiedene Empfindungen und Gedanken anstoßen, lass sie auf verschiedene Widerstände treffen. Sei der Container dafür.

Den Atem fließen lassen

Ermögliche dem Atem, dass er neue Atem-Räume erschließen kann. Ermögliche ihm, dass er seine eigene Gestalt findet und dich dadurch gestaltet. Lass dich gestalten, statt den Atem in eine Form zu pressen. Auch nicht in eine Taiji-Form: Lass dein Atem die Form gestalten. Das bedeutet als Erstes, dass der Atem natürlich ist. Ermutige ihn dann, mit jedem Ausatmen noch etwas tiefer zu werden. Ermutige ihn, ohne es zu produzieren, denn sonst produzierst du unnötige Spannungen. Wenn du Atem und Bewegung koordinierst, ist der Atem der Steuermann/die Steuerfrau. Er gibt das Tempo an. Die physische Bewegung ist Ausdruck der Atem-Bewegung.


Qi fließen lassen

«Das Qi lenken», heißt es immer wieder. Lass es fließen, ohne es zu lenken. Das Nervensystem hat seine eigene Intelligenz (und ist nur schon darum intelligenter als der Verstand, weil der Verstand nur ein Teil des Nervensystems ist). Vertraue dem Qi.

Raum ermöglichen

Der Atem längt die Wirbelsäule, wenn er darf – und wenn die unnötigen Verspannungen freigesetzt worden sind. Ermögliche der Wirbelsäule, dass sie sich aufrichtet. Verschlucke keine Besenstiel und produziere keine Soldaten-Haltung. Ermögliche, dass jede Bandscheibe aufgeht wie eine Band-Sphäre.



vollenden unser Werk, ohne uns damit zu identifizieren


Auf den Grund gehen

Bewege einen Finger. Oder eine Hand. Einen Arm. Woher kommt die Bewegung? Aus den Muskeln, ok. Woher bewegen sich die Muskeln? Durch Impulse, die vom Gehirn gesteuert werden. Ok. Wo? Vielleicht in einer bestimmten Gehirn-Region. Ok. Woher wird diese Region genau aktiviert? Vielleicht aus einer anderen Region, ok. Und diese? Wo entsteht der allererste Impuls?
Und dann: Woher entsteht der allererste Impuls? Antworten wie «Aus dem Ich» sind Konzepte. Dann zeige mir doch dieses Ich, das den Finger bewegt.
Wer will sich hier also womit identifizieren?

und da wir es nicht festhalten, kann es fortbestehen

Lebendiges Taiji

Wage es. Lass dich in die Form einfließen, so wie die Form in dich einfließt. Bring dich ein (ohne dich zur Schau zu stellen). Bring deine Sorgen, deine Freuden, deine Zweifel, deine Gewissheit, deine Schwächen und deine Stärken in die Form mit. Lass dich nicht in der Form erstarren, lass die Form nicht erstarren. Lass dich nicht durch die Form ersetzen, lass deine ureigene Bewegung nicht durch Schablonen ersetzen, sondern lass dich inspirieren. Tanze Taiji. Weine in ihm. Lass dich tragen. So bleibt es lebendig.

Überprüfen

Überprüfe immer, was du lernst und was du gelernt hast. Macht das, Sinn, wie ich es vermittelt bekommen habe? Verkörpere nichts, das dir gegen den Strich geht. Entwickle Taiji von innen nach außen, statt dich in eine Taiji-Form pressen zu wollen.

Eine Beziehung zu Taiji aufbauen

Gute Lehrer sind Partner-Vermittler und stellen sich nicht zwischen dich und das Taiji. Es ist wie mit einer menschlichen Beziehung: Je mehr Interesse da ist, desto mehr wollt ihr zusammen sein. Taiji interessiert sich auf jeden Fall für dich und empfängt dich jederzeit mit offenen Armen. Lässt du dich empfangen? Gibst du euch Raum? Zu Beginn braucht das vielleicht Disziplin. Forschungen reden von 66 Tagen unumstößlicher Disziplin, bis etwas ein neues Grund-Muster wird. Je größer dann die Beziehung, je intensiver die Liebe, desto weniger Disziplin braucht es.


Tui Shou/Push Hands/Open Hands – Im Fluss bleiben

Bleibe immer im Fluss. Wenn du dich zurückziehst, ziehe dich bewusst zurück, nicht als «Pause» nach einer Ausdehnung. Wenn dir etwas geglückt ist, bleibe präsent. Halte nicht daran fest, denn sofort ist es Vergangenheit. Bleibe im Jetzt. Bring deine Freude in dein Zentrum und in den Fluss, lass dich nicht davon wegtragen. Dasselbe, wenn du aus dem Gleichgewicht gebracht wirst. Kopfschütteln ist unnötig. Schnell wieder das Zentrum finden und in den Fluss einsteigen ist wichtig. Wenn du aus dem Gleichgewicht fällst, heißt das nicht, dass du auch aus dem Fluss fallen musst.

© Martin Schmid 2017

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