Integrale Bewegung in einer Nussschale

Keine «Große Erzählung», keine Metaphysik, keine Essenz

Oberflächlich betrachtet, könnte Integraldynamik als eine Große Erzählung aufgefasst werden. Die Moderne war die Ära der «Großen Erzählungen», wie es der Philosoph Jean-François Lyotards benannte. Diese Formen der Welterklärung haben ein einziges Prinzip als Grundlage, etwa Gott, Vernunft oder eine Gesellschaftstheorie wie die marxistische. Das Problem mit diesen Meta-Erzählungen ist, dass sie uniformieren, legitimieren, idealisieren und ideologisieren. Daran ist die Moderne letztendlich zerbrochen.

Integraldynamik ist keine solche Meta-Erzählung, und auch nicht, was sich auch vermuten ließe, eine Beschreibung eines Meta-Musters. Sie ist eine Beschreibung von Tendenzen, die sich sowohl so, als auch ganz anders, entfalten können. Sie hat keine Inhalte zu erzählen, da sich diese erst entfalten. Sie ist kein Prinzip, allenfalls verfestigen sich durch die Dynamik Prinzipien. Diese Prinzipien sind keine Vorschriften, sondern Inschriften. Sie sind bereits in uns angelegt, gestalten sich nach den natürlichen Gegebenheiten und entfalten sich individuell.
Was durch die Entfaltung der Integraldynamik eben gerade geschieht, ist nicht eine Erzählung, sondern so viele Erzählungen, wie es Menschen gibt, die sich dieser Dynamik öffnen. Was sich daraus ergibt, ist nichts Uni-formiertes, nicht eine Form, sondern so viele Formen, wie es Menschen gibt. Wenn dies im Rahmen integraler Bewegung geschieht, lernen die Menschen nicht eine vorgegebene Form, und wenn alle dieselbe Form perfekt machen, ist das Resultat perfekt. Das Resultat ist perfekt, wenn jeder und jede seine und ihre eigene Form aus sich heraus entfaltet. Auf der Grundlage und im Rahmen der natürlichen Gegebenheiten, aber ganz individuell. Nicht isoliert, sondern im Dialog mit den Mitmenschen und der Mitwelt, und doch aus dem eigenen Zentrum heraus. Dies ist der Anspruch, der eine Menschenbildung unserer Zeit erheben und erfüllen muss.

Metaphysik

Metaphysik ist vielleicht kein Unsinn (auch wenn sie, um wirklich Sinn zu entfalten, durch die Sinne gehen und sinnlich werden muss). Das Dumme an der Metaphysik aber ist, dass man jeden Unsinn damit begründen kann. Sie lässt uns heilige Kriege führen, Genozide wie im Zweiten Weltkrieg begehen, homosexuelle Menschen diskriminieren, was wir wollen. Integraldynamik ist auch kein metaphysisches Konstrukt. Sie behandelt keine «ersten Gründe» oder Letztbegründungen und befasst sich nicht mit Sinn und Zweck des Seins. Sinn zeigt sich in der Integraldynamik durch die Sinne. Er zeigt sich, wenn er sich zeigt, unmittelbar im Handeln und Zulassen.

Essenz

Integraldynamik ist keine «Essenz der Kampfkünste» oder von was auch immer. Dies ist eine Formulierung, die man immer wieder liest. «Essenz» und «Wesen» sind metaphysische Begriffe (mit denen man wieder viel Unfug anstellen kann), oder aber man gebraucht den Begriff Essenz als das Resultat eine Reduktion, etwa: Die Essenz des Taijiquan sind die Prinzipien. Integraldynamik ist keine Reduktion und kein Destillat. «Verwesentlichen», ein zentraler Begriff der Integraldynamik, ist ein innerer, objektiv erlebter, aber subjektiv formulierter Prozess, der nie abgeschlossen ist im Sinne: Jetzt habe ich das Wesen erfasst. Verwesentlichen hat vielmehr mit verwesen zu tun, mit abfallen und recyclen von Unnötigem. Was unnötig ist, wird nicht durch ein Konzept vorbestimmt, sondern zeigt sich im Leben.


Methodik und Methode

Es gilt zu unterscheiden zwischen der Methodik und der Methode. Eine Methode ist bereits das Resultat einer Methodik. Die Methodik ist eine Herangehensweise. Die Methode entsteht aus der Methodik, wenn diese unter bestimmten Bedingungen strukturiert und definiert wird. So entstehen auch die verschiedenen Bewegungsstile.

Weg und Praxis

Integrale Bewegung ist also ein Erfahrungsweg und eine Praxis. Die Erfahrungen kann man fördern, aber nicht erzwingen. Erfahrungen sind zustandsgebunden und kommen und gehen daher, denn Zustände sind flüchtig.
Die Praxis hingegen zeichnet sich durch eine davon unabhängige Regelmäßigkeit aus.
Integrale Bewegung ist meist ein Weg der kleinen Erfahrungen. Ein Weg des Unspektakulären. Es besteht also kein Erfahrungs- und Spektakelzwang.

Ein begriffsfreies Arbeiten

Die Arbeit mit der unmittelbaren Erfahrung ermöglicht uns einen begriffsfreien und damit unvoreingenommenen Erlebnis- und Erkenntnisraum. Begriffe und jede Art der Deutungssysteme haben ihren Platz in einer Integrationsphase.
Die Folge des begriffsfreien Arbeitens ist, dass wir, statt zu begreifen, uns ergreifen lassen können. Ein zentraler Satz integraler Bewegung ist auch, dass wir uns nicht mehr ergreifen lassen können, wenn wir meinen, etwas begriffen zu haben.
Integrale Bewegung ist auch Bewegungsmeditation, doch auf der Basis des eben Gesagten können wir dies differenzieren. Integrale Bewegung ist eine Bewegungskontemplation, also Kontemplation in Bewegung. Kontemplation wird durch dieses Sich-Ergreifenlassen definiert.


Körper und Substanz

Alles ist Körper. Der Verständlichkeit halber können wir erst einmal sagen: Alles hat einen Körper. Alles hat Substanz. Selbst eine Idee hat einen Körper. Doch genauer verhält es sich so: Alles ist auch Körper, da es sich quadrantisch entfaltet. (Siehe z.B. Ken Wilber, Integrale Spiritualität. )
Integrale Bewegung arbeitet nicht nur mit dem physischen Körper, sondern mit allen Körpern. Ausgangspunkt ist jedoch der physische Körper.

Integrieren – kleine Wirklichkeit, große Wirklichkeit

Integrieren hat in integraler Bewegung eine doppelte Gewichtung (siehe weiter unten). Die Integration in ein Deutungssystem (von TCM bis Yoga, Sportphysiologie bis christliche Mystik, von Psychologie bis Philosophie) ist unter Umständen wichtig, aber auch fakultativ. Ebenso wichtig oder sogar wichtiger ist, das Ungeordnete zuzulassen und auszuhalten, nicht alles verstehen zu wollen. Darin liegt eine evolutionäre Spannung, die mit zu schnellem Verstehenwollen neutralisiert wird.
Deshalb differenziert die Methodik integraler Bewegung die «Kleine Wirklichkeit» und die «Große Wirklichkeit». Die kleine Wirklichkeit ist eine Teilwirklichkeit, die dem denkenden Verstand gefällt. Sie kann benannt werden, ja oft sogar in Tabellen dargestellt werden. Das gefällt dem denkenden Verstand besonders.
Die große Wirklichkeit widerspricht dem nicht, macht jedoch deutlich, dass die kleine Wirklichkeit eindimensional ist. Die große Wirklichkeit ist multidimensional und kann nicht logisch begründet und vermittelt werden.
In integraler Bewegung sprechen wir nicht von Wahrheit. Wahr ist, was wirklich ist. Die Wirklichkeit ist der Körper der Wahrheit. Eine Wahrheit, die nicht wirklich ist (die sich nicht verdichtet und manifestiert), ist ein Konzept. Integrale Bewegung arbeitet ohne Konzepte.


Die zwei Grundkomponenten

Integrale Bewegung arbeitet mit Verben. Verben sind weitgehend begriffs- und konzeptfrei. Man kann sie erfahren und verwirklichen, aber nicht wirklich begreifen. Eine intellektuelle Diskussion über «singen» erschöpft sich schnell.

Es bestehen zwei Verbenpakete: Köbi und das Sixpack.

Köbi

Köbi ist das Kürzel für coebi, welches das Kürzel für center - open - expand - blend - integrate ist, also zentrieren, öffnen, ausdehnen, verbinden, integrieren. Köbi beschreibt eine lineare Dynamik, nämlich die Dynamik des Gelingens. Alles, was gelingt, läuft nach dieser Dynamik ab. Die lineare Stufenfolge bezieht ein und transzendiert, das heißt, sie integriert und fügt eine neue Qualität hinzu, ohne dass die alte verloren geht.
Konkret: Aus zentrieren entsteht öffnen. Dieses Öffnen bleibt zentriert. Aus öffnen entsteht ausdehnen. Dieses Ausdehnen bleibt bleibt zentriert und offen, etc.

Die innere Dynamik integraler Bewegung - und des Yoga, Taiji, Qigong, der Meditation und Kontemplation, der Kampfkünste – des Lebens

Köbi kommt in drei Formen: Als reine Dynamik, als Prinzip und als Sein. Als Welle surfen wir ihn. Als Prinzip verwirklichen wir ihn. Als Sein sind wir ihn.

Sixpack

Das Sixpack besteht aus drei Verbenpaaren: beobachten und empfinden, subtilisieren und verwesentlichen, differenzieren und integrieren. Dieses Sixpack wird auch «Kultivationsverben» genannt.
Diese Verbenpaare beschreiben im Gegensatz zu Köbi keine lineare Dynamik. Sie sind miteinander vernetzt und bilden ein sich dauernd gegenseitig beeinflussendes Gewebe.

Beobachten und empfinden

Dieses Verbenpaar beschreibt die Perspektive des Wahrnehmens. Beobachten ist die Außenperspektive, empfinden die Innenperspektive. Wir können auch sagen: die Perspektive der Integrität (beobachten, denn Beobachter und Beobachtetes bleiben relativ unangetastet) und der Intimität (empfinden, hier ist Berührtsein zentral). Beobachten geht auf Abstand, empfinden geht ganz in Kontakt.
Verallgemeinernd gilt: Wir beobachten einen «Gegenstand» im weitesten Sinn. Wir empfinden einen Zustand.
Beobachten setzt einen Ankerpunkt, den wir brauchen, um präsent für das Empfinden zu sein.
Ebenso lassen sich die Begriffe Aufmerksamkeit und Achtsamkeit dadurch differenzieren. Die Aufmerksamkeit entsteht durch beobachten, die Achtsamkeit durch empfinden. Aufmerksamkeit und Achtsamkeit sind in der regel aber nicht Begriffe, mit denen einen konkrete integrale Bewegungspraxis arbeitet – eben darum, weil es Begriffe sind. Der direktere Weg ist, mit den Verben zu arbeiten.

Differenzieren und integrieren
Wir müssen differenzieren, was wir integrieren wollen, sonst gescheiht nur eine oberflächliche Integration. Wir können nur differenzieren, wenn dies in einem Integrationsraum geschieht.
Integrale Bewegung arbeitet mit Ganzkörper-Bewegungen, doch um diese zu entfalten, arbeitet sie auch mit Isolationen.

Subtilisieren und verwesentlichen
Subtilisieren bedeutet subtiler werden lassen. Bewegungen werden zuerst «grob» gemacht und dann immer weiter verfeinert und kukltiviert. Irgendwann wird der Übergang von Körperlichen ins Subtile alleine vollzogen.
Verwesentlichen ist ein Geschehenlassender Vorgang, bei dem nach und nach alles Unnatürliche, Uneigene wegfällt, so wie sich Sand in einem stillen Glas Wasser setzt und die Klarheit freigibt. So verwesentrlichen wir, bis unseren (körperlichen und subtilen) Bewegungen nichts Unnatürliches, Fremdes, Aufgesetztes und Gemachtes mehr anhaftet.

Grundsätzliches
Um Köbi überhaupt zu erkennen, muss zuerst das Sixpack kultiviert werden. Das Sixpack eröffnet also einen Erfahrungsraum, der kontinuierlich wächst.

Köbi und Sixpack arbeiten zusammen als Attraktoren, das heißt, sie beeinflussen sich gegenseitig (im Normalfall positiv). Es wird eine selbstverstärkende Dynamik in Gang gesetzt.

Dem linearen und dem vernetzten Charakter entsprechen methodische Aspekte der Sprache (linear) und der Bilder (analog, vernetzt).


Die selbstverstärkenden Zyklen

Die Grundverben differenzieren sich in der konkreten Praxis in weitere Verben. Da integrale Bewegung (1) in ihrem Kern eine Praxis der Kontemplation ist, also eine Praxis des uneinvorgenommenen, sich befruchtenden Begegnens, (2) schon die Kultivationsverben in Verbenpaaren auftreten und (3) die beiden Verbenbündel bereits eine selbstverstärkende Dynamik entfalten, überrascht es nicht, dass sich in der Praxis Verbenpaare zusammenfinden, die selbstverstärkend wirken.
Solche Verbenpaare nennen wir selbstverstärkende Zyklen.

Die Arbeit mit den Zyklen geschieht dadurch, dass man zwei Verben einlädt (z.B. entspannen und atmen) sich zu verwirklichen. Je mehr entspannen geschieht, desto tiefer wird der Atem. Je tiefer der Atem wird, desto mehr kann entspannen geschehen, usw. Man ist dabei Geschehenlassender, die einzige Aufgabe ist, das Verbenpaar wirklich präsent zu halten.

(Aus Kursunterlagen von Martin Schmid zu integraler Bewegung)