Integrale Bewegung | Yoga pur. Reines Qigong. Beides. Und mehr.

«Das ist Yoga pur», sagt eine Teilnehmerin eines Kurses für Yogalehrerinnen. «Eigentlich ist es pures Qigong.», schreibt Georg Patzer in seiner Rezension von «Integrale Bewegung». Beide reden vom Gleichen.
Wie kann das sein? Findet hier eine Essentialisierung statt, die das Gemeinsame aller Bewegungskünste aufgreift? Sehr weit gefehlt. Es findet etwas ganz Anderes statt. Am besten lässt sich dies vielleicht im Rahmen der Sprache aufzeigen.

 

Östliche Begriffe sind, eingebettet in ihre Sprache und Kultur, geläufige Begriffe. Einem Chinesen etwa muss man «Qi» nicht erklären. Er hat sofort ein intuitives, intimes Verständnis dafür. Das heisst nicht, dass er auch ein wissenschaftliches Verständnis haben muss. Für uns sind es fremde Begriffe, da wir nicht in einem intimen Verhältnis dazu stehen. Wir müssen sie uns erarbeiten, sowohl aus einer wissenschaftlichen Perspektive, um unseren rationalen Verstand ruhig zu stellen, als auch aus einer intimen Perspektive durch die jeweilige Bewegungspraxis.

Fremde Begriffe setzen eine Interpretationskompetenz voraus oder fördern sie, die diejenigen, welchen diese Begriffe nicht fremd sind, bereits mitbringen. Für uns Fremde werden sie zu einem Deutungssystem, dem wir die Deutung abringen müssen. Das ist an
sich eine gute Sache und das Potenzial in jeder Begegnung mit dem Fremden, in welcher Form auch immer dieses Fremde sich zeigt. Jedes Übungssystem wie Yoga, Qigong oder Aikido (und ihre jeweilige Vielfalt von Stilen) ist immer auch ein Deutungssystem. Sie sind eine Art der Fragestellung, die ihre jeweilige Art der Antwort vorspuren.

In dieser Situation zeigen sich verschiedene Potenziale: Entweder wird das Fremde als Fremdes erkannt und anerkannt. Das Potenzial darin ist, dass keine Assimilisation und oberflächliche Inkulturierung angestrebt wird, sondern eine Bereicherung durch nicht vereinbare Pole, zwischen denen eine Dynamik entsteht.
Ein anderes Potenzial in der Begegnung mit dem Fremden zeigt sich, wenn wir beginnen, das Fremde in unserer eigenen Sprache zu entdecken. Damit vielleicht auch die Grenzen unserer Sprache und damit unserer Begreifens. Einerseits können wir dadurch unsere Begrifflichkeit und damit unser Begreifen ausdehnen, wo dies möglich ist. Andererseits können wir uns das Nicht-Begreifen eingestehen und uns ergreifen lassen.

Integrale Bewegung ist sowohl Yoga als auch Qigong (und mehr), weil sie auf einer Ebene ansetzt, auf welcher sich die Dinge eben erst zu versprachlichen beginnen, also auch noch keine Konzepte geworden sind und selbst noch keine Form besitzen. (So sollten wir immer praktizieren, ob wir dies in einem Übungssystem tun, oder ob wir es in der freien Improvisation tun.) Darum kann integrale Bewegung Konzepte und Formen annehmen und aufnehmen. Es müssen keine Konzepte miteinander abgeglichen werden. Integrale Bewegung ist natürlich auch ein Übungssystem, aber eben eines, welches die anderen, spezifischeren Übungssysteme in sich aufnehmen kann, und nicht nur das: Es nimmt die anderen Systeme so an und auf, dass innerhalb des Systems neue Arten der Fragestellung möglich werden. Und damit neue Erkenntnispotenziale. Dies geschieht aber immer innerhalb des jeweiligen spezifischen Systems. Integrale Bewegung setzt keinem System etwas Systemfremdes auf. Das Resultat ist, dass die Praktizierenden innerhalb ihres Systems neue Qualitäten entdecken und gleichzeitig integrale Bewegung als pures Yoga, reines Qigong, oder was es denn auch ist, erkennen. Oder umgekehrt: Yoga als integrale Bewegung, Qigong als integrale Bewegung. Das ist das Ziel.

Dies geschieht nicht, wie es einige Rezensenten vermerken, dadurch, dass integrale Bewegung die Essenz der Bewegungskünste darstellt und vermittelt. Nichts wäre weiter entfernt. Integrale Bewegung ist keine Essenz von Irgendwas, nicht das Wesentliche, und keine Zusammenstellung universaler Prinzipien. Warum nicht?

Der Irrtum einer Essentialisierung

Essentialisierung entsteht zumindest in dem Kontext, das Gemeinsame im Verschiedenen zu finden dadurch, dass man auf Abstand geht und Prinzipien herausdestilliert. Man extrahiert quasi aus Verschiedenem das Eine heraus. Dieses Eine existiert auf abstrakte Weise ausserhalb des Konkreten als Idee oder eben Prinzip (und meist als Verallgemeinerung, falls das Prinzip noch eine konkrete Form aufweist). Darum ist es anschliessend auf das Verschiedene anwendbar. Es lässt sich (wieder) einpflanzen und re-assimilieren. Der entscheidende Punkt ist, dass diese Ideen, Abstraktionen, Konzepte oder Prinzipien ausserhalb existieren. Es sind eigentlich platonische Ideen, nach denen sich die Manifestation dann richtet.

Eine Essentialisierung ist meist eine Verallgemeinerung und funktioniert nicht ohne substanziellen Verlust auf allen Seiten, jedenfalls, wenn die «Essenz» selber noch eine Form besitzt. Prinzipien, die so herausgefiltert werden, besitzen noch eine Form. Wird diese Form auf etwas Anderes angewendet, geschieht daher eine Vereinnahmung. Das «Wesentliche», das so herausdestilliert wird, ist eine übergeordnete Idee. Sie wird geschaffen, indem ein Beobachter von aussen eine oder mehrere Bewegungskünste betrachtet (a, b).

Prinzipien von innen heraus

Integrale Bewegung arbeitet zwar auch mit Prinzipien. Im ersten Buch zur Integralen Bewegung habe ich aber klar aufgezeigt, dass die Prinzipien nicht durch Abstraktion entstehen, sondern sich ganz natürlich aus den Verben heraus entfalten. Verben haben keine Form und sind keine platonischen Ideen. Sie setzen eine Dynamik frei. Die Manifestation geschieht so aus sich selbst heraus, quasi «von unten», nicht aus einem Prinzip «von oben». Verben lassen sich im Gegensatz zu Konzepten und Dingen nicht befriedigend von aussen betrachten. Sie entwickeln sich in der intimen Perspektive. Der Punkt dabei: Prinzipien entstehen durch ein intimes Verhältnis. Es ist wichtig, nicht mit extrahierten Prinzipien zu arbeiten, sondern mit diesem intimen Verhältnis. Das ist integrale Bewegung. Sie ist eine intime Wissenschaft. Sie geht also den entgegengesetzten Weg der Essentalisierung.

Die Schnittmenge ist hier nicht als mathematisch identischer Bereich zweier sonst getrennter Einheiten zu sehen. Die Schnittmenge stellt den Bereich des intimen Begegnens dar, den Bereich des Nicht-Getrenntseins von etwas, das ohnehin nicht getrennt ist. a ist die Bewegungskunst oder schlicht «bewegen», B ist der Beobachter, der in diesem Fall ein Praktizierender bzw. der Mensch in Bewegung sein muss, Damit integriert sein Beobachten auch die Empfindungsfähigkeit, welche sich als integrale Bewegung manifestiert.

Eine intime, objektive Wissenschaft

Integrale Bewegung ist eine intime Wissenschaft, doch das heisst nicht, dass sie subjektiv wäre. Die intime Objektivität entsteht jedoch durch die Übungspraxis und das Erfahren, nicht durch Abstraktion und Rationalisieren. Durch diese differenzierte, objektive, intime Perspektive auf das Eigene (das eigene Übungssystem, den eigenen Körper, die eigene Wahrnehmung) werden neue Entdeckungen des Eigenen möglich. Diese können dann durch das eigene Deutungssystem wie Yoga, Taiji, Pilates interpretiert werden und widersprechen diesem daher nicht.
So wird aus Yoga pures Yoga, aus Qigong reines Qigong. Ich würde sagen: Es entsteht authentisches Bewegen, das alle Dimensionen des Raumes und des Mensch-Seins einbezieht.

© Martin Schmid