Qigong für den Rücken | Einige Betrachtungen aus der Sicht der TCM

In einer Nusschale

Ein gesunder Rücken lebt durch das Gleichgewicht von oben und unten, vorne und hinten und innen und außen. Jedes Qigong ist eine Erweiterung des «Kleinen Himmlischen Kreislaufs». Rückenprobleme können auch darauf hinweisen, dass das Gleichgewicht von geben und empfangen gestört ist.

Qigong für den Rücken Integrale Bewegung
 

Die Grundlage: Yin und Yang

Es ist das dynamische Gleichgewicht der polaren Kräfte (Yin und Yang), das einen gesunden Rücken hervorbringt. Man kann sich als Therapeut auf den Rücken spezialisieren. Das ist eine gute Marketingstrategie. Der Rücken bezieht jedoch in voller Weise den ganzen Menschen ein. Ein TCM-Rückenspezialist wird also mit dem ganzen Menschen arbeiten. Eine Yin-Blockade bedeutet auf der physischen Ebene, dass zu wenig Muskelmasse da ist. Eine Yang-Blockade bedeutet in den seltensten Fällen zu viel Muskelmasse, sondern zu viel Härte in den Muskeln.

In der TCM spielen hier Milz und Leber eine wichtige Rolle. Die Leber ist der große Verteiler. Ist ihre Funktion nicht frei, können durch unterdrückte Emotionen Verspannungen hervorgerufen werden. Je früher diese Unterdrückungen entstanden sind, desto tiefer sind sie im Rücken verankert, das heißt näher an der Wirbelsäule. Mit diesen Verspannungen zu arbeiten kann also bedeuten, uralte Muster aufzulösen, die eventuell auch prärationale Traumatas berühren können.
Ist die Leber geschwächt, kann sie ihre verteilende Funktion nicht wahrnehmen. Die Folge kann, zusammen mit Nieren- und Blasen-Qi-Mangel, ein schwacher Rücken sein. Da die Leber auch das Blut speichert, bedeutet dies, dass sie das Gewebe des Rückens schmiert und sanft, agil und stabil macht. Bewegungen sind harmonisch und dynamisch. Dementsprechend bewirkt eine Störung des Leberblutes zum Beispiel einen trockenen, starren, brüchigen Rücken.

Durch die harmonische, dynamische Bewegungsweise des Qigong können wir hier gezielt ansetzen. Steigt Yang unkontrolliert hoch, ist die Folge Verspannung im oberen Rücken, im Nacken und Kopfschmerzen. Gallenblase (Yang) und Leber (Yin) müssen in Einklang gebracht werden. Für die Muskelmasse an sich ist in der TCM zu großen Teilen der Organ-Funktionskreis Milz verantwortlich. Dieser regiert das gesamte Verdauungssystem. Wenn ihre Funktionen beeinträchtigt sind, äußert sich dies in einer Schwäche der Rückenmuskulatur. Also gehört in eine Behandlung eines Rückenleidens mit Yin-Blockade auch eine gesunde Ernährung. Diese braucht es dazu ohnehin, denn die Yin-Blockade wird durch Bewegung behoben. Ausreichend bewegen können wir uns nur, wenn wir uns gesund ernähren. Ist das Milz-Qi leer, zeigt sich dies gerne in dumpfen, nicht klar lokalisierbaren Rückenschmerzen.

Für die Stützkräfte des Rückens ist im großen Maß der Funktionskreis der Nieren zuständig. Ist dieser geschwächt, ist der untere Rücken «leer» und kann das gesamte System nicht stützen. Die nährenden Yang-Kräfte der Nieren dynamisieren das Flüssigkeitssystem des Körpers (welche wiederum als Yin bezeichnet werden). Ohne die wärmende, verdampfende Kraft dieses Yang sinkt die Flüssigkeit bzw. kann nicht steigen. Das Resultat sind auf körperlicher Ebene Wasseransammlungen in den Beinen, im Menschlichen ist es Trägheit. Die Furcht lähmt, und Furcht geht an die Nieren. Ist eine Nieren-Yin-Leere vorhanden, ist dies meist auf einen länger anhaltenden Erschöpfungszustand zurückzuführen. Rückenschmerzen sind entsprechend chronisch und hartnäckig. Im engen Zusammenspiel dazu steht die Blase.

Der Verlauf des Blasenmeridians zeigt seine stützende Funktion offensichtlich. Die Funktionskreise von Herz und Lunge stehen nach chinesischer Auffassung nicht in direktem Verhältnis zum Rücken. Es zeigt sich jedoch, dass der ganze Rippenbereich sehr wohl eng mit dem Rücken bzw. der Wirbelsäule wechselseitig verknüpft ist. Rückenschmerzen können zum Beispiel auch von einer blockierten Rippe herrühren. Die Weitung und gesunde Struktur des Rippenbereiches ist jedoch eine der Aufgaben von Herz und Lunge, womit auch sie nicht außer Acht zu lassen sind.


Oben und unten

Das Gleichgewicht von oberen und unterem Rücken wird also durch ein Gleichgewicht der polaren Kräfte v.a. der Funktionskreise Nieren, Leber und Milz bestimmt. Wir können sagen, dass der untere Rücken in seiner stützenden Funktion ein gesundes Yang verkörpern sollte, während die Schultern in ihrer ausführenden Funktion Yin sind. Im westlichen Alltag beobachten wir natürlich das umgekehrte Phänomen. Dem können wir entgegen wirken, indem wir uns im Qigong von unten nach oben bewegen bzw. die Bewegung von unten nach oben sich entfalten lassen.


Vorne und hinten

Das Gleichgewicht von Rücken- und Bauchmuskulatur ist entscheidend für eine gesunde Körperstatik und damit für einen gesunden Rücken. Auf der subtilen Ebene ist es der «Kleine Himmelskreislauf», der dieses Gleichgewicht durch Du Mai (Lenkergefäß) und Ren Mai (Konzeptionsgefäß) gewährleistet. Jedes Qigong sollte lediglich eine Ausschmückung des Kleinen Himmelskreislaufes sein, d.h. der kleine Himmelskreislauf ist absolut zentral. Auf der menschlichen Ebene bedeutet dies, ein Gleichgewicht zwischen geben und empfangen herzustellen. Hier stoßen wir auf das Phänomen, dass Gebenkönnen oft nicht das Problem ist. Zu viel geben ist das Problem. Und dies ist darauf zurückzuführen, dass man nicht wirklich empfangen kann.

Durch zu viel Geben kann ein Mangel entstehen – Erschöpfung, Burnout. Oder das Yang kann stagnieren – Anspannungen, Verspannungen, Gereiztheit etc. In beiden Fällen, selbst im Mangel, ist Yin die Rezeptur, das ungehinderte Empfangenkönnen. Dieses Empfangenkönnen ist etwas, was wir in unserer Kultur auf seelischer und persönlicher Ebene weitgehend verlernt haben. Das größere Du, durch das wir empfangen werden, in dem wir immer bereits empfangen sind, und das uns dadurch das Empfangen lehrt, ist uns abhanden gekommen. Hier kann Qigong einen wesentlichen Beitrag leisten, wir müssen aber als monotheistisch inkulturierte Menschen einen zusätzlichen Schritt machen, um in die empfangende Ganzheit zurückkehren zu können. Den vom Qigong vorgeschlagene Weg vom Ich durch das Es (die Natur) ins Wir, vom buddhistischen Qigong vom Kleinen Ich durch das Große Ich (Buddha-Natur) ins Wir müssen wir mit einem Weg vom Ich durch das Große Du (Gott) ins Wir ergänzen.

Innen und außen

Äußere Einflüsse sind z.B. Bewegung/Bewegungsmangel, Kälte/Hitze. Kälte am/im unteren Rücken gepaart mit Bewegungsmangel ist natürlich die bevorzugte Kombination für einen Hexenschuss. Es gibt auch ein zu Viel an Bewegung, das schädlich sein kann, und es gibt zu wenig Bewegungsbewusstsein, welches in ungünstigen Bewegungen resultiert. Das Eindringen von äußerem Wind und äußerer Kälte kann aber auch in den oberen Rücken wandern, wo es sich als Versteifung zeigt, oft mit gleichzeitigen Erkältungssymptomen. Dringt äußere Feuchtigkeit in den Rücken, zeigt sich dies als dumpfer Schmerz und eine Beeinträchtigung in Vor- und Rückwärtsbeugungen.

Aus Kursunterlagen zur Ausbildung zum Medizinischen Qigong-Therapeuten. © Martin Schmid 2013