Die Struktur der Achtsamkeit | Teil 1: Der integraldynamische Prozess

In einer Nusschale

Achtsamkeit ist ein beliebter Begriff, der dadurch auch beliebig wird. Martin Schmid zeigt in dieser Serie auf, dass «Achtsamkeit» eine Abkürzung ist für den integraldynamischen Prozess, der durch zehn Verben beschrieben werden kann, die miteinander in Beziehung treten: zentrieren, öffnen, ausdehnen, verbinden, integrieren, differenzieren, beobachten, empfinden, subtilisisren und verwesentlichen. Achtsamkeit ist demnach der Begriff für ein dynamisches Beziehungsgeflecht von Dynamiken. Diese Dynamiken beschreiben die Gestaltwerdung und die Kultivation. Daraus ergeben sich praktische Konsequenzen für eine gezielte Achtsamkeitspraxis und deren Vermittlung.



Der Begriff der Achtsamkeit

Warum Achtsamkeit? Warum ist dieser Begriff so zentral?
„Achtsamkeit ist der Anfangspunkt der Spiritualität." [1] Womit auch gleich ein weiterer problematischer Begriff, problematisch weil sein Spektrum sehr weit ist, eingeführt ist: der Begriff der Spiritualität. „Spiritualität ist der bewusste Umgang des Bewusstseins mit sich selbst."[2] Spirituelle Praxis hat das Ziel, „durch sich selbst in sich selbst das Selbst zu erkennen"[3] , wobei das «Selbst» sowohl als Eigenständiges gedeutet werden kann, als auch „als Prozess der Spiegelung bzw. Reflexion bewusster Prozesse in sich selbst"[4].
Das Sanskrit-Wort smrti, das wir mit Achtsamkeit übersetzen, bedeutet Erinnerung und ist abgeleitet von smr, sich erinnern. Es geht darum, eine Form von Präsenz zu realisieren, die jeden Moment vom nächsten in dem Sinne unterscheiden kann, dass sie an keinem der Momente festhält und mit keinem Objekt eines Moments eine Identifikation eingeht.„Aber die Erinnerung (smrti) ist allumfassend."[5]
„Achtsamkeit ist reines Beobachten oder Gewahrsein, ohne dass mentale oder kognitive Projektionen die Wahrnehmung oder die mentale Wahrnehmungsverarbeitung ... trüben würden."[6]
Es gilt dabei, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit zu differenzieren. Doch hier stoßen wir bereits auf das Problem der Begrifflichkeit von Nicht-Dingen. Wir müssen sie benennen, doch da diese Dinge keine Dinge sind, sind sie auch nicht klar abgegrenzt. So gibt es denn viele Differenzierungen, die sich auch widersprechen. Ich schlage folgende ganz einfache Differenzierung vor: Achtsamkeit ist feldförmig und offen, Aufmerksamkeit ist fokussiert und gerichtet.[7]
Wir müssen also mit Begriffen des Nicht-Dinglichen locker umgehen, ohne beliebig zu werden. Doch eine meiner wichtigen Aussagen, die sich durch diese Arbeit ergeben wird, ist, dass wir uns nicht mehr ergreifen lassen können, wenn wir meinen, etwas begriffen zu haben.[8] Dieses das rationale Verstehen übersteigende Sich-Ergreifenlassen hinein ins Transrationale, jeden Moment neu, jeden Moment ganz, ist, was schlussendlich eine Achtsamkeitspraxis ermöglichen kann.
Dies spurt uns bereits den Weg der Folgerichtigkeit: Die Algorithmen werden sich nicht in Begriffen zeigen.
Ich schreibe also über die Achtsamkeit, weil sie grundlegend ist. Ohne Achtsamkeit läuft nichts, wenn wir uns einer irgendwie gearteten spirituellen Praxis widmen. Dieses direkte Gewahrsein ist, was jede spirituelle Praxis fördert. Sei es das Gewahrsein des natürlichen Kosmos (z.B. Daoismus) oder des Großen Selbst (Buddha-Natur) oder des Größeren Du, was zum Wir wird (theistische Praktiken). [9] Ohne Achtsamkeit bleiben Formen, seien es nun Asanas, eine Taiji-Form, Zazen oder liturgische Formen des Gottesdienstes, leere Formen, Hüllen ohne Sinn.

Zum Begriff der Algorithmen

Algorithmen zeigen sich nicht in Begriffen im Sinn von Konzepten und Kategorien. In der Mathematik und Informatik bestehen sie aus Zeichen/Symbolen, die eine Handlungsanweisung geben. Auf solche Handlungsanweisungen werden wir nun stoßen. Nun, es sind noch keine Handlungsanweisungen, weil damit noch niemand angewiesen wird, sie werden es aber werden, wenn wir das, was wir entdecken, methodisch einsetzen. Genau genommen stoßen wir auf etwas, das sowohl mathematischer Platzhalter als auch Symbol ist, Symbol im Sinne eines einen Zeichens für eine Qualität, die sich dann vielgestaltig zeigen kann. Eine Handlungsanweisung entsteht erst im Kontext mit der Frage «Was soll ich tun?». Die Algorithmen an sich bewegen sich noch nicht in einem solch eng definierten Kontext. [10] Trotzdem benutze ich im Folgenden den Begriff, um an die Bedeutung der Algorithmen zu erinnern. Da wir hier kultivierte Situationen betrachten, keine zufälligen, können wir auch sagen, dass die Situationen aus Handlungsanweisungen entstanden sind. So oder so, der Begriff macht von Anfang an etwas klar: Handlungsanweisungen bestehen aus Verben. Und das ist hier absolut zentral.

Die zwei Algorithmen des integraldynamischen Prozesses

Der integraldynamische Prozess entsteht durch die Interaktion zweier Algorithmen, auf deren Herleitung ich an dieser Stelle verzichte. Die soll an anderer Stelle geschehen. Algorithmus 1 (A1) ist die vielleicht vielen Lesern bereits bekannte Köbi-Dynamik: zentrieren, öffnen, ausdehnen, verbinden, integrieren.
Algorithmus 2 (A2) beschreibt die Kultivation (letztendlich der Köbi-Dynamik, da wir jede Gestalt als Ausformung dieser Dynamik sehen können). Diese Kultivations-Verben treten in Paaren auf: bezeugen und empfinden, differenzieren und integrieren, subtilisieren und verwesentlichen. Diese Verben-Paare bilden je einen selbstverstärkenden Zyklus. Zusammen treten sie in Beziehung, und als Ganzes treten sie mit A1 in Beziehung. Dieses Beziehungsgeflecht der zehn Verben (integrieren kommt zweimal vor) nennen wir den integraldynamischen Prozess.

Deterministisches und komplementäres Chaos

Die Situationen, aus denen die zwei Algorithmen abgeleitet werden können, sind natürlich alles keine isolierten Elemente. Obwohl sie einen Anfang und ein Ende haben, also klar definiert sind, sind sie Teil eines Größeren. Um ein anderes Beispiel zu nehmen: Die Kontemplation zum Beispiel, welche als Vollzug nach A1 abläuft [11], können wir als Teil eines Größeren sehen, der Lectio Divina, die ihrerseits nach A1 abläuft: lectio (c, sich auf einen Text konzentrieren, sich auf ihn hin zentrieren den Text ins Zentrum stellen), meditatio (o, bedenken, was ich gelesen habe), oratio (e, Gebet der Worte, das Innen nach außen bringen), operatio (b, das Tun im Alltag), contemplatio (i, in direktem Kontakt mit dem Ursprung des Textes sein, mit Gott).

Dieses Größere ist selbstähnlich gestaltet, das heißt, die Teile, die ineinander verschachtelt sind, ähneln sich in ihrer Gestalt.[12] Wir finden also A1 innerhalb von A1 wieder: Der Aspekt des Zentrierens beinhaltet bereits eine kleinere Schachtel, in der wir alle fünf Verben von A1 wieder finden. Umgekehrt finden wir, wie im oberen Abschnitt beschrieben, A1 eingebettet in einen größeren A1-Durchgang. Jeder A1-Durchgang ist wie eine musikalische Phrase, die zwar abgeschlossen ist, aber auch weiterführt. Aus vielen Phrasen wird eine Melodie, aus Melodien wird ein (polyphones) Musikstück, ein symphonischer Satz, eine Symphonie. Die Symphonie wiederum ist eingebettet in einen Konzertablauf, der nach A1 abläuft: einstimmen (sowohl Musiker als auch Zuhörer, c), auftreten des Dirigenten, die Instrumente ansetzen, den Dirigentenstab heben, einatmen (o), Musik erklingt (e), berührt die Zuhörer, Musik, Musiker und Zuhörer verschmelzen (b), die Musik ist fertig, Applaus, Würdigung (i). Das Konzert wiederum ist eingebettet in einen Tagesablauf und so weiter.

A1 beschreibt eine eine Form des determinierten Chaos. Dieses ist definiert durch:
- „ein zyklisches Verhalten, bei dem ein Muster beständig mit minimaler Variation wiederholt wird
- eine gestufte Ordnung, die bewirkt, dass ein Muster ins nächst größere passt wie ineinander gestellte Schachteln
- universelle Anwendbarkeit" [13]

Die Chaosforschung befasst sich mit der Dynamik von Systemen, die unvorhersagbar sind, obwohl die zugrundeliegenden Gleichungen festgelegt sind. In unserem Fall zeigt sich, dass die Algorithmen, obwohl sie determiniert sind, höchst unterschiedliche Gestalten hervorbringen. Beziehen wir in die Grundgleichungen den Kontext ein, also zum Beispiel «Kata Form 1», unterscheiden sich die Gestalten weniger, und doch unterscheiden sie sich deutlich. Beziehen wir «Kata Form 1 + Herr Müller» ein, der die Form ausführt, wird sie immer noch jedes Mal anders aussehen.

Das determinierte Chaos ist viertens auch dadurch gestaltet, dass man eine allgemeine Form bestimmen kann, aber nicht den Inhalt.
Alle vier hiermit genannten Kriterien treffen auf A1 zu:
- A1 ist zyklisch. Das Zentrum, zu dem wir durch integrieren zurückkehren, ist jedoch nicht mehr dasselbe (weil umfassender). Dadurch ist das Resultat der nächsten Dynamik ein wenig anders, obwohl der Prozess nach wie vor gleich abläuft.
- A1 ist ein in sich ineinander geschachtelter Prozess: aus zentrieren wird öffnen. Öffnen integriert und transzendiert zentrieren. Aus Öffnen wird ausdehnen. Ausdehnen integriert und transzendiert öffnen und damit auch zentrieren, usw.[14]
- A1 ist universal anwendbar/auffindbar, wobei universal ein sehr großes Wort ist, das ich persönlich nicht gebrauchen würde. In unserem Kontext ist er in allen untersuchten und erwähnten Gestalten auffindbar.
- Die Form von A1 ist bestimmbar, der Inhalt, sichtbar an unseren verschiedenen Beispielen, jedoch völlig kontextabhängig.

Auch A2 zeigt Merkmale eines determinierten Chaos:
- Jedoch beschreibt er keinen streng zyklischen Ablauf, sondern besteht aus drei Mikro-Zyklen (Sub-Attraktoren) innerhalb der Verben-Paare beobachten-empfinden, differenzieren-integrieren und subtilisieren-verwesentlichen.
- Daher hat er auch nicht eine einfach gestufte Ordnung, diese offenbart sich jedoch in den Mikrozyklen. Je mehr wir differenzieren können, desto mehr können wir integrieren, analog die anderen zwei Mikro-Zyklen. [15] 
- A2 ist universal anwendbar. (Wieder, in unserem Rahmen zumindest auf alles, was wir hier untersuchen.)

A2 besitzt jedoch eine weitere Variabilität. Diese setzt sich daraus zusammen, welche der sechs Verben eingesetzt werden (im Gegensatz zu A1, welcher sequentiell immer vollständig sein muss, ist dies bei A2 nicht notwendig), und wie kompetent sie eingesetzt werden (ein Sachverhalt, den ich Kultivationsgrad nenne). Die Variable ist also eigentlich der Mensch. Ich werde das gleich nochmals aufgreifen.

Doch jetzt „… entdecken wir das Paradigma des komplementären Chaos – ein chaotisches System nährt, ergänzt oder bremst ein anderes chaotisches System."[16]
Unsere zwei Algorithmen erzeugen, wenn sie aufeinandertreffen, ein komplementäres Chaos: es entsteht eine Dynamik, die sich nährt, ergänzt oder bremst. Das Chaos zeigt sich als tatsächliches Chaos, wenn A2 A1 nicht stützt. Das bedeutet, je weniger von A2 kultiviert ist und angewendet wird. Das gibt uns bereits wichtige Hinweise auf die Methodik: Obwohl A1 zentral ist, müssen wir A2 gezielt kultivieren, sonst bremsen die Algorithmen sich gegenseitig.
Zwei Beispiele: Ein Gespräch, das nicht nach A1 abläuft, sondern bei dem jemand mit der Tür ins Haus fällt, macht es ungemein schwieriger, zu subtilisieren und zu verwesentlichen, zu differenzieren und zu integrieren. Nicht, dass es nicht möglich wäre, doch dazu ist ein Kompetenzen-Training notwendig, wie es etwa die Kampfkünste wie Aikido, Taiji und Open Hands und Dialog-Yoga bieten.
Andererseits kann der Kata-Praktizierende aus unserem Beispiel seine kurze Kata 1-Form (A1) zwar auswendig kennen, wenn ihm jedoch die Fähigkeit der Kultivationsverben (A2) fehlt, wird sein auswendig gelernter Bewegungsablauf nicht zu einer Iaido-Form werden. Früher oder später führt dieser frustrierende Prozess dazu, dass er Iaido nicht mehr praktiziert.

In der zyklischen und selbstreflexiven und damit auch selbstregenerierenden Dynamik von A1 sehe ich aber auch die Qualität des Menschen, der sich immer wieder aufrichtet, immer wieder neu versucht, sich neu zu finden und zu erfinden, also die große Tugend des ehrlichen Bemühens.
Und damit wieder zurück zum komplementären Chaos: Jedes dynamische System strebt einen stabilen Zustand an, also eine Struktur. Diese Tendenz wird Attraktor genannt (von lat. ad se trahere = zu sich hin ziehen), der Attraktor erscheint als klar erkennbare Struktur. Das komplementär-chaotische System nähert sich also von sich aus einem stabilen Zustand an.
In unserem System haben wir gleich zwei Attraktoren. A1 ist durch seine innere Stabilität ein Attraktor, der A2 «anzieht», also die Kultivation der Kultivationsverben fördert. A2 aber kann derart unkultiviert sein, dass er als negativer Attraktor (auch Repellor genannt) funktionieren kann (siehe Beispiel oben). In einem kultivierten Zustand jedoch stabilisiert er von seiner Seite her A1. Hier finden wir die Schlüssel zur Struktur der Achtsamkeit. Zwei Schlüssel, eine Beziehung. Die Struktur der Achtsamkeit ist eine Beziehung. Oder genauer: Ein dynamisches Beziehungsgeflecht von Dynamiken.
Und gleich noch einen methodisch-didaktischen Schlüssel: Obwohl wir A2 gezielt kultivieren müssen, damit er A1 nicht immer wieder ausbremst, ist A1 wichtig, damit sich A2 stabilisieren kann. Der Lehrer (im weitesten Sinne) kann also zum Beispiel dafür sorgen, ein Lernfeld aufzubauen, das nach A1 gestaltet ist, und bietet dadurch bereits eine Stütze. Ich werde darauf zurückkommen.

Intrinsische Strukturierung auf verschiedenen Ebenen

Die Struktur, die durch das Begegnen von A1 und A2 entsteht, ist sich selbst Grund, sie ist integraldynamisch.
Wir sehen es an der Körperstruktur, die sich durch die gezielte Kultivierung der beiden Algorithmen in einem körperlich geprägten Kontext – einer Bewegungskunst, einer Kampfkunst, im Sport – ergibt. Unsere Körperstruktur muss nicht im weitesten Sinne durch eine metaphysische Idee platonisch begründet (gerechtfertigt) werden, sie ergibt sich aus sich selbst (sie ist in sich recht und fertig – wenn auch nie abgeschlossen). Sie ergibt sich aus dem Wechselspiel von Materie und Energie (bzw. Information), das heißt aus dem Wechselspiel von Zellen und Bewegung (bzw. der Information, die zu Bewegung führt). [17] Die ideale Bewegung geschieht aus sich selbst heraus und durchfließt den Körper, meist von unten nach oben und von innen nach außen unter Einbezug aller Dimensionen, was in einer Spiralbewegung resultiert. [18] Eine ideale ursprüngliche Körperstruktur ergibt sich nicht dadurch, dass uns vorgezeigt wird, wie wir uns zu halten und zu bewegen haben, sondern durch dieses Wechselspiel der polaren Einheit von Materie und Information.[19] Wenn wir diese Struktur und ihre Bewegung zusätzlich durch A2 kultivieren, führt dies zu subtilerem, differenzierterem Beobachten und Empfinden, zu Gewahrwerden, Gewahrsein und Achtsamkeit, und schon befinden wir uns in einer wechselseitigen Verstärkung von Bewegung und Bewusstsein. Bewegung und Bewusstsein bilden in ihrer Beziehung Attraktoren.

Die Yogis und Taiji-, Qigong- und Kampfkunst-Meister sind lebende (oder in Anekdoten und Geschichten lebendig gehaltene) Beispiele dafür, dass sich diese intrinsische Gestaltwerdung nicht auf den Körper beschränkt. Es wird eine Kognitionsstruktur errichtet. Diese Struktur zeigt sich darin als Struktur, dass ihr Effekt stabil ist und nicht den Flüchtigkeiten von Zuständen ausgesetzt ist. Ihr Effekt zeigt sich in Klarheit, in Präsenz, in Fülle, in Wachsein, in einer guten Auffassungsgabe, in einer differenzierten Wahrnehmungs- und (in den Kampfkünsten) Reaktionsfähigkeit.[20]
Dass diese Gestaltwerdung, dieses Errichten einer Struktur, sich nicht nur auf den Körper beschränkt, sehen wir auch im Heranwachsen eines Kleinkindes. Das Aufsitzen-Können zum Beispiel eröffnet ganz neue Perspektiven und damit Impulse zur Formung einer Kognitions-struktur. Und es ist unterdessen reichlich belegt, dass Bewegungen (und das Gewährenlassen innerer Bewegungen, sprich Meditation) unser Hirn materiell formen, und damit auch unsere Kognitionsstruktur.[21]

Die zwei Aspekte, die es für diese Gestaltwerdung braucht (selbst wenn sie keinen Dualismus darstellen, oder selbst wenn beide auf neuronale Aktivitäten reduziert würden), sind also Information und Materie. Interessanterweise haben wir mit unseren beiden Algorithmen diese beiden Aspekte herausgearbeitet: A1 erzeugt eine Gestalt, einen Körper (eine Form, eine Bewegungsabfolge, eine Liturgie, eine Sitzhaltung). A2 kultiviert diesen Körper, gibt ihm die Qualität. Diese Qualität ist Information. Durch beobachten und empfinden, subtilisieren und verwesentlichen, differenzieren und integrieren werden unaufhörlich Informationen generiert und sogleich verarbeitet, was zu neuen (feineren, differenzierteren etc.) Informationen führt. Und damit zu einer Verfeinerung des Gestaltwerdungsprozesses, der keinen Anfangs- und keinen Endpunkt hat.


TEIL 2: Die Achtsamkeit der Gegenwart finden Sie hier.

[1] von Brück, Michael, Vortrag Achtsamkeit
[2] Ders., ebd.
[3] Malinar, Angelika,Vortrag zu den Grundbegriffen des Yoga
[4] von Brück, Grundzüge einer modernen Antrhopologie, 2012, 197
[5] Bäumer, Patanjali, Die Wurzeln des Yoga, 35
[6] v. Brück, Grundzüge, 199
[7] M.v.Brück beschreibt in seinem Vortrag die Achtsamkeit als „…die Voraussetzung für das Gewahrsein von etwas. Bevor die Aufmerksamkeit etwas erfasst und das Potenzial bündelt, ist Achtsamkeit noch offen."
Hier werden wir eine interessante Differenz zur herauszuarbeitenden Dynamik sehen, welche eher folgern würde, dass wir zuerst in einem gewissen Masse unsere Aufmerksamkeit bündeln können müssen (etwa durch Atemzählen oder das Wahrnehmen von Fokuspunkten in einem Yoga-Asana), damit sich das Feld der Achtsamkeit öffnen kann. Diese Differenz liegt in der Sache selbst: Achtsamkeit und Aufmerksamkeit sind nicht getrennte Dinge. Sobald wir in subtilere Gefilde als die physische Qualität vordringen (etwa in einem Modell, das grobstofflich, subtil und kausal differenziert, wie Shankara oder Wilber), bekommt Trennung eine andere Bedeutung. Dementsprechend ist die Dynamik von Achtsamkeit und Aufmerksamkeit und die daraus folgende Gestaltwerdung keine streng lineare.
[8] Schmid, Martin, Integraldynamik, Kapitel Die Kraft des Begegnens, Norderstedt 2011
[9] Wir können Daoismus, Buddhismus und die theistischen Formen von Praxis in der von Wilber formulierten Dreiheit Es-Ich-Wir sehen, vgl. Wilber, Integral Spirituality, 18ff. In jeder der drei Richtungen ist direktes Gewahrsein möglich (welches ein Nichtgetrenntes, aber Differenziertes ist, und damit bereits eine Form des Wir), zeigt sich aber anders.
[10] Als eine Art des kategorischen Imperativs kann A1 nur verstanden werden, wenn wir ihn auf ein Prinzip beschränken. A1 ist kein Prinzip, er kann aber als Prinzip angewendet werden.
[11] In ihrer integralen Gestalt nach Hugo von Sankt Viktor, siehe auch Schwienhorst-Schönberger, Ludger, Kontemplatives Schriftverständnis, in Studies in Spirituality, Peeters, Volume 17/2007, 116f
[12] Das ist der Unterschied vom selbstähnlichen Fraktal der Chaosforschung zum Holon von Arthur Koestler, aufgegriffen und differenziert von Ken Wilber (Integral Spirituality, 34). Ein Holon ist ein Ganzes, das Teil eines größeren Ganzen ist. Es braucht aber nicht selbstähnlich zu sein. Ein Molekül und eine Zelle sind nicht selbstähnlich, eine Zelle und ein Organismus sind nicht selbstähnlich. Einfach gesagt: ein Hund sieht nicht aus wie ein Atom.
[13] Walter, Katya, Chaosforschung, I Ging und Genetischer Code, München 1992, 29
[14] Ein Prozess, den Wilber "transcend and include" nennt, wenn es um Entwicklungsebenen geht. Die einzigen Verben im integralen Modell übrigens. Doch Verben, die wieder heruntergebrochen werden müssen, um praktikabel bzw. methodisch vermittelbar zu sein. «Jetzt transzendieren wir» wird die Schüler eher ratlos zurücklassen.
Wilber, Integral Spirituality, 174: „»Transcend and include« is »negate and preserve,« and that which is negated is always a partiality made absolute." Das ist auch ein Hinweis, warum das Verb «verwerfen» in Verbengruppe 5 platziert ist. Ursprung ist natürlich die simple Erfahrung, dass man Altes manchmal loslassen muss/kann/darf.
[15] Frei assoziierend (von meiner Seite her) dazu Judith, Anodea, Eastern Body, Western Mind. Psychology and the Chakra System as a Path to the Self, 1996, 284f: „As we become more integrated, we become more relational. … There is simply more there for another to be attracted to, and more of us there to meet them."
[16] Walter, Chaosforschung, 53. Sie bringt diese Dynamik im Folgenden mit der Dynamik des genetischen Codes und dem I Ging in Verbindung.
[17] In den Klassikern des Taijiquan heißt es denn auch: Yi führt Qi, Qi führt Li. Die Absicht (eine schlechte Übersetzung, ich nenne Yi Intention, um sie auf einer kausalen Ebene anzusiedeln und nicht mit einer persönlichen Absicht zu verwechseln, die auf der subtilen Ebene beheimatet ist) führt die Energie, die Energie führt zu körperlicher Bewegung (Muskelkraft).
[18] In allen Details: Schmid, Integraldynamik
[19] Dieses Vorzeigen wird erst im bewegungstherapeutischen Kontext – und heute ist jeder Qigong-Unterricht, jede Yoga-Klasse, jeder Meditations-Retreat auch bewegungstherapeutisch, ehe man zur gezielten Kultivation übergehen kann, wobei der Prozess natürlich fließend ist – wieder wichtig, nicht in der ursprünglichen Strukturentfaltung.
Moshe Feldenkrais und Ida Rolf haben engagiert die Diskussion geführt, was zuerst war: Das Huhn oder das Ei. Während Feldenkrais "Bewusstheit durch Bewegung" lehrte und vertrat, dass die richtige Struktur durch die richtige Bewegung (und diese durch Bewusstheit) entsteht, ging Ida Rolf davon aus, dass richtige Bewegung durch die richtige Struktur erreicht wird. Rolf hat den Schwer- oder Anfangspunkt mehr auf A1 gesetzt, Feldenkrais auf A2. Sie haben aber beide nicht Schwarzweiß gemalt, sondern nur andere Schwerpunkte gesetzt. «Rolfing Movement», gezielte Körperübungen, wurden von Ida Rolf in späteren Jahren ergänzend zur Therapie entwickelt und vor allem von Hubert Godard fundiert und erweitert.
[20] Auch die Persönlichkeitsstruktur wird dadurch geformt, doch ist dies eine sehr vielschichtige Sache, die ganz eigene Formen annehmen kann. Hier hilft das Linien-Modell Wilbers in Wilber, Integral Spirituality.
Zu entsprechenden Anekdoten und Berichten: Fauliot, Pascal, Die Kunst zu siegen ohne zu kämpfen, Anekdoten und Geschichten über die Kampfkünste, München 2001, Dobson, Terry, Aikido in Everyday Life: Giving in to Get Your Way, Berkeley 1993
[21] Z.B. Lutz, Antoine, Potential contributions of research on meditation to the neuroscience of consciousness in News Horizons in the Neuroscience of Consciousness, Edited by Elaine Perry… [et al.], Amsterdam 2010, 282ff; ebenso Treadway, Michael and Lazar, Sara, Meditation and Neuroplasticity: Using Mindfulness to Change the Brain in Assessing Mindfulness & Acceptance Processes in Clients, Edited by Baer, Ruth, Oakland 2010, 185ff, Michel, Hannes, Dzogchen im Westen: eine qualitative Studie zur Psychologie der nondualen Bewusstseinserforschung, Berlin 2011, 38f

© Martin Schmid 2014