Die Struktur der Achtsamkeit | Teil 2: Die Achtsamkeit der Gegenwart

In einer Nusschale

Achtsamkeit ist ein beliebter Begriff, der dadurch auch beliebig wird. Nachdem Martin Schmid in Teil eins aufgezeigt hat, dass der Komplex, den wir Achtsamkeit nennen, mit zehn Verben beschrieben werden kann, zeigt er in Teil zwei dieser Serie auf, wie ein dynamischer Achtsamkeitsbegriff einen Beitrag zur gegenwärtigen Diskussion zum Thema im Westen und im Dialog mit dem Osten leisten kann. Wichtig ist, Achtsamkeit nicht als Eigenschaft zu verstehen, sondern als ein dynamischer Vorgang, den Martin Schmid den integraldynamischen Prozess nennt, der Grundlage für alle seine Arbeit bildet.



Die Achtsamkeit der Gegenwart

Achtsamkeit ist ein großes Thema. Die Forschungen dazu steigen exponentiell. Achtsamkeitsbasierte Methoden zur Stressbewältigung (MBSR) und Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie (MBCT) erleben einen starken Aufschwung. Sogar auf die Titelseite des Times-Magazins hat es Mindfulnes gebracht.

Mit der Verbreitung werden aber auch Stimmen laut nach einer Instrumentalisierung einer Qualität, die viel mehr sein kann und ursprünglich ist als Stressbewältigung und Therapie.
In meinem ersten Artikel habe ich aufgezeigt, dass Achtsamkeit sowohl eine innere Struktur hat, als auch, dass Achtsamkeit als ein dynamisches Beziehungsgeflecht verstanden und praktiziert werden kann. Hier knüpfe ich nun an, wenn ich dies in Bezug zu Aussagen der gegenwärtigen Achtsamkeits-Diskussion stelle.

Zum näheren Verständnis seien hier noch einmal die beiden «Algorithmen» wiederholt, die ich im ersten Beitrag genauer darlege.

Algorithmus 1 (A1)beinhaltet die Verben der Köbi-Dynamik: zentrieren, öffnen, ausdehnen, verbinden, integrieren.
Algorithmus 2 (A2) beinhaltet die Kultivations-Verben, die in Paaren auftreten: bezeugen und empfinden, differenzieren und integrieren, subtilisieren und verwesentlichen.

Eine Qualität, die kultiviert wird

Jon Kabat-Zinn bezeichnet seine Definitionen von Achtsamkeit als „Arbeitsdefinitionen“ [1]. Es sind methodische Werkzeuge, um „… den Dharma in den Bereich des Mainstreams zu bringen“[2], und dass „die Einzelheiten in Bezug auf die Nutzung des Wortes Achtsamkeit … später von Forschern geklärt und differenziert werden könnten.“ [3]
Dieses Später ist bereits heute. Durch die exponentiell steigende Forschung im Gebiet der Achtsamkeit seit den 1990er Jahren ist auch eine wertvolle Auseinandersetzung mit ihren Wurzeln im ganzen Kontext des westlichen Buddhismus in Gang gekommen. Es stellen sich Fragen, „was wichtig und was weniger wichtig ist, wenn Achtsamkeitsübungen im Westen eingeführt werden“[4], und was die möglichen Risiken eines unvollständigen Verstehens von Achtsamkeit sind[5].
Sieht George Dreyfus die „…bewahrende Fähigkeit des Geistes als Hauptmerkmal von Achtsamkeit [6], können wir erkennen, dass er A2 stark gewichtet. „Achtsamkeit ist die Fähigkeit des Geistes, durch die er ein Objekt im Feld der Aufmerksamkeit halten kann, ohne es zu verlieren.“ [7] Das können wir nun wie folgt formulieren: A2 hält A1 präsent. Denn A1 ist eine Gestalt, also ein «Objekt», das von A2 bewahrt wird. Doch unsere Definition führt über das Bewahren hinaus in das Kultivieren (A2 besteht aus Kultivationsverben) und damit in die Praxis. In diesem Sinne kann der in dieser Arbeit vorgestellte Blickwinkel eine gegenwärtige Diskussion bereichern. Achtsamkeit wird aus einem einseitigen Verständnis „reiner Aufmerksamkeit“ herausgehoben [8], denn Achtsamkeitspraxis ist mehr als das Ausdehnen des nicht-konzeptuellen Gewahrseins. „Achtsamkeit … erscheint nicht automatisch, sondern ist eine Qualität, die kultiviert (bhavetabba) werden muss.“[9] Hier finden wir wieder die Betonung einer Dynamik und des Kultivierens, also von A2, wogegen „ …[D]er momentane Trend in der westlichen Psychologie … darin [besteht], Achtsamkeit als ein[e] relativ stabile Eigenschaft zu definieren.“[10]
Unsere Aufspaltung der Nomen Achtsamkeit und Aufmerksamkeit in Verben erinnern uns auch unmittelbar daran, dass „… [D]ie buddhistischen Texte … Achtsamkeit nicht vordringlich als eine mentale Funktion oder eine Eigenschaft … [beschreiben], sondern als eine Praxis oder einen Prozess.“ [11] Dieser Prozess „… ist viel geeigneter, Gemeinsamkeiten mit westlichen empirischen Konzepten zu zeigen und fundierte Brücken zwischen buddhistischer und westlicher Psychologie zu bauen, als die Arbeit mit A-priori-Annahmen über Achtsamkeit.“[12]
Die grundlegende Offenheit, die Aufgeschlossenheit und der Integrationswille, der uns durch die Verben-Praxis entgegentritt, bewahrt uns auch davor, „…Konzepte [zu] verdinglichen und trivialisieren, die einen Reichtum besitzen, den wir noch nicht erkennen können.“ [13]

Das zentrale Element: Mitgefühl

Auch zum Verständnis anderer zentraler Aspekte der Achtsamkeitspraxis kann die Ausdifferenzierung in Verben beitragen, zum Beispiel von Leiden und Mitgefühl. Wenn wir Leiden „…als eine Reaktion auf bestimmte Informationsmuster“ [14] verstehen und unsere zehn Verben betrachten, fällt uns auf, dass sie alle unmittelbare Aktionen beschreiben, also keine Reaktionen sind. (Öffnen reagiert nicht auf zentrieren, sondern ist die dynamische Entwicklung des Zentrierens.) Sie zeigen einen konkreten Weg aus der Reaktion und damit aus dem Leiden.
Wenn wir Mitgefühl als „eine Fähigkeit der Begegnung“[15] verstehen, sehen wir, dass wir einerseits «begegnen» als Grundelement bereits in unserer Praxis vorfinden. Dabei ist dieses Begegnen vorbereitet durch zentrieren, öffnen und ausdehnen und führt in die Integration, es ist also ein kompetentes Begegnen. Zudem finden wir «begegnen» als eine Grundqualität in der Beziehung der Verben:

  1. im transzendierenden und integrierenden Aspekt der Verbenfolge von A1: öffnen transzendiert und integriert zentrieren, ausdehnen transzendiert und integriert öffnen und zentrieren usw.,
  2. im Auftreten der Verben-Paare als dynamische polare Einheit in A2,
  3. in der Gesamtstruktur von A2 als einem Beziehungsgeflecht, das einen Kultivationsraum eröffnet,
  4. und im Zusammenspiel von A1 und A2 als komplementärer Prozess

Damit die Verben und Algorithmen in Beziehung treten können, müssen sie sich begegnen können. Auch umgekehrt gilt: Da sie sich begegnen, können sie die Kraft der Beziehung entfalten. Mitgefühl ist im Modell des integraldynamischen Prozesses an fünf Stellen vertreten. Als eigentliches "Element" oder "Teilchen", und als nonlokale, vernetzende und kommunizierende Qualität.

[1] Kabat-Zinn, Jon in Williams, Mark und Kabat-Zinn, Jon, Achtsamkeit. Ihre Wurzeln, ihre Früchte, Freiburg 2013, 493
[2] Ders., ebd. 476
[3] Ders., ebd. 492
[4] Willimas, Mark und Kabat-Zinn, Jon, ebd. 15
[5] Dreyfus, Georges, ebd., 90ff
[6] Ders., ebd. 82
[7] Ders., ebd. 83
[8] Bodhi, Bhikkhu ebd. 51ff
[9] Ders., ebd., 53
[10] Grossman, Paul und van Dam, Nicholas T., ebd. 381
[11] Dies., ebd. 380
[12] Dies., ebd. 405
[13] Dies., ebd. 27
[14] Teasdale, John D. und Chaskalson, Michael, ebd., 18
[15] Feldman, Christina und Kuyken, Willem, ebd. 20

© Martin Schmid 2014