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Taiji Taichi Qigong Archiv Körper

 

Das Taiji und Qigong-Archiv ist ein Archiv im Archiv. In den Jahren 1996-2010 sind zahlreiche Beiträge zu diesem Bewegungsbereich entstanden, die hier zusammengefasst sind. Einiges davon wurde in Martins erstem Buch, «Taiji. Die innere Kraft von Himmel und Erde» veröffentlicht. Anderes wurde im Prozess zur integralen Bewegung weiter differenziert und anders formuliert. Wieder andere Beiträge, wie etwa die des LaoDao oder die Tagebuchnotizen aus dem Jahr 2005, sind nur hier zu finden.

Die körperliche Ebene


Taiji Taichi Qigong Archiv Körper

 

Struktur
Aufgaben und Integration der einzelnen Körperteile
(auf der physischen Ebene, statisch)

 

Der Fuss

Die Füsse schaffen zusammen mit den Sprunggelenken eine Basis für eine ausgewogene, natürliche Haltung des Oberkörpers. Oftmals sind denn auch Probleme im Oberkörper ursprünglich in den Füssen beheimatet.
Ein Fuss hat 26 Knochen. Dies deutet schon auf die Anpassungsfähigkeit und Beweglichkeit hin, die ein integrierter Fuss vollbringen kann. Ein Fuss weist drei Wölbungen auf die sogenannte mediale oder innere Wölbung, die laterale oder äussere Wölbung und die Querwölbung. Diese Wölbungen werden durch kräftiges Bindegewebe geformt und aufrecht erhalten. Die mediale Wölbung fängt das Körpergewicht auf und verteilt es an die ersten drei Zehenglieder. Die äussere, laterale Wölbung ist für das Gleichgewicht bestimmt. Die Querwölbung entsteht durch das Wechselspiel der ersten zwei. Wenn Sie einmal bewusst auf einem Fuss stehen, werden Sie feststellen, dass die inneren drei Zehenglieder den Grossteil des Gewichtes tragen, während die äusseren zwei für die Balance sorgen. Die Innere Fusswölbung ist jedoch bei einem integrierten Fuss so ausgeprägt, dass eine andere Person mit einem Finger in die Wölbung schlüpfen kann und dabei fast die Mittellinie des Fusses berührt.
Im Taiji achtet man sorgfältig darauf das Gewicht sinnvoll über den Fuss zu verteilen. Das heisst vor allem, dass das Gewicht nicht mehrheitlich hinten oder mehrheitlich vorne ist, sondern gleichmässig verteilt. Ebenso ist es gleichmässig auf innen und aussen verteilt. Verlagert man zuviel Gewicht nach aussen, ist es schwierig, die Balance zu halten, da die äusseren zwei Zehenglieder dann mit dem Tragen der Last beauftragt sind, statt damit, das Gleichgewicht zu gewährleisten. Verlagert man dagegen das Gewicht zu sehr nach innen, sinkt die Wölbung ein und damit verliert der Fuss jegliche gesunde Haltung. Bei richtiger Belastung wird das Gewicht annähernd gleichmässig auf die äussere Wölbung und die Querwölbung verteilt.
Es ist wichtig den ganzen Fuss zu entspannen, nicht nur die Fusssohle, auch die obere Seite. Die Zehen sollen entspannt sein, nicht nach hinten gezogen, nicht in den Boden gepresst. Den Fuss vollkommen entspannen, das heisst: unten, oben und innen.

Das Sprunggelenk
Ein intaktes Sprunggelenk ist wichtig für die Kraft des Fusses. Denn die Muskeln, die das Gewicht des Oberkörpers halten und im Fuss wirksam werden, sind zu gross, um im Fuss selbst untergebracht zu sein. Sie befinden sich im Unterschenkel. Die Kraftübertragung in den Fuss geschieht über Sehnen, und diese verlaufen über das Sprunggelenk. Das Sprunggelenk stellt also eine wichtige Verbindung zum Boden dar.
Das Sprunggelenk ist ein Scharniergelenk. Das heisst dass seine Funktionsweise dieselbe ist wie ein Scharnier an einer Türe: Es funktioniert in eine Richtung und zurück, im Gegensatz zu einem Kugelgelenk wie etwa der Schulter das einen viel grösseren Bewegungsraum besitzt. Seine Richtung ist also nach vorne und nach hinten.
In beiden Richtungen ist Bewegungsfreiheit wichtig um eine gleichmässige. ungehinderte Gewichtsverteilung in den verschiedensten Positionen zu gewährleisten.
Ein flexibles Sprunggelenk ermöglicht erst, das Becken fallen zu lassen.
Das Sprunggelenk ist relativ schwer zu öffnen. Es empfiehlt Stretching verschiedener Art. Einfach und effektiv ist, das Stretching gleich in die Taiji-Praxis einzubauen. Machen Sie jeden Schritt so gross wie Sie können, und fügen Sie noch ein oder zwei Zentimeter dazu. Ausserdem haben wir oft auch in Sprunggelenk zuviel Muskelspannung, die wir durch Achtsamkeit abbauen können.


Das Knie

Auch das Knie ist ein Scharniergelenk. Im integrierten Zustand weisen Knie und Sprunggelenk in dieselbe Richtung. Grosse Schritte sind eine der Qualitäten eines offenen, flexiblen Sprunggelenkes, vor allem einer flexiblen Achillessehne die es erlaubt, das Gelenk weit zu beugen. Niemals darf eine fehlende Flexibilität dieses Gelenkes durch das Knie kompensiert werden. Das hiesse nämlich dass das Knie seitwärts gebeugt werden müsste.
Das ist jedoch nicht die Funktionsweise des Knies. Ausserdem würden dadurch auch Sprunggelenk und Fuss wieder falsch belastet werden.
Wenn Knie und Sprunggelenk in dieselbe Richtung weisen heisst dies, dass das Knie dorthin geht, wo die Zehen weisen. Versuchen Sie einmal ganz sanft, das Knie in eine andere Richtung zu bewegen als die Zehen zeigen. Sie werden feststellen, dass dies nicht funktioniert. Die Zehen zeigen die Richtung, das Knie folgt ihnen.

Das Knie des belasteten Beines sollte nicht über die Zehenspitzen hinausragen, da sonst das Gewicht (und somit die Energie) nicht mehr optimal den Boden erreicht.
Sie können dies leicht ausprobieren, ohne Ihrem Knie zu schaden. Lassen Sie sich am besten von hinten von einem Partner stossen, und versuchen Sie dabei, die Energie (das Gewicht) durch Ihre Haltung in den Boten zu leiten. Machen Sie dies mit der richtigen Kniehaltung und mit der falschen. Beim ersten Versuch wird ihnen gelingen, Ihre Energie in den Boden zu leiten, das zweite Mal nicht.
Wichtig ist weiter, dass das Knie senkrecht über dem Fuss bleibt. Es soll nicht nach links oder rechts weisen, sondern immer in einer geraden Linie über dem Fuss stehen.


Das Becken

Die normale Haltung des Beckens ist ganz leicht nach vorne gekippt. Im Taiji lässt man das Becken nun so fallen, dass es eine horizontale Lage einnimmt. Diese horizontale Lage ermöglicht das Sinken, das heisst das Fallenlassen des Oberkörpergewichtes durch das Becken in die Beine und von da in den Boden.
Das Becken fallen zu lassen ist einerseits Aufgabe der vielen am Becken wirkenden Muskeln, und zwar durch Entspannung und Flexibilität. Das Becken darf nicht durch Muskelkraft hineingestossen oder -gezogen werden, denn dies macht den Beckenbereich nur noch starrer und verspannter, als dass er normalerweise sowieso schon ist. Die meisten Menschen haben nicht mehr die Flexibilität, um durch Entspannung eine Integration des Beckens in eine gesunde Körperstruktur erreichen zu können. Deshalb ist für diese Menschen zusätzliches Stretching sehr sinnvoll. Zudem ist der Beckenbereich oft so angespannt, dass es Anfangs viel Fokus braucht, um von diesen Muskeln vollständig die überflüssige Spannung zu nehmen. Ein anderes Gelenk, das bei der Entspannung des Beckenbereiches und beim Fallenlassen des Beckens in eine horizontale Lage eine wichtige Rolle spielt, ist wie oben erwähnt das Sprunggelenk. Indem ich Knie und Sprunggelenk etwas mehr beuge, dass heisst etwas mehr in die Knie gehe ohne den Schwerpunkt zu verlagern fällt das Becken bei entspanntem und flexiblen unteren Rücken ganz natürlich in die horizontale Lage. Das funktioniert aber nur wenn das Sprunggelenk beweglich und flexibel ist.
Ein untrügliches Zeichen dafür, dass das Becken seinen richtigen Platz eingenommen hat, ist, dass die Oberschenkelmuskeln viel mehr arbeiten müssen. Denn nun halten sie das Gewicht des Oberkörpers, wozu sie eigentlich auch bestimmt sind. Die Oberschenkelmuskeln sind die grössten Muskeln unseres Körpers.
Stellen Sie sich vor, das Becken sei eine bis zum Rand mit Wasser gefüllte Schüssel. Halten Sie die Schüssel immer schön waagrecht, damit kein Wasser verschüttet wird.

 

Die Wirbelsäule

Die Wirbelsäule ist in ihrem gesunden Zustand nicht eine gerade Säule, sondern hat eine geschwungene Form. Diese Form gibt unserem Rücken die nötige Belastbarkeit und Flexibilität. die für die verschiedensten Tätigkeiten wie gehen, rennen, hüpfen. springen, tragen, kriechen und so weiter nötig sind.
Dadurch, dass im Taiji das Becken fallen gelassen wird, wird der untere Rücken gerade. Diese Position erlaubt es erst, das Gewicht des Oberkörpers in den Boden fallen zu lassen und somit in einem zweiten Schritt auch, einen energetischen Austausch mit der Erde zu führen. Obwohl es ratsam ist, die Bewegungsweise des Taiji auch ausserhalb der Form zu bewahren, ist das Sinken des Beckens und die Begradigung der Wirbelsäule einfach eine Form, wie die Wirbelsäule funktioniert Es ist also nicht die Meinung nun plötzlich alle Tätigkeiten in dieser Haltung zu machen.
Von der Wirbelsäule laufen Nerven zum gesamten Organismus. Flexibilität und Entspannung der Wirbelsäule ist also Grundlegend.
Die Wirbelsäule verbindet auch die unteren Extremitäten, die Beine, mit den oberen, den Armen. Wir werden uns daher später noch gründlich mit der Bewegung der Wirbelsäule befassen.


Der Brustkorb

Es gilt hier, auf ein verbreitetes Missverständnis hinzuweisen. In den Klassikern des Taiji steht, die Brust sei eingesunken. Dies bedeutet, dass die Brust entspannt ist und dem Brustbein erlaubt wird, ganz natürlich etwas zu sinken.
Das Brustbein (Sternum) ist ein flacher, schmaler Knochen, an dem die 1 .-7. Rippe direkt befestigt ist. Es bildet das Mittelstück des Brustkorbes.

Dem Brustbein erlauben etwas zu sinken heisst, dass also der obere Teil der Brust etwas sinkt. Was nicht passieren darf, und das ist der Fehler, den wir vermeiden wollen, ist, dass der bereich des Solar Plexus, also dort wo das Brustbein endet, einsackt. Dies würde nicht nur die Atmung beeinträchtigen, sondern auch eine gesunde Positionierung der Arme und des Nackens verunmöglichen. Die energetischen Folgen, die daraus entstehen, sind so vielfältig wie hemmend für die Lebensqualität.


Die Schultern

Wenn wir im Taiji ‚die Schultern heben', heisst dies, dass der Deltamuskel den Oberarm hebt. Die Schulter selbst, das heisst das Schlüsselbein und das Schulterblatt, hebt sich nicht. Deshalb ist es auch hilfreich um die Schulten zu entspannen die Schulterblätter bewusst zu sinken zu lassen.


Der Ellbogen

Der Ellbogen ist nie ganz gestreckt und nie ganz gebogen. Den Ellbogen zu entspannen heisst, die Muskeln des Armes zu entspannen. Viele Taiji-Praktizierende haben den Ellbogen zu hoch. Es hilft sich vorzustellen, dass an den Ellbogen kleine Gewichte angebracht sind, die die Ellbogen schwerer machen. Die Ellbogen dürfen aber auch nicht zu tief sein. Der Bereich der Achselhöhle sollte offen und locker sein, da dort wichtige Energiebahnen hindurchlaufen, die bei einer geschlossenen Position abgeblockt werden.


Das Handgelenk / die Hand

Von den drei oberen Gelenken Schulter, Ellbogen, Handgelenk ist das letzte normalerweise am leichtesten zu entspannen.
Die Hand ist so beweglich wie der Fuss, auch hier finden sich 26 Knochen. Am schwierigsten ist oft der Daumen zu entspannen. Eine kleine Entspannungsübung ist, den Daumen mit den anderen Fingern fest zu umschliessen und dann wieder loszulassen. Dann ist der Daumen entspannt, und es gilt, diese Entspannung zu bewahren.
Die Finger sind in entspannten Zustand nicht ganz aneinander liegend und auch nicht gespreizt. Wieder finden wir das Prinzip, dass weder das eine noch das andere Extrem praktiziert wird, sondern der Weg der Mitte.
Das Prinzip der entspannten Hand wird im Taiji die ‚Hand der schönen Dame' genannt: geschmeidig, sanft, harmonisch. Das Handgelenk zeigt keine Fältchen durch Knicken. Die Stellung der Hand ist so, dass sie als direkte, gerade Verlängerung des Oberarmes dient.


Der Hals

Der Hals ist die Verlängerung des Rückens. Dies bezieht sich sowohl auf die Muskeln als auch auf die Wirbelsäule, die erst mit dem Schädel endet. Deshalb gilt für den Hals dasselbe wie für die übrige Wirbelsäule: Er soll locker und gerade sein wie ein Seil, das von einer Decke herabhängt.
Wenn sich die Schultern verspannen, wird der Nacken und somit der gesamte Hals schnell in Mitleidenschaft gezogen. Aber auch eine Verspannung im unteren Rücken kann sich im Hals niederschlagen.
Verspannte Muskeln in der Halspartie zeigen sich gerne darin, dass der Kop[ nach vorne geschoben wird. Es ist im Vergleich zu anderen Muskeln relativ schwierig, diese Muskeln zu entspannen, da anders als zum Beispiel bei der Schulter nichts sinkt, wenn losgelassen wird. Eine Entspannung der Halsmuskeln zeigt sich darin, dass sich der Hals aufrichtet und eine natürliche Verbindungsfunktion zwischen Rücken und Kopf einnimmt. Auch der Kiefer muss dazu entspannt sein.


Die Augen

Mit den Augen suchen wir unentbehrlich Halt an der Aussenwelt. Wir schauen hier, schauen da, fokussieren auf dies und auf das. Wir gehen mit dem Blick hinaus in die Welt und haften an ihr. Ganz anders verhält es sich mit dem Hören. Wenn wir hören, nehmen wir einfach auf, was an uns herankommt. Hören heisst empfangen.
Im Taiji ist der Blick so, dass er 'hört'. Die Augen fokussieren nicht auf etwas bestimmtes, sondern nehmen das gesamte Umfeld wahr. Von aussen macht es etwas den Eindruck, als würde jemand mit offenen Augen träumen. Es ist jedoch das Gegenteil der Fall. Der Blick ist auf die Gesamtheit gerichtet, nimmt alles in seinem Sehfeld wahr. Die Augen sind locker, das Sehfeld ist geweitet.

Integration durch drei Schritte
Integration durch Ausrichtung, durch Loslassen, durch Stärkung

Natürliche Bewegung geht von innen nach aussen. Sie startet im Zentrum und breitet sich fliessend aus. Dies setzt voraus, das der Körper ein integriertes Ganzes ist, und nicht eine Ansammlung isolierter Teile, die sich irgendwie und unabhängig voneinander bewegen. Deshalb ist die Integration, die gesunde Körperstruktur essentiell. Nur in einem integrierten Körper kann sich fliessende Bewegung natürlich entfalten. Ein integrierter Körper gibt uns die nötige Basis für weitere Integration.
Integration auf der physischen Ebene heisst erst einmal, den Körper als Ganzes zu betrachten. Das bedeutet, dass kein Teil isoliert behandelt wird, sondern immer die Gesamtheit. Einen Fuss mit einer Fehlhaltung wieder in den Gesamtzusammenhang zu bringen bedeutet also, dass ich nicht mit dem Fuss isoliert arbeiten kann. Die Blockade muss nicht unbedingt im Fussgelenk liegen, sie kann genauso gut im Knie zu finden sein, oder im Becken. Der Ursprung einer Verschiebung des Beckens kann wiederum durch eine ungünstige Haltung der Wirbelsäule verursacht werden, was wiederum zum Beispiel seinen Ursprung in einer Verspannung einer Schulter haben kann. Im Gegensatz zu Rolfing oder anderen Arten der manipulativen Bindegewebemassagen wird aber in der körperlichen Integration durch Taiji nicht manipuliert, das heisst von aussen herbeigeführt, sondern es wird zugelassen und gefördert durch die bestimmte Art der Bewegung.
Es gibt drei Arten, Blockaden zu beheben: Loslassen, aufbauen, ausrichten. Dies sind auch die fundamentalen Prinzipien des Taiji. Loslassen bedeutet Entspannung. Aufbauen bedeutet stärken. Das Prinzip der Ausrichtung wird uns vor allem im Kapitel über die Goldene Linie eingehend beschäftigen.
Im Folgenden werde ich nun zu den einzelnen Körperteilen einige Hinweise geben, wie sie in den Gesamtzusammenhang integriert werden können. Nehmen sie einen der Körperteile und arbeiten sie damit, während sie eine Form machen. Effektiver wird es natürlich, wenn Sie auch im Alltag darauf achten. Erzwingen sie nichts. Die Reintegration kann nur durch Loslassen geschehen, und Loslassen nur durch Zulassen. Zulassen kann man nicht erzwingen. Etwas zu erzwingen ist nur hinderlich. Wenn Sie krampfhaft versuchen, sich zu entspannen, werden Sie, um bestimmte Muskeln entspannen zu können, andere anspannen müssen - was nicht der Sinn der Sache ist. Die grösstmögliche Entspannung wird mit der Ausrichtung kommen, wenn jeder Körperteil in seine natürliche Position zurückfällt.

Die vier Phasen des Schritts

Das Folgende ist ein Ausschnitt aus einem Taiji-Tipp, der sich mit dem Schritt befasst. (In den Taiji-Tipps erlaube ich mir die Du-Form, da sie wie persönliche Privatlektionen sind.)

 

Die vier Phasen des Schritts

Achte im Alltag darauf, wie die Leute gehen. Einfach so, auf der Straße. Sind sie zentriert? Sind sie geerdet? Sogar verwurzelt?
Du wirst sehen, daß viele Menschen nicht sehr bewußt gehen. Wenn du genauer hinschaust, siehst du vielleicht, daß das was wir normalerweise gehen nennen, vielmehr ein konstantes Fallen ist.
Der nächste Schritt ist das, was den Durchschnittsgeher daran hindert, hinzufallen.
Falls dann dieser Schritt mal doch daneben geht - durch eine glatte Eisfläche, ein Loch, eine unerwartete Stufe oder die legendäre Bananenschale, fällt der Betreffende dann auch oft hin.

 

Der Taiji-Schritt (und auch sonst das bewußte Gehen) ist ein bißchen anders. Schauen wir ihn etwas genauer an. Dazu möchte ich den Schritt in vier Phasen einteilen - bevor ich den Fuß hebe, der Schritt, das Absetzen und die anschließende Gewichtsverlagerung.

 

Bevor du den Fuß beziehungsweise das Bein anhebst, mußt du es ‚leeren'. Solange noch Gewicht darauf ist, kannst du das Bein nicht wirklich anheben. Also heißt das, das Gewicht vollständig zu verlagern. Das klingt sehr einfach. Ist es das auch? Versuche es einmal, indem du durch eine Form fließt und dich darauf achtest, vor jedem Schritt das Gewicht 100% zu verlagern - wirklich 100%! Ich bin gespannt, welche Erfahrungen du machst!
Es ist auch so, daß dies eine der besten Übungen ist, um in deinem Taiji wirklich weiter zu kommen, wenn du längere Zeit ohne Lehrer übst.
Dazu kommen natürlich die anderen Komponenten: 100% verlagern plus größtmögliche Entspannung und auch das Zentriertsein.
Eine ausgezeichnete Hilfe, um das Bein zu ‚leeren' ist folgende: Laß, wenn du das Gewicht verlagerst, das Knie des leer werdenden Beines unter dein Hüftgelenk fallen.
Das geschieht, wenn du das Bein vollständig losläßt. Die Verbindung von Knie und Hüftgelenk bildet dann eine vertikale Linie. Dann kannst du das Bein zum Schritt bewegen.

 

Womit wir bei der zweiten Phase sind - dem eigentlichen Schritt. Hier achten wir nicht auf das Bein, das sich bewegt, sondern auf das Bein, das alles Gewicht trägt: Achte darauf, daß das Knie des belasteten Beines in einer geraden Linie über dem Fuß bleibt. Von vorne betrachtet sollten sich Sprunggelenk, Knie und Hüftgelenk immer auf einer vertikalen Linie befinden.
Was gerne geschieht ist, daß wir, um einen größeren Schritt machen zu können, die Innenkante des Fußes belasten. Das bringt das Knie von der Verbindung zum Fußgelenk weg. Dies wiederum hat vielfältige Folgen: Das Knie wird falsch belastet. Die Energie kann nicht mehr ungehindert nach unten fallen und ungehindert aufsteigen. Das wäre ja weiter nicht so tragisch, doch eine falsche Belastung des Knies kann sich sehr ungesund auf dasselbe auswirken. Und das gilt es zu vermeiden.
Damit du beim Üben nicht immer nach unten schauen mußt, ob sich Sprunggelenk und Knie noch auf einer geraden Linie befinden, achte auf deine Aussenkante des Fußes. Belaste sie, und nicht die Innenkante. Dadurch bleibt dein Knie über dem Fuß.
Jetzt kommt vielleicht das nächste Problem - du kannst nicht mehr so weite Schritte machen, wie wenn du das Knie falsch belastest! Und da ist mein Tipp: Sinke tiefer! Je tiefer du sinkst, desto weiter der Schritt.

 

Phase drei unseres Schrittes in Zeitlupe ist das Aufsetzen des Fußes. Wir fallen ja dabei nicht einfach nach vorne, wie es viele Menschen im Alltag tun. Setze den Fuß so sorgsam und achtsam auf, als würdest du eine Decke auf ein schlafendes Baby legen.
Der Punkt ist hier, daß zwischen dem Aufsetzen und der Gewichtsverlagerung eine klare Trennung besteht. Setze den Fuß also auf, ohne auch nur ein bißchen Gewicht zu verlagern. Stelle dir vor du gehst auf einem gefrorenen See. Du weißt nicht, ob die Stelle, auf der du deinen Fuß aufsetzt, auch genug dicht ist...

 

Womit wir zu Phase vier übergehen können - der Verlagerung des Gewichtes. Auf dem gefrorenen See wirst du das Gewicht ganz allmählich verlagern, immer so, daß du deinen Fuß jederzeit wieder zurücknehmen kannst. Du bleibst also zentriert, läßt nicht plötzlich alles Gewicht in das andere Bein fallen. Dein Fuß entwickelt dabei eine ‚hörende' Qualität.
Um das Gewicht zu verlagern, mußt du es nicht etwa zuerst das belastete Bein hochbringen, um es dann das andere Bein wieder herabführen zu können. Verlagere das Gewicht doch einfach unter dem Boden durch. Du tust das mit deiner Vorstellung. Wenn du das tust, und deine Beine arbeiten viel intensiver als sonst, dann tust du es richtig!

 

Soviel zu den tatsächlichen Schritten. Jedem Schritt die Aufmerksamkeit zu schenken, ihn in diesen vier Phasen bewußt wahrzunehmen, kann dich in deinem Lernprozess um große Schritte weiter bringen!

Sechs Koordinaten
Sechs Koordinaten, die uns helfen die Einheit zu wahren

Um ein Bewusstsein für harmonischen Fluss von Bewegung und Energie zu entwickeln, können wir uns gewisser Körper-Koordinatenpunkte bedienen. Indem wir in unserem Bewusstsein diese Punkte miteinander verbinden, werden unsere Körperbewegungen harmonischer, wir trainieren unsere Intention und schaffen oder stärken energetische Verbindungen in unserem Energiesystem.
Diese Koordinaten sind die sechs Hauptgelenke des Körpers: Hüfte, Knie und Sprunggelenk, Schulter, Ellbogen und Handgelenk. Wenn wir anatomisch einen Arm und ein Bein betrachten, fällt uns die Symmetrie zwischen ihnen auf. Beide haben drei Gelenke. Schultern und Hüfte sind Kugelgelenke. Ellbogen und Knie sind Scharniergelenke. Zwei Knochen verbinden den Ellbogen mit dem Handgelenk. Zwei Knochen verbinden auch das Knie mit dem Sprunggelenk. Sowohl die Hand als auch der Fuss haben je 26 Knochen.
Diese Verwandtschaft zeigt sich nun auch in der Koordination harmonischer Bewegung. Die verwandten Gelenke bewegen sich zusammen, also:

 

· Schultern und Hüften
· Ellbogen und Knie
· Hände und Füsse

 

Das Üben mit diesen Koordinaten erfolgt in den folgenden Phasen, die der Gesetzmässigkeit harmonischer Bewegung folgen:

 

· von innen nach aussen
· von unten nach oben

 

Von innen nach aussen heisst, dass das Zentrum die Peripherie bewegt. Von unten nach oben bedeutet, dass die Beine und Hüften den Oberkörper und die Arme bewegen. Damit ist auch geklärt, was es bedeutet, wenn in den Klassikern steht, dass sich die Arme nicht bewegen. Es bedeutet, dass sie sich nicht isoliert bewegen, sondern durch Hüften und Beine bewegt werden.
Zuerst gilt es, die Aufmerksamkeit im Training der harmonischen Bewegung auf die Aspekte näher beim Körperzentrum zu legen, also auf Hüften und Schultern, und von da sich nach aussen auszudehnen, also zu den Knien und Ellbogen, und schliesslich zu den Füssen und Händen.

 

1. Die Schultern folgen der Hüfte. Wenn ich mich drehe dreht sich die Hüfte. Durch die Drehung der Hüfte drehen sich die Schultern. Hüften und Schultern bilden somit eine Einheit.
2. Die Knie bewegen die Ellbogen. Wenn sich ein Knie bewegt, hat das mindestens bis zu den Ellbogen eine Bewegung zur Folge.
3. Die Sprunggelenke steuern die Handgelenke.

 

Je näher die Bewegung heim Zentrum ist, desto physischer ist ihre Qualität. So ist es schwierig, die Hüfte zu bewegen, ohne dass sich die Schultern nicht auch bewegen. An der Peripherie, bei Sprunggelenk und Handgelenk, ist die Qualität vor allem eine Qualität des Bewusstseins und nicht so unmittelbar physisch. Indem wir mit dem Bewusstsein diese Koordinaten verbinden, schaffen wir eine energetische Verbindung. Diese ist wichtig, um das Gleichgewicht von Yin und Yang zu wahren.

Die zwei Zentren integraler Bewegung
Zwei Zentren integraler Bewegung

Die gesamte Komplexität harmonischer Bewegung lässt sich mit ‚innen steuert aussen' zusammenfassen.
‚Innen steuert aussen' heisst, dass das Zentrum, oder alles, was näher beim Zentrum ist, alles andere steuert. Jede Bewegung hat also im Zentrum ihren Ursprung und weitet sich von dort nach aussen.

 

Nun gibt es zwei Innen: Das Innen des Menschen und das Innen der Erde.
Das Innen des Menschen ist sein Körperschwerpunkt, auch Dantien genannt. Es ist die Region im inneren des Bauchraumes unterhalb des Nabels. Jede harmonische Bewegung hat ihren Ursprung im Dantien.
Das Innere der Erde erklärt sich selbst- der Erdmittelpunkt. Für die harmonische Bewegung bedeutet dies, dass der untere Teil des Körpers (der näher beim Erdmittelpunkt ist) den oberen steuert. So geschieht zum Beispiel eine Schulterdrehung immer von den Beinen her, nie einfach aus den Schultern.

 

Von innen nach aussen heisst, dass das Zentrum die Peripherie bewegt. Von unten nach oben bedeutet, dass die Beine und Hüften den Oberkörper und die Arme bewegen. Damit ist auch geklärt, was es bedeutet, wenn in den Klassikern steht, dass sich die Arme nicht bewegen. Es bedeutet, dass sie sich nicht isoliert bewegen, sondern durch Hüften und Beine bewegt werden.
Zuerst gilt es, die Aufmerksamkeit im Training der harmonischen Bewegung auf die Aspekte näher beim Körperzentrum zu legen, also auf Hüften und Schultern, und von da sich nach aussen auszudehnen, also zu den Knien und Ellbogen, und schliesslich zu den Füssen und Händen.

 

1. Die Schultern folgen der Hüfte. Wenn ich mich drehe dreht sich die Hüfte. Durch die Drehung der Hüfte drehen sich die Schultern. Hüften und Schultern bilden somit eine Einheit.
2. Die Knie bewegen die Ellbogen. Wenn sich ein Knie bewegt, hat das mindestens bis zu den Ellbogen eine Bewegung zur Folge.
3. Die Sprunggelenke steuern die Handgelenke.

 

Je näher die Bewegung heim Zentrum ist, desto physischer ist ihre Qualität. So ist es schwierig, die Hüfte zu bewegen, ohne dass sich die Schultern nicht auch bewegen. An der Peripherie, bei Sprunggelenk und Handgelenk, ist die Qualität vor allem eine Qualität des Bewusstseins und nicht so unmittelbar physisch. Indem wir mit dem Bewusstsein diese Koordinaten verbinden, schaffen wir eine energetische Verbindung. Diese ist wichtig, um das Gleichgewicht von Yin und Yang zu wahren.

Die Bewegung der Wirbelsäule

Die Arbeit mit der Wirbelsäule ist sehr subtil. Die Bewegungen sind sehr klein und dementsprechend muss ein gutes Körperbewusstsein ausgebildet sein, um sie überhaupt wahrnehmen zu können.
Um die Bewegungen wahrzunehmen und zu verfeinern ist eine entspannte Wirbelsäule notwendig. Es gibt immer wieder Lehrer, die ihren Studentinnen und Studenten vorschlagen sich vorzustellen, sie hätten einen Besenstiel verschluckt, um die Wirbelsäule gerade zu halten. Genauso wirkt dann auch ihr Taiji. Denn dieser Rat fördert nicht ein Bewusstsein für den natürlichen inneren Auftrieb einer integrierten Wirbelsäule, sondern im Gegenteil eine rigide Verkrampfung der gesamten Wirbelsäulenmuskulatur.
Stellen Sie sich viel eher vor, wie Ihr Schädel an einem Faden am Himmel befestigt ist, und die gesamte Wirbelsäule mit dem Becken schwingt frei und ohne Gewicht wie ein Seil darunter. Dies fördert den inneren Auftrieb und eine Entspannung der Muskulatur. Jeder einzelne Wirbel wird dadurch beweglich wie die Glieder einer Kette. Und dies ist Voraussetzung, damit die Energie, die aus den zwei Zentren, dem des Menschen und dem der Erde sich ausbreitet, dies auch ungehindert tun kann. Denn wie kommt die Energie vom Becken zu den Schultern? Nicht, indem sich der gesamte Rumpf in einer Bewegung wie eine Statue bewegt, sondern indem sich die Energiewellen der Wirbelsäule entlang ausbreiten. Hier liegt meiner Meinung nach einer der Kernpunkte des Taiji, der gerne übersehen wird.

 

Die Wirbel der Wirbelsäule können sich auf zwei Arten bewegen: in Wellenform und kreisförmig. Es gibt dabei zwei Arten von Wellen und zwei Richtungen des Kreises. Je mehr von diesen Bewegungen in eine einzige Bewegung integriert werden, desto kraftvoller wird sie.
Die kreisförmige Bewegung ist einfacher zu verstehen. Sie geschieht, wenn wir den Kopf drehen, oder unsere Schultern, ohne das Becken auch zu drehen.


Die wellenförmigen Bewegungen sind nicht so offensichtlich. Die wellenförmige Bewegung findet sich, wenn wir den Rumpf nach links und rechts oder nach vorne und hinten bewegen. Natürlich macht eine solche Bewegung noch keine Welle, jedoch viele subtile.


Es gibt also zwei Formen der Wellenbewegung: die eine seitlich, die andere vor und zurück.
Eine Übung um die seitlichen Wellen zu erfahren ist folgende: Stellen Sie sich in einem Parallelstand hin. Nun machen Sie - entspannt - eine peitschenartige, kleine Bewegung des Beckens zur Seite, und lassen Sie es sofort in die Ausgangsposition zurückschnellen. Sie sollten spüren, wie sich die Bewegung wie an einem Seil die Wirbelsäule hinauf fortsetzt. (Mit der Zeit können Sie auch noch eine zweite Wellenbewegung wahrnehmen, die die Beine hinunter in den Boden fährt und von dort reflektiert wird und bis in den Kopf hinaufsteigen kann.)

 

Die Kombination der Wellenbewegungen und der Kreisbewegungen führt zu einer spiralförmigen Bewegung. Dies ist die kraftvollste Bewegung.

Freie Bewegung

Was mit Form geht, geht natürlich auch ohne. Da die Form nur das Gefäss für Taiji ist, nicht Taiji selbst, können wir auch ohne Form Taiji-Bewegungen machen. Genau so können wir im Tui Shou Patterns, das heisst choreographierte Bewegungsabläufe üben, oder wir können die Bewegungen sich aus dem Moment heraus entfalten lassen.
Man kann Taiji unterrichten oder erlernen, ohne jemals einen Formablauf zu lernen. Diese Methode ist zwar am Anfang scheinbar etwas schwieriger, schlussendlich jedoch kann sie sehr effizient sein, da die Lernenden gar nicht die Gelegenheit bekommen, einen Formablauf mit Taiji zu verwechseln und somit das Wesentliche nicht so leicht übersehen.
Wenn ich einen neuen Teil einer Form unterrichte, sage ich den Studenten und Studentinnen immer wieder, sie sollen nicht zu sehr mit dem Kopf versuchen, sich die Bewegung zu merken - dieses Bein hier hin, dieser Arm da, das andere Bein dort... Dieses rational-analytische Verfahren ist nämlich nicht das effizienteste. Der Kopf lernt Bewegungen des gesamten Körpers nur sehr langsam. Vielmehr sage ich ihnen, sie sollen mit ihrem Körper spüren, wie sich meine Bewegung anfühlt, wenn ich sie mache, und dann versuchen, dieses Körperempfinden in ihrem eigenem Körper durch Bewegung zu reproduzieren. Wo welcher Körperteil zu welcher Zeit was macht, ist dann die Feinarbeit - zuerst muss die Qualität der des Empfindens, das heisst schlussendlich der Energie, stimmen.
Dasselbe kann nun auch geschehen, indem die Studentinnen und Studenten die Qualität meiner Bewegungen empfinden und dann dieselbe Empfindungs-Qualität in sich selbst durch Bewegung hervorrufen, ohne dass die Bewegung dieselbe sein muss.
Danach kann auf dieser Grundlage genauso mit den Prinzipien - der korrekten Körperstruktur, dem Ausbreiten der Bewegung von der Mitte nach aussen, von unten nach oben, und alle anderen Prinzipien natürlicher Bewegung, die ich weiter unten erläutern werde - gearbeitet werden.
Die freie Bewegung bietet den Vorteil, dass die ureigenen Taiji-Bewegungen freigesetzt werden, nicht diejenigen, die jemand vor langer Zeit einmal genau in diesem Prozess für sich entdeckte.
Ausserdem bietet freie Bewegung die Gelegenheit sich eigener, einengender Körper- und Bewegungsmuster in einem viel stärkeren Masse bewusst zu werden als beim Erlernen einer Form, indem man sich die folgenden und ähnliche Fragen stellt:

 

· Bevorzugen meine Bewegungen eine Körperhälfte, ein Bein oder einen Arm mehr als den Rest des Körpers?
· Kommen bestimmte Bewegungen immer wieder vor, andere dagegen selten oder gar nicht?
· Kann ich neue Bewegungen finden, die ich noch nie gemacht habe?
· Wenn sich eine Bewegung nicht optimal anfühlt - gibt es eine bessere? Finde ich sie?
· Kann ich Bewegung einfach entfalten lassen? Erlaube ich meinem Körper, der Energie zu folgen, die fliessen will?

 

Oder setze ich irgendwo eine Grenze? Kann ich diese Grenze ausdehnen?

Der Lernprozess wird dadurch intensiver und vielschichtiger, da er persönlicher ist. Ich möchte Sie an dieser Stelle daher ermuntern, es zu versuchen. Vielleicht ist es nicht ganz einfach, aber es lohnt sich. Das Lernen wird dadurch zum eigenen Prozess. Vielleicht gibt es nur schon Widerstand in Ihnen, wenn Sie eine freie, natürliche Bewegung machen sollen, ohne dass sie Ihnen jemand vorzeigt. Dann gehört die Erforschung dieses Widerstandes schon zum Lernprozess. Denn das ist Taiji - Widerstände verstehen lernen und somit transformieren.

Knieprobleme

Taiji und Qigong können Knieprobleme verschwinden lassen. Taiji und Qigong können auch Knieprobleme verursachen, wenn man es nicht richtig macht. Hier gibt es die Tipps, damit die Knie von Ihrem Taiji und Qigong profitieren.

 

Das Problem

Dem Knie wird oft nicht genügend Beachtung geschenkt. Das hat vielerlei Konsequenzen - das Knie kann falsch belastet werden und kaputt gehen. Durch eine falsche Belastung ist jedoch auch ein energetischer Austausch mit der Erde nicht richtig möglich. Weder nach unten in die Erde(wurzeln), noch vom Boden nach oben (aufbauen des Qi). Und ausserdem wird nicht nur das Knie falsch belastet, auch Sprunggelenk und Hüftgelenk können beeinträchtigt werden.

 

Die Lösung

Im Sprunggelenk liegt auch oft die Ursache. Es besitzt oft zu wenig Tonus (eine Yin-Blockade). Ob das Sprunggelenk richtig belastet ist lässt sich feststellen, indem man die Verteilung des Gewichtes auf der Fussohle betrachtet. Die Fussohle sollte gleichmässig belastet sein. Falsche Belastungen geschehen, wenn die Aussenkante nicht belastet wird und der Fuss nach innen kippt. Das ist gerne bei den Schritten der Fall. Es darf aber auch nicht NUR die Aussenkante belastet werden. Um die Lage des Knies und des Sprunggelenkes zu kontrollieren, reicht es also meist, die Aussenkante etwas stärker zu belasten und dies auch bei grossen Schritten beizubehalten.

 

Es gibt eine einfache Regel, die garantiert, dass alle drei Gelenke richtig belastet sind: Sprunggelenk, Knie und Hüftgelenk liegen auf einer geraden Linie. Dies gilt für das belastete Bein genauso wie für das unbelastete.

 

Wie gesagt sind die drei Gelenke auf einer Linie, wenn die Aussenkante genügend, aber nicht ausschliesslich belastet wird. Ich empfehle nicht, das Knie etwas nach aussen zu drücken oder zu drehen, da diese Methode schon wieder Verspannungen in den verschiedensten Muskeln hervorrufen kann oder eine Belastung in den Bändern des Knies.

Taiji und Qigong bei Rückenproblemen

Regelmässig werde ich in meiner Tätigkeit von Menschen angesprochen, die Rückenschmerzen haben und mich fragen, ob Taiji und Qigong ihnen dabei helfen könnte. Die Antwort ist ganz klar ja!

 

Ob es sich bei der Ursache der Rückenschmerzen um einen Bandscheibenvorfall, um chronisch verspannte Rückenmuskulatur, um Übermüdung und Stress oder unterdrückte Wut handelt, mit all diesen Bereichen befassen sich Taiji und Qigong auf sehr effektive Weise. Taiji und Qigong helfen

 

- überflüssige Verspannungen der äusseren Bewegungsmuskeln abzubauen. Diese kompensieren oft eine Fehlfunktion der inneren Haltemuskeln.
- die inneren Haltemuskeln zu stärken und auszurichten (gemäss einer strukturellen Integration).
Energien, die in chronisch verspannten Rückenmuskeln sitzen einerseits durch gezielte Entspannung, andererseits - durch vermehrten Qi-(Energie)Fluss zu lösen.
- das Bewusstsein für Körperhaltung, Stress und Müdigkeit zu schärfen, und somit die Eigenverantwortung zu schulen.
- durch die korrekte Lage des Beckens und des inneren Sinkens in die Erde die Wirbelsäule zu entlasten und optimal auszurichten.
- durch die subtile Bewegung der Wirbelsäule die Rückenmuskulatur zu lockern, zu dehnen und zu stärken.


Diese Vorteile machen Taiji und Qigong zu einer äusserst sanften und äusserst wirkungsvollen therapeutischen Ergänzung, die schon das Leben mancher Menschen mit Rückenschmerzen dauerhaft verändert haben.

Die energetische Ebene


Taiji Taichi Qigong Archiv Körper

 

Qi

Die Energie wird im Taiji Qi genannt. Qi wird als die innere Energie definiert, im Gegensatz etwa zu Li, der äusseren Energie.

 

Während äussere Energie Muskelkraft ist, ist innere Energie etwas ganz anderes. Aber was? Alle Definitionen von Qi, das auch wissenschaftlich erforscht wird, sind bis heute unvollständig. Und ich glaube, dass das auch so bleiben wird. Gibt es eine vollständige Definition von Bewusstsein? Frage einen Neuro-Wissenschaftler, und du wirst eine andere Antwort bekommen, als wenn du einen Physiker frägst, und eine andere als die des Zen-Meisters. Genauso verhält es sich mit Qi. Die Definition des Qi hängt von der Fragestellung ab, und bleibt unvollständig.

 

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass Qi nicht nur eine Energie ist, sondern auch eine Art von Bewusstsein, und dass es eindeutig auch mit einer Art Intelligenz ‚ausgestattet‘ ist.

 

Vor allem aber, und das ist das Wichtige, ist Qi erlebbar! Wir nehmen Qi als Hitze wahr, als Kribbeln, als Fülle, aufgeschwollene Finger, Verfärbung der Handflächen; auf einer anderen Ebene als erhöhtes Bewusstsein, erhöhte Wahrnehmungsfähigkeit.
Das alles IST nicht Qi, ist jedoch ein Hinweis darauf, dass es fliesst. (Genau so wie das Licht der Glühbirne kein Strom ist, jedoch ein Indiz dafür, dass der Strom fliesst.)

 

Wie bringen wir das Qi ins Fliessen? Hier kommt die gute Nachricht: Wir müssen nichts tun! Erden, entspannen, fliessen lassen. Wenn wir uns mit der Erde verbinden (denke an das Becken, wie wir es im zweiten Taiji-Tipp besprochen haben!), kommt Energie von alleine ins Fliessen. Denn Energie sucht immer ein Gleichgewicht. Da die Erde gegebenermassen mehr Energie besitzt als unser kleiner bescheidener Körper, kommt die Energie von alleine ins Fliessen, wenn wir uns mit der Erde verbinden; das heisst verwurzeln.

 

Qi fliesst durch entspanntes Gewebe. Es ist also wichtig, jede einzelne Muskelfaser loszulassen. Wenn das geschieht, steht dem Qi nichts mehr im Wege, und es wird deinen Körper und dein ganzes Energiesystem nähren mit so viel du brauchst und empfangen kannst.

 

Nun können wir das Qi noch etwas ermuntern, noch mehr zu fliessen, und es in unserem Körper lenken. Das ist ganz einfach. Die Energie folgt unserem Bewusstsein. Dort, wo unser Bewusstsein hingeht, dort geht unsere Energie hin. Wenn ich mein Empfinden auf meine Hand richte, füllt sich die Hand mit Qi. Wichtig ist, das Empfinden darauf zu richten, nicht etwa mein Denken. Solange ich nur „Hand“ denke, bin ich im Kopf – und dort haben wir ja weiss Gott schon genug Energie!

 

Wenn du einen Stoss machst, oder irgend eine Taiji-Bewegung, bei der sich ein Arm ausdehnt (wie zum Beispiel die Eröffnung in vielen Formen), versuche doch mal die folgende Übung:
Stell dir vor, dein Arm sei hohl. Die Hand und der Unterarm sind mit Sand gefüllt, der Rest deines Körpers mit (heissem) Wasser. Der Arm dehnt sich aus, und der Sand rieselt langsam nach unten in deine Füsse. Dadurch steigt ganz von alleine das Wasser nach oben und nimmt den Patz in der Hand ein!
Durch diese Übung werden deine Bewegungen vermutlich langsamer, und du spürst, wie die rückläufige Bewegung des inneren Sandes dich noch mehr verwurzelt und in den Boden drückt. Gleichzeitig wirst du merken, wie Hitze emporsteigt.
Ich mache diese Übung auch mit Einsteigern, und ich habe noch nie jemanden getroffen, der nicht nach einigen Minuten Qi in seinen Händen spürte.
Wenn dir Wasser zu wenig feurig ist, versuche es ruhig mit einem Flammenwerfer, der Flammen durch das hohle Rohr (den Arm) in deine Hände schickt.
Wichtig ist, dass du eine klare Vorstellung hast. Denke nichts dabei! Mach nichts. Habe eine Vorstellung, das reicht. Denken tust du im Alltag genug.

 

Eine andere einfache und sehr effektive Übung ist die, dass du dir vorstellst, du bewegst dich, während du durch deine Taiji-Form fliesst, in einem Pool mit Konfitüre (nur der Kopf schaut noch raus!) – Pudding klappt auch ganz ausgezeichnet. Wenn du dich oder auch einen Arm bewegst, gibt es immer einen kleinen Widerstand. Spüre diesen Widerstand und bewege dich durch ihn hindurch, bleibe aber immer ganz entspannt.

 

Auch diese Übung ruft sehr schnell ein intensives Qi-Empfinden hervor. Sowieso ist es ratsam, beim Taiji-Üben auf die Zwischenräume zu achten, auf das, was nicht ist, statt zu sehr auf die Bewegungsabläufe. Der Schlüssel um das Qi fliessen zu lassen ist die Intention, dem Qi im eigenen Energiesystem zu begegnen.

Stehen

Stehen ist (äusserlich) so einfach wie effektiv, so dass es sich nicht lohnt, sich lange mit Ausführungen aufzuhalten. Jede Minute, die wir über das Stehen lesen, statt zu stehen, ist eine verschenkte Minute.

 

Viele Taiji- und Qigong-Meister betrachteten und betrachten Stehen als integralen Bestandteil ihres Programms. Einige wesentliche Aspekte des Stehens sind:

 

Es gibt uns Zeit, immer noch tiefer zu entspannen und in die Position zu sinken, wie Teig in eine Kuchenform. Die Entspannung geschieht von innen her.
Damit einher geht ein vertieftes Empfinden und deshalb Bewusstsein für die inneren Strukturen und Funktionen des Körpers.
Das Qi hat Zeit, um nach unten zu sinken.
Die Wurzeln haben Zeit, sich zu entwickeln und zu vertiefen.
Das Empfinden und daher das Bewusstsein für die sechs Koordinaten und ihre internen Zusammenhänge wird gesteigert.
Der Qi-Fluss wird bewusster wahrgenommen als in Bewegung - seine Entwicklung, seine Veränderungen, die Intensität, Dichte, Qualität. Und damit auch die Blockaden, Yin-Blockaden, Yang-Blockaden.
Die Beine entwickeln die nötige Kraft, die Grundlage für alle Bewegung ist.
Physische und psychische Widerstände werden getriggert, wahrgenommen, ausgehalten, später umfasst (containing), statt sie durch Bewegung zu zerstreuen.
Die Wahrnehmung weitet sich, auf energetische, psychische und subtile Bereiche ausserhalb des Körpers, auf die "Zwischenräume".

Bewegung und Energie

Wenn sich der Körper bewegt, bewegt sich Energie. Wenn er sich ungeschickt und grob bewegt, ist die Energie roh und grob. Deshalb ist ein Weg um die Energie zu verfeinern der, die Bewegung zu verfeinern. Damit arbeitet Taiji.

 

Bewegung, Energie, Wahrnehmung und Bewusstsein sind aufs Engste verknüpfte Begriffe.
Sobald wir die Statik des Körpers in Bewegung versetzen, wird dem physischen Aspekt der energetische (die äussere Bewegung) hinzugefügt. Denn Bewegung ist nichts anderes als Energie. Ich will hier auch gleich auf ein Missverständnis hinweisen. Es ist nicht so, dass der Körper wie ein Auto ist, dem wir nun noch das Benzin hinzufügen. Diese Trennung von toter Materie und Energie, die diese leblose Materie umher transportiert, besteht bei unserem Körper nicht. Unser Körper ist die Energie.
Das bedeutet nicht, dass wir Energie als etwas Materielles betrachten, sondern die Materie als Energie. Zwar heisst es in den Klassikern immer wieder, dass die Energie den Körper bewegt, doch basieren solche Aussagen auf der zwangsläufig dualistischen Analyse eines holistischen Vorganges. Genaugenommen verhält es sich so: Die natürliche Bewegung des Körpers ist die Bewegung der Energie. Die Bewegung unseres Körpers zu ermöglichen, zu erlauben, zu befreien, zu erforschen und zu verfeinern heisst, unsere Energie zu befreien und zu verfeinern. Indem wir achtsam mit dem Körper arbeiten, arbeiten wir mit der Energie. Indem wir also genau untersuchen, wie sich Bewegung im Körper ausbreitet, untersuchen wir, wie sich Energie ausbreitet. Indem wir an der Geschmeidigkeit, Harmonie, Ausgeglichenheit und Verfeinerung des Körpers arbeiten, führen wir unsere Energie zu mehr Geschmeidigkeit, Harmonie und Ausgeglichenheit und verfeinern sie. Und somit arbeiten wir an uns. Denn wir sind unser Körper, sind unsere Energie.
Bewegung ist also ein Weg, direkt mit Energie zu arbeiten. Bewusste Bewegung führt zu Ausweitung und Verfeinerung des Körperbewusstseins, das verfeinerte Bewusstsein verfeinert die Energie. Je subtiler die Körperbewegungen werden, desto subtiler wird das Bewusstsein und somit die Energie. Je subtiler, desto bedeutender und kraftvoller.

Von Energie zu Kraft

Die Regel ist ganz einfach: Qi (Energie) + Yi (Intention) ergibt Kraft (Jing). Mit Kraft ist im Taiji also nicht die Muskelkraft gemeint, sondern eine Kraft, die sich aus der Kombination von sanfter Lebensenergie und Intention ergibt.

 

Man kann sich also gleich von Anfang an bei der Entwicklung innerer Kraft nicht im Weg stehen, indem man nicht versucht, im Push Hands (oder anderen Formen der Taiji-Interaktion, wie Sparring oder Schwert-Sparring) Kraft zu gebrauchen. Das ist in der Entwicklung innerer Kraft einer der wichtigsten Punkte, und man könnte meinen, ein einfacher. Doch viele Taiji-Praktizierende brauchen Zeit, um zu verstehen, was es heisst, sich selbst nicht it der eigenen Muskelkraft im Weg zu stehen.

 

Weitere Entwicklungswege innerer Kraft sind:
Die anfänglich grossen Taiji-Bewegungen werden kleiner, die internen Bewegungen bleiben jedoch gross. Ab einem gewissen Stadium potenzieren sich die inneren Bewegungen - die äussere Bewegung wird kleiner und kleiner, die innere verdichtet sich.
Dasselbe geschieht mit der Geschwindigkeit: Die an sich schnellen Bewegungen werden langsamer und langsamer, die innere Geschwindigkeit, der innere Schwung jedoch bleibt erhalten und verdichtet sich, wird noch schneller.

 

Taiji-Bewegungen sind wie die Bewegung eines Kreisels. Oberflächlich scheint er sich nicht zu bewegen, doch schaut man genauer hin, sieht man, dass er sich sehr schnell dreht.

Die Ebene der Interaktion


Taiji Taichi Qigong Archiv Kampfkunst

 

Taiji als Kampfkunst

Ein Meister der Kampfkunst
führt keinen Kampf,
besiegt niemanden
und hat keine Gegner.


Taiji ist auch Kampfkunst. Die schönen, harmonischen, sanften und doch so dynamischen, lockeren und entspannten Bewegungen zwingen uns jedoch dazu, eine etwas andere Vorstellung von Kampf zu entwickeln, als dass wir sie gemeinhin haben.
Taiji ist die dynamische Einheit von Yin und Yang. Unter Kampf verstehen wir normalerweise Yang gegen Yang – hart gegen hart, Kraft gegen Kraft, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Der Stärkere gewinnt.
Nicht so im Taiji. Es gewinnt nicht der Stärkste, es gewinnt der Lockerste. Es gewinnt der, der Yang-Energie mit genausoviel Yin-Energie ausgleichen kann.

 

Die Bewegungen der Form sind nicht ein irgendwie choreografierter Tanz, sondern ein langsam ausgeführter Kampf mit imaginären Gegnern. Jede Bewegung hat eine oder mehrere sogenannte Anwendungen in Interaktion mit einem Feind (oder Partner). Diese Anwendungen zu kennen ist wichtig, um den Sinn, die Dynamik und den exakten Ablauf einer jeden Bewegung zu erkennen, und um den Fokus der Inneren Energie richtig führen zu können.

 

Die Kunst des Kampfes führt jedoch noch viel weiter. Es ist die Kunst jeder Konfliktlösung, ob körperlich, geistig, psychisch, verbal usw. Es ist die Kunst, einen Konflikt zu erkennen, bevor er überhaupt eine Gestalt annimmt, und darauf angemessen zu reagieren. Es geht darum, die Illusion der Trennung als solche zu erkennen.

 

 

Die Qualität der Interaktion

Das Ritual der Taiji-Form stellt einen wunderbaren Gegenpol dar zum geschäftigen, aufreibenden und zehrenden Alltag vieler Menschen der modernen Welt. Es hilft uns, zur Ruhe und in die Mitte zu kommen, unser Tempo zu verlangsamen, zu entspannen und neue Kraft zu tanken. Durch das Praktizieren einer Form bringen wir Körper und Geist in seinen natürlichen, entspannten, integrierten Zustand zurück. Wir lernen Innere Energie zu entwickeln und an verschiedene Stellen in unserem Körper zu schicken. Genauso wie ruhig sitzend auf einem Meditationskissen können wir mit der Form meditieren. Schliesslich lernen wir durch die Anwendungen, wie man sich mit diesen Bewegungen verteidigen könnte, und wir lernen, uns durch verschiedene Qualitätsebenen der Realität zu bewegen.
Eine Form spiegelt aber in keiner Art das Leben selbst. Sie stellt ein in sich geschlossenes System dar. Man ist ungestört, es kommt nichts Unvorhersehbares, wenn man durch die Form fliesst. Es gibt keine wirkliche, spontane und überraschende Interaktion. Die Form an sich ist eine Form der Meditation. Das Hauptgebiet der Inneren Kampfkünste ist aber gerade die Kunst der Interaktion. Richtig verstanden lehrt es uns, weit über einen allfälligen Akt der Verteidigung bei einem Angriff, wie wir auf nützliche, liebevolle, erfüllende Weise mit den anderen Menschen interagieren können. Wie oft werden wir wohl in unserem Leben von einem Täter körperlich angegriffen? Vielleicht einmal im Leben, zweimal, vielleicht keinmal. Aber wie oft werden wir im Alltag herausgefordert, richtig zu reagieren, zu handeln? Die meisten von uns vermutlich mehr als zweimal!

 

Der Erfolg Ihrer Taiji-Praxis zeigt sich nicht so sehr darin, wie schön Sie die Form machen oder wie weit Sie jemanden stossen können, sondern wie Sie im Alltagsleben mit Ihren Emotionen und Gefühlen umgehen können.

 

Es gibt verschiedene ungesunde Arten, mit Emotionen umzugehen: Sich von ihnen überwältigen und dominieren lassen, sie verdrängen oder sie beherrschen wollen und somit unterdrücken. Taiji lehrt uns den richtigen Weg: Alle Emotionen und Gefühle vorbehaltlos zuzulassen ohne von ihnen dominiert und mitgerissen zu werden. Es lehrt uns, dass jegliche Selbstdarstellung unnötig und kontraproduktiv ist und hilft uns, in unserer Dynamik die meditative, betrachtende Mitte zu bewahren.
Hier liegt also der eigentliche Grund, sich in holistischer Bewegung zu üben. Wir lernen, im alltäglichen Leben miteinander umzugehen. Die holistische Bewegung zeigt uns Wege dazu und bietet uns ein Übungsfeld. Deshalb kann das sinnvolle Training einer Inneren Kampfkunst nicht nur das Ritual einer festgesetzten Form beinhalten
"Na, soll ich denn jetzt noch lernen zu kämpfen?", fragen mich die Leute in meinen Kursen, wenn ich ihnen dies erzähle und beginne Tui Shou einzuführen. Die meisten von ihnen sind nicht gekommen, um kämpfen zu lernen, sondern um sich zu entspannen und Ruhe zu finden. Grosse Augen machen sie dann, wenn ich ihnen erkläre, dass sie, durch das Erlernen der Form, schon gelernt haben zu kämpfen, und dass wir jetzt zu erforschen beginnen, wie man trotz einer Herausforderung nicht kämpft.
Es ist wichtig, sich klar darüber zu sein, dass Tui Shou nicht ein Training im Sinne einer Kampfkunst ist, sondern ein Training in der Kunst des Nicht-Kämpfens. Wenn ich angegriffen werde, und ich wende die Prinzipien des Tui Shou an, dann biete ich meinem Gegner absolut keinen Widerstand und auch nichts, was er angreifen könnte. Das Ergebnis ist, dass der Angreifer nach einigen erfolglosen Versuchen erschöpft und verwirrt das Weite suchen wird. Wie ich jemanden kampfunfähig mache, das heisst ihm ein Bein oder einen Arm breche, ihm die Nase blutig schlage oder ihn töte, wird in der Form gelehrt, nicht im Tui Shou. Dies kann nicht überbetont werden, denn dadurch wird klar, dass dem Tui Shou jeder kämpferische Aspekt fremd ist, und somit auch Aktionen, die auf der Funktion des selbstsüchtigen Egos beruhen. Dies macht Tui Shou zu einer zutiefst friedvollen, spirituellen Disziplin.
Ausserdem hilft es uns, die Schwachstellen, die uns durch die Form nicht bewusst geworden sind, herauszuschälen um damit arbeiten zu können.
Der Weg des heutigen Menschen ist ein Weg der Interaktion, der Gegenseitigkeit, fest verwurzelt im Sein. Wir müssen lernen, über Grenzen wie Kontinente und Kulturen miteinander erfolgreich zu kommunizieren, anders lassen sich die Probleme der Erde nicht mehr lösen. Im Gegensatz zu den meisten anderen spirituellen Disziplinen hat Tui Shou den heute unermesslichen Vorteil, ein gemeinsamer Weg zu sein, man kann ihn gar nicht alleine gehen.
Am meisten lernt man durch den direkten Kontakt. Auch die Worte des Lehrers stossen im Unterrichten von Tui Shou schneller als bei der Form an Grenzen. Wovon der Schüler am meisten lernt, ist durch den Kontakt mit dem Lehrer. Nur so kann man wirklich die Qualitäten der Berührung, der Entspannung und des lockeren Stossens erfahren. Der Unterricht im Tui Shou verlagert sich vor allem auf die energetische Ebene. Deshalb ist es unerlässlich, dass die Studenten möglichst oft direkt mit dem Lehrer und fortgeschrittenen Studenten arbeiten können.

Wie wird Kampf zu Kunst?

In östlichen Kulturkreisen wird Kunst als Weg aufgefasst, bei dem ein eventuelles Produkt als angenehme Nebenerscheinung betrachtet wird, wogegen die traditionelle Auffassung der westlichen Kultur Kunst mit einem Werk, einem Endprodukt definiert. Der Weg zu diesem Produkt ist dabei nicht wichtig. Es zeigen sich hier also sich diametral entgegengesetzte Auffassungen. Es ist aber dazu zu bemerken, dass sich der westliche Ansatz allmählich weitet und relativiert zugunsten eines Weges, eines Prozesses.
Was aller wahrhaft grossen Kunst jedoch gemeinsam ist, sind folgende zwei Punkte:

 

Sie führt zu einer Erweiterung des Erfahrungsfeldes hin zur Transzendenz.
Sie wirkt integrierend, das heisst, sie vernetzt die Erfahrung holistisch und schafft somit Sinn.


Grosse Kunst führt also über sich selbst hinaus und bettet diese Erfahrung in ein sinnvolles Umfeld. Unter diesem Gesichtspunkt möchte ich die oben gestellte Frage, was Kunst eigentlich sei, angehen.
Sehen wir uns zuerst ein 'Produkt' des Weges der Kampfkunst an, einen Meister also, um zu sehen, was wir vor uns haben. Wie wir noch genauer erfahren werden,

 

führt ein wahrer Meister der Kampfkunst keinen Kampf,
er besiegt niemanden
und hat keine Gegner.


Das ist zweifellos nicht so einfach zu verstehen. Spürbar wird aber gleich der transzendente Charakter dieser Aussage, hervorgebracht durch das scheinbare Paradox, das gleich dreifach angeführt wird. Dieser Meister hat den Kampf in irgend einer Weise transzendiert und diese neue Haltung integriert. Er hat das Prinzip der Interaktion kultiviert. Er konnte das nur durch intensive Arbeit an sich selbst, seinem Ego, seinem Schatten (man nennt Taiji ja auch Schattenboxen), seinem Potential.
Das Schöne daran ist, dass dieser Meister, wie eine grosse Sinfonie, in seinen Mitmenschen Resonanz auslösen kann, die sie diesem Ziel, eben dem Ziel der Transzendenz, auch näher bringt.

Die Physiologie und Psychodynamik des Ego...

In vielen oberflächlichen Esoterik- und New Age-Bewegungen wird immer wieder falsch ausgelegt, was es heisst, sich vom Ego zu befreien. Das Ego wird dabei pauschal verteufelt, was sich verhängnisvoll auswirkt. Denn am Anfang jeder erfolgreichen spirituellen Reise steht die Bildung, Festigung und Verankerung eines gesunden Egos, das die Grundlage bildet, um in den bei einer solchen Reise unvermeidlichen Turbulenzen nicht den Boden unter den Füssen zu verlieren. Schauen wir uns daher dieses Ego etwas genauer an.
Erstmals gilt es zu differenzieren zwischen den verschiedenen Aspekten des Ego. Stellt das Ego ein Problem dar, dann vielmehr, weil es nicht voll entwickelt ist. Solange das Selbstwertgefühl nicht entwickelt ist, wird es immer um Selbstbestätigung kämpfen. Dieser Kampf um Selbstbestätigung ist, was sich in der Welt als egoistisches Handeln, Denken und Fühlen manifestiert. Das Selbstwertgefühl erwächst aber aus einem gesunden, integrierten Ego. Solange diese Gewissheit nicht aus dem eigenen Inneren wächst, ist das Ego nicht integriert.
Das Ego ist ein Aspekt des Menschen. Es wird nur dann zu einem Problem, wenn es den Platz in der Mitte einnimmt, denn dann tritt es an die Stelle des Herzens. Physiologisch betrachtet hat das Ego seinen Platz im Solar Plexus. Schauen Sie sich einmal einen Menschen an, der nur ein geringes Selbstwertgefühl hat. Er geht gebückt, die Brust nach unten eingesackt, die Haltung schlaff. Diese Haltung basiert darauf, dass der Solar Plexus nicht genug Stabilität hat. Er ist zu schwach, zu sehr Yin. Deshalb kann man diesen Zustand als eine Yin-Blockade bezeichnen. Ein selbstgefälliger, egozentrischer Mensch dagegen wird oft als aufgeblasen bezeichnet. Er sieht aus, als würde er seine Brust aufblasen, nach vorne strecken und heben. Damit will er allen sagen: "Seht meinen Solar Plexus, wie gross er ist! Das bin ich!" Auch dieser Mensch hat ein kleines Selbstwertgefühl und versucht, es mit Selbstgefälligkeit zu kompensieren. Er macht dies durch von aussen aufgesetzte Aktivität. Er hat zuviel Yang, deshalb kann man den Zustand eine Yang-Blockade nennen.
Es gibt ein System der energetischen Physiologie, mit der sich die Konsequenzen einer Fehlfunktion des Ego anschaulich erklären lässt, das Chakrasystem. Der Mensch hat verschiedene Energiezentren. Sie werden mit dem Namen Chakra bezeichnet, was Rad bedeutet. Sie verlaufen entlang einer vertikalen Linie. In den meisten Systemen werden sie beschrieben als das Wurzelchakra am Damm zwischen After und Genitalien, dem Sexualchakra in der Region des Bauchnabels, dem .... am Solar Plexus, dem Herzchakra, dem Halschakra, dem Stirnchakra, bekannt als Drittes Auge, und dem Scheitelchakra. Jedes Chakra stellt ein Energiezentrum dar, das sowohl für gewisse Organe und Körperfunktionen, als auch für gewisse Aspekte der Psyche und des Geistes zuständig ist. Die Energie, die von unten her aufsteigt, hat in jedem Chakra eine höhere Frequenz, deshalb sind sie, wenn man sie sehen kann, in der Reihenfolge der Regenbogenfarben angeordnet. Sie kann aber nur ungehindert aufsteigen, wenn sie in keinem der Chakras abgeblockt wird. Da das Ego seinen Sitz im dritten Chakra hat, ist es anschaulich, was passiert, wenn die Energie dort durch zuviel Yin (mangelndes Selbstvertrauen) oder zuviel Yang (Selbstgefälligkeit) blockiert wird und nicht mehr weiter aufsteigen kann. Das Herz und somit die Liebe bekommt keine Energie, der Hals und somit die Fähigkeit, die Wahrheit zu formulieren wird blockiert. Die Weitsicht und Fähigkeit, höhere Zusammenhänge klar zu erfassen (Drittes Auge), und auch die Ausrichtung auf göttliche Energien, die im Scheitelchakra passiert, wird verhindert. Deshalb, und nicht, weil es als Ganzes zu verteufeln wäre, ist es wichtig, dem Ego seinen Platz zu zeigen, es zu integrieren. Nur so kann die Energie entlang der Goldenen Linie aufsteigen.
Mehre das Selbstwertgefühl, mindere die Selbstgefälligkeit.

 

...und was Tui Shou (Push Hands oder IIT) damit zu tun hat

Wegen seinem scheinbar kämpferischen Aspekt, und weil auch Turniere durchgeführt werden, ohne dass es ein hierarchisches System wie z.B. im Judo gibt, zieht Tui Shou natürlich anders als andere Wege wie Zazen oder Qigong mehr Menschen an, die nach Selbstbestätigung suchen, einer Selbstbestätigung, die die Illusion eines selbstsüchtigen Ego nährt, statt es gesund aufzubauen und zu integrieren. Doch gerade weil im Tui Shou der Wettbewerbsaspekt auch eine Rolle spielen kann, ist es ein ausgezeichnetes Übungsfeld, um mit dem Ego in seiner ganzen Bandbreite zu arbeiten.

Hörende Hände

Tui Shou ist die chinesische Bezeichnung für eine Partnerübung des Taiji, bei der alle wichtigen Prinzipien geübt werden: Entspannung, Verwurzelung in der Erde, Geschmeidigkeit, absorbieren und umleiten von Energie, Wahrnehmung verschiedener Energien und der Intention.

 

Tui Shou wird übersetzt mit Push Hands oder Pushing Hands, also Stossende Hände. Da stossen jedoch nur ein sehr kleiner Teil der Push Hands-Praxis ausmacht, wie wir sie praktizieren, nennen wir Tui Shou gerne Hörende Hände. Es ist nämlich so, dass die sensibilisierte und stetig verfeinerte Fähigkeit, die Energien des Partners zu erspüren, ein Stossen nahezu überflüssig macht.

 

Push Hands wird gerne damit demonstriert, wie ein Meister ohne grosse Bewegung oder gar Muskelkraft seinen Partner in die Luft spickt. Das ist jedoch nur ein Aspekt des Push Hands, ein Yang-Aspekt (fa jing genannt). Unsere Herangehensweise ist die, den Partner (Gegner) so gut zu kennen, dass er sich selbst ins Abseits (aus dem Gleichgewicht) manövriert, weil er das will. Und wir hindern ihn nicht daran. Für uns ist Tui Shou die Kunst des Nicht-Kämpfens.

 

Tui Shou ist eine grossartige Übungsmethode, um die Fähigkeit, Innere Energien zu erspüren, zu lokalisieren und ihre Qualität zu erkennen zu entwickeln und zu verfeinern. Diese Fähigkeiten sind auch für Heiler und Körpertherapeuten von grosser Wichtigkeit, und das macht Tui Shou für ein weites Spektrum an Interessierten attraktiv, nicht nur für Taiji-Interessierte.

Positive Effekte des Push Hands für die Kampfkunst

Die Wirkungsweise und -fülle des Push Hands ist unerreicht. Push hands ist ein so vielschichtiges Übungssystem, dass es kaum Wünsche offen lässt.

Vom Standpunkt der Kampfkunst sind dies Ziele, die durch Push Hands erreicht werden:

 

1. Man lernt, unter Druck zu entspannen.

2. Die eigenen Aggressionen und die der anderen werden kontrollierbar, die instinktive Reaktion des Widerstandes und der kämpferische Drang zu gewinnen wird abgebaut.

3. Man lernt, kontinuierlich in engem Kontakt mit einem Gegner zu sein.

4. Ruhe und Gelassenheit, zentriert sein und aufmerksam sein werden in einem Umfeld des Angriffes und der Aggression gelernt.

5. Man lernt, die Kraft und Geschwindigkeit eines Gegners für sich zu nutzen.

6. Der fliessende, blitzschnelle Wechsel von Verteidigung zu Angriff wird geübt.

7. Verschiedene Arten der Inneren Kraft werden in schnellem Tempo angewandt.

Positive Effekte des Push Hands für die Gesamtheit des Menschseins

Die Wirkungsweise und -fülle des Push Hands ist unerreicht. Push Hands ist ein so vielschichtiges Übungssystem, dass es kaum Wünsche offen lässt.

Vom Standpunkt des Menschen sind dies Ziele, die durch Push Hands erreicht werden:

 

1.Wir lernen, innere Energie in einem Gegenüber wahrzunehmen und zu verstehen. Mit den Händen 'hören' wir auf kleinste Energie-Schwachstellen (Yin-Blockaden) und Stellen des Überflusses (Yang-Blockaden). Die Blockaden und Schwachstellen können sich auf körperlicher, psychischer, emotionaler, rationaler, spiritueller und anderen Ebenen befinden. Dieses 'Hören' (nicht nur mit den Händen, sondern mit unserer Ganzheit) ist nicht nur im Push Hands wichtig - jeder Therapeut benutzt es, jeder Mensch, der in einem weiteren Sinne mit Menschen arbeitet und diese darum verstehen will und sollte.

2. Wir bekommen ein unmittelbares Feedback, wie genau unsere Wahrnehmung ist.

3. Der Partner, der gestossen (oder besser 'abgehört') wird, bekommt zugleich eine 'Behandlung'. Yin-Blockaden werden durch Bewusstsein gefüllt, Yang-Blockaden werden durch Bewusstsein abgebaut.

4. Wir bekommen ein unmittelbares Feedback, wie erfolgreich eine 'Behandlung' ist.

5. Die Energiekanäle werden durch die in das Energiesystem strömende Energie in einem viel stärkeren Masse geöffnet als in einer Solo-Form.

6. Psychische und physische Verhaltensmuster, die sich nicht günstig auf den freien Fluss des Lebens auswirken, werden abgebaut und nicht etwa durch andere Verhaltensmuster ersetzt, sondern durch die Weisheit des Körper-Geistes.

7. Psychische Widerstände jeglicher Art treten an die Oberfläche und können somit abgebaut werden.

8. Die Kontrolle des Ego wird fallen gelassen zu Gunsten der spontanen, intuitiven Körper-Geist-Weisheit.

9. Die konkreten Erfahrungen des Geerdetseins, des Zentriertseins, der Entspannung unter Druck und ihrer Wirksamkeit in einer physischen und energetischen Interaktion überträgt sich ohne unser Zutun auf alle alltäglichen Ebenen - die Ebene der Konfliktlösung im Alltag, des verbalen Austausches, der Interaktion mit der Natur usw.

10. Zwischen den zwei Partnern entsteht ein realer, enger, tiefer Kontakt in einem sicheren Rahmen der gegenseitigen Achtung und des Wohlwollens.

11. Push Hands Partner lernen, sich so gegenüberzutreten wie sie sind, denn Masken, Selbstüberzeugungen und Ideologien nützen nichts und werden sofort durchschaut.

Was ist eine erfolgreiche Interaktion?

Dieser Artikel heisst nicht 'Wie Sie jemanden besiegen können'. Was ist also mit einer erfolgreichen Interaktion gemeint? Da uns das Taiji-Symbol genauso wie die Neue Physik lehrt, dass nichts getrennt, sondern eine holistische Einheit ist, kann damit nicht gemeint sein, jemanden zu besiegen. Denn wenn jemand verliert, haben alle verloren. Eine erfolgreiche Interaktion bedeutet, dass beide Parteien daraus etwas lernen. Das heisst, es gewinnen beide etwas, das für ihre Entwicklung wichtig ist. Dies ist der Grund, weshalb ich im Tui Shou so sehr darauf achte, dass jede Interaktion zu einer aufbauenden Lektion wird.
Von Chen Man-ch'ing stammt die Aussage: "Es gibt keinen Angriff, lediglich die Umleitung von Energie." Diese Erkenntnis hat weitreichende und tiefgreifende Folgen. In ihr liegt der Schlüssel zur Transformation von negativer Energie in positive, also der Schlüssel dazu, wie alle aus einer Interaktion gestärkt hervorgehen können. Um dies zu verstehen, müssen wir erst die Grundlagen einer Handlung, sei sie positiv oder negativ, näher betrachten. Handlung oder Aktion besteht aus zwei Komponenten: Energie und Intention.

 

Qi + Yi = Aktion

 

Man kann es auch so ausdrücken: Handlung braucht eine Quantität und eine Qualität (oder Funktion). Die Quantität ist das Qi, die Qualität das Yi. Energie für sich ist also blosse Quantität. Elektrischer Strom zum Beispiel, als eine Form von Energie, ist weder gut noch schlecht. Wenn er gebraucht wird, um mit Elektroschocks einen Patienten wieder zu beleben, hat er eine gute Funktion. Wird dieselbe Menge Strom aber gebraucht, um mit Elektroschocks jemanden zu foltern, bezeichnen wir seine Qualität oder Funktion als schlecht. Der Strom ist jedoch beide Male derselbe, es ist die Intention, die der Handlung die bewertbare Qualität verleiht.
Genauso ist es mit der Körperenergie. Wenn ich mit einem Fusstritt eine Türe einschlage, um ein dahinter eingeschlossenes Kind zu befreien, ist dies eine gänzlich andere Handlung, als wenn ich verärgert die Türe meines Nachbarn eintrete. Die Energie ist aber zweimal die selbe.
Hier liegt nun der Schlüssel zur Transformation eines Angriffs, sei er physisch, verbal oder rein energetisch. In jedem Fall ist ein Angriff das Näherkommen von Energie mit einer negativen Intention, wobei die Energie als Trägerwelle für die Intention dient. Indem wir uns mit dieser Energie verbinden und sie zurückgeben, geben wir auch die Intention zurück. Es steht uns dabei frei, diese Intention transformiert zurück zu geben. Angst, Wut oder Hass wandle ich um und gebe sie als Liebe zurück. Ich erhalte Dunkelheit, erhelle sie und gebe sie als Licht zurück.
Vermutlich fällt der Angreifer einer physischen Attacke immer noch zu Boden, vielleicht muss ich, um mich selbst oder andere wirkungsvoll schützen zu können, ihm die Energie so zurückgeben, dass ich ihm einen Schlag versetze. Doch ich tue es voller Liebe. Der Angreifer wird dies merken, und es wird mit Sicherheit sein Leben verändern. Denn er schickt seiner Energie nur darum Dunkelheit mit, weil er vergessen hat, wie das Licht sich anfühlt.

 

Ich nehme die Welt so an wie sie ist und gehe liebevoll mit ihr um.

 

Wahrhaftig!

Neutralisation auf drei Ebenen

Wer wahrhaftig einen Angriff neutralisieren kann, hat Taiji verinnerlicht. Und bringt diese Verinnerlichung nach aussen. Womit der Yin-Yang-Zyklus vollständig (aber nicht vollendet und abgeschlossen) ist.
Wobei neutralisieren etwas völlig anderes ist als abblocken oder abwehren.

 

Wir können auf drei Ebenen neutralisieren:
auf der grobstofflichen oder körperlichen Ebene,
auf der subtilen oder energetischen Ebene und
auf der kausalen oder intentionalen Ebene.

 

Auf der grobstofflichen neutralisieren wir durch Struktur.
Auf der subtilen Ebene neutralisieren wir durch Fülle.
Auf der kausalen Ebene neutralisieren wir durch Tiefe und Klarheit.

 

Struktur, das heisst: Entspannung (in die Struktur), im Lot sein, das Becken fällt, die sechs Koordinaten sind auf einer Reihe, verbunden und vernetzt. Der im Boden verankerte Mensch.

 

Fülle, das heisst: Energiefülle, Qi, gesunder Fluss der inneren Energie, Bewusstsein, Achtsamkeit und Aufmerksamkeit, eine aufgeräumte Persönlichkeit. Der im Menschsein verankerte Mensch.

 

Tiefe und Klarheit, das ist die Tiefe des Seins. Intention als ein stiller Seinszustand, der Dynamik ermöglicht. Seele. Das Urwesen. Die Essenz. Der im Kosmos verankerte Mensch.

 

Struktur fühlt sich für den Angreifer an, als würde man den Boden stossen oder schlagen.
Fülle fühlt sich für den Angreifer an, als würde die Ganzheit gestossen oder geschlagen - die nicht aus dem Zentrum zu bringen ist, weil sie eben immer ganz ist.
Tiefe und Klarheit fühlen sich an, als wolle man den Sternenhimmel stossen. Oder das Meer. Oder eine Wolke. Der Stoss verschwindet ganz einfach in der Tiefe des vernetzten Seins.

Drei Arten der Reaktion

Die erste und am weitesten verbreitete Art der Reaktion ist die des Widerstandes. Es ist tief in unserem Wesen drin, etwas abzuwehren, das von aussen auf uns zukommt. Was alle Tui Shou-Studenten zuerst lernen müssen, ist nicht Widerstand zu bieten. Widerstand bedeutet, Yang mit Yang entgegenzuwirken - was nicht Taiji ist.
Eine andere Art der Reaktion ist die Ergebenheit. Mit dieser Reaktion verharrt man in einer abhängigen Opferrolle, man gibt die eigene Verantwortung ab an jemand anderen. Der Reaktion liegt der Irrtum zu Grunde, dass der Angriff mit Yang-Energie völlig berechtigt sei und man es verdient habe, oder dass man sowieso keine Chance habe.
Leugnung ist wieder eine ganz andere Art der Reaktion. In der Psychologie heisst sie Verdrängung. Sie ist nicht so offensichtlich, weil dabei etwas versteckt oder maskiert wird. Man tut so, als wäre nichts geschehen, wobei in Wirklichkeit sehr viel passiert ist.
Allen drei Arten der Reaktion ist gemeinsam, dass sie aus einer Trennung entstehen. Reaktion ist eine zeitlich verschobene Aktion auf eine ihr vorangegangene Aktion. Sobald ich re-agiere, bin ich nicht mehr im Jetzt verwurzelt. Sobald ich re-agiere, heisst dies Dualität, ich bin nicht mehr eine Einheit mit meinem Partner und er hat mich in seiner Hand, denn er kann mich durch eine Handlung so manipulieren, dass ich zeitlich versetzt auf eine bestimmte Art reagieren werde. Ich bin also von ihm abhängig. Dies ist nicht Wu Wei.
Wenn mein Partner mich stösst, lasse ich ihn stossen, ohne darauf zu re-agieren. Das bedeutet nicht, dass ich starr wie ein Stein dastehe und so tue, als würde keine Energie an mich herangeführt. Ich vereinige mich mit der Energie, mische mich mit ihr, und lasse aus dieser Einheit heraus den Moment entfalten. Dies ist direkte, passive Aktion, nicht zeitverschobene, aktive Reaktion. So bleibt die Einheit bewahrt und mein Partner hat keine Kontrolle über mich. Dies ist handeln durch zulassen im Gegensatz zu überhaupt nicht handeln oder handeln durch Reaktion.
Dasselbe gilt für die 'inneren Gegner', auf die wir ständig reagieren. Normalerweise befinden wir uns in einem Zustand, in dem wir ununterbrochen innerlich vor uns hin plappern und dabei Urteile und Meinungen über andere formulieren, sei es nun mit Gedanken, Empfindungen oder Gefühlen. Dies ist an sich nicht schlecht und ganz natürlich, das Problem ist nur, dass wir uns mit diesen Gedanken, Empfindungen und Gefühlen identifizieren und deshalb ununterbrochen auf sie reagieren. Dadurch haben sie uns unter Kontrolle und können mit uns machen, was sie wollen. Wir sind die Marionetten unserer Gedanken, Empfindungen und Gefühle und merken es nicht. Wenn wir nun aber lernen, und das ist das Ziel aller grossen Meditationssysteme, die Gedanken Gedanken, die Empfindungen Empfindungen und die Gefühle Gefühle sein zu lassen, ohne auf sie zu reagieren, sind wir nicht mehr unter ihrer Kontrolle. Wie im Push Hands heisst es nicht, so zu tun, als wären sie nicht da, was genauer betrachtet schon wieder eine Reaktion wäre, nämlich die Leugnung oder Verdrängung eines Ereignisses. Genauso wenig unterdrücke ich sie, was dasselbe wäre als bei einem Stoss dagegen zu drücken. Und ich lasse sie auch nicht unkontrolliert heraus, was wäre, als würde ich mich meinem stossenden Gegner völlig hingeben, ohne meine Mitte zu bewahren, oder als würde ich ihn im Affekt voller Zorn stossen.
Diese direkte Parallele von innen und aussen ist es, was Tui Shou zu einer effektiven spirituellen Disziplin werden lässt. Ich lerne einerseits über den Körper und damit sehr konkret, was sich dann auf den Geist überträgt, da die beiden Vorgänge nicht getrennt sind. Andererseits habe ich jederzeit ein unwiderlegbares Feedback, wie sehr ich noch reagiere. Wenn mich meine Partnerin stösst, und ich falle aus dem Gleichgewicht, dann gibt es nichts darüber zu diskutieren: Es war offensichtlich, dass ich fiel.
Sobald ich gelernt habe, auf die groben, kraftvollen Stösse nicht mehr zu reagieren, muss ich mich den subtileren zuwenden. Sie sind die schwierigeren. Die Parallele im alltäglichen Leben ist leicht zu finden: Habe ich einmal einen Sinn für meine Mitte und somit ein realistisches Selbstvertrauen entwickelt, bringen mich grobe Anschuldigungen nicht mehr so schnell aus dem Gleichgewicht. Wenn mir jemand offen sagt, dass er mich für einen Dreckskerl hält, bringt mich diese Anschuldigung nicht aus der Bahn, weil ich zwar weiss, dass ein Teil von mir ein Dreckskerl ist, nicht aber, dass ich mich voll und ganz mit ihm zu identifizieren habe, weil meine eigene Beobachtung von mir auch noch andere Aspekte offenbart. Ich werde nicht gleich völlig aufgelöst losheulen, ich werde ihm auch nicht meine Faust ins Gesicht werfen, oder ich werde mich nicht zurückziehen und schmollen. Damit habe ich gelernt, mit groben Anschuldigungen umzugehen. Doch mit den subtilen Anschuldigungen und Untergrabungen gestaltet es sich schwieriger. Da die auf mich zukommende Aktion subtiler und nicht so offenkundig ist, sind es auch meine Reaktionen darauf. Diese zu aufzudecken ist letztlich das Ziel, denn sie sind viel häufiger. Tui Shou mit einem Partner, der diese subtile Art beherrscht, der meine Schwachstellen findet und sie mir zeigt, seien sie auch noch so klein, ist dazu ein hervorragender Weg

Ebenen der Kampfkunst

Rot/Purpur/Beige

Schwerpunkte: Ich (Purpur: Wir)

Instinkte. Gewinnen. Starksein. Freiheitsdrang. Impulsivität. Magie.

Es geht ums Überleben.

Kampfkunst: Kampfkunst heisst kämpfen um zu gewinnen. Es ist Wettbewerb - und mehr: Überleben ist alles (und sei es nur des Egos). Alle Mittel sind recht. Der Partner ist nicht Partner, sondern Feind. Regeln und Fairness spielen keine Rolle, nur das Gewinnen ist wichtig.


Blau

Schwerpunkt: Wir

Wahrheit. Hierarchie. Tradition.

Der Meister ist der Meister. Folge ihm. Das ist der Weg.

Kampfkunst: Es wird exakt nach Meister XY gearbeitet. Der Meister wird nicht hinterfragt. Man praktiziert traditionelles Qigong, das sich über Jahrhunderte bewährt hat. Neues braucht es nicht. Im Taiji ist die exakte Form, so wie sie Meister XY praktiziert, das einzig wahre Kriterium und der einzig wahre Weg. Push Hands wird nach Meister XY geübt. Freies Push Hands wird wenig oder gar nicht praktiziert. Routinen (feste Bewegungsabläufe) sind die richtige Übungspraxis.
Positiver Aspekt: Dem Meister bzw. Lehrer wird Respekt entgegengebracht.


Orange

Schwerpunkt: Ich

Wissenschaft. Struktur und Ordnung. Rationale Analyse. Denkender Verstand. Materialismus. Fortschritt.

Es gibt nur, was erklärt werden kann.

Kampfkunst: Grosses Interesse an der Struktur. Alle Kraft kommt aus der richtigen Körperstruktur. Qi wird erforscht, nicht erfahren. Wissenschaftliche Abhandlungen über alle Aspekte. In unseren Breitengraden sind Menschen mit einem Schwerpunkt auf Orange weniger in Taiji-Kurse zu finden.


Grün

Schwerpunkt: Wir

Die Welt ist Harmonie.

Pluralistisch, multikulturell. Vielfalt wird als solche geschätzt. Die westlichen Übernahmen von Yoga, Taiji, Shiatsu etc. konnten nur wegen dem "grünem Boden" gedeihen, und damit die Öffnung zu subtilen Ebenen des Seins. Harmonie zwischen den Vielfalten ist wichtig. Kann daher zu Harmoniesucht und zu einem oberflächlichen Verständnis von Harmonie werden, in der das Individuum im Kollektiv verschwindet: „Wir sind alles Menschen. Alles ist eins.“ Individuen werden nicht unbedingt geschätzt (ausser friedliebende Menschen wie Gurus, Nelson Mandela, Franz von Assisi etc.). Pazifistisch. Ära der Softies. Empfindet eine Konfrontation als Angriff. Kann mit Konflikt nicht umgehen.

Kampfkunst: Wir sind friedliebend und nehmen kein Schwert in die Hand. Wir machen ein sanftes Push Hands ohne Konfrontation. Der gemeinsame Fluss im und aus dem Herzen ist das wichtigste. Grüne getrauen sich nicht zu pushen. Sie wollen weder angreifen noch weh tun. (Softie-Push Hands, schwebendes Push Hands immerwährender Harmonie).


Gelb

Schwerpunkt: Ich

«Lerne das Schwert zu führen. Lerne es nicht zu gebrauchen.»

Ich erkenne den Wert des gesamten und damit aller anderen Entwicklungsstufen. Ich kann sie in ein stimmiges Ganzes einordnen. Ein gewisser Stressfaktor ist da, weil durch das Erkennen der Entwicklungsstufen auch die Notwendigkeit erkannt wird, dass sich die Menschheit momentan schnell entwickeln sollte.

Kampfkunst: Ich kann andere Künste, Techniken, Perspektiven annehmen und integrieren. Vielleicht kann ich noch nicht damit umgehen, aber ich lerne es. Ich erkenne den Wert verschiedener Stile, verschiedener Menschen für mein Wachstum. Push Hands ist dazu ein ideales Lernfeld. Ich nehme an was kommt und lerne. Ich integriere verschiedene Perspektiven in ein stimmiges Ganzes, so z.B. Auch "traditionelles" Taiji und neue westliche Erkenntnisse.

 

Türkis

Schwerpunkt: Wir

intersubjektives Potenzial, kollektive Intelligenz bewusst fördern und einsetzen

Kampfkunst: ein gemeinsames Zentrum kreieren, das dynamische Harmonie ermöglicht. Kampfkunst ist ein gemeinsames Lernfeld, um etwas zu erreichen, das mehr ist als die Summe der beiden Partner.

Die geistige Ebene


Taiji Taichi Qigong Archiv Geist

 

Die Quelle des Taiji

Durch Taiji werden wir zur lebendigen Verbindung von Himmel und Erde. Das heißt, zum Gefäß, das den Geist in sich trägt. Und das in einer Art und Weise, in der Handeln durch zulassen (wu wei) genausostattfinden kann wie disziplinierte Spontaneität (tzu jan).

 

Die Quelle des Taiji liegt nicht in einer Technik, in überragender Flexibilität, einem Bewegungsablauf oder einem Stil. Die Quelle liegt da, wo spontane Kreativität entstehen kann, ohne dass unsere Persönlichkeit oder unser Verstand dem im Weg stehen. Die Quelle ermöglicht es uns, dass jede Aktion entstehen kann, dass jede Bewegung entstehen kann.

 

Wie erreichen wir diese Quelle? Nun, sie ist da. Wir müssen sie nicht erreichen, wir müssen es zulassen, dass sie durch uns wirkt.
Auf der physischen Ebene können wir uns ihr öffnen, indem wir Blockaden abbauen, loslassen, entspannen, uns gut ernähren und ausreichen Schlaf haben.
Auf der physisch-energetischen Ebene erhöhen wir die Kapazität des Nervensystems, Energie aufzunehmen, quantitativ und qualitativ erhöhen. Das heißt, wir können dafür sorgen, dass es mehr Energie aufnehmen und halten kann, und dass es feinere, subtilere Energien aufnehmen und halten kann.
Auf der physisch-dynamischen Ebene erforschen wir unsere eingeengten Bewegungsmuster und erforschen ganz neue Bewegungen.
Auf der Persönlichkeitsebene können wir unsere eingeengten Handlungs- und Reaktionsmuster beobachten und damit bewusst machen, und somit die Grundlage für eine Veränderung jenseits des Automatismus schaffen. Ebenso arbeiten wir mit unseren
Glaubenssätzen.
Auf der Verstandesebene können wir unseren Verstand mit so viel gutem Futter füttern, dass er satt wird, und damit ruhig und zufrieden. Dann muss er sich nicht mehr dauernd dazwischen melden und seine Fragen stellen, wozu auch Kritik und Zweifel
gehören.
Auf der seelischen Ebene können wir uns mit unserem ureigenen Potenzial auseinandersetzen, mit unserer Bestimmung in dieser Welt.
Auf der spirituellen Ebene öffnen wir uns dem Universum.

 

All dies, und alle Kombinationen und Ergänzungen, die sich ergeben, können wir in unserer Taiji-Praxis erforschen. Wir setzen damit dem Taiji nichts auf, schwängern es nicht mit Bedeutung, sondern erforschen ganz einfach uns durch das Taiji, so wie sich
vermutlich Bewusstsein durch uns erforscht. Und ich glaube, dass das bei jedem großen Weg so ist - er ist da, damit wir uns entdecken.
Das wird natürlich nicht gelingen, wenn wir uns auf vorgefertigte Bewegungsabläufe beschränken. Wenn wir aber spontane Bewegungen mit einbeziehen, sowie Push Hands oder andere Formen der Interaktion wie Schwertsparring, und es wirklich ernst meinen, werden wir uns ganz von selbst mit all diesen Ebenen befassen. Ganz von alleine. Denn wir müssen zum Beispiel ganz klar einengende Muster auf allen Ebenen, also nicht nur der
körperlichen, sondern auch auf der Wahrnehmungsebene, der Ebene des Verstandes, der psychischen Ebene, wahrnehmen, wenn wir uns im Push Hands nicht dauernd selbst im Weg stehen wollen, und in die Fallen trampeln wollen, die wir, nur wir, uns selbst aufstellen.
Und Push Hands ist bekanntlich ein Spiegel für das Leben.

 

So wie sich unser Körper durch Taiji allmählich von einer Ansammlung isolierter Einzelteile wieder in ein harmonisches, dynamisches Ganzes wandelt, geschieht das mit allen unseren Ebenen, wenn wir dafür offen sind. Was wir geschenkt bekommen, ist unser ureigenes Taiji, die Weisheit des Universums, die durch uns klingt, wirkt und handelt, jenseits von Technik, von Stil, Tradition und Form.

Dankbarkeit

Dankbarkeit ist eine wesentliche, vielleicht die wesentliche, Kraft im Leben. Ich meine eine Dankbarkeit, die alle Ebenen durchdringt - die persönliche, die spirituelle, geistige, seelische, mentale, energetische, physische Ebene, einfach alle. Aus dieser Dankbarkeit erwächst dieses Gefühl, dass das eigene Leben auf eine ganz einmalige, einzigartige Weise sinnvoll ist, und dass es nicht getrennt, sondern auf eine ebenso einmalige Weise mit allem Leben verbunden ist. Diese Art von Dankbarkeit ist nicht primär kausal ("ich bin dankbar, weil ich etwas bekommen habe"), und nicht gerichtet (auf jemanden oder etwas), sondern feldförmig. Sie ist ein Seinszustand. Sie erlaubt es uns, anzunehmen, was kommt, und das Geschenk darin zu erhalten. Dankbarkeit entsteht nicht, weil das Leben einem etwas schenkt. Sie ist, und dadurch wird das Leben zum Geschenk.

 

Was hat nun ausgerechnet Dankbarkeit mit Taiji und Kampfkunst zu tun? Kampfkunst als Kunst der Begegnung, bringt die Prinzipien und Wirkkräfte des Geistes nicht nur in die Manifestation, sondern steuert direkt den Kern an, wo diese am meisten gebraucht werden - in potenziellen Konfliktsituationen. Es ist eine Sache, geistige Ideale auf dem Meditationskissen zu leben, im Fliessen einer vorgefertigten Taiji-Übung oder auch im Umfeld mit gleich- und wohlgesinnten Menschen. Eine andere Sache ist, diese Prinzipien dahin zu tragen und wirken zu lassen, wo sie nicht akzeptiert sind und ignoriert werden. Kampfkunst wirft sich also voll ins Geschehen. Sie bringt Licht und Bewusstsein dahin, wo diese am meisten benötigt werden.

 

Ab einem gewissen Grad hat Meisterschaft nicht mit Beherrschung von Techniken zu tun, nicht mit Präzision in der Bewegung oder mit Geschwindigkeit, sondern einzig und allein mit der Fähigkeit, Gefäss zu sein für die geistigen, universalen Prinzipien. Meisterschaft wird zum Dienen. Ein Weg dazu ist das Kultivieren der oben beschriebenen Dankbarkeit.

Essenz I

Taiji ist ein Weg
um Energie zu verstehen.
Der Körper ist ein Werkzeug
um ganz zu werden.
Mit und
durch deinen Körper
lernst du,
wie das Universum funktioniert.

 

Die Komplexität des Universums
basiert auf ganz einfachen Prinzipien.
Darum ist Taiji immer einfach.

 

Taiji ist ein Weg zur Vollständigkeit.
Der Weg zur Vollständigkeit
vollzieht sich in der Zurücknahme.
Diese Zurücknahme ist Ausdruck eines
äusserst subtilen inneren Prozesses.

 

Stehe wie ein Baum,
bewege dich wie eine Welle.

 

Subtile Bewegung führt
zu subtiler Wahrnehmung.
Subtile Wahrnehmung führt
zu subtilem Bewusstsein.

 

Empfangen ist das Wesen des Sinns.
Geben ist das Wirken des Sinns.

 

Wenn Wasser um einen Stein fliesst,
reagiert es nicht.
Es fliesst einfach.
Der Stein und das Wasser
sind nicht dasselbe,
aber sie sind eins.

Essenz II

Der Fluss flüsterte leise:


Dein gesamtes Nervensystem reagiert die ganze Zeit auf alles was es wahrnimmt. Also ist ein Weg, bewusst mit dem, was in der äusseren Welt vor sich geht umzugehen, zu ‚hören', zu fühlen, was das Nervensystem macht.
Das Nervensystem breitet sich über den ganzen Körper aus und verbindet sich mit jeder einzelnen Zelle. Also ist ein Weg um wahrzunehmen was innen und aussen geschieht, den Körper wahrzunehmen. Die Reaktion jeder einzelnen Zelle des Körpers.
Je mehr wir dieses Bewusstsein verfeinern, desto mehr intuitive Information bekommen wir durch unseren Körper. Also ist ein Weg zu einer höheren, klareren Wahrnehmung, sich mit jeder Zelle des Körpers zu verbinden und zu hören, was sie alle zu sagen haben.

 

Worum geht es bei all diesen Bewegungen überhaupt? Es geht um Bewusstsein. Es geht darum, zentriert und geerdet zu sein, verbunden zu sein mit Himmel und Erde. Es geht darum, eine lebendige Verbindung zwischen Himmel und Erde zu sein. Es geht nicht um dich, auch wenn du das meinst; es geht um Bewusstsein.
Das zweite ist die Klarheit der Wahrnehmung. All dieses Bewegen geht um Klarheit der Wahrnehmung. Der Körper ist der Weg zur Ganzheit.

 

Nimm Menschen, Energie, Natur, das Universum mit deinem Körper, nicht nur mit deinem Auge oder dem Intellekt oder Wissen wahr, lies mit dem ganzen Körper. Die Intuition des Körpers.
Klarheit hat mit dem Bewusstsein zu tun, wie du wahrnimmst. Und dieses Bewusstein ist Körperbewusstsein. Klarheit der Wahrnehmung heisst die Ganzheit wahrzunehmen. Du nimmst Ganzheit mit deiner Ganzheit wahr, mit deinem ganzen Sein, mit deinem ganzen Körper. Das heisst eine klare Wahrnehmung zu haben.

 

Du kannst nur zentriert und geerdet sein, wenn du einen Weg findest, deinen Körper zu zentrieren und zu erden. Und du bist hier, um zu zentrieren und zu erden. Darum bist du in deinem Körper. Der Körper ist sehr wichtig, um zu tun und zu sein, wozu du hier bist.

 

Klarheit der Wahrnehmung heisst auch, Klarheit über deine Absichten zu haben.
Was ist deine Absicht?
Du wirst erfolgreich sein, wenn du dich nicht mehr einschränkst, wie du es dein ganzes Leben getan hast. Schränke dich selbst nicht mehr ein.

 

Gibt es einen Weg, ohne eine Form, ein vorgegebenes Gefäss, zu lehren und zu lernen?
Die anderen werden dich sowieso imitieren. Imitieren ist ein Weg des Lernens.
Menschen brauchen Formen, brauchen Rituale, um zu lernen. Formen sind wichtig, um den Weg lebendig zu erhalten.
Wir brauchen das Gefäss, um die Wahrheit zu tragen. Wenn du einmal vollständig integriert hast, was du in der Form gelernt hattest, wirst du die Form nicht mehr brauchen.
Aber das ist ein Prozess.
Zuerst brauchst du das Gefäss. Dann füllst du es mit Essenz.
Und später bist du die Essenz, und das Gefäss wird nicht mehr gebraucht.
Aber du kannst dich nicht beeilen und versuchen, über diese Stadien hinweg zu springen.

 

Wie in Leben und Sterben: Du kommst in die Welt, manifestierst ein Gefäss, den Körper. Wenn der Körper geformt ist - und natürlich auch schon während der Formung - füllst du ihn mit Erfahrungen, mit Bewusstsein. Und wenn du stirbst, lässt du das Gefäss zurück und du bist ein reicherer Geist als vorher. Du brauchst das Gefäss des Körpers, um gewisse Dinge zu erfahren, die für dein Wachstum wichtig sind. Aber du wirst dieses Gefäss nicht immer brauchen.

 

Es wird eine Zeit des Formlosen kommen, die sich durch die Form entfaltet.
Solange du dich nicht auf eine Form beschränkst, auf eine Definition, wirst du früher oder später diese Formlosigkeit erfahren.


Du wirst ohne Form sein,
nur Bewusstsein.

 

Wahrheit hat keine Form,
denn Wahrheit ist.
Wahrheit hat jede Form,
denn Wahrheit ist.

 

Form hat keine Form.
Das Formlose hat Form.

 

Vielleicht ist die Taiji-Form
deine Wahrheit.
Falls sie es ist, ist sie keine Form –
sie ist du.

 

Vielleicht ist die Taiji-Form
nicht deine Wahrheit.
Falls sie es nicht ist –
lebe keine Lüge.


Finde deine eigene Wahrheit.
Finde deine eigene Form.

 

Wir suchen Wachstum,
nicht Antworten.

Das Wesen innerer Kampfkunst

Innere Kampfkunst basiert auf den Prinzipien


der Verwurzelung (im Boden, im Leben)
der Energie
und der Wahrnehmung.


Verwurzelung (rooting) ist die Voraussetzung, um Konflikten richtig begegnen zu können.
Energie ist die Voraussetzung, um ankommende Energie (ein Anliegen, eine verbale Attacke, ein körperlicher Angriff) ab- oder umleiten zu können.
Wahrnehmung ist die Voraussetzung, um mit dem Konflikt richtig umgehen zu können. Wahrnehmung bedeutet Fremd- und Selbstwahrnehmung.

 

Durch innere Kampfkunst unser gesamtes Sein fest verwurzelt.
Der Geist im Körper, der Körper in der Erde, die Gesamtheit im Leben.
Deshalb bauen wir in der Inneren Kampfkunst innere Energie auf, speichern sie, und lernen, sie mit der Intention beliebig zu lenken.
Deshalb üben wir in der inneren Kampfkunst die Fremd- und Selbstwahrnehmung auf verschiedenen Ebenen - der persönlichen, der körperlichen, der energetischen, der intentionalen.

 

Dass innere Kampfkunst nicht nur etwas ist, mit dem sich Budo- Fans befassen, wird also klar: Innere Kampfkunst ist ein Weg, der sich damit befasst, aus uns eigenständige, zentrierte, beziehungsfähige Wesen zu machen, die den Alltag als Kunst Leben.

haQi – Gesundheit!


Taiji Taichi Qigong Archiv Gesundheit

 

Heilende Effekte

Taiji

entspannt
baut Stress ab
vitalisiert
dynamisiert
beruhigt
gleicht aus
kräftigt
regt den Kreislauf an
mobilisiert Energie
beugt Burnout vor
nährt
baut einen Energievorrat auf
hilft bei Rekonvaleszenz


Empirisch bewiesene Heileffekte von Taiji und Qigong


Atmungssystem: Niedrigere Atemfrequenz, verbesserter Gasaustausch, bedeutender positiver Einfluss auf Asthma und Bronchitis.

 

Immunsystem: Mehr aktive Immunzellen, bessere Immunreaktionen gegen Antigene, wirkungsvoller Antikrebs-Effekt.

 

Bewegungsapparat: Verbessert Kraft, Beweglichkeit, Knochendichte, Koordination, nützlich bei Arthritis und Osteoporose.

 

Lebenserwartung: Verbessert: Blutdruck, Vitalkapazität, Cholesterin- und Hormonspiegel, Nierenfunktion, Hirnleistung, Sehkraft und Gehör, Hautelastizität, Knochendichte, Immunfunktion. Steigert die Körperkraft und Libido. Deaktiviert schädliche freie Radikale.

 

Kreislauf: Verbesserte Mikrozirkulation und periphere Zirkulation; verhindert Gefässkrämpfe: sehr hilfreich bei Raynaudscher Krankheit (Störung der Blutversorgung in Händen und Füssen), Angina pectoris, Migräne.

 

Verdauung: Massiert innere Organe, verbessert die Peristaltik und den Appetit, weniger pathogene Keime im Kot (gesündere Mikroflora). Positive Wirkung auf Geschwüre und Verstopfung.

 

Gehirn: Langsame Gehirnwellen mit grosser Amplitude, bessere Blutversorgung des Gehirns, weniger Gehirnschläge, hilfreich bei Lähmungen und Anfallsleiden.

 

Geistige Gesundheit: Abnahme: Stressempfänglichkeit, Angstzustände, Zwangsneurosen, Depression. Stärkung: Gedächtnis, Konzentration, zwischenmenschliche Sensibilität.

 

Kardiovaskuläres System: Niedrigere Herzfrequenz in Ruhestellung; normaleres EKG; grössere Leistungsfähigkeit des Herzens; stabilisierter Blutdruck; weniger LDL ("schlechtes Cholesterin"), mehr HDL ("gutes Cholesterin").

Heilende Kampfkunst

Medizinisches Qigong wird gezielt eingesetzt, um viele Krankheiten erfolgreich heilen und noch mehr vorbeugen zu können. Ich bin jedoch der Meinung, dass Gesundheit sich nicht nur auf die körperliche Verfassung bezieht, und auch nicht nur auf Körper und Geist, sondern auf Körper, Mensch und Geist.

 

Kampfkunst heisst die Kunst, miteinander in Beziehung zu treten und liebevoll miteinander umzugehen. Es ist die Kunst, Harmonie zu schaffen (und nicht etwa die Kunst zu kämpfen, das ist nur ein weit verbreiteter Irrtum). Kampfkunst gleicht Energien im Aussen aus, so wie Qigong Energien im Inneren ausgleicht.

 

Wenn wir uns vorstellen, dass eine Krankheit nicht 'plötzlich Auftritt', man von ihr 'heimgesucht wird', sondern dass sie in subtilen Bereichen des Geistes und der Psyche startet und sich dann allmählich so sehr verdichtet, bis ein körperliches Symptom daraus wird (was übrigens nicht meine Idee ist, sondern eine weit verbreitete Erfahrung), dann ist auch klar, wo viele Krankheiten ihren Ursprung haben: aus dem Konflikt mit den Mitmenschen. Wir sind Wesen, die sich in und durch Beziehungen entwickeln, und viele Krankheiten entstehen aus gestörten Beziehungs- und Interaktionsmustern.
Deshalb heisst Heilung nicht nur die Beseitigung der körperlichen Manifestation der Krankheit, sondern auch die Lösung krankmachender Beziehungsmuster. Und genau damit befasst sich die innere Kampfkunst!

 

Kampfkunst befasst sich also mit dem Kern der Heilung.

Taiji und Qigong: Unterschiede und Gemeinsamkeiten

äussere Unterschiede
Taiji: komplexe Bewegungen
Qigong: einfache, sich wiederholende Bewegungen (äusseres Qigong) oder gar keine äussere Bewegung (inneres Qigong)


innere Unterschiede
Taiji ist in seiner ganzen Einfachheit auch sehr vielschichtig und komplex, und so ist auch seine Wirkung sehr breit gefächert. Qigong ist seinem Wesen nach repetitiv (oder nur innerlich, ohne äussere Bewegung), und seine Wirkung daher spezifischer. So wird Medizinisches Qigong zum Beispiel gezielt eingesetzt, um zum Beispiel die Nieren mit Qi zu nähren oder die Leber zu reinigen.

 

philosophische Unterschiede
Grundlage von Taiji und Qigong ist die daoistische Philosophie, die das Wesen und die Wirkung des Dao, der Urkraft, untersucht.
Qigong ist ein Gesundheitssystem, das den Menschen in die Natur (oder das Universum) einbettet und ihm dadurch ermöglicht, seine Gesundheit zu erhalten und seine Lebensqualität zu steigern. Es untersucht die Wirkungsweise des Dao und des Qi auf den menschlichen Körper-Geist komplex. Es wird darin sehr spezifisch, so dass zum Beispiel die energetischen Zusammenhänge und Eigenschaften von Organen erkannt werden.

Taiji ist nicht so sehr spezifisch im medizinischen Sinne, untersucht aber zusätzlich genau die Wirkungsweise und Kraft des Dao im Zusammenspiel zweier oder mehrerer Menschen, befasst sich also eingehend mit der Interaktion.

 

Gemeinsamkeiten
Wenn wir 'Qigong' übersetzen, heisst es 'Arbeit mit' oder 'Kultivierung der' (gong) 'inneren Energie' (qi). Was ist Taiji anderes als Arbeit mit der inneren Energie? Sogar in einem Austausch wie im Push Hands arbeiten wir nur mit innerer Energie, mit der unseren und der unseres Partners. Diese Gemeinsamkeit wird nur sehr gerne übersehen, wenn Taiji nicht richtig praktiziert wird.


Taiji und Qigong zur Gesundheitsförderung und Heilung

Medizinisches Qigong wird gezielt eingesetzt, um viele Krankheiten erfolgreich heilen und noch mehr vorbeugen zu können. Ich bin jedoch der Meinung, dass Gesundheit sich nicht nur auf die körperliche Verfassung bezieht, und auch nicht nur auf Körper und Geist, sondern auf Körper, Mensch und Geist.

 

Kampfkunst heisst die Kunst, miteinander in Beziehung zu treten und liebevoll miteinander umzugehen. Wenn wir uns vorstellen, dass eine Krankheit nicht 'plötzlich Auftritt', man von ihr 'heimgesucht wird', sondern dass sie in subtilen Bereichen des Geistes und der Psyche startet und sich dann allmählich so sehr verdichtet, bis ein körperliches Symptom daraus wird, dann ist auch klar, wo viele Krankheiten ihren Ursprung haben: aus dem Konflikt mit den Mitmenschen. Wir sind Wesen, die sich durch Beziehungen entwickeln, und viele Krankheiten entstehen aus gestörten Beziehungs- und Interaktionsmustern.
Deshalb heisst Heilung nicht nur die Beseitigung der körperlichen Manifestation der Krankheit, sondern auch die Lösung krankmachender Beziehungsmuster.

 

wie sich Qigong auf Taiji auswirkt
Qi-Entwicklung ist einfacher, wenn der Fokus nicht zu sehr auf die äussere Hülle gelegt werden muss, wie das beim Erlernen einer langen Taiji-Form fast notgedrungen der Fall ist. Deshalb wird Qi durch weniger komplexe Qigong-Übungen kultiviert, bei denen es leichter fällt, das Empfinden nach innen zu lenken.
Eine Taiji-Form ist Ausdruck innerer Qi-Bewegung. Je mehr Qi vorhanden ist, desto stimmiger und sinnvoller wird die Form, und desto mehr entwickelt sie sich von innen nach aussen, statt einfach von aussen aufgesetzt zu werden.
Ein höherer Qi-Level schärft die Wahrnehmung, das Bewusstsein und die Körper-Geist-Intuition. Dadurch wird eine Form viel schneller und ganzheitlicher gelernt, da die Bewegung nicht mit einer Fixierung auf den visuellen Eindruck und dessen mentaler Verarbeitung erlernt werden muss, sondern eine weit grössere Bandbreite an Wahrnehmungsorganen zur Verfügung steht.


wie sich Taiji auf Qigong auswirkt
Da die Wirkung des Taiji breiter gefächert ist, bereitet es das gesamte Energiesystem auf umfassende Weise auf spezifischere Qigong-Übungen vor.
Da Taiji sich gezielt mit der Ausbreitung von Energie und Bewegung durch den gesamten Körper befasst, schärft es das (Körper-)Bewusstsein - was eine schnellere Qi-Entwicklung bei Qigong-Übungen zur Folge hat.
Das Verständnis von heilender Interaktion, das wir durch Taiji erlangen, vertieft die Qigong-Wirkung, da wir dadurch in eine tiefere heilende Beziehung zu uns selbst treten können.

Burnout - Prävention und Heilung

1. Burnout ist das Endstadium eines langen Prozesses
Symptome dieses Prozesses sind: Angespanntheit, Nervosität, Schlaf- losigkeit, Müdigkeit, Gereiztheit, (Über-)Empfindlichkeit, Kontakt- schwierigkeiten, Lustlosigkeit und so weiter. Kurz gesagt - die Lebensenergie und Lebensfreude schwindet.

 

Dieses Schwinden der Lebensenergie ist auch ein körperlicher Prozess und daher körperlich erlebbar. Wir haben einen Grundvorrat an Energie, der sich immer wieder erneuert, so wie ein Boiler heisses Wasser bereitstellt und immer wieder neues Wasser aufheizt. Wenn wir nun mehr Energie verbrauchen als wir metabolisieren können, wird zuerst diese Grundenergie aufgebraucht. Danach muss die Energie aus anderen Bereichen abgezapft werden. Zellenergie des Körpers wird abgesaugt und für unsere Hyperaktivität verwendet. Dieses Abzapfen von Zellenergie macht sich bemerkbar als ‚Leere', Schwäche, Zittern usw. Wenn wir spüren, dass sich unser Körper leert, ist das ein Alarmzeichen. Nicht nur die Wahrnehmung nach aussen, sondern vor allem auch die Körperwahrnehmung ist daher essentiell, um Burnout rechtzeitig vorzubeugen. Es gibt auch andere Faktoren, die jemanden gereizt, empfindlich oder lustlos erscheinen lassen. Die Körperwahrnehmung jedoch ist eindeutig.


2. Burnout entsteht dadurch, dass mehr Energie verbraucht wird als vorhanden ist. Es gibt daher grundsätzlich zwei Möglichkeiten, Burnout vorzubeugen.

 

1. Man verbraucht weniger Energie, indem man einerseits sich (die Tätigkeiten, die Aktivitäten) beschränkt, andererseits dafür sorgt, dass nicht unnötige Energie verbraucht wird.

 

Vielleicht ist man ganz einfach zu aktiv oder setzt die Energie für Unnötiges ein. Da müssen lediglich Prioritäten gesetzt werden.
Andererseits kann es sein, dass das Schwinden der Energie nicht mit der Menge der Aktivitäten zu tun hat, sondern damit, was im Alltag mit uns passiert. Vielleicht haben wir einen Beruf, der uns viel mit Menschen zusammenbringt, die uns brauchen (Lehrer, Therapeuten, Ärzte). Wir werden eventuell ausgesaugt oder mit Problemen belastet. Probleme, die wir von aussen aufnehmen sind dicke, träge, schlammige, massige Energien, die wir in unseren Körper nehmen. Um diese Energie wieder aus unserem System herauschwemmen, benötigen wir viel von unserem eigenen Energievorrat. Hier ist also die Massnahme, es gar nicht so weit kommen zu lassen. Man muss sich energetisch schützen gegen die Fremdenergien. Das ist der Punkt, wo eine nach unten ziehende Spirale eintreten kann: Ich kann mich nur schützen, wenn ich genügend Energie habe. Je weniger Energie ich habe, desto wichtiger ist es, mich zu schützen. Je weniger Energie ich habe, desto schwieriger ist es, mich zu schützen...

 

2. Man schafft sich einen grösseren Energievorrat an. Viele Faktoren sind an unserer Energiemenge beteiligt - genügend Schlaf, viel Bewegung und gesunde Ernährung sind sicher die grundlegendsten. Sie sind essentiell und bei Mangel relativ leicht zu korrigieren, solange wir uns erlauben, von alten Gewohnheiten Abstand zu nehmen.

 

Daneben gibt es noch die aktive Energiebeschaffung, in der gezielt Energie aufgebaut wird. Taiji und Qigong sind dazu wohl die geeignetsten Mittel. Diese Methoden bauen Energie auf und sammeln sie in unserem ‚Boiler'. Ausserdem lernen wir, mit Energie von aussen sinnvoll umzugehen.


Heilung

1. Übernehmen Sie die Verantwortung für sich selbst.
Niemand anders ist Schuld an Ihrem Burnout. Sie haben die volle Verantwortung für sich selbst. Sowohl für das was geschah, als auch für das, was Sie daraus machen. Kommen Sie aus der Opferrolle heraus, denn die wird sie nicht heilen.

 

2. Bauen Sie Energie auf der zellulären Ebene auf.
Dazu gehören Bewegung, Schlaf, Ernährung, Qigong, Taiji, Natur.

 

3. Legen Sie sich wieder einen Energievorrat an.
Lassen Sie sich wirklich genug Zeit, um einen Energievorrat aufzubauen, der Schwankungen im Energieverbrauch mühelos auffangen kann.

 

4. Schaffen Sie sich gesunde Umstände.
Vielleicht müssen Sie Ihr Leben ändern - einen Beruf aufgeben oder das Pensum reduzieren, oder die Ehrenämter in den Vereinen.... Machen Sie denselben Fehler nicht zweimal. Bauen Sie nicht Energie auf, um nachher noch mehr zu verbrauchen!

Findenswertes


Taiji Taichi Qigong Archiv Findenswertes

 

Ebenen, Bereiche, Qualitäten und Perspektiven

Im Taiji geht es, jedenfalls so wie ich es unterrichte, um drei Ebenen: Die körperliche Ebene, die energetische und die intentionale. Die drei Ebenen zeigen sich in zwei Bereichen: Im Bereich des ICH und im Bereich des WIR. Der Bereich des ICH umfasst alles, was ich alleine tue: Qigong- und IET-Übungen, Taiji-Formen. Der Bereich des WIR umfasst alles, was ich im Austausch tue, im Kampfkunst-Aspekt des Taiji also, den wir vor allem durch Push Hands üben.
Grundlage für jedes Lernen, jede Wahrnehmung, jede Empfindung sind die zwei Qualitäten Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Sie sind der Yang- und der Yin-Aspekt von Bewusstsein. Natürlich werden Aufmerksamkeit und Achtsamkeit auch erst durch die Beschäftigung mit den Ebenen und Bereichen geschult, da ohnehin immer eine Wechselwirkung zwischen all diesen Teilaspekten, die in Wahrheit ein Ganzes sind, besteht.
Aufmerksamkeit und Achtsamkeit werden dabei zuerst getrennt geschult, um sie dann zusammen zu bringen. Der Zustand von gleichzeitiger, gesteigerter Aufmerksamkeit und Achtsamkeit ist ein Zustand der Inspiration, der Kreativität und der stillen Ekstase, wie sie Künstler erfahren, wenn sie sich voll ihrem Prozess widmen. Daher auch der Name Kampfkunst. Nicht etwa, weil Taiji schwer zu erlernen wäre, sondern weil es Ausdruck eines Zustandes ist, der sich als kreative Inspiration beschreiben lässt (schon hier wird der Gegensatz zum «Form machen» deutlich).

 

Die körperliche Ebene beleuchtet Aspekte wie Struktur, Entspannung, Atmung, die sechs Koordinaten, entspannte Dynamik und so weiter. Vermittelt wird sie durch Übungen des IET, Formen und Push Hands.

 

Die energetische Ebene beleuchtet Aspekte wie Aufbau und Umfassen von Energie, Energie zirkulieren lassen, (mit) Energie hören oder Energie projizieren (Qi, nicht die Psyche). Der erste Schritt in der Vermittlung ist die Wahrnehmung bzw. das Empfinden der Energie. Hier ist das Energiefeldtraining von grosser Hilfe, da es Energien im Körper und im Energiefeld freisetzt, die eine jeweils sehr eigene und damit leicht wahrnehmbare, fassbare, empfindbare Qualität haben. Zudem sind diese Energien meist bereits in grosser Menge in unserem Energiesystem vorhanden, sind jedoch abgekapselt. Wir müssen diese «Kapseln» nur öffnen. Dabei stossen wir nicht nur auf einen grossen, schier unerschöpflichen Energievorrat, sondern auch auf neue Aspekte unseres Selbst. Wir müssen auch nicht zuerst Energie aufbauen, weil sie bereits da ist.
Der zweite Schritt ist dann das bewusste Einsetzen oder Lenken von Energie. Wieder, das geschieht im Bereich des ICH als auch durch Push Hands.

 

Die intentionale Ebene wird fast überall missverstanden. Es ist zwar so, dass Energie durch unsere Absicht gelenkt wird, doch ist Absicht selbst ein Teil der energetischen Ebene. Ich unterscheide die Absicht des Willens und der Persönlichkeit von einer umfassenderen, tieferen Absicht (der Seele, wenn man so will), und nenne dies die Intention. Die Intention drückt sich zwar im Tun aus, ist aber ein Seinszustand, aus dem das Tao entspringt, aus dem authentische Kreativität empor strömt. Die intentionale Ebene beleuchtet schlussendlich Aspekte des ureigenen Potenzials und der Lebensaufgabe und zeigt sich in effektivem, klarem und kraftvollem Handeln und Sein (was in der Taiji-Praxis im Push Hands deutlich sichtbar wird). Vermittelt wird die intentionale Ebene durch bestimmte IET-Übungen und durch direkte Resonanz.
Um diese Ebene zu erreichen, ist es wichtig, bereits auf der körperlichen und energetischen Ebene genügend Vorarbeit gemacht zu haben, da der Prozess sonst bereits bei körperlichen oder energetischen (d.h. in diesem Fall psychischen) Blockaden endet.

 

Die Wirkungen der Arbeit mit den Ebenen, Bereichen und Qualitäten sind mannigfaltig: Körperliche Gesundheit, energetische Vitalität und geistige Klarheit sind nur die Oberbegriffe dafür.

 

Nun gibt es aber auch noch die Perspektiven. Die Perspektiven sind Selbst, Natur und Kultur. Alles, was ich oben beschrieben habe, geschieht aus der Perspektive des Selbst: Ich befasse mich mit mir oder im Push Hands mit uns (also mit mir und einem anderen Selbst). Um das zu verdeutlichen: Die beschriebene Arbeit kann theoretisch in einem von den anderen Menschen und von der Natur abgeschnittenen Bunker geschehen.

 

Wenn wir Taiji tatsächlich in uns verankern wollen, statt nur eine exotische Form zu «praktizieren», dann müssen wir es in unserer Natur und vor allem in unserer Kultur verankern. Der beste Weg dazu ist, es im bereits Vorhandenen zu finden.

 

Treten wir aber aus dem Bunker (oder dem Dojo) heraus, fügen wir unweigerlich eine Perspektive hinzu: entweder die der Kultur, wenn wir in einer Stadt, einem Dorf sind, oder die der Natur, wenn die Bunkertüre in die Natur führt. Jeder, der in der Natur bereits Taiji gemacht hat, weiss, dass sofort eine neue Qualität ins Spiel kommt. Das liegt an der neuen Perspektive, die sich eröffnet.
In den Kursen in Korsika machen wir zwar sehr viel Integrale Bewegung, lassen uns dabei aber sehr stark von der Natur inspirieren. Die Natur ist in den Korsika-Kursen unser Lehrer. Sie spielt die Hauptrolle. Meine Rolle als Kursleiter ist mehr die eines Vermittlers und Dolmetschers, bis die Teilnehmer die Bewegungs-Sprache der Natur selber verstehen. Wir sind so viel in der Natur, dass wir zu Natur werden.

 

Bleibt uns die Kultur. Es gibt viele Reiseveranstalter, die Taiji-Reisen nach China anbieten. Da mein Ansatz ein anderer ist, habe ich ein anderes Angebot. Taiji ist für mich nicht eine chinesische Kunst, nichts Exotisches, nichts Fremdes, wie es die chinesische Kultur, Mentalität und Sprache doch den meisten Westlern ist. Das einzig Chinesische sind die überlieferten Formen (welche in meiner Praxis einen kleinen Teil einnehmen). Alles andere ist unser Körper, unsere Energie, unser Wesen.
Daher reise ich nicht mit Interessierten nach China, um dort Lehrer zu treffen und Taiji zu üben, sondern nach Assisi, in die Tiefen unserer Kultur. Und zwar, ohne Taiji zu machen (abgesehen vom fakultativen Qigong bei der Burg mit Blick hinunter auf das Städtchen am frühen Morgen). In Assisi lebte der heilige Franz, der zugegebenermassen seinen Körper nach guter christlicher Tradition nicht kultivierte und daher auch früh verstarb. Er war jedoch eine naturverbundene, inspirierende, einmalige Persönlichkeit, der unsere Welt mehr geprägt hat, als es sich heute vielleicht erahnen lässt. Vor allem aber hat er (ohne sein Zutun, «wu wei» sozusagen) kulturelle Spuren hinterlassen, die, vermutlich unbeabsichtigt, die drei Ebenen Körper, Energie und Intention als begehbare Monumente Assisi prägen. Meines Wissens steht in Assisi die einzige dreistöckige Kirche, die diese drei Ebenen so deutlich illustriert wie ein Bilderbuch. Wenn wir mit der richtigen Einstellung – im richtigen Zustand – durch diese Kirche wandeln, durchwandern wir uns selbst auf allen Ebenen. Das, was wir im Taiji üben und kultivieren, finden wir in Assisi als ein Gebäude aus Stein.
In Assisi finden wir zudem verschiedene Kraftplätze, die uns die eine oder andere Ebene deutlich spüren lassen.
Assisi hat also nicht direkt mit Taiji zu tun, wenn wir darunter verstehen, einen bestimmten Formablauf zu machen. Es hat aber um so mehr mit Taiji zu tun, wenn wir realisieren, dass Taiji mehr ist als Form, und wenn wir in diesen Ort hinein entspannen, als wäre es unser eigener Körper, wenn wir ihn durchwandern, als wäre er unser eigenes Wesen.

Elastische Kraft

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass Spitzensportler zwar trainiert sind, jedoch kaum je so viele Muskeln mit sich herum schleppen wie Bodybuilder? Und: Haben Sie schon mal einen Bodybuilder Golf spielen sehen? Oder Tennis? Oder beobachtet, wie er sich im Alltag bewegt? Dann wissen Sie vielleicht, dass er es kaum besser macht als sein schlankerer Gegenspieler - im Gegenteil.

 

Trotzdem denken wir, wenn wir das Wort «Kraft» hören oder lesen, fast unweigerlich an Muskelmasse. Doch was Muskelmänner und -frauen vor allem können, ist, Gewichte langsam in eindimensionalen Bewegungen (nach oben/ unten, nach aussen/ innen, vorwärts/ zurück) zu bewegen. Die eindimensionalen Bewegungen sind dazu da, den Muskel möglichst isoliert zu bewegen und damit zu trainieren. Die Isolation hat nicht nur den positiven Effekt des grösstmöglichen Muskelwachstums, sondern auch die negativen Effekte fehlender Koordination (so genannte intermuskuläre Koordination, wie sie beim Golf oder Tennis spielen und in jeder alltäglichen Bewegung wichtig ist) und der Verkürzung der Muskeln. Vielleicht haben Sie auch schon Muskelmänner gesehen, die zu einem Buckel neigen. Sie haben ihre vorderen Rumpfmuskeln so sehr trainiert, dass ihre Schultern nach vorne und unten gezogen werden. Auch das Phänomen des flachen Rückens ist bekannt. Es fehlt die natürliche Krümmung der Wirbelsäule, weil das Becken von den verkürzten hinteren Oberschenkelmuskeln nach unten gezogen wird. (Das hat nichts mit dem Fallenlassen des Beckens im Taiji zu tun, welches durch Entspannung und Flexibilität geschieht).

 

Wenn wir also von "Kraft" sprechen, müssen wir uns zuerst einmal von der Vorstellung lösen, sie habe direkt etwas mit Muskelmasse zu tun.
Vielmehr kommt Kraft auf mindestens drei Ebenen vor: Auf der körperlichen, der energetischen und der intentionalen Ebene. Auf jeder Ebene gibt es einen Yin- und einen Yang-Aspekt der Kraft. Hier besprechen wir nun die Kraft auf der körperlichen Ebene.

 

Yang-Kraft auf der körperlichen Ebene ist Muskelmasse. Es ist nichts gegen Muskelmasse einzuwenden, im Gegenteil. Muskeln stützen das Skelett und fördern die Durchblutung, z.B. den Rückfluss aus Armen und Beinen zum Herzen. Muskeln geben uns «aktive Masse» (im Gegensatz zu «passiver Masse», dem Fett), welche uns hilft, uns zu erden und auf dem Boden zu bleiben. Übermässiges Yang jedoch ist hart, staksig, unkoordiniert, unflexibel, holzig, wir Schweizer würden sagen «chlobig». Übermässiges Yang stützt das Skelett nicht, sondern strapaziert es. Es richtet das Skelett nicht auf, sondern zieht es zusammen.

 

Yin-Kraft auf der körperlichen Ebene ist elastische Kraft (wobei auch hier wieder ein Yin- und ein Yang-Aspekt vorliegt. Der Yin-Aspekt wird durch IET geübt, der Yang-Aspekt zum Beispiel durch Plyometrics). Die Grundelemente der elastischen Kraft sind Koordination und Entspannung. Schlussendlich können wir diese beiden Elemente auf Entspannung reduzieren, da Koordination die Folge der Entspannung ist. Doch müssen wir dabei von einer «dynamischen Entspannung» reden, denn im Bett liegend oder auf dem Meditationskissen sitzend, werden Sie nie elastische Kraft entwickeln.
Was ist also elastische Kraft? Es ist Explosivkraft oder Schnellkraft, wobei schnell eher im Sinn von dem Verb «schnellen» als von Geschwindigkeit zu verstehen ist. Wenn falls - wir als Kinder draussen spielen, entwickelt sie sich ganz natürlich. Sie zeigt sich als plötzliche Geschwindigkeit, Reaktion und Koordination. Schnell hinter dem Baum verstecken, die Mauer hoch- und runterspringen, wegrennen, sich ducken… Nehmen wir an, wir haben diese Art der Kraft (in Differenzierung zu Muskelmasse oder Ausdauer) als Kinder entwickelt. Die Chance ist gross, dass wir sie am Ende unserer Schulzeit bereits wieder verloren haben. Spätestens ab 40 geht sie endgültig dahin, wenn wir sie nicht trainieren. Stellen Sie sich einen Fünfjährigen vor, der hinfällt, und einen Achtzigjährigen, dann wissen Sie, was ich meine.

 

Elastische Kraft entsteht durch Speichern und Abgabe von Energie. Da wir uns im Moment auf der körperlichen Ebene befinden, von kinetischer Energie oder Bewegungsenergie. Speichern nennen wir geläufig «Schwung holen, Anlauf holen, ausholen». Wir verdrehen auf irgendeine Weise den Körper, spannen dadfurch das Bindegewebe, lassen die Spannung dann schnell los wie eine Schleuder und setzen damit die gespeicherte Kraft frei.
Der erste entscheidende Punkt ist, dass die Kraft durch das Loslassen freigesetzt wird, und zwar explosiv und koordiniert.
Der zweite entscheidende Punkt ist, dass das Speichern von Energie, das heisst die Anspannung, möglichst entspannt geschieht. Um das zu verdeutlichen, hilft ein extrem vereinfachtes Beispiel: Sagen wir, ich muss einen Kraftaufwand von 40 Kilo aufbringen. Wenn ich einen Muskel dafür einsetze, muss er 40 Kilo leisten. Die Chance, dass er dabei entspannt ist, benennen wir mit dem Wert 1. Wenn ich für die 40 Kilo 2 Muskeln aufbringe, muss jeder Muskeln 20 Kilo leisten, der Entspannungsgrad erhöht sich auf 2. Und so weiter: 4 Muskeln - 10 Kilo Leistung pro Muskel - Entspannungsgrad 4. … 32 Muskeln - 1,25 Kilo Leistung pro Muskel - Entspannungsgrad 32.


Je mehr Muskeln an einer Bewegung beteiligt sind, desto weniger muss der einzelne Muskel also leisten, und desto entspannter kann er bzw. das ihn umgebende Bindegewebe arbeiten. Diese Entspannung ist wichtig, damit sich die natürliche Koordination geschehen kann, wenn sich die Bewegung von den grossen Muskeln (welche sich unten, in den Beinen, und innen, im Rumpf, befinden) zu den kleineren Muskeln an der Peripherie ausdehnt. Und hier kommen wir zum dritten entscheidenden Punkt: Damit sich die Bewegung von unten nach oben und von innen nach aussen ausdehnen kann, brauchen wir ein stabiles Zentrum. Wir müssen also entspannt zentrieren und zentriert entspannen.


In der Taiji-Literatur wird die elastische Kraft oft nicht von energetischer und intentionaler Kraft differenziert, und alles wird Qi bzw. Fa Jing genannt. Etwas unbeholfen und auch naiv kommt dann Qi oder Jing «nicht von den Muskeln, sondern eher von den Sehnen».

Energetische Kraft

Wenn ein Baby Ihren Finger mit seiner Hand umschliesst, ist es um Sie geschehen. Doch früher oder später wollen Sie Ihren Finger wiederhaben - kein leichtes Unterfangen.

 

Es ist nicht einfach, sich aus dem Griff eines Babys zu lösen. Warum ist das so? Der Griff des Babys ist entspannt. Gezwungenermassen, denn es hat gar noch keine Kraft aufgebaut und kann keine Kraft mobilisieren. Also schliesst sich seine Hand ganz locker. Die Hand ist weich und sanft. Das ist die physische Ebene. Auf der energetischen sieht es genauso aus: die Energie ist weich und sanft. Ein Baby hat zwar normalerweise eine bereits funktionierende und starke Intentionslinie, doch was den Griff so effektiv macht, ist nicht die Intention an sich, sondern die schiere Energiefülle, der kein mentales Misstrauen und keine Muskelkraft im Weg steht.

 

Ich bin weit davon entfernt, jemandem zu raten, wie ein Baby zu werden. Aber wir können uns an der Hand eines Babys ein Beispiel nehmen. Energetische Kraft ist nicht Muskelkraft. Mit energetischer Kraft hebt man keine Gewichte. Und doch leistet energetische Kraft Erstaunliches: Sie kann sich mit anderer Energie verbinden und anhaften (Yin-Aspekt), und sie kann explosiv freigesetzt werden (Yang-Aspekt).

 

Auch wenn vielleicht nicht alle eine Vorstellung davon haben, was energetische Kraft ist, so wissen vermutlich alle, was «keine energetische Kraft» bedeutet. Wenn wir einige Nächte schlecht geschlafen haben, wenn wir zu viel arbeiten und Kurs Richtung Burnout nehmen oder bereits angekommen sind, wenn wir dieses und jenes wollen und uns für nichts entscheiden, wenn wir uns immer mehr verlieren und damit auch isolieren, dann haben wir keine energetische Kraft, keine Energie, die wir mobilisieren könnten. Weder, um den Alltag mehr als zu überstehen, geschweige denn, um ein Projekt zu verwirklichen oder gar eine neue Idee oder eine Vision zu entwickeln.

 

Energetische Kraft hingegen lässt uns all dies mühelos tun: Wir können uns angemessen erholen, wir können Tagestiefs sowohl nutzen um zu regenerieren als auch mal ein solches Tief zu überbrücken, wir haben Tatkraft, können Ideen entwickeln und verwirklichen, können uns mit anderen Menschen verbinden und Konflikte abfedern wie mit einem Airbag.
Energetische Kraft ist also Vitalität, Lebensfreude und psychische Kraft. Denn Psyche und energetische Kraft sind auf derselben Ebene angesiedelt. So wie die Psyche eigentlich nur Bindeglied ist zwischen Intention (oder Seele) und Körper (oder Manifestation) - und nicht etwa ihr eigener Mittelpunkt -, so ist Energie eigentlich ganz einfach Bindeglied für die Intention (Yi) auf dem Weg in die Manifestation. Energie ist das Boot, Intention ist der Kapitän, der Wille ist der Steuermann (eigentlich integraler Teil des Bootes, so wie Wille Teil der Psyche ist), und die Manifestation ist das Ziel.

 

Energie fliesst durch entspanntes Gewebe. Also ist, wieder und wie immer, Entspannung der Weg zu Kraft. Während für elastische Kraft die Entspannung auf der körperlichen Ebene stattfinden muss, ist für energetische Kraft die körperliche Entspannung die Grundlage, doch sie endet nicht da. Ebenso entspannen wir die Gedanken und die Psyche (und damit ein ganzes Labyrinth an Glaubenssätzen, Weltbildern, Erfahrungen, Abstraktionen etc.). Das ist jedoch kein therapeutisches Verfahren. Taiji und IET sind keine Psychotherapie. Statt das Labyrinth zu erforschen, entspannen wir es.
Durch Entspannung geschieht Fülle, aus Fülle wird Fluss. Aus Fluss wird Kraft. Und Kraft ist das, was unserem Tun und Sein Effektivität verleiht.
Energie nehmen wir in der Taiji-, Qigong- und IET-Praxis zuerst durch den entspannten Atem auf. Dann aus dem Boden. Dann von überall. Denn überall ist Energie. Und, wie wir auf der intentionalen Ebene sehen werden: Intention erschafft Energie.

 

Energetische Kraft aufbauen kann man mit Qigong, Taiji und IET. Durch Energie werden die Taiji- und IET-Bewegungen sanft und geschmeidig, ohne in ein oberflächliches Schweben zu münden. Denn die Energie ist das Bindeglied, der Klebstoff sozusagen, der uns fest in der Erde verwurzelt und hoch in den Himmel hebt.

 

Energetische Kraft anwenden kann man als Yin-Aspekt heilend (wenn man dafür ausgebildet ist, was vor allem heisst, dass man die eigenen Psyche kennt), oder als Yang-Aspekt in der Kampfkunst. In unserem Rahmen eignet sich Push Hands dafür am besten. Wir lernen nicht nur, Fülle zu entwickeln, die Energie aufnehmen kann, sondern auch, hörende Energie zu entwickeln (denn Energie ist auch Information), anhaftende Energie (im Sinn von im Kontakt bleiben) und kreative Energie (energetisch stossen). Energie ist im Stossen und Neutralisieren das, was der elastischen Kraft mehr Effektivität verleiht - ungeahnte Effektivität.

Taiji leben

Die innere Entwicklung des Taiji: Wenn du Formen praktizierst, oder Qigong, übst du, die verschiedenen Einzelteile deines grobstofflichen Körpers wie Beine, Bauch und Arme wieder in eine dynamische Einheit zu bringen, und dies unter grösstmöglicher Entspannung.
Man nennt dies intramuskuläre und intermuskuläre Entspannung und Koordination. Durch diese Beschäftigung, die viel Achtsamkeit erfordert, verfeinert sich deine Wahrnehmung.
Durch die Entspannung, Koordination, Integration, Atmung (welche mit der Entspannung tiefer wird) und die verfeinerte Wahrnehmung kommt mehr und subtilere Energie in deinem subtilen Körper ins Fliessen. Das ist das Qi, die innere Energie, doch es ist noch mehr. Der körperlichen Entspannung folgt die psychische Entspannung.
Die Energie füllt dein Energiesystem, sie erhöht dessen Kapazität, löst weitere Blockaden und dehnt sich aus. Damit dehnt sich deine Wahrnehmung aus. Du nimmst nun auch andere Dinge und Menschen nicht nur grobstofflich wahr, sondern auch subtil.
Taiji wird zur Lebenspraxis, du beginnst, ins Leben selbst zu entspannen. Du nimmst dich selber, andere Menschen und immer grössere Zusammenhänge feiner, subtiler, tiefer und differenzierter wahr.
Taiji wird zur alltäglichen spirituellen Praxis. Du erkennst, dass in dir grössere, tiefere Kräfte wirken als die, die du bis jetzt gekannt hast. Du nimmst auch deine inneren Widerstände gegen diese Kräfte wahr. Deine Wahrnehmung ist so verfeinert und deine Energie so voll und hoch, dass du eine gewisse Macht besitzt. Eine Macht, die deine weniger entwickelten Persönlichkeitsaspekte missbrauchen können, um andere Menschen zu manipulieren. Persönlichkeitsarbeit auf einer neuen Ebene wird wichtig. Qi fliesst nicht mehr so sehr durch Körperübungen, sondern durch eine rechte Lebensführung.
Sobald du erkennst, dass Taiji nicht bloss eine (chinesische) Bewegungskunst oder Kampfkunst ist, beginnt sich dein Wesen unaufhörlich kreativ aus deinem inneren Zentrum zu entfalten.

Martins Notizen zu Taiji, Qigong, IET und Push Hands 2005

Diese Seite enthält meine Notizen aus dem Jahr 2005 (ausser die Notizen, die in Korsika entstanden sind und im Journal zu finden sind).

 

18.12.2005
Zentrieren und erden - tief, voll, unablässig - sind essenziell im Push Hands. Aber erst der Anfang. Es ist die Grundlage. Damit funktionieren wir einigermassen.
Dann kommt die vielschichtige Entspannung in den Wandel - tief, voll, unablässig - und das (scheinbare) Auflösen (scheinbarer) Grenzen in ein grösseres, dynamisches Ganzes (welches ohnehin existiert), während die Eigenständigkeit im wahrsten Sinn des Wortes gewahrt wird.
Eigenständige Wesen, die die Entzweiung aufheben und jeden Moment in gemeinsamer Kreativität entstehen lassen.

 

17.12.2005
Wir funktionieren in Mustern: Entweder ist Push Hands hart und ein (wenn auch hinter einem Lächeln versteckter) Wettbewerb, oder es ist ein energieloses New-Age-Wohlfühl-Hin-Und-Her ohne Dynamik in seliger Scheinharmonie.
Die Aufgabe ist es, beides loszulassen, um zu einem wirklichen, dynamischen, authentischen Austausch zu gelangen. Beides ist nicht leicht. Die Wettbewerbler müssen sich klar darüber werden, wer sie sind, wenn sie sich nicht mehr beweisen müssen oder können, und die daraus resultierende Erkenntnis kann ernüchternd ausfallen. Die Harmonieler müssen sich klar darüber werden, was Leben (und damit wirkliche Harmonie) bedeutet. Beide müssen aus ihrem Narzissmus heraustreten, egal, ob er sich hart oder weich zeigt. Eine spannende Geschichte.

 

14.12.2005
Die Grundlage ist, ins Lernen zu entspannen. Solange du nicht bereit bist, nackt und hilflos dazustehen, kannst du nicht Push Hands machen.

 

11.12.2005
Öffne dich dem Lernen, entspanne in das Lernen.

 

11.12.2005
Push Hands:
Sich festhalten ist das Ego, das sich vor dem sicheren Tod retten will.

 

11.12.2005
Push Hands:
Je weniger du tust, desto mehr bist du.
Je weniger du willst, desto mehr bekommst du.
Je mehr du in den Wandel entspannst, desto mehr fliesst du.

 

10.12.2005
Push Hands:
Um zu fliessen, brauchen wir eine Verbindung.
Es klingt so einfach, doch nur, wenn man es zu schnell zu verstehen meint.

Denn es ist nicht nur eine physische Verbindung, sondern ebenso eine psychische,
energetische, intentionale Verbindung.
Push Hands ist wie grossartiger Tanz mit einem wunderbaren Tanzpartner/einer
wunderbaren Tanzpartnerin. Oder wie grossartiger Sex, der eine Verbindung auf allen Ebenen zu Gott schafft. Sowohl dieses Tanzen als auch dieser Sex als auch Push Hands ist weit weg von "Ich tue mein Ding, du tust dein Ding".
Sie sind ein Fliessen und Verbinden auf allen Ebenen hin zur Verkörperlichung des Unfassbaren.

 

10.12.2005
Push Hands:
Was wirklich der entscheidende Punkt ist, ist nicht wie gut du stösst oder neutralisierst, sondern die Qualität und Tiefe der Verbindung.
Wenn es eine Verbindung gab, fühlt sich die Push Hands-Session danach gut an.
Wenn es keine Verbindung gab, fühlst du dich einsam.


21.8.05
Vier Gründe für Schmerzen im Taiji:
- Chronische (nicht durch die Übungen verursachte) Schmerzen werden so chronisch, dass man sie nicht mehr spürt. Durch Taiji/Qigong/IET werden diese Schmerzen aufgetaut, gelöst. Der Schmerz wird freigesetzt.
- Wir bewegen uns in mehr oder wenig engen Verhaltens- und Bewegungsmustern. Durch Taiji/Qigong/IET werden diese Muster gedehnt, geweitet, durchbrochen.
- Durch Taiji/Qigong/IET wird unser Energievolumen erhöht. Das Nervensystem muss sich daran gewöhnen. Solange mehr Energie da ist, als das Nervensystem Kapazität hat, kann das zu Schmerzen führen.
- Das Knie schmerzt unterhalb (nicht unter) der Kniescheibe. Ein einfacher Test verrät, dass dies das Ende des Oberschenkels ist, der, macht man die Übungen richtig, hart arbeiten muss und sich meldet. Das ist völlig in Ordnung.
All dies sind Schmerzen, die nicht durch Taiji verursacht, sondern durch Taiji freigesetzt werden, indem sie uns in unseren natürlichen Zustand bringen. Es besteht also kein Grund zur Sorge (vorausgesetzt, man forciert nichts).
Knieschmerzen, welche innerhalb des Knies oder seitlich auftreten, sind Schmerzen, die unbedingt zu verhindern sind! Sie sind leicht zu verhindern, indem die Aussenkante genügend belastet wird. Dadurch befindet sich das belastete Knie immer über dem Fuss - da, wo es hingehört. (Die ganze Regel lautet: Sprunggelenk, Knie und Hüftgelenk sind auf einer geraden Linie).


20.8.05
Intention (Yi) ist Seele in Bewegung.
Wille ist Persönlichkeit in Bewegung.

Yi führt die Energie. Die Energie führt den Körper.


3.8.05
Ich liebe Push Hands. Darum, weil der Lernprozess dabei eine ganz eigene Dynamik annimmt. Man führt Neulinge ins Push Hands ein, physisch, psychologisch, energetisch, spirituell, und führt sie dann mit anderen PushHandslern zusammen. Ab dann läuft die Kiste von alleine, und der Lehrer wird Zeuge der Entfaltung. Es braucht ihn ganz einfach nicht mehr. Die Gruppe lernt an und durch sich selbst, es ist ein kollektives und individuelles Wachstum.
Wichtig ist dabei das Bewusstsein, dass wir "Gefährten derselben Disziplin" sind, was wir auch als Wohlwollen oder den Schützenden Geist und Lernfreude bezeichnen könnten. Das ist die Grundlage. Weitere wichtige Elemente sind Kreativität und Spontaneität.
Das ist wunderbares Lernen. Das ist das freie Entfalten von Potenzial.


2.8.05
Wie bist du zu Taiji gekommen?
Es ist zu dir gekommen.
Du kannst das nicht entscheiden, und wenn du meinst, du hättest es entschieden, dann bist nicht du zur Entscheidung gekommen, sondern die Entscheidung zu dir.
Die Dinge geschehen.
Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.


26.7.05
Die wichtigste Taiji-Praxis: Yin und Yang klar differenzieren und in die Langsamkeit entspannen.


24.7.05
Wie entspannen wir?
Entspannung geschieht.
Es gibt nichts, was wir tun können,
Entspannung ist nicht-tun.
Sein ist unvermeidlich. Im Sein geschieht Entspannung.
Es gibt nichts, was wir nicht tun können, wenn wir es nicht tun.
Wenn wir es nicht tun, tun wir es nicht.
Entspannung geschieht, so wie Inspiration geschieht, so wie eine Einsicht geschieht.
Entspannung ist wie ein weiterer Gedanke, der kommt und geht,
wir können nicht einmal wollen, dass etwas kommt, etwas bleibt, etwas geht, geschweige denn alle unsere Gedanken selber produzieren, denn auch das Wollen entzieht sich jeglicher Kontrolle.


23.7.05
Im Taiji geht es um Präsenz.
Wo bist du?
Bist du nicht nur körperlich, sondern auch energetisch, psychisch, seelisch, intentional, geistig hier?

Wo bist du?
Wo bist du, wenn du nicht in deinen Gedanken, deinen Konzepten, deinen Definitionen, deinen Weltanschauungen und Ansichten und Meinungen (über Taiji, über Formen, Stile etc.) spazieren gehst?
Und wie fühlst du dich dann?

Präsenz ist nicht anstrengend. Präsenz ist ganz natürlich. Manche Menschen meinen, Präsenz heisse, nicht daran denken zu dürfen, was man noch einkaufen sollte. Nicht an gestern oder morgen zu denken. Eine solche Vorstellung von Präsenz macht uns zu einer Amöbe, oder zumindest zu einem Hippie. Das sind Vorstellungen, Konzepte, Ideen, das ist nicht Präsenz.

Präsenz heißt ganz einfach, ganz zu sein.

 

17.6.05
Entspanne in die Entspannung.
Entspannung ist eine Idee, ein Konzept. Lass es gehen.
Gehen lassen ist eine Idee, ein Konzept. Lass es los.
Loslassen ist eine Idee, ein Konzept. Fliesse.
Fliessen ist eine Idee, ein Konzept. Steh dir damit nicht im Weg.
Sich nicht im Weg stehen ist eine Idee, ein Konzept. Sei damit.
Sein ist eine Idee, ein Konzept. Nimm es wahr.
Wahrnehmung ist eine Idee, ein Konzept. Erfahre.
Erfahrung ist eine Idee, ein Konzept. Erlebe.
Erleben ist eine Idee, ein Konzept. Integriere.
Integration ist eine Idee, ein Konzept. Löse dich.
Sich lösen ist eine Idee, ein Konzept. Befreie dich.
Befreiung ist eine Idee, ein Konzept. Öffne dich.
Öffnung ist eine Idee, ein Konzept. Werde still.
Stille ist eine Idee, ein Konzept.

Ideen und Konzepte bestehen, selbst über Nicht-Ideen und Nicht-Konzepte und Nicht-Bestehen.
So drehen wir uns von Konzept zu Idee zu Nicht-Konzept zu Nicht-Idee.

Ohne zu vereinen oder nicht zu vereinen,
vereine Stille und Nicht-Stille,
öffnen und nicht-öffnen,
Befreiung und Nicht-Befreiung,
Lösung und Nicht-Lösung,
Integration und Nicht-Integration,
Erleben und Nicht-Erleben,
Erfahrung und Nicht-Erfahrung,
Wahrnehmung und Nicht-Wahrnehmung
Sein und Nicht-Sein,
im Weg stehen und nicht im Weg stehen,
Fliessen und Nicht-Fliessen,
Loslassen und Nicht-Loslassen,
Gehen lassen und Nicht-Gehen lassen,
Entspannung und Nicht-Entspannung.

Beginne hier und ende hier,
ohne hier zu beginnen und zu enden,
ohne hier nicht zu beginnen und nicht zu enden.


16.6.05
Entspanne in die Wahrnehmung.


5.6.05
zu Push Hands:

Es geht nicht darum,
sich aus einer Situation zu befreien;

es geht nicht darum,
nicht in eine bestimmte Situation zu kommen;

es geht um geerdete Entspannung ins dynamische Jetzt
und sanftvolle Präsenz im authentischen Kontakt.


5.6.05

Taiji Peitsche Martin Schmid

Peitsche

 

Taiji Tiger umarmen Martin Schmid


den Tiger umarmen und zum Berg zurückkehren

 

Taiji Push Hands Tui Shou Martin Schmid


Push Hands

 

Taiji Schwert Martin Schmid


Schwert

20.5.05
Entspanne in die Präsenz.


19.5.05
Dehne dich aus in die Mitte und sinke in die Höhe.


8.5.05
In den Klassikern heißt es: Intention lenkt Energie, Energie lenkt den Körper.
Erfahre den Körper.
Erfahre Qi.
Erfahre Intention.
Lass dich ein auf eine Verbindung zu deinem Körper, so wie du dich jeden Tag und jeden Moment einlässt auf eine Verbindung zu einem geliebten Menschen, so wie du diesen Menschen in seiner Einzigartigkeit Moment für Moment neu entdeckst, so wie du dich in ihm unaufhörlich neu entdeckst.
Lass dich ein auf das Empfinden und Erkennen von Energie in ihrem weiten und tiefen Spektrum, lerne sie kennen, lerne mit ihr zu fließen, zu tanzen, wie mit einem Tanzpartner, lerne auf sie zu hören, mache sie zu deinem Mentor, wertschätze sie als Quelle der inneren Weisheit.
Lass dich ein auf die Ebene der Intention, der Absicht jenseits der Absicht, empfange sie, ihre Sprache der unbenennbaren Empfindungen, der leisen Sehnsucht, der Vision, verkörpere die Klarheit, die Integrität, erkenne sie als Teil von dir, erkenne dich als Teil von ihr, lass dich von ihr führen wie von einem weisen Lehrer im unerschütterlichen, aber nicht blinden oder unreflektierten Vertrauen; spüre die Klarheit in deinem Körper, deinem Nervensystem, deiner Energie, sei die Integrität, sei die tiefe Stille inmitten des Orkans.
Und dann, öffne dich der Ganzheit, der vielfältigen Interaktion zwischen diesen Ebenen. Erfahre dich als vielschichtiges Wesen, das unaufhörlich fließt.
Dann lenkt die Intention die Energie, und die Energie den Körper, und diese Dreieinigkeit ist genau dies, eine dynamische, fliessende Einheit.


7.5.05
Die drei Grundpfeiler, nicht nur des Taiji: Präsenz, Wahrnehmung, Kommunikation.
In Formen, im IET, im Qigong können wir Präsenz und Wahrnehmung kultivieren.
Tui Shou Push Hands bietet uns das Gefäss, um Präsenz, Wahrnehmung und Kommunikation zu üben. Auf allen Ebenen. Körperlich, energetisch, geistig.

 

6.5.05
Die [IET-, Taiji-, Qigong-, Yigong-, Push Hands-] Übungen sind ein Wahrnehmungs-, Erlebnis-, Differenzierungs- und Integrationsgefäss.


6.5.05
Präsenz und Absenz könnten gegensätzlicher nicht sein; und doch verwechselt man sie gerne. Präsenz integriert, Absenz isoliert. Ob man völlig präsent (wobei sich das Ich völlig in die Präsenz integriert und die Trennung in Wahrnehmenden, Wahrnehmung und Wahrgenommenes nicht existiert) oder absent war (wobei sich das Ich völlig verliert), merkt man, wenn man aus diesem Zustand zurückkehrt. Jedes Mal, wenn wir aus der Tiefe der Präsenz auftauchen, nehmen wir etwas Tiefe mit in unser alltägliches Wesen, d.h. etwas von unserem göttlichen Wesen, von unserer Seele, von unserem Potenzial, von unserer Vision. Jedes Mal, wenn wir aus der Weite der Absenz zurückkehren, lassen wir etwas in der Absenz, hängen Illusionen und Träumen nach.

 

5.5.05
Phase I: die Übung machen
Phase II: die Übung sein

Dazwischen (obwohl ein Dazwischen nicht zwingend ist): Immer weniger machen, immer mehr sein.


5.5.05
Sein heißt nicht Stillstand, sein heißt Dynamik.
Machen heißt Widerstand
und strebt dem Stillstand zu.


5.5.05
Was ist deine emotionale Beziehung zum Taiji?


5.5.05
Nimm wahr, wo deine Wahrnehmung ist.

 

5.4.05
Wo beginnen? Es ist so kompliziert, weil es so einfach ist, und es nützt alles nichts, weil alles nützt.


4.4.05
Auf der körperlichen Ebene werden wir still, wenn wir die richtige Struktur einnehmen - besser gesagt, wenn wir in die richtige Struktur entspannen, in sie hineinfallen oder in sie hinein loslassen. Der Atem wird ruhiger, sanfter, fliessender, tiefer, wenn wir mehr und mehr entspannen. Je ruhiger wir atmen, desto besser ist Entspannung möglich. Es ist also eine Wechselwirkung.


4.4.05
Je mehr wir den Beobachter oder den Zeugen herausbilden, desto mehr Stille können wir umfassen und verkörpern. Je mehr Stille wir umfassen können, desto mehr können wir den Beobachter herausbilden.
Der Beobachter: Was ich beobachten kann, bin ich nicht. Ich beobachte meinen Atem - ich bin nicht der Atem. Ich beobachte meine Körperwahrnehmungen - ich bin nicht meine Körperwahrnehmungen. Ich beobachte Gedanken - ich bin nicht die Gedanken. "Meine Gedanken?" Wessen Gedanken? Nur eines kann ich nicht beobachten - den Beobachter. "Ich" "bin" der Beobachter.


3.4.05
Wenn sich der Energiefluss ausgleicht oder einpendelt und frei und ungehindert fliesst, bin ich Gefäss eines unaufhörlichen Flusses. Das ist Stille. Wenn wir stehen, stehen wir zuerst die Sache durch. Die Körperempfindungen (am Anfang vor allem unangenehmer Natur) helfen uns, im Körper zu bleiben, präsent zu bleiben, und nicht in Tagträumereien zu flüchten. Während die Körperempfindungen allmählich verschwinden, verschwindet der Körper nicht - er wird integriert. Unsere Wahrnehmung verlagert, weitet, vertieft, erhöht sich dann ganz natürlich auf eine subtilere Ebene. Zuerst werden wir die Ebene des Qi bemerken - Hitze, Fülle, Kälte, Leere, Fluss und Stagnation. Allmählich, wenn das Qi frei fliesst, werden wir subtilere Formen von Energie wahrnehmen. Die Gefahr besteht darin, sich in diese Energien und den Zustand, der die Wahrnehmungen dieser Energien ermöglicht, zu verlieben. Wenn wir uns so verlieben, können wir das beobachten, früher oder später - und damit unsere Verknüpfung damit lösen. Wir werden mit unserer Wahrnehmung (mit dem Beobachter, dem eigentlich Wesentlichen) immer tiefer sinken oder höher steigen, je nach Interpretationsmodell, in die Ebene des ureigenen Wesens mit seiner subtilen und doch so kraftvollen Energie. Und dann machen wir - "unsere" Wahrnehmung - den Schritt darüber hinaus, über Taiji hinaus. Wir versinken, verschmelzen, lösen uns auf, werden vollständig integriert in das, was unvermeidlich ist, der Urgrund, die Urquelle, die Urleere, das Urpotenzial, Wuji.
Danach tauchen wir wieder auf, und wir stellen fest, dass die lineare Zeit sich aufgelöst hatte. Waren wir eine Minute da? Drei Stunden? Nur die Uhr sagt es uns. Unser Zeitempfinden nicht. Denn wir waren zeitfrei. Zeitfrei, nicht zeitlos. Egofrei, nicht egolos. Wir waren Stille. Nicht Nichts, sondern vollständig eingebettet in der Stille. Nicht-Zwei.


3.4.05
Wenn wir im Push Hands auf die Ebene sinken, in der alles zu jeder Zeit still ist, während oberflächlich ein Sturm tobt, kann nichts passieren. Der Weg zur unvermeidlichen Stille führte über die richtige Körperstruktur zur Fülle von Energie und einer damit verbundenen klaren Wahrnehmung. Der Weg ging weiter durch die Ebene der Intention, welche gereinigt wurde, und von da in die Stille, wo es endgültig keine Trennung mehr gibt. Wie soll es da Verlierer und Gewinner geben?


2.4.05
Die grosse Leistung im Push Hands ist nicht, verwurzelt zu bleiben. Die Leistung ist auch nicht, effektiv stossen zu können. Die wahre Leistung ist, ein gemeinsames Zentrum zu erschaffen. Ein Zentrum der Nicht-Zweiheit, welches jegliche Dynamik ermöglicht. Das ist eine wahre Beziehung.
Ich sage nicht es sei keine Leistung und nicht wichtig, verwurzelt zu bleiben etc. usw. und so fort. Ich sage nur, es sei nicht eine wahnsinnige Leistung.

Ich sage auch nicht, die wahre Leistung sei ein gemeinsames Zentrum, weil man dies leisten müsste. Man muss ihm nur nicht im Weg stehen. Das ist eine wahre Leistung.


28.3.05
Je mehr wir die Stille des Taiji in Bewegung verkörpern, desto unspektakulärer wird der ganze Prozess und auch das Taiji selbst. Grossartige Bewegungen gehen in wunderbare Empfindungen von Energie über. Überwältigende energetische Erlebnisse münden in eine ungeahnte Klarheit der Intention. Diese Klarheit mündet in die Stille. Die Stille ist. Sonst nichts. Und das ist schon zu viel gesagt.
Mit Stille gewinnen wir keine Meisterschaften, im Gegensatz zu grossartigen, virtuosen Bewegungen. Mit Stille gewinnen wir keinen Kampf, auch wenn wir kämpfen und nicht verlieren. Stille ist wahre Meisterschaft, die nichts zu bieten hat. Nicht einmal sich selbst. Und damit alles.


3.3.05
Wir fallen in die Intentionsebene, wir fallen in die Intentionslinie, die uns von innen her aufrichtet, erhebt, inspiriert, öffnet, ausdehnt, zentriert.
Auf der physischen Ebene fallen wir nach oben, als würde uns die Schwerkraft aufrichten. Die einzelnen Körperteile fallen ins Lot. Der Körper wird zur dynamischen Einheit.
Auf der energetischen Ebene werden die einzelnen Zellen vernetzt. Es entsteht ein vernetztes Kommunikationssystem und ein freier Fluss darin. Die körpernahen Energien, die wir, bzw. die Chinesen, unter Qi und Jing zusammenfassen, die subtileren Energien, die wir (bzw. ich) innere Potenziale nennen, und die Energie des spirituellen Geistes verbinden sich zu einer lebendigen Ganzheit von Körper, Mensch und Himmel, von Erde, Seele und Grossem Geist, von Himmel und Erde und einem dynamisch-interaktiven Wesen, das dies verkörpert.
Wenn wir so fallen, und dazu braucht es Vertrauen, fallen wir in unser eigentliches Wesen - und siehe, es war gut. Und wir fallen in das, was jenseits unseres Wesens ist, und gleichzeitig, was unser Wesen, unsere Intention, unsere Energie, unseren Körper ganz durchdringt und nichts anderes ist als all das.
Das alles ist keine grosse Sache, sondern der ganz natürliche Zustand. Wenn wir ihm nicht im Wege stehen. Und auch das Im-Weg-Stehen gehört zum ganz natürlichen Zustand.
Was ist Taiji? "Ooch, no big deal, man lässt einfach immer mehr Unnötiges weg."
"Ach, und wer entscheidet, was unnötig ist?"
"Niemand. Es zeigt sich."

 

20.2.05
Gleichgewicht entsteht nicht durch Nivellierung, sondern durch freie, kreative Dynamik.


19.2.05
Eine lebendige Verbindung von Himmel und Erde zu sein, das bedeutet auf der einen Ebene oben und unten zu verbinden, vielmehr jedoch, Leere und Form, Nicht-Manifestation und Manifestation, Wuji und Taiji, Nirvana und Samsara, Geist (spirit) und Körper zu verbinden.
Und: Wir verbinden nicht, wir realisieren nur das Unvermeidliche - die Nicht-Zweiheit. Es ist, als würde jemand seine Brille suchen, bis er merkt, dass er sie auf der Nase trägt: "Ach, da ist sie ja." No big deal.


18.2.05
Als erstes, wenn wir uns wirklich mit Taiji befassen, sollten wir uns vergegenwärtigen, was Harmonie tatsächlich bedeutet.
Als zweites sollten wir diese Erkenntnis in aller Konsequenz leben. Das ist Taiji.


17.2.05
Grossartig am Taiji ist seine Art der Transformation durch Integration. Wir können uns nicht energetischen Ebenen zuwenden und die körperliche vernachlässigen. Wir können uns nicht intentionalen Ebenen zuwenden und dabei die energetischen vergessen etc. Wir können uns nicht in Spiritualität flüchten, um der Realität zu entfliehen. Das macht Taiji unschätzbar wertvoll.


16.2.05
Ob die Tradition des Taiji (zumindest im Westen) eines Tages verschwinden wird? Ich halte es für möglich (aber nicht zwingend). Einerseits ist die Verflachung frappant. Andererseits ist Integration essentiell. Beide Tendenzen können dazu führen, dass Traditionen verschwinden.


15.2.05
Warum ahmen die Menschen einen Meister nach, statt das zu suchen, was er gesucht hat - die eigene Essenz, die eigene Bestimmung - und statt das zu verwirklichen, was er verwirklicht hat - das ureigene Potenzial?
Vielleicht ist die Frage falsch gestellt. Ich sollte vielleicht fragen: Warum vermitteln so viele Meister ihre eigenen Entdeckungen an andere, statt sie zu lehren, selber zu entdecken?
Vielleicht nimmt der Meister sich zu wichtig?
Vielleicht ist er sich nicht bewusst, was er tut?
Vielleicht beides, oder nichts von beidem?


3.2.05
Meine jetzigen Notizen mögen etwas abstrakt erscheinen. Mit einer guten Portion Übung und Erfahrung sind sie jedoch konkret nachvollziehbar.
Sie entstehen durch Push Hands und erfüllen Push Hands.
Sie entstehen durch das Leben und erfüllen das Leben.


3.2.05
Der Weg:
erfahre dich durch den Körper,
erfahre dich durch die Psyche,
erfahre dich durch die Seele,
erfahre dich durch den Geist.
Danach lass jegliches Konzept von dir los.
Immer und immer wieder.

Auf Taiji bezogen:
Erfahre dich durch die körperliche Ebene,
die energetische,
die intentionale
die kausale.
Dann lass jegliches Konzept von dir
und von Taiji los.
Immer wieder.


21.1.05
Dynamik entsteht durch Herausforderung.
Nicht durch Überforderung, nicht durch Unterforderung.


21.1.05
Flüssige Bewegungen, aber keine überflüssigen Bewegungen.
Das gilt für Form, Qigong, freie Bewegung, Push Hands - das gesamte Spektrum.


21.1.05
Techniken im Push Hands sind verhängnisvoll. Denn sie sind durchschaubar. "Techniken anwenden" klappt also nicht - das heißt nicht, dass man sie nicht übt. Schlussendlich gibt es jedoch nur Fülle, Präsenz und Kontakt.

 

21.1.05
IET heißt Intentions- und Energietraining, also ins Chinesische zurück übersetzt Yiqong und Qigong. Jahrelange Erfahrungen im Unterricht haben gezeigt, dass die Kultivation von Energie (und damit einhergehender körperlicher Flexibilität und Vitalität) und die Kultivation innerer Klarheit weder zu trennen sind, noch es sinnvoll ist, einen dieser Aspekte im Unterricht zu vernachlässigen.
IET ist nun ein ganz einfaches Übungssystem, das sowohl in sich geschlossen dieses gesamte Spektrum kultiviert, als auch offen ist für die Einbettung in andere Übungen, andere Stile, andere Bewegungskünste usw.

 

14.1.05
Wenn du Taiji siehst, töte es!
Ich gebe den Kommentar wohl am besten gleich selbst dazu...
Wenn du "Taiji siehst", siehst du ein Konzept. Taiji ist kein Konzept.
"Was ist es dann?"
"Töte es!"


13.1.05
Taijiquan ist die Verkörperung (quan) des Taiji. Taiji ist die Dynamik von Yin und Yang. Das Taiji-Symbol zeigt den absoluten Idealzustand eines dynamischen Gleichgewichtes in völliger Symmetrie. Dieser Zustand wird, so wage ich zu behaupten, nirgendwo im Universum jemals erreicht, jedenfalls nicht solange, wie es existiert. Es gilt diesen Zustand anzustreben, doch erreicht wird er nicht.
Das ist keine philosophische Spekulation, obwohl es ein Leichtes ist, eine daraus zu machen, sondern die Beobachtung des tatsächlichen Lebens.
Durch ihre Gegensätzlichkeit ziehen sich Yin und Yang an. Gleichzeitig ist da auch immer ein potenzieller Konflikt. Das Yang braucht die Fülle des Yin, das Spektrum, die ganze Blumenwiese mit den tausenden von Blumen und ihren Düften und Farben, um heil (also ganz) zu werden. Das Yin braucht die gerichtete Präsenz, die Intention, die Missionskraft des Yang, um heil zu werden.
Yang strebt immer der Leere zu, der Stille, dem Tod. Yin nimmt hingegen auf, nährt, gebärt. Diese Gegensätzlichkeit ist immer auch Konfliktstoff, so wie "Harmonia" die Tochter der Liebesgöttin Aphrodite und des Kriegsgott Ares ist. (Nebenbei waren die beiden aber nicht etwa ein Paar, sondern Aphrodite hatte ihren Mann Hephaistos betrogen. Harmonia wurde also in einer hochpotenziellen Konfliktsituation erschaffen).
Das "Ziel" des Taijiquan als die Verkörperung des Taiji kann also erstens nicht sein, in einen Scheinfrieden immerwährenden Wohlklanges zu versinken, damit würde die Dynamik ersterben. Ziel kann aber auch nicht sein, den Idealzustand des Taijisymbols zu erreichen, denn diesen gibt es nicht. Die Folge ist Enttäuschung und Resignation. Die einzige Schlussfolgerung, die uns also bleibt, ist, dass Taiji uns mehr und mehr befähigt, die Dynamik zu verkörpern, die potenziellen Konflikte zu umfassen, zu halten, damit umzugehen.
Jeder, der auf einer Reise ist, die das eigene Menschsein beinhaltet, kann bestätigen, dass das Leben nicht einfacher wird, wenn man sich mit sich selbst beschäftigt, wenn man Potenzial verwirklicht, wenn man Yin und Yang in sich und um sich differenziert und integriert. Das Leben wird intensiver, vielschichtiger, dynamischer, als es im naiven Urzustand war. Und gleichzeitig, und das ist der Punkt, steigert sich die Fähigkeit, diese Fülle, diese Intensivität, diese Tiefe, diese Weite zu verkörpern, zu umfassen, zu leben.
Je klarer wir im Taiji Yin und Yang differenzieren, je klarer wir dadurch uns selber erfahren, desto mehr fördern wir diesen Prozess.

 

10.1.05
Nicht einmal der Zen-Meister malt eine Kalligrafie ohne Intention. Oftmals wird gerade in östlichen Traditionen die Absichtslosigkeit betont. Doch Absicht und Intention sind nicht dasselbe. Der Zen-Meister malt nicht ein Bild oder schiesst einen Pfeil oder spielt auf seiner Flöte, um etwas damit zu bewirken. Es ist vielmehr eine Praxis, durch die der Geist durch ihn und sein einzigartiges Wesen sich manifestiert. Es ist eine Intention vorhanden, es ist ein Wesen vorhanden, und es ist der Geist vorhanden, der sich durch das Wesen manifestiert. Ein Haiku von Basho ist zutiefst von seinem Wesen geprägt, und das ist es, was uns darin so berührt, diese Reinheit des Wesens, nicht etwas irgendeine absichtslose Leere jenseits jeden Wesens, das lediglich ein Faktum von sich gibt. Es ist das Transpersonale, das uns darin so berührt, nicht das Nicht-Personale. Sonst müsste uns eine Gebrauchsanweisung einer Kaffeemaschine zutiefst spirituell erfüllen. Das Transpersonale umfasst das Wesen und damit auch die Persönlichkeit, und stellt es in einen grösseren Kontext.


2.1.05
Man kann rein physiologische (gar nicht zu reden von energetischen) Aspekte vermystifizieren, so wie man geistige Aspekte auf Physiologie zu reduzieren können meint.

Das Spektrum einer langsamen Kunst in einer schnellen Zeit

Der folgende Text war ein erster Entwurf für die Einleitung zu «Das Spektrum des Taiji».
Der Text ist ungeschliffen, ungehobelt, roh und unbearbeitet – und darum vielleicht reizvoll!

 

Taiji entfaltet sich von innen nach außen. Dass sich die Bewegungen des Taiji von innen nach außen entfalten, ist für viele nachvollziehbar. Dass das mit dem Lernprozess an sich auch so sein soll, ist für viele ein Rätsel. Zu sehr wurden wir durch ein Bildungssystem geschleust, das Lernen mit dem Erwerb von Wissen oder einem Handwerk verbindet.
Es zeigt sich jedoch, dass sich nicht nur natürliche Bewegung von innen nach außen entfaltet. Der Mensch entfaltet sich aus sich selbst heraus. Und auch die Menschheit entfaltet sich aus sich selbst heraus. Spiralförmig entwickeln wir uns als Individuen und als Kollektiv auf immer höhere Ebenen. Wenn wir Lernen lediglich als einen Erwerb definieren, könnte gar keine Entfaltung stattfinden. Es sei denn natürlich, man würde die Entwicklung vom Einzeller hin zum Komponisten, Wissenschafter, Philosophen oder Taiji-Meister als blossen Zufall abtun, etwa so, als würde aus vielen Sandkörnern zufällig eine Kathedrale von Chartre entstehen. Ich bewundere die Reduktionisten, die es schaffen, solche Zufälle plausibel darzustellen. Es braucht viel Fantasie und eine unglaubliche Wortgewandtheit.
Doch sogar eine (scheinbar) zufällige Entwicklung ist eine Entwicklung. Die erreichte, höhere Entwicklungsstufe musste vorher schon als Potenzial vorhanden sein, sonst hätte sie sich nicht manifestieren können. Wenn ich auf einer Wiese eine Sonnenblume vorfinde, musste sie doch vor meiner Entdeckung, zumindest als Potenzial, als Möglichkeit, schon existiert haben. Vielleicht sogar als Sonnenblume?{1}


Der Physiker Erich Harth schreibt in Dawn of a New Millenium: Beyond Evolution and Culture:

"Wir können annehmen, dass schon im Gehirn des prähistorischen Menschen latente Fähigkeiten wie die Bilder eines noch unentwickelten Filmes vorhanden waren, die Funktionen ermöglichten, die erst viele tausend Jahre später ihren Ausdruck fanden. Welches seltsame Prinzip der Evolution hat diese Fähigkeiten dort platziert"?

 

Und welches Potenzial liegt noch in uns, und wartet darauf, dass wir es aktivieren?
Das Aktivieren von Potenzial ist das effektivste Lernen. Deshalb entfaltet sich im Taiji nicht nur die Bewegung aus dem Zentrum nach außen, sondern ebenso der Lernprozess. Und deshalb beschäftigen wir uns nicht mit einer exotischen Kunst, sondern mit uns selbst. Wenn wir Taiji wirklich lernen, erlernen wir keine chinesische Kunst, sondern aktivieren unser Potenzial. Taiji ist dazu wunderbar geeignet, denn es bezieht Körper, Energie und Geist ein, Meditation (Innenschau) und Interaktion (nach Außen wirken), Himmel und Erde, und immer den Menschen als Ganzes. Ja, wir befassen uns im Taiji nicht mit Choreografie, sondern mit dem Menschen, mit dem, was in uns schlummert, und mit dem, was zur Entfaltung drängt.
Die Fülle des Lebens offenbart sich in der Zurücknahme. Taiji hilft uns, uns zurückzunehmen. Das geschieht auf vielfältige Weise. Wenn wir unter zurücknehmen verstehen, dass wir wieder zu uns zurückkommen, können wir verstehen, wie Taiji dabei hilft: Unaufhörlich verlieren wir uns in der Aussenwelt. Unsere Energie wird nach außen gebracht. Denn unsere Energie folgt unserer Wahrnehmung. Wenn wir, durch andauernde Reizung, immer das Außen wahrnehmen, verlagern wir unsere Energie nach außen. Indem wir mit Taiji lernen, wieder unser Innen wahrzunehmen, kehrt unsere Energie in den Körper zurück. Indem wir uns zentrieren, bringen wir unsere Wahrnehmung, unsere Intention, unsere Energie zurück dahin, wo sie hingehört. Wir verlieren uns dann nicht mehr im Tagesablauf, nicht mehr in anderen Menschen, in verlockenden Angeboten der Werbung. Das macht uns aber nicht zu Einsiedlern, im Gegenteil. Genau genommen sind diejenigen die Einsiedler, die ihre Mitte und damit sich verloren haben. Nein, wenn wir in der Mitte sind, ist dies, als ob wir zu Hause wären, wenn jemand zu Besuch kommt. In unserer Mitte und aus unserer Mitte können wir die Welt empfangen. Zentrieren heißt, sich dem Leben zu öffnen, das Leben zu empfangen.
Wenn wir unter zurücknehmen verstehen, dass wir den Ballast abwerfen, den wir nicht brauchen, verstehen wir eine weitere Wirkweise des Taiji. Die Grundlage des Taiji ist die Entspannung. Entspannung heißt, den überflüssigen Ballast dem Universum zurückzugeben. Anspannung und Verspannung sind meist Vergangenheit, die wir um jeden Preis präsent halten, und zwar so, wie sie damals geschah. Anspannung ist eine ungelernte Lektion, ein eingefrorenes Erlebnis, oder ein einengendes Verhaltensmuster. Die Entspannung des Taiji, unterstützt durch einen vermehrten Energiefluss und das Zentrieren, ermöglicht uns, diese Lektionen zu lernen, diese Erlebnisse aufzutauen, die Muster zu lösen und uns stärker in den grossen Fluss des Lebens einzugliedern. Der stärkere Energiefluss, der durch Taiji entsteht, hilft uns einerseits, die Verspannungen zu lösen, so wie ein Bach, der mehr Wasser führt, das Geröll beiseite schiebt. Andererseits hilft uns die Energie, die in Verspannungen gespeicherte psychische Energie zu umfassen, zu halten wie in einem Container, statt davon in ein Drama geworfen zu werden.
Dadurch, dass wir neue Bewegungen, und vor allem, wenn es der Unterrichtende zu vermitteln versteht, eine ganz neue Art der Bewegung erlernen, befreien wir uns von eingeengten Bewegungsmustern, die wir uns im Laufe der Jahre und Jahrzehnte angewöhnt haben.{2} Die tief greifenden Veränderungen, die Taiji-Praktizierende durchmachen, haben unter anderem damit zu tun, dass dieses Loslassen, Zurücknehmen und Integrieren geschieht, neben der Kräftigung des gesamten Energiesystems.
Diese Wirkungen sind aber nicht auf das Individuum beschränkt. Kampfkunst, und Taiji ist eine Kampfkunst, ist die Kunst der Begegnung. Nicht nur auf einer körperlichen Ebene, sondern ebenso auf der energetischen, der verbalen, der psychischen, der intentionalen Ebene. Taiji kann uns lehren, wie wir miteinander in Kontakt treten, ein Kontakt, der authentisch und konstruktiv ist, und daher auch Grundlage für jede tief greifende Veränderung sowohl des Individuums als auch für partnerschaftliche Beziehungen, Geschäftsbeziehungen, therapeutische Beziehungen, Gemeinschaften, Gesellschaften, ja, für die Bevölkerung der Welt. Wie viele politische Beziehungen sind authentisch und konstruktiv? Ich sage nicht, es gibt sie nicht, doch die täglichen Ereignisse sagen uns auch, dass wir daran noch etwas arbeiten könnten. Und - in Friedenszeiten ist das eine Sache, in Zeiten des Konfliktes eine ganz andere. Taiji befasst sich, so friedvoll, meditativ und gesundheitsfördernd es auch ist, genau mit diesem Punkt: mit authentischem, konstruktivem Kontakt in potenziellen Konfliktsituationen. Sei dies im Außen, sei dies im Innen.{3}
Die Vielschichtigkeit des Taiji ist sowohl sein Potenzial als auch ein Problem. Ein Problem für diejenigen Geister, die gerne eine ganz klare Ordnung haben. Ist Taiji nun ein Gesundheitssystem oder eine Bewegungskunst? Ist Taiji Meditation in Bewegung oder Kampfkunst? Das Problem ist jedoch ganz einfach zu lösen, denn solche Fragen sind falsch. Es ist, als würde man fragen: Ist Taiji Yin oder Yang? Taiji ist sowohl als auch, nicht entweder oder, und darüber hinaus noch das, was aus der Beziehung all dessen entsteht. Taiji ist also sowohl Gesundheitssystem als auch Bewegungskunst, sowohl Meditation als auch Kampfkunst, und es ist all das, was aus der Vereinigung scheinbarer Gegensätze entsteht, so wie eine wunderschöne Melodie das ist, was aus der Beziehung der Einzeltöne entsteht, oder ein einzigartiges Bild mehr ist als Farben und Formen - viel, viel mehr als die Summe seiner der Teile. Eine Art von Definition, die sich auf die physische Ebene und Bewegungsabläufe, oder auch nur auf den Ganzkörper-Qigong-Effekt beschränkt, wird dem Taiji etwa so gerecht, wie die Definition, Musik sei organisierter Klang, der Musik gerecht wird - oder eben nicht. Die Überbetonung des Äußeren ist bei einer internen Kunst wie Taiji doch recht seltsam. Sie findet sich nicht nur im Unterricht, auch in den Reglementen von Wettkämpfen (ein Gegenvorschlag siehe im Anhang) und den Richtlinien von Vereinen.
Wenn der Mensch den Menschen vergisst, befasst er sich mit den Dingen. Wenn das Wesen verloren geht, entstehen Rituale, Dogmen, Formen. Doch das Wesen kann nicht ritualisiert, formalisiert und konserviert werden. Das Wesen ist immer authentisch, einzigartig, sich wandelnd. Eine innere Kunst wie Taiji wird heute entweder auf das Außen reduziert, oder von außen nach innen gelehrt. In einem Interview sagte Wang Xiangzhai, der Begründer des Yiquan, über Taiji folgendes: "Die Yang-Brüder Shaoshou und Chengfu sind beide alte Freunde von mir. Ich weiss deshalb, dass dieses Boxen wirklich einiges Wissen über Mechanik birgt, aber aus hundert Personen realisiert auch nicht einer seine Essenz, und sogar wenn einer die Essenz realisiert, ist sein Können immer noch einseitig, weil das grundlegende Werkzeug der intuitiven Wahrnehmung schon vor langer Zeit verloren gegangen ist".{4}
Wang Xiangzhai war ein angesehener Kampfkünstler, und behauptete von sich, obwohl seine eigenen Wurzeln im Xingyiquan liegen, Taijiquan zu verstehen.{5} Wenn wir also seine Aussage nicht einfach von uns weisen, obwohl wir nicht vollkommen damit einverstanden sein müssen, gibt uns das ein interessantes Bild der Taiji-Szene in China vor der kulturellen Revolution. Die Meister, die wenig später aus China fliehen mussten, und ihr Taiji in der Welt zu verbreiten begannen, hatten also vielleicht nicht das absolute Verständnis ihrer Kunst. Was ihnen nach der Aussage von Wang Xiangzhai abhanden gekommen war, war die intuitive Wahrnehmung dessen, was sich von innen nach außen ganz natürlich entwickelt. {6} Das könnte erklären, weshalb in späteren Zeiten die Formen ein so grosses Gewicht bekamen, und vor allem auch sehr lange Formen. Schon Cheng Man Ching sagte später über die lange Yang-Form, sie sei so lange, um die Reisschüssel zu füllen - das heißt, damit der Lehrer seine Brötchen verdienen kann. Auch damit muss man nicht unbedingt einverstanden sein, doch auch hier bergen sich wichtige Aspekte für uns.
Einerseits geht diese Rechnung heute oft nicht mehr auf. Immer wieder höre ich Taiji-Lehrer klagen, dass die Studenten ihnen nach einigen Wochen oder Monaten davonlaufen. Wer will heute noch drei Jahre lang einen Bewegungsablauf lernen? Lange Formen können also heute eher dazu beitragen, dass die Reisschüssel des Taiji-Lehrers leer bleibt. Dies kann man als Schicksal oder als Chance zur Veränderung sehen, einer evolutionären Veränderung. Warum sollte sich Taiji nicht entwickeln, da es doch vorgibt, sich mit Veränderung und Wandel zu befassen? Soll es unverrückbar wie ein Fels im grossen Fluss des Universums stehen? Andererseits haben natürlich lange Formen eine vielfältigere und tiefere Wirkung auf das gesamte Energiesystem als kurze Formen. Doch eben nur dann, wenn man nicht mehr damit beschäftigt ist, ›eine Form zu machen‹. {7}
Form um Form zu lernen ist, als würde man Kochbücher sammeln. Wenn ein Kochbuch ansprechend gestaltet ist, hat man vielleicht eine gewisse Zeit Freude daran, es zu betrachten (und man kann sich vielleicht sogar damit brüsten). Doch solange man nicht auf die zündende Idee kommt, die Gerichte, die darin beschrieben sind, zuzubereiten und zu essen, wird man schon bald ein weiteres Kochbuch benötigen, um die oberflächliche Faszination beibehalten zu können - oder man tut sich ein anderes Hobby zu.
Wenn man die beschriebenen Gerichte jedoch zubereitet, wird man die wahre Qualität des Kochbuches schätzen lernen. Und mit der Zeit wird das Kochbuch nicht mehr gebraucht werden, weil die Rezepte auswendig zubereitet werden können. In einem weiteren Schritt beginnt der Kochende vielleicht sogar, die Gerichte abzuwandeln, ihnen eine eigene Note zu geben! Hier beginnt der kreative Prozess, das Experimentieren, Verwerfen, Verfeinern. Auf diese Weise sind auch die beschriebenen Gerichte im Kochbuch entstanden. Nun haben wir gelernt, was ein gutes Gericht ausmacht, wie die Meister-Köche kochen, und lassen uns nicht etwa davon einschüchtern, sondern lassen uns davon inspirieren.

 

Taiji muss ein kreativer, spontaner Prozess sein, wenn es in der Welt angewandt werden soll. Kreative Spontaneität ist ein wesentlicher Charakterzug des Taiji, genauso wie jeder Kampf- und Lebens- und überhaupt jeder wahren Kunst. {8} Wenn ein Anfänger eine Form betrachtet, und man erklärt ihm, wie man hier ablenkt, jetzt dort schlägt, eine Schritt nach rechts tut, um den anderen Gegner auch noch zu Fall zu bringen, sagt der sofort: "Aber das wird ja in Wirklichkeit nie so sein"! Ja, das stimmt. Es ist auch nicht die Meinung, dass ich, die Form durchmachend, mich mit acht wirklichen Gegnern befasse. Im echten Leben würde eine Abfolge von Bewegungen natürlich spontan entstehen, und keiner Form entsprechen. Doch man muss noch weiter gehen. Ein japanischer General hat einmal versucht, die Techniken des Aikido zu klassifizieren, und ist dabei auf über zehntausend gekommen. Doch der Punkt ist, diese ›Techniken‹ entstehen spontan und kreativ, wenn man sich selbst nicht im Weg steht. Jede Interaktion ist zutiefst kreativ, und wenn sie das nicht ist, ist sie nicht authentisch. Prinzipien sind jedoch kein Schema, keine Schablone. Ein Prinzip sagt nicht: Das muss so sein! Es sagt: Das funktioniert! Also spiel damit! Werde kreativ!
Wenn ich angegriffen werde, dann habe ich keine Zeit, um mir eine Technik auszusuchen, mit der ich am effektivsten mit dem Angriff umgehe. Die Aktion entsteht kreativ und spontan. Diese spontane Kreativität auf allen Ebenen ist die Quelle des Taiji - und jeder Kunst. {9}
Große Kunst inspiriert uns, hebt uns empor, öffnet uns neue Horizonte, berührt unser Wesen. Sei das ein grossartiges Buch oder eine vollendete Taiji-Interaktion. Beide atmen dieselbe transzendente Schönheit. Und diese Schönheit, die aus der Zurücknahme der Persönlichkeit zu Gunsten der Einen Quelle entsteht, ist auch das, was viele Leute so tief berührt, wenn sie Zeuge der Entfaltung des Taiji werden, als Praktizierende oder als Zuschauer.
Gerade diese Zurücknahme ist es ja auch, das jedes kreative Entstehen zu einem faszinierenden Prozess macht. Zurücknahme und Entfaltung sind nicht etwa zwei getrennte Prozesse. Wir nehmen uns nicht vorsätzlich zurück, um etwas zur Entfaltung zu bringen. Nein, die zwei scheinbaren Gegensätze sind ein und dasselbe!
Wenn eine wahrhaft stille Musik schliesslich ganz verklingt, hinterlässt sie mehr als nur keinen Klang mehr. Während des Erklingens der Musik atmete sie die Stille, machte sie hörbar, gab ihr ein Gewand, war ihr leuchtender Ausdruck. Im Ausklingen beginnt die Stille, die Musik zu atmen, wird ihr vollendeter Ausdruck, gibt der unhörbaren Musik ihren Raum, damit sie auf ewig weiter klingen kann.
So wie Stille und Musik nicht getrennt sind, sondern nur in ihrer Manifestation oder dem Grad an Manifestation verschieden, so verhalten sich auch Stille und Bewegung, Konflikt und Harmonie. Und der kreative Prozess, der alles umfasst, geschieht, geschieht nicht durch Zurücknahme, denn Zurücknahme ist Teil des Prozesses, sondern geschieht, indem wir uns selbst finden - was sich darin ausdrückt, dass wir uns zurücknehmen und gleichzeitig über uns selbst hinauswachsen.
Das ist ein leidenschaftlicher Prozess, eine stille Ekstase, voller glühender Feuer und unsäglich tiefen Dimensionen, in denen sich das große Licht spiegelt und zu tanzen beginnt. Und diese Ekstase ist, was wir schlussendlich Lernen nennen. Wer würde da noch davon sprechen wollen, dass Hingabe eine schwierige Sache ist und viel Disziplin verlangt? Wer will nicht Leidenschaft, Ekstase, und die tiefe Ruhe des Meeres, die Freiheit des Windes, der ungehindert darüber weht? Warum an der Oberfläche bleiben? Gehen wir in die Tiefe. Diese Freiheit, diese Ekstase, diese Tiefe ist in uns. Wir müssen sie nur aktivieren.

 

 

Anmerkungen
1 Dieses Potenzial, dieses Gefäss, in das sich die Manifestation ergiesst, finden wir auch im Verhältnis von Körper und Geist (spirit). Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper, hieß es bei den Griechen. (Wobei damit derjenige Geist gemeint ist, den wir auch Verstand nennen, und im Englischen mind genannt wird, was viel mehr umfasst als bloss den Verstand). Der andere Weg ist ebenso richtig: Ein gesunder Körper in einem gesunden Geist (sowohl spirit als auch mind).


2 Auch Schock und Trauma führen zum Beispiel zu eingeengten Bewegungsmustern. Während eines Traumas wird normalerweise eine Bewegung nicht ganz ausgeführt, und die Grenze, an der die Bewegung stoppte, ist die Grenze für alle weiteren (physischen, psychischen und seelischen) Bewegungen. Die Lösung eines Traumas liegt darin, die verhinderte Bewegung zu vollenden. Dies geschieht auch im Taiji.


3 Mein persönlicher Standpunkt geht noch einen Schritt weiter, doch mag es mein persönlicher sein: Die Kunst der Begegnung bedeutet, in Kontakt zu sein. Nun kann ich bei einem Angriff den Bruchteil einer Sekunde in Kontakt sein, und der Gegner fliegt von dannen. Mein persönlicher Standpunkt ist nun: Jeder "Angriff" eines Gegners enthält unzählige Informationen (denn Energie ist immer mit Information versehen, ich muss sie nur lesen) über ihn, die ich gebrauchen kann. Nicht zu meinem Vorteil, sondern um das evolutionäre Potenzial einer potenziellen Konfliktsituation freizusetzen. Meine Absicht ist es also, mit meinem "Gegner" in Kontakt zu bleiben, nah bei ihm zu sein, um ihn einerseits vor weiteren Dummheiten (der Idee, mich oder andere anzugreifen) zu bewahren, andererseits, um ihn zu verstehen, und schließlich, um ihm die Gelegenheit zu geben, mich zu verstehen. Ich behalte ihn also, während er mir Böses will, in meinem schützenden Feld, umhülle uns mit dem schützenden Geist, so lange, bis wir Freunde werden. Nun ja, vielleicht nicht gerade Freunde, aber bis wir eine Tiefe der Beziehung erreichen, auf der ein weiterer Angriff nicht mehr nötig ist.
Natürlich kann das nicht immer der Fall sein. Es ist eine Möglichkeit von vielen. manchmal muss man sich auch jemanden vom Leib halten, manchmal ist eine Auseinandersetzung nicht angebracht, sondern absoluter Rückzug, und manchmal müssen Fronten aufeinander schlagen, um frei zu brechen. Trotzdem, meine Maxime lautet: Ich bleibe in nahem Kontakt, bis ich verstehe, oder der andere sich von sich aus entfernt.


4 Aus dem Chinesischen ins Englische übersetzt von Timo Heikkilä und Li Jiong. Die beiden geben leider nicht an, wann das Interview zum ersten Mal erschien.


5 Verfechter des Chen-Stils als einziges, wahres Taiji werden darin natürlich eine Bestätigung sehen, dass der Chen-Stil das einzige, wahre Taiji ist, und sich Wang Xiangzhai hier auf den Yang-Stil bezieht. Das kommt aber weder in dieser Aussage noch im Kontext des Interviews so heraus. Wang Xiangzhai bezieht sich auf Taiji im Allgemeinen, nicht auf einen bestimmten Stil. Er selbst sagt zu diesem Thema im Interview: "Wenn alle von den Erfahrungen anderer lernen würden, könnte der Disput zwischen verschiedenen Schulen [Stilen und Kampfkünsten, Anm. M.S.] vermieden werden, und unverantwortliche Gespräche würden aufhören". (Übersetzung aus dem Englischen M.S.)

 

6 Diese Fussnote ist leider verloren gegangen...


7 Natürlich will ich nicht einem naiven Individualismus frönen. Es geht nicht darum, Traditionen zu verneinen, sondern darum, sie zu umfassen, mit dem eigenen Wesen in Verbindung zu bringen, sie zu verwesentlichen und sich selbst darin zu finden, um somit über die Tradition hinauszuwachsen, ohne sie zu verlieren. Das ist der evolutionäre Prozess, der alles einbindet, auch Taiji.
Formen sind Gefässe, die wichtige Lehren über die internen Zusammenhänge des Taiji enthalten. Es kann sein, dass diese internen Lehren durch die Formenvielfalt verwässert wurden, doch sie sind vorhanden, und Formen können als Lehrstück genutzt werden.


8 Medizinisches Qigong wird gezielt eingesetzt, um viele Krankheiten erfolgreich heilen und noch mehr vorbeugen zu können. Ich bin jedoch der Meinung, dass Gesundheit sich nicht nur auf die körperliche Verfassung bezieht, und auch nicht nur auf Körper und Geist, sondern auf Körper, Mensch und Geist.
Kampfkunst heißt die Kunst, miteinander in Beziehung zu treten und liebevoll miteinander umzugehen. Es ist die Kunst, Harmonie zu schaffen (und nicht etwa die Kunst zu kämpfen, das ist nur ein weit verbreiteter Irrtum). Kampfkunst gleicht Energien im Außen aus, so wie Qigong Energien im Inneren ausgleicht.
Wenn wir uns vorstellen, dass eine Krankheit nicht 'plötzlich Auftritt', man von ihr 'heimgesucht wird', sondern dass sie in subtilen Bereichen des Geistes und der Psyche startet und sich dann allmählich so sehr verdichtet, bis ein körperliches Symptom daraus wird (was übrigens nicht meine Idee ist, sondern eine weit verbreitete Erfahrung), dann ist auch klar, wo viele Krankheiten ihren Ursprung haben: aus dem Konflikt mit den Mitmenschen. Wir sind Wesen, die sich in und durch Beziehungen entwickeln, und viele Krankheiten entstehen aus gestörten Beziehungs- und Interaktionsmustern.
Deshalb heißt Heilung nicht nur die Beseitigung der körperlichen Manifestation der Krankheit, sondern auch die Lösung krankmachender Beziehungsmuster. Und genau damit befasst sich die innere Kampfkunst! Kampfkunst befasst sich also mit dem Kern der Heilung.

 

9 Kunst kommt von Können, heißt es. Doch man wird mir zweifelsohne zustimmen, dass die Beherrschung des Handwerks zwar Grundlage für das Schaffen von Kunst ist, doch eben Grundlage, nicht die ganze Kunst. Ich kenne jedenfalls viele, die ein Handwerk absolut sattelfest beherrschen, die aber keine Kunst hervorbringen - und sich auch nicht für Künstler halten.
Arnold Schönberg, der Erfinder der Zwölftonmusik, sagte: "Kunst kommt nicht von Können, sondern von Müssen". Er hatte einen inneren Drang, ja eine Aufgabe in der Welt, die er zu vollbringen hatte, und deshalb musste er tun, was er tat. Auch hier birgt sich, auf das Ganze bezogen, eine Wahrheit. Ein Künstler, sei das ein Maler, ein Poet oder ein Kampfkünstler, der nicht kreativ sein kann, verkümmert. Denn sein Wesen findet keinen Ausdruck.
Kunst kommt von künstlich, und gekünstelt, sagen andere. Bei schlechter Kunst ist das sicher der Fall, wie auch bei einer hohlen Taiji-Form. Doch wahre Kunst ist zutiefst authentisch, und daher auch, so revolutionär sie erscheinen mag, eher evolutionär - und so natürlich wie der Bambus im Wind.
Ob Kunst eine Aufgabe hat, ist vermutlich ganz einfach eine falsche Frage. Kunst entstand nicht, um etwas zu bewirken. Wo immer der Mensch ist, wächst er über sich selbst hinaus, und drückt sein Berührtwerden des Innersten so aus, dass andere auch inspiriert werden, sie erhebt. Und das ist das Wesen der Kunst. Auch Taiji wurde nicht ›entwickelt‹, um schöne Bewegungen zu machen, sondern sind der Ausdruck eines inneren Erfahrungsschatzes. Also geht es beim Erlernen darum, diesen Erfahrungsschatz aufzubauen und zu aktivieren, und Taiji wird aus sich selbst heraus sprudeln.

Yin in einer von Yang dominierten Welt

Einst, im Jahreskurs geschehen:

Wir befassen uns mit Yin und Yang. Es kommt die Frage auf, was weibliche Kraft sei. Das Gespräch erwuchs zur Diskussion, die kein Ende nahm. Für viele war es eine Herausforderung, in verschiedenster Weise. Auch für mich.

 

Was ich mit Herausforderungen mache: Ich lasse sie nachwirken, ich empfinde sie. Dann, plötzlich und scheinbar aus dem Nichts, kommt dazu noch eine Erklärung, eine Analyse, ein Satz, eine Erkenntnis, die mich aufatmen lässt. So auch hier. Darum folgt hier eine kurze Analyse unseres Gesprächs. Es geht nur um die Dynamik, nicht um das Thema an sich. Denn der Grundgedanke ist so essentiell und wichtig, dass er einer Veröffentlichung wert ist.

 

Die Essenz ist: Wir leben in einer yangdominierten Welt. Auch Yin wird sehr schnell veryangt. Yin beginnt seit neuerer Zeit, dynamisch zu werden. Doch die Form dieser Dynamik muss noch gefunden werden.

 

Es kam also ein Input, ein Impuls, der Bewegung verursachte. Er ging durch die Runde. Es war die Frage nach der Qualität von weiblicher Kraft. Was ist weibliche Kraft? Ist Yin kraftvoll, und wie?
Was schnell geschah: der Versuch, alles zu relativieren, kontextabhängig zu machen. Wasser ist, je nach Kontext, weich und sanft, also Yin, oder auch hart und zerstörend, also Yang.
Was hier also passierte, war die Suche nach Konsens, nach Harmonie. Unglücklicherweise konnte das nur geschehen, indem man "den kleinsten gemeinsamen Nenner" fand und sich auf diesen beschränkte. Es herrschte die Meinung, dass man nicht wirklich darüber reden könne, da es mit dem Kontext und dem eigenen Empfinden zu tun habe.
Womit denn auch jede Dynamik erstarb, und man in scheinbarer Harmonie war. Alle waren sich einig, dass man darüber eigentlich nichts sagen kann.

 

Taiji ist jedoch eine dynamische Harmonie, keine nivellierte, flache. Das ist ein Irrtum, der gerade in Taiji-Kreisen weit verbreitet ist (und, für Leser der Taiji-Tipps und anderen Interessierten dem grünen Meme aus Spiral Dynamics entspricht). Darum habe ich denn diesen Moment auch durchbrochen. Doch zuerst noch einmal zum Vorgang der Nivellierung. Und dazu setzen wir das ganze Geschehen in einen grösseren Kontext, den ich damals auch benannt hatte:
Über etwas zu reden und es zu diskutieren, ist eine Yang-Angelegenheit. Natürlich reden auch Frauen, die generellen Vertreterinnen des Yin über Dinge, doch anders (und das ist immer generell und tendenziell gemeint): Männer reden, um möglichst schnell zu einer Lösung zu kommen. Frauen reden, um das Objekt von den verschiedensten Seiten zu beleuchten, aber nicht, um primär zu einer Lösung zu kommen. Frauengespräche sind feldförmig, Männergespräche linear wie ein Strahl. Frauengespräche beruhen eher auf Ermutigung, Männergespräche eher auf Kritik.

 

Die Diskussion, von einer Frau initiiert und über die weibliche Kraft, wurde ganz automatisch in das Yang-Muster von Gesprächen gebracht. Das passiert meist, wenn Frauen und Männer zusammen reden, da wir in einer von Yang dominierten Welt leben, und uns gewohnt sind, uns in Yang-Mustern auszutauschen.
Der Versuch, einen Konsens im kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, war der Versuch, ein Yin-Gespräch in einem Yang-Muster zu führen, also ein reines Beleuchten und Empfinden eines Aspektes in eine lineare, Lösungsorientierte Form zu bringen. Daraus entstand diese seltsame, androgyne Form des Gesprächs, das einen harmonischen Konsens kreierte, einer der nicht nur die Yang-Dynamik zum Erliegen brachte, sondern ebenso die Yin-Dynamik.
Darum also habe ich diese Zwischenform von "Lösung" durchbrochen, indem ich sie kritisch benannte.

 

Dieses Nivellieren auf die Tatsache, dass jeder Recht hat und man daher gar nicht diskutieren kann, ist eine Zeiterscheinung und Stadium eines wichtigen Entwicklungsprozesses. Aber eben nur ein Stadium. Da es in sich nicht dynamisch ist, hat dieses Stadium die Tendenz, zu einem längeren Zustand zu werden, der irgendwann irgendwie aufgebrochen werden muss. Die Pluspunkte sind natürlich auch das gegenseitige Wohlwollen und der Respekt einander gegenüber.

 

Aber schlussendlich ist dieser Zustand auch verdeckter Individualismus. Er entsteht, und das möchte ich noch einmal betonen, zu einem großen Teil daraus, dass Yin versucht, sich in einem Yang-Muster zu äussern. Was nicht gelingen kann. Aber es ist der Versuch, und dieser ist zu ehren. Viel zu lange hat Yin überhaupt nichts mehr versuchen können. Das ist also ein großer Schritt! Während vieler Jahrtausende hat sich durch die verschiedensten Kulturen und die sich ständig verändernden Wertesysteme die Yangdominanz wie ein roter Faden gezogen. Dass nun Yin im kollektiven Masse, in Gruppen, im Zeitgeist, in Wertesystemen, in Erscheinung tritt, ist eine wunderbare Neuigkeit (neu seit ca. 1968)!
Die Essenz des Gesprächsmusters war am Ende des Gesprächs noch einmal klar zu Tage getreten: Während eine Teilnehmerin ihr reines Empfinden dem Wort "entgegentreten" zum Ausdruck brachte, wurde das Wort von männlichen Teilnehmern analysiert. Das ist in Ordnung, doch geschah das Klassische: das Analysierende versuchte, das Empfindende von der Alleingültigkeit seines Standpunktes zu überzeugen. Dabei wäre es eine Bereicherung, beide Betrachtungsweisen als gültig und sich ergänzend anzuerkennen.

 

So ist denn meiner Meinung nach immer noch die Entfaltung des Yin und das Finden eines ihm angemessenen Ausdrucks ein ganz großes Ziel des Taiji. Wir haben es versucht! Und wir werden es weiter erforschen... Und immer wieder zu unserem Körper und unseren Bewegungen, zu unserer Mitte zurückkehren.

Taiji-Prinzipien nach Yang Chengfu

1. Den Kopf aufrichten

2. Korrekte Haltung von Brust und Rücken

3. Die Hüfte entspannen

4. Stabiler und leerer Stand

5. Die Schultern und Ellbogen senken

6. Den Geist gebrauchen statt harte Kraft

7. Koordination von oben und unten

8. Harmonie zwischen inneren und äusseren Körperteilen

9. Kontinuität der Bewegung

10. Ruhe in Bewegung

Weiterführende Erläuterungen zu den Prinzipien

Eine Regel sagt: "Du musst es auf diese Weise machen." Ein Prinzip sagt: Das funktioniert... seit Menschengedenken." Ängstliche, unerfahrene Menschen gehorchen den Regeln. Rebellische, ungeschulte Menschen brechen Regeln. Künstler meistern die Form.

Robert McKee, STORY

 

Integration
- durch Ausrichtung, durch Loslassen, durch Stärkung

Natürliche Bewegung geht von innen nach aussen. Sie startet im Zentrum und breitet sich fliessend aus. Dies setzt voraus, das der Körper ein integriertes Ganzes ist, und nicht eine Ansammlung isolierter Teile, die sich irgendwie und unabhängig voneinander bewegen. Deshalb ist die Integration, die gesunde Körperstruktur essentiell. Nur in einem integrierten Körper kann sich fliessende Bewegung natürlich entfalten. Ein integrierter Körper gibt uns die nötige Basis für weitere Integration.
Integration auf der physischen Ebene heisst erst einmal, den Körper als Ganzes zu betrachten. Das bedeutet, dass kein Teil isoliert behandelt wird, sondern immer die Gesamtheit. Einen Fuss mit einer Fehlhaltung wieder in den Gesamtzusammenhang zu bringen bedeutet also, dass ich nicht mit dem Fuss isoliert arbeiten kann. Die Blockade muss nicht unbedingt im Fussgelenk liegen, sie kann genauso gut im Knie zu finden sein, oder im Becken. Der Ursprung einer Verschiebung des Beckens kann wiederum durch eine ungünstige Haltung der Wirbelsäule verursacht werden, was wiederum zum Beispiel seinen Ursprung in einer Verspannung einer Schulter haben kann. Im Gegensatz zu Rolfing oder anderen Arten der manipulativen Bindegewebemassagen wird aber in der körperlichen Integration durch Taiji nicht manipuliert, das heisst von aussen herbeigeführt, sondern es wird zugelassen und gefördert durch die bestimmte Art der Bewegung.
Es gibt drei Arten, Blockaden zu beheben: Loslassen, aufbauen, ausrichten. Dies sind auch die fundamentalen Prinzipien des Taiji. Loslassen bedeutet Entspannung. Aufbauen bedeutet stärken.
Im Folgenden werde ich nun zu den einzelnen Körperteilen einige Hinweise geben, wie sie in den Gesamtzusammenhang integriert werden können. Nehmen sie einen der Körperteile und arbeiten sie damit, während sie eine Form machen. Effektiver wird es natürlich, wenn Sie auch im Alltag darauf achten. Erzwingen sie nichts. Die Reintegration kann nur durch Loslassen geschehen, und Loslassen nur durch Zulassen. Zulassen kann man nicht erzwingen. Etwas zu erzwingen ist nur hinderlich. Wenn Sie krampfhaft versuchen, sich zu entspannen, werden Sie, um bestimmte Muskeln entspannen zu können, andere anspannen müssen - was nicht der Sinn der Sache ist. Die grösstmögliche Entspannung wird mit der Ausrichtung kommen, wenn jeder Körperteil in seine natürliche Position zurückfällt.
Um das Bindegewebe wieder weich und geschmeidig wie das eines Kindes zu machen, empfehle ich zudem Stretching.

 

Auf und ab, aber immer in der Mitte
Je höher der Oberkörper oder ein Teil von ihm ist, desto tiefer muss unsere Achtsamkeit sinken, um das energetische Gleichgewicht zu gewährleisten. Das bedeutet:

 

· Damit das Handgelenk steigt, sinkt das Sprunggelenk
· Damit der Ellbogen sich hebt, sinkt das Knie.
· Damit die Schulter sich hebt, sinkt die Hüfte.

 

Das Sinken ist physisch, vor allem aber energetisch. Das Fussgelenk zu senken heisst auf physischer Ebene, es etwas mehr zu beugen um den Kontakt zu den Wurzeln zu intensivieren.

 

Die Bewegung der Wirbelsäule
Die Arbeit mit der Wirbelsäule ist sehr subtil. Die Bewegungen sind sehr klein und dementsprechend muss ein gutes Körperbewusstsein ausgebildet sein, um sie überhaupt wahrnehmen zu können.
Um die Bewegungen wahrzunehmen und zu verfeinern ist eine entspannte Wirbelsäule notwendig. Es gibt immer wieder Lehrer, die ihren Studentinnen und Studenten vorschlagen sich vorzustellen, sie hätten einen Besenstiel verschluckt, um die Wirbelsäule gerade zu halten. Genauso wirkt dann auch ihr Taiji. Denn dieser Rat fördert nicht ein Bewusstsein für den natürlichen inneren Auftrieb einer integrierten Wirbelsäule, sondern im Gegenteil eine rigide Verkrampfung der gesamten Wirbelsäulenmuskulatur.
Stellen Sie sich viel eher vor, wie Ihr Schädel an einem Faden am Himmel befestigt ist, und die gesamte Wirbelsäule mit dem Becken schwingt frei und ohne Gewicht wie ein Seil darunter. Dies fördert den inneren Auftrieb und eine Entspannung der Muskulatur. Jeder einzelne Wirbel wird dadurch beweglich wie die Glieder einer Kette. Und dies ist Voraussetzung, damit die Energie, die aus den zwei Zentren, dem des Menschen und dem der Erde sich ausbreitet, dies auch ungehindert tun kann. Denn wie kommt die Energie vom Becken zu den Schultern? Nicht, indem sich der gesamte Rumpf in einer Bewegung wie eine Statue bewegt, sondern indem sich die Energiewellen der Wirbelsäule entlang ausbreiten.

 

Yin und Yang klar unterscheiden
Da Taijiquan die Verkörperung des Prinzips von Yin und Yang ist, liegt es nahe, dass darauf auch bei der Bewegung ein besonderes Augenmerk gelegt wird.
Yin und Yang im Taiji heisst zuerst einmal voll und leer, aktiv und passiv, und im Training des Taiji bezieht sich das nicht ausschliesslich, aber zu einem grossen Teil auf die Beine. Bevor ich einen Schritt mache, muss ich das Gewicht hundert Prozent verlagern und erden. Das ist klare Unterscheidung von Yin und Yang, von aktiv und passiv. Denn erst dann kann ich einen Taiji-Schritt machen: das passive Yin-Bein kann zuerst den Fuss dort abstellen, wo er hingehört, und dann wird das Gewicht verlagert. Die Qualität eines Schrittes, der so sorgsam gemacht wird, als würde man eine Decke auf ein schlafendes Baby legen, ist nur durch die klare Unterscheidung von Yin und Yang möglich. Wie sehr unterscheidet sich dieser Schritt von den Schritten, die wir normalerweise machen. Denn die durchschnittliche Alltagsgangart eines westlichen Menschen ist, wenn man es genau betrachtet, ein konstantes Fallen nach vorne. Der Fuss wird immer schon mit Gewicht aufgesetzt und verhindert den Fall des gesamten Körpers auf den Boden. Was passiert, wenn der Boden dann nicht so sicher ist wie erwartet? Man rutscht aus.
Der Taiji-Gang dagegen ist, als ob man auf Eis gehen würde. Durch den sicheren Stand auf dem Yang-Bein kann der andere Fuss den Boden ertasten und auf seine Sicherheit prüfen, bevor das Gewicht verlagert wird.
Ein anderes anschauliches Beispiel ist der Gang der Katze, die sich langsam und lautlos anschleicht. Jederzeit kann sie innehalten oder einen Fuss zurücknehmen. Genauso lautlos ist der Taiji-Gang, und eine einfache Methode zur Überprüfung des Taiji-Schrittes ist, auf die Geräusche zu achten, die dadurch entstehen. Denn es sollten keine entstehen.
Natürlich bezieht sich das Prinzip der klaren Unterscheidung nicht nur auf die Beine. Die beiden Körperhälften fliessen mit ihm, und natürlich der Gegenpol zu den Beinen, die Arme. Sie wechseln sich immer ab in ihrer Aktivität und Passivität.

 

Oftmals zeigt sich in der Ausführung dieses Prinzips auch ein Missverständnis: Während der eine Arm aktiv ist, hängt der andere schlaff herunter. Passiv und leer heisst aber nicht schlafend oder tot. Erinnern sie sich an den Yang-Punkt im Yin? Auch Yin ist mit Bewusstsein gefüllt. Während der Yang-Arm aufmerksam ist, verhält sich der Yin-Arm achtsam. Dies bezieht sich natürlich nicht nur auf die Arme. Jeder Teil des Körpers, der nicht gerade aktiv ist, muss lebendig bleiben.


Yin und Yang klar unterscheiden heisst also auch:

· leer und doch lebendig
· entspannt und doch bereit

 

Achtsamkeit und Aufmerksamkeit existieren nicht getrennt voneinander.
In einer Yin-Bewegung, wie zum Beispiel einer Neutralisation eines Angriffs, ist die Achtsamkeit (der Yin-Aspekt des Bewusstseins) in den Armen und Händen, die Aufmerksamkeit (der Yang-Aspekt) in den Füssen und im Boden.
In einer Yang-Bewegung dagegen ist die Aufmerksamkeit (Yang) in den Armen und Händen, die Achtsamkeit (Yin) in den Füssen und im Boden.

Verflachung und beseeltes Taiji

Taiji wurde einem zweifachen Verflachungsprozess unterworfen. Es wurde erstens (noch) nicht integriert und zweitens reduziert.
Integration worin, Vernetzung womit? Mit unserer Bewusstseinsstruktur, die eine andere ist als die in China vor hundert Jahren. Eine fehlende Integration zeigt sich in der Tatsache, dass es als chinesische Kunst praktiziert wird, statt verwesentlicht (das heißt, sein Wesen freigesetzt) und somit als Praxis zur Entdeckung eigenen inneren Potenzials erkannt zu werden.
Reduziert wurde es in vielerlei Hinsicht (auch unterstützt durch von der chinesischen Regierung initiierte Strömungen). Es wurde insofern integriert, indem es auf das Materielle, Wissenschaftliche reduziert wurde, wie die Moderne es mit allem zu tun pflegte. Doch das ist keine Integration, sondern Verflachung; alles wurde auf die gleiche, niedere Ebene nivelliert. Die gesamte Vielschichtigkeit des Taiji wurde in vielen Kreisen auf Bewegung reduziert. Unter etwas glücklicheren Umständen wurden einige energetische Aspekte nicht wegreduziert. Das energetische Taiji-Verständnis wurde jedoch selten in unser Bewusstsein integriert, obwohl es sich dazu ideal eignen würde, da es sich primär durch konkrete Erfahrung der verschiedenen Qualitäten von Energie erschließt. Stattdessen wird mit chinesischen Begriffen und Konzepten gefeilscht.
Was in noch weiteren Kreisen wegreduziert wurde, ist der Aspekt der Interaktion. Viele Taiji-Praktizierende befassen sich mit ihren Bewegungsabläufen und Teilaspekten des Energieaufbaus, doch daran interessiert, ihre Erfahrungen in einen größeren, umfassenderen Kontext zu stellen und sie auf das Gebiet der Interaktion zu weiten, sie dadurch zu bereichern, zu differenzieren und zu vertiefen, sind sie nicht; unter anderem, weil dahinter ein falsches oder unvollständiges Verständnis von "Kampf"kunst liegt.
Wo der "Kampf"-Aspekt praktiziert wird, wird er verbreitet auf einer relativ "niederen" Stufe (im Sinn einer Entwicklungshierarchie, nicht einer Werthierarchie) praktiziert, auf der animalisch-egoischen Ebene, wo es um überleben und Sieg geht. Auf den "höheren", integraleren Ebenen der Entwicklung wird "Kampf" zu einer Kunst der Begegnung, die aus dieser das Maximum an evolutionärem Potenzial (individuell, relational, d.h. in der direkten Begegnung, und kollektiv) freisetzt.

 

Der Schlüssel zu einem beseelten Taiji, zu Entwicklung und Wachstum, liegt darin, die verschiedenen Ebenen des Taiji anzuerkennen, denn Annehmen ist immer der erste Schritt. Dann geht es darum, nicht so sehr die verschiedenen Ebenen zu erlernen, sondern sich selbst durch die verschiedenen Ebenen des Taiji zu erforschen. Der Schlüssel ist, das, was du erreichen willst, das, womit du dich befasst, als eine Kraft oder Qualität zu erkennen, die in dir angelegt ist und in dir und durch dich zur Entfaltung strebt. Solange wir äußerem nacheilen, den Worten anderer anhängen, werden wir nicht über eine gewisse Entwicklungsstufe hinaus kommen. Das heißt nicht, einen isolierten Selbstverwirklichungstrip zu starten, sondern das Äußere im Inneren zu erkennen und das Innere im Äußeren, was ein Prozess der Vernetzung, Differenzierung und Integration ist.

Authentisches Taiji

Die Welt ist ein evolutionäres Gefüge. Nicht nur auf der materiellen Ebene, auch auf der Ebene des Geistes und der Spiritualität.
Auch Taiji entwickelt sich weiter. Unsere Erkenntnisse neurobiologischer Vorgänge zum Beispiel müssen einen Einfluss auf unser Taiji haben, ebenso welt- und friedenspolitische Erkenntnisse, Entdeckungen der Quantenphysik, und nicht zuletzt unsere ganz persönlichen Einsichten, solange Taiji den Namen "lebendig" verdienen soll.
Gleich vorgemerkt: Wir setzen dem Taiji nichts von außen auf und schwängern es mit Bedeutung, das nicht seine eigene ist. Doch die Welt ist vernetzt. Und gerade Taijiquan, das die Verkörperung und Ausdruck des Taiji durch uns ist – denn Yin und Yang (=Taiji) ist nichts anderes als dynamische Manifestation.
Dynamische, fortschreitende Manifestation: Alte, so genannt authentische Stile und Formen in ihrer "Reinkultur" sind etwas für Traditionalisten, die gerne alte Rituale aufrechterhalten. Das Alte muss mit neuer Erkenntnis durchtränkt werden, um nicht bloß Denkmalspflege zu bleiben.
Während zum Beispiel früher (und auch heute noch, in anderer Form) Taiji-Meister sich Zweikämpfen stellten, bei denen es oft um Leben und Tod ging, und das nur, um zu beweisen, wer der bessere ist, können wir heute die Prinzipien des Taiji anwenden, um Konflikte zu verhindern, oder noch genauer gesagt: das Geschenk der Harmonie aus einem potenziellen Konflikt empfangen. Dieser Vorgang ist nicht einer, bei dem wir Taiji etwas "aufsetzen", ihm eine neue Bedeutung "geben". Wir betrachten Taiji von einer neuen Erkenntnisebene aus, was uns bis anhin nicht erkanntes Potenzial aufzeigt.
Die Traditionen sind das Gefäß für einen wertvollen Wissens- und Erfahrungsschatz, und das ist wichtig! Tradition kann Evolution verhindern, wenn sie absolut gesetzt wird. Wir nehmen der Tradition nichts weg – wir integrieren sie in unser heutiges Bewusstsein, fügen neue Erkenntniswerkzeuge hinzu.

 

Oft liest man bei uns Inserate, die den "alten, authentischen Yang-Stil" anbieten. Auch gibt es die Diskussion, welcher nun der authentische Stil sei.
Was heißt ‚alt' , ‚authentisch', ‚echt' oder ‚ursprünglich' im Taiji?
Taiji ist die Fusion von Körper, Energie und Geist, die sich durch das individuelle Nervensystem entfaltet. Wir haben es hier also mit einem ‚allgemeinen' und einem ‚individuellen' Anteil zu tun. Der allgemeine Anteil ist folgender: Alle Menschen "haben" Körper, Energie und Geist. Alle menschlichen Nervensysteme, ob chinesisch, europäisch, afrikanisch oder andere, haben mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede von ihrer Struktur her. Dadurch kann sich Taiji durch alle Menschen entfalten, nicht nur durch chinesische. Andererseits gibt es keine zwei gleichen Nervensysteme, so wenig wie es zwei identische Menschen gibt. Das heißt, dass Taiji sowohl global als auch individuell ist. Wie vertragen sich Individualität (echte, nicht aufgesetzte), und ‚Authentizität'?

 

Authentisch kann immer nur heißen: So authentisch wie der Stil, der sich durch das Nervensystem von Meister O entfaltet, der ihn von Meister M erlernt hatte, der ihn von Meister L gelernt hatte, usw. Jedes Taiji jedes Meisters ist anders, auch wenn es denselben Prinzipien folgt. "Authentisch" kann sich jedoch nicht auf die Prinzipien beziehen, da diese universal sind. Authentisch kann sich also nur auf Bewegungen und individuelle Auslegungen in Wahrheit universaler Prinzipien oder Philosophien beziehen, und ebenso nur auf eine Momentaufnahme in der Evolution und Involution des Taiji bezogen. "Authentisch", wenn es in diesem Kontext gebraucht wird, heißt also ein manipuliertes Foto einer Momentaufnahme eines Flusses.
Taiji ist die Kunst des Wandels. Warum soll es sich selbst nicht wandeln? Es muss sich wandeln, denn es bewegt sich in der Realität des Wandels, im Yin und Yang eben, in der Manifestation, im Samsara, nicht im Wuji, nicht im Formfreien, nicht im Nirvana.
Warum also soll es sich nicht wandeln? Das Argument, das hier gebracht wird, ist, weil damit Verwässerung und Verflachung einhergeht. Dem stimme ich entschieden nicht zu, und man könnte empirisch beweisen, dass dies nicht so ist. Verflachung ist eine Frage des fehlenden Bewusstseins, und kommt überall vor, im Vorwärtsstrebenden wie im Traditionalismus verhafteten. Nur ein Weg, der die Traditionen ehrt, aber auch bereit ist, sie zu differenzieren, zu integrieren und mit visionärem Bewusstsein zu verbinden, kann der Verflachung entgegen treten.

 

Wahrhaft authentisch setzt ‚authentisch' nicht mit alt gleich, sondern mit lebendig; eine Lebendigkeit, die sich daraus ergibt, dass sich die Schöpferkraft durch das unmaskierte Individuum entfaltet.
‚Ursprüngliches Taiji' heißt nicht Taiji, wie es damals einmal war (vielleicht, wer weiß das schon), sondern aus dem kreativen Ursprung des Menschen strömend. (Das ist nicht zu verwechseln mit relativistischem Individualismus, im Sinne von: "Es strömt aus mir, es ist mein Taiji, und alles andere geht mich nichts an. Ich bin mein eigener Meister." Das ist nichts anderes als ignorante Egozentrik).
‚Authentisch' und ‚ursprünglich' sind genau betrachtet Bezeichnungen für die kreative Kraft des Universums, die sich durch das Individuum manifestiert.

 

Noch ein abschliessendes, aber nicht unwesentliches Wort zu Traditionalismus und Authentizität: Wir haben in den Texten ‚authentisches Taiji 1 + 2' Taiji in einen etwas grösseren Kontext gestellt, um zu erkennen, was diese Begriffe, wenn man sie etwas differenzierter betrachtet, eigentlich bedeuten - genau das Gegenteil davon, wie sie heute verwendet werden.
Jetzt weiten wir unseren Blick noch einmal - weg vom Taiji und seinem Kontext, in den Kontext der Beziehung. Denn Taiji ist nicht ein isoliertes ‚Ding', sondern etwas, das durch Beziehungen sich entfaltet - durch die Beziehungen von Körper, Energie und Geist, durch die Beziehungen zweier Menschen, aber auch durch die Beziehung von Individuum (Psyche und Seele) und Universum (engl. spirit, was wir in der deutschen Sprache als Geist bezeichnen, wie so vieles anderes auch). Diese Beziehung, die von Individuum und Universum, stellt die Diskussionen über ‚authentisch' und ‚echt' noch einmal gehörig vor das Problem, ihre Glaubwürdigkeit und Relevanz (wenn sie so vehement und auf Allgemeingültigkeit pochend geführt werden) irgendwie zu rechtfertigen.
Ich gebrauche zur Ausführung ein Beispiel aus der Musik: In der Musik gibt es die Bewegung der ‚Alten Musik'. Man setzt alles daran, ,alte Musik' authentisch erklingen zu lassen. Man nimmt alte Instrumente, studiert genau die Bogenführung von damals, die Art der Phrasierung, Artikulation usw. Die Musik klingt dann auch tatsächlich anders, als wenn wir sie hören, wie sie aus einem romantisch geprägten Kontext heraus gespielt wird. Der Wert dieser Bemühungen ist nicht zu unterschätzen.
Was die in dieser Art aufgeführte Musik aber nie sein kann, ist authentisch. Ganz einfach darum, weil der Mensch (sein Kontext, seine individuellen und kollektiven Erfahrungen, seine kognitiven Fähigkeiten, seine Wahrnehmung, seine psychische Disposition usw.) ein anderer ist. Wir sind auf einer ganz anderen Bewusstseinsebene als die Musiker vor 500 Jahren. Wir nehmen die Musik ganz anders war als die Zuhörer damals.
Wir können vielleicht die Musik an sich mehr oder weniger rekonstruieren, was wir nicht rekonstruieren können, ist die Beziehung zur Musik, als damals diese Musik gehört wurde.
Dementsprechend: Wir können uns bemühen, den Stil des Herrn Chen oder des Herrn Yang von damals zu kopieren. Ihre Bewegungen waren jedoch Ausdruck universaler Prinzipien durch ihr persönliches Nervensystem. Das können wir nicht rekonstruieren. Und was wir erst recht nicht rekonstruieren können, ist ihre Beziehung zum Taiji, das was Taiji zu ihrem ureigenen machte, die Schnittstelle, an der authentisches Entfalten geschieht, wenn sich Individuum und Universum, Evolution und Involution treffen und in einem kreativen Tanz vereinigen, was wir die Seele nennen könnten, um auch diesen wesentlichen Begriff noch einzuführen. Denn zusätzlich zur oben beschriebenen zeitlichen Diskrepanz kommt unser ganz anderer kultureller Kontext.

Die Kunst des Wandels

Taiji ist die Kunst des Wandels, der Veränderung. Nicht so sehr die Positionen einer Form sind eigentlich der Hauptfokus (und auch nicht das Hauptproblem beim Erlernen einer Form). Denn die Formpositionen an sich sind Qigong-Positionen. Es ist eine sehr gute Übung, die Form zu durchfliessen, und in jeder Endposition inne zu halten und hinein zu sinken, wie Teig in eine Kuchenform, die physische und energetische, später die geistige Qualität jeder Position genau zu empfinden, zu erfahren und zu verinnerlichen. Das kannst du eine Minute lang machen, fünf zehn, eine Stunde… Eine grossartige Übung!
Doch, wie gesagt - der Hauptfokus des Taiji als Gesamtes ist nicht die Position, sondern der Veränderungsprozess, der Wandel, der sich im "Übergang" von einer Position zur anderen vollzieht. Taiji befasst sich mit der Veränderung, mit der Dynamik, mit der polaren Einheit von Yin und Yang, die immer in Bewegung ist. Und müssen wir in unseren Tagen Veränderung nicht ganz genau verstehen und damit klar kommen? Sowohl unsere Mitte darin zu bewahren als auch, und das ist das zweite Stadium im Taiji, kreativ und konstruktiv damit umzugehen?

Verwesentlichen

Viele Probleme unserer Zeit und Kultur sind energetischer Natur. Wir verbrauchen mehr Energie als wir vertragen, mehr als wir haben. Das trifft auf die globalen Strukturen genauso zu wie auf den einzelnen Menschen.
Es ist sogar ein doppeltes Problem. Einerseits können wir zu wenig Energie aufnehmen. Weder unsere tägliche Nahrung, noch unser tägliches Umfeld mit Betonböden, Neonlicht, Elektrosmog, Computermonitoren und Klimaanlagen bieten ein Umfeld, über das wir Energie beziehen können.
Andererseits geben wir konstant mehr als wir haben. Der Leistungsdruck steigt. Wer im berufsleben keine Über-Leistung bringt, wird als "nicht belastbar" eingestuft. Dadurch brennen wir aus.
Es geht nicht darum, Energie aufzubauen, um anschliessend noch mehr leisten zu können, sondern es geht um das grössere Gleichgewicht. Denn mehr Energie hilft uns auch, Grenzen zu setzen, bei uns zu bleiben, uns nicht zu verlieren.

 

Wir sind chronisch überfordert mit der Geschwindigkeit unserer Zeit. Wir haben uns so sehr sowohl an die Geschwindigkeit als auch an die Überforderung gewohnt, dass wir beides nicht mehr bewusst wahrnehmen und unseren Kaffee-, Drogen- und sonstigen Aufputschmittelkonsum als selbstverständlich erachten.

 

Taiji-Bewegungen sind vielleicht das Letzte, was wir wirklich langsam tun. Doch das ist nicht wirklich ein Argument für die Taiji-Bewegungen. Denn in einem solchen Umfeld kann Taiji nicht viel mehr sein als kurzfristige erste Hilfe. Vielmehr sollten wir uns aufgefordert fühlen, die Langsamkeit nicht auch noch in den hektischen Alltag zu pressen, sondern unseren Alltag zu verlangsamen, von der allgemeinen Hektik und Überforderung Abstand zu nehmen und einen natürlichen Lebensrhythmus zu finden.

 

Zurück zur Natur? Ja und nein. Es ist nicht sehr hilfreich, den Menschen einfach zu raten, sie sollen langsamer sein. Was wichtig ist, ist die Eigenverantwortung. Wie sehr ich in den Stress einsteige ist letztlich meine ganz eigene Entscheidung.
Es geht letztlich nicht so sehr um Verlangsamung (oder den Modebegriff Entschleunigung), sondern um Besinnung auf das Wesentliche (oder, wie ich das nenne, verwesentlichen).

 

Verwesentlichen ist in vielerlei Hinsicht ein wichtiger Begriff für das, was ansteht. Nicht nur haben wir unsere Grenzen im oben beschriebenen Sinne verloren. Auch die Öffnung zum Wissensschatz anderer Zeiten und Kulturen birgt Gefahren, denen wir uns genau so leicht entziehen können, wie wir ihnen verfallen können, wenn wir uns ihnen bewusst sind:

 

In unserer Zeit, in der uns so viel Wissen, Tradition und Weisheit aus den verschiedensten Zeiten und Kulturen ohne Mühe jederzeit und überall zugänglich ist, steht nicht der Konservierungsprozess im Vordergrund (außer für Museums- und Marketingzwecke), auch nicht Restauration (meist zur Befriedigung einiger weniger Kenner) oder Recycling (was in vielen Neo-Bewegungen Ausdruck findet, wie auch der Neo-Daoismus eine ist) oder Mystifizierung ("Tauchen Sie ein in diese lange gehütete chinesische Kunst der physischen und geistigen Erneuerung"), sondern ein Prozess des Verwesentlichens, der gnadenlos das Unwesentliche fallen lässt, die Verwirrung, die Ornamente, Interpretationen und Umwege.

 

Ich nenne diesen Prozess verwesentlichen, weil das Wort auf die Freilegung des Wesentlichen durch Absterben des Unwesentlichen deutet, und auf Besinnung und Konzentration.

 

Der Prozess der Verwesentlichung ist nicht so sehr ein individueller, bewusster und somit subjektiver Selektionsprozess, sondern vielmehr ein kollektiver und größtenteils unbewusster. Er geschieht, statt dass er vollzogen wird, etwa in der Art wie sich Sandpartikel in stillem Wasser auf den Grund setzen und das klare Wasser zurücklassen; oder so wie sich wahrhaft gute Musik, die das Wesen des Menschen in seinem Innersten berührt und spiegelt, durch Jahrhunderte erhält (oder zumindest nach Generationen wieder auftaucht, wenn sie ihrer Zeit voraus war), während diejenige Musik, die den Menschen nicht so tief berührt, in der Zeit versickert.

 

In unserer Zeit geschieht auch mit Taiji eine Verwesentlichung, fast unmerklich noch, doch spürbar. Wer noch nicht reagiert, sind nicht etwa die Studenten, sondern die Institutionen.
Viele Leute bringen heute nicht mehr die Ausdauer auf, zuerst (das heisst in der Regel ein bis drei Jahre) eine Form auswendig zu lernen, bevor sie sich dem Inhalt dieses Gefässes widmen können. Dem oberflächlichen Betrachter ergibt sich vielleicht das Bild, dass sich der heutige Mensch nicht mehr so sehr einlassen will. Das stimmt sicher bedingt, ich glaube aber, es sind noch andere Faktoren am Wirken: Er kann sich nicht mehr einlassen. Und hier gibt es zwei Gründe. Der erste ist die Zeit. Dieser Grund lässt sich regeln, wenn man wirklich bereit ist, sich einzulassen. Der andere Grund ist die Beschleunigung unserer Zeit. Es ist nicht nur so, dass sich unser Alltag beschleunigt - auch die psychisch-geistig-spirituelle Evolution des Menschen beschleunigt sich drastisch. Das muss sie, denn diese Bereiche wurden zu lange nicht entwickelt, während die technisch-wissenschaftlichen Bereiche umso stärker entwickelt wurden. Es entstand ein Missverhältnis, das heute unsere Welt beherrscht. Wir sind im Stande, Menschen zu klonen, den genetischen Code zu manipulieren und den ganzen Globus per Knopfdruck zu zerstören, verfügen aber nicht über eine wahre Ethik, um damit umgehen zu können.
Die Evolution des Bewusstseins und damit von Moral, Ethik und Verantwortungsbewusstsein ist das, was jetzt geschehen muss, und was auch tatsächlich geschieht. Diejenigen Leser, die schon etwas länger auf dieser Erde weilen, können sich diese Entwicklung sicher klar vergegenwärtigen. Ich glaube, dass "der Mensch auf der Strasse" genauso in diese Entwicklung eingebunden ist wie irgendwelche Esoteriker. Wir haben diesen Antrieb in uns, bewusst oder unbewusst, uns selbst in einem ungeahnten Mass zu entwickeln. Und da steht das lange Auswendiglernen einer Taiji-Form unter Umständen als Bremse da.
Deshalb strebt zeitgemässer Taiji-Unterricht nach Veränderung und Entwicklung jedes Teilnehmers, nicht nach gekünstelter Formvollendung, nach der Verwirklichung der Prinzipien von innen heraus, statt nach dem Erlernen einer exotischen Kunst. Alle Lehrer und Institutionen, die über fehlende Ausdauer ihrer Schüler klagen, finden darin vielleicht einen Hinweis für Veränderungspotenzial. Zumal das Wesen des Taiji auf viele Arten in den Menschen geweckt werden kann, wovon das Erlernen der Form nur eine Art ist.

Die Qualitäten der Schwertform

Die Handformen des Taiji sind energetisch eher nach innen und unten gerichtet, während die Schwertform eine dynamische, steigende Energie hat. Es gibt grosse Bewegungen, Sprünge und weite Schritte, und dies geschieht alles geerdet und zentriert. Die Impulse des Dantien gelangen bis zur Schwertspitze und bewegen sie. Die Erdung wird noch wichtiger, da sonst die grossen Bewegungen nicht ausgeführt werden können. Vom Körper wird eine noch grössere Flexibilität verlangt als in den Handformen. Das Wahrnehmungsfeld öffnet und weitet sich.

 

Daneben bietet die Schwertform viele weitere Qualitäten:


Qualität des Alltags
In der Taiji Schwertform (und in allen Waffenformen des Taiji) geht es nicht darum zu lernen, wie jemand mit einem Schwert verletzt wird. Die wichtigsten Lektionen der Schwertform haben damit zu tun, die Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, und somit die Energie auszudehnen. In der Schwertform lernen wir, Energie ins Schwert zu führen. Wir lernen, mit Objekten in einer entspannten, energetischen Art umzugehen und einen Austausch zu führen, genauso wie es ein Kalligraphie-Meister mit seinem Pinsel macht.

Wie wir mit den Objekten um uns herum umgehen, hat massgeblich mit unserer Gesundheit zu tun. Stellen Sie sich vor, sie brauchen dauernd viel mehr Energie als nötig wäre: beim Schreiben mit einem Kugelschreiber, beim Autofahren, beim Halten des Kochlöffels, beim Schliessen der Türe... Wir sind den ganzen Tag damit beschäftigt, in unserer Umgebung Energie zu verschwenden, nicht viel, meinen Sie vielleicht, aber es räppelt sich über den ganzen Tag gesehen ganz schön etwas zusammen (ganz zu schweigen von den Interaktionen mit den Menschen, in denen wir nicht gelernt haben, unsere Energie sinnvoll einzusetzen oder für uns zu behalten). In der Schwertform lernen wir, bewusst mit den Objekten unserer Umgebung umzugehen.


Qualität des transformierten Kriegers
Viele von uns kennen zwei Verhaltensmuster: Kontrolle und Hilflosigkeit. Wenn wir kontrollieren, führen wir Krieg, es muss nach unserem Willen geschehen. Wenn wir hilflos sind, sind wir das Opfer anderer Menschen und Umstände.

In der Kontrolle führen wir unser Schwert blind und zornerfüllt gegen jeden in seiner Reichweite. In der Hilflosigkeit werfen wir es von uns und liefern uns mit ausgebreiteten Armen den anderen aus. Der transformierte Krieger hat gelernt, mit seinem Schwert umzugehen. Er hat aber auch gelernt, es nicht gebrauchen zu müssen.

Für viele ist schon die reine Auseinandersetzung mit einem Schwert in den eigenen Händen eine Herausforderung - die es sich auf jeden Fall lohnt anzunehmen. Dadurch, dass die Energie der Schwertform viel grösser ist, lernen wir unsere äusseren, energetischen Grenzen kennen - und ihre Stärken und Schwächen. Die Schwertform füllt dann das gesamte Energiefeld mit Qi, so dass unsere Grenzen flexibler, aber auch stärker werden.


Qualität des Heilers
In der Schwertform lernen wir, Energie dauernd aus unserer Hand in das Schwert fliessen zu lassen. Dies ist für Heiler und Therapeuten sehr wichtig, die mit dem Qi anderer Menschen arbeiten. Es geht nicht nur darum, Qi zu übermitteln, sonder auch um eine um ein Vielfaches gesteigerte Sensitivität der Hände. Denn dadurch, dass ich Qi in einen anderen Körper führen kann, bekomme ich mehr und tiefere Informationen über den Zustand dieses Menschen. Für alle Heiler und Therapeuten ist daher die Schwertform eine wertvolle Ergänzung.


Qualität der Frau
Die Schwertform ist nicht etwa nur etwas für Männer! Viele Frauen haben den natürlichen, sanften Umgang mit dem Schwert schon in sich und erreichen eine hohe Geschmeidigkeit und Schönheit ihrer Form. Ausserdem kann die Schwertform einen positiven Einfluss auf prämenstruelle Beschwerden haben, da die aufsteigende, dynamische Energie der Schwertform der schweren, sinkenden Energie der Menstruation, deren Stauung Schmerzen verursachen kann, engegenwirkt.

Die Einheit von Körper und Geist

Seit der Missdeutung des Sündenfalls im Garten Eden wurde der Körper in der Welt der christlichen Kirche als sündhaft und eigentliches Laster betrachtet, das uns vom Heil des Himmels trennte. Nachdem wir nun allmählich diese Betrachtung als fehlerhaft entlarvt haben, gilt es ein enormes Manko an Wissen und Weisheit in Zusammenhang mit der Einheit von Körper und Geist aufzuholen. Was eignet sich da besser, als über des Nachbars Zaun zu schauen, um zu sehen, welche Erfahrungen und Erkenntnisse andere Kulturen in den Jahrtausenden, in denen sie nicht von denselben dualistischen und einengenden Wahrnehmungsmustern geprägt waren, aus ihrer Beschäftigung mit Körper und Geist gewonnen hatten.
Wiederum: Wir können diese Erkenntnisse nicht einfach übernehmen, sondern wir müssen uns mit ihnen auseinandersetzen, und zwar von der Basis ausgehend, die wir besitzen. In der Verinnerlichung der Prinzipien der Inneren Kampfkünste lernen wir auf eine auf dem Körper basierende Weise, was Interaktion im Einklang mit dem Universum wirklich bedeutet.

 

Dass das Gehirn sich nicht nur auf die schwammige Masse im Inneren unseres Schädels beschränkt, sondern sich über den ganzen Körper erstreckt, ist unterdessen wissenschaftlich fundiert. Ebenso stellt die Psyche nicht etwa ein unlokalisierbares, diffuses Irgendetwas dar, über das man nur reden kann, sondern sie ist in erster Linie körperlich. Sie alle kennen das Herzklopfen, wenn Sie aufgeregt sind, oder die Schweissausbrüche. Jeder einzelne psychische Zustand hat ein Empfinden im Körper. Psychische Erfahrungen und Erinnerungen werden in erster Linie in den Zellen des Bindegewebes gespeichert, also im ganzen Körper. Unsere Biografie ist unsere Biologie, sagt man dazu treffend. Körperarbeit, von körperorientierter Psychotherapie über Feldenkrais, Yoga, Qigong bis zum Taiji heisst also immer Arbeit mit der Ganzheit.
Bewegung stellt das grundlegende Prinzip von Gesundheit und Glück dar. Alles was lebt, verändert sich. Leben ist Bewegung. Der Mensch ist ein komplexes dynamisches System der immerwährenden Veränderung und der unaufhörlichen Resonanz und Interferenz. Betrachten wir nur einmal den menschlichen Körper, die dichteste Form des Menschseins, wenn wir so wollen.
Schon von aussen her betrachtet fällt uns die Bewegung des Brustkorbes auf. Es ist die Bewegung des Atems, der uns durch das ganze Leben begleitet. Etwas weniger offensichtlich, jedoch genau so konkret lassen sich die Bewegungen des Blutkreislaufes feststellen, des Lymphsystems, des Nervensystems, des endokrinen Systems und des cranialen Systems.
Hier kommen wir schon in subtilere Bereiche des Menschseins, wobei subtil nicht weniger konkret heisst. Alle Organe sind dadurch miteinander verbunden und stehen in einer beständigen Wechselwirkung. Geleitet und verteilt wird die Energie durch verschiedenste Faktoren, von denen Bewegung und Ernährung nur zwei Faktoren darstellen. Auch unsere Gedanken und Emotionen, unsere Gefühle und unser Glauben beeinflussen diese Ebenen, oder besser, sind mit ihr durchwoben. Wenn wir unsere Gedanken betrachten, das heisst einen Schritt zurücktreten, uns nicht mit ihnen identifizieren und einfach zuschauen, wie sie sich wandeln, merken wir, dass auch sie in einer immerwährenden Dynamik begriffen sind, wobei ungesunde Gedanken sich kreisförmig wiederholen ohne sich wirklich zu verändern, während gesunde Gedanken vorbeiziehen, sich verändern und auflösen wie vorbeiziehende Wolken.
Genauso verhält es sich mit unseren Emotionen und Gefühlen. Sie wandeln sich unablässig, wie ein Bach, der fliesst, mal schneller, mal langsamer, mal ruhig, mal wild und voller Strudel. Auch hier zeigen sich Emotionen und Gefühle, die sich auf das Gesamtsystem hinderlich auswirken, als erstarrte Wiederkehr des Immergleichen.
Jede Gedankenform, jede Emotion besitzt eine eigene Qualität, eine Frequenz (Schwingung) und eine Konsistenz (Dichte). So sind Emotionen dichter als Gefühle einem anderen Menschen gegenüber, weil die Emotion dichter an die eigene körperliche Realität gebunden ist.
Wem das zu abstrakt erscheint, stelle sich einmal einen wütenden Menschen vor. Wir alle haben schon wütende Menschen getroffen und haben Wut in uns selbst erfahren. Jede Emotion hat seine eigene Physiologie, sein Bewegungsmuster, das klar wahrgenommen wird. Das Herz eines wütenden Menschen schlägt schneller, sein Kopf wird rot, die Muskeln des Oberkörpers, des Halses und des Kiefers spannen sich an, die Stimme wird laut und - je nach Charakter des Menschen - donnernd oder schrill und hysterisch, und so weiter.
Oder stellen sie sich einen Menschen vor, der weint, oder einen, der lacht. Jede Emotion hat ihre offensichtlichen körperlichen Erscheinungen.
Direkte Auswirkungen von Gefühlen sind von aussen schon schwieriger zu sehen. Aber es ist trotzdem nicht schwer. Sind sie schon einmal neben einem frisch verliebten Paar gestanden? Ein wunderbares Gefühl, nicht wahr? Und wir alle wissen, wie sich unser Körper anfühlt, wenn wir selbst frisch verliebt sind! Doch es wird klar, dass Gefühle eine feinere Qualität besitzen als Emotionen. Wir könnten die Emotionen zum Beispiel mit Wolle vergleichen, die Gefühle mit Seide.
Körpersprache, ob offensichtlich oder subtil, gehört zu unserem Alltag, und wir sind alle Experten, sie zu verstehen. Der Körper, Emotionen, Gefühle und Gedanken sind niemals getrennt. Wenn nun die (scheinbare) Notwendigkeit entsteht, die Körperlichkeit der Emotion zu leugnen, - zum Beispiel wenn ein Kind nicht weinen darf ("Nimm dich zusammen!") oder keinen Ärger zeigen darf ("Nicht in unserer Familie, junger Mann!") - wird ein wesentlicher Teil des Menschseins unterdrückt. Wir alle mussten das tun, um überleben zu können. Wir mussten unsere natürlichen Bewegungen, den natürlichen Fluss der Energie, unterdrücken und stoppen. Taiji ist ein Weg, unsere ursprüngliche Beweglichkeit körperlich und geistig wieder zu erlangen. Und der Weg ist zwar wunderbar und unberechenbar, aber nicht geheimnisvoll.

 

Es gibt heute wirklich keine Geheimnisse mehr. Das erste 'Geheimnis' eines Taiji-Meisters wäre, dass er viel geübt hat. Das zweite 'Geheimnis' wäre, dass er intelligent geübt hat. Wir westlichen Menschen haben so stark die Tendenz, die Dinge über den Kopf zu lösen, dass wir oftmals von einem Meister zum anderen rennen, um endlich das grosse Geheimnis gesagt zu bekommen. Die Worte des Meisters klingen meist einfach, vielleicht leitet er uns nur zu ein paar simplen Körperübungen an. Wir vermuten dann immer, dass es noch mehr geben müsse, dass uns der Meister nicht alles sagt und das wesentliche Geheimnis für sich behält, oder wir lauschen seinen Worten nach, drehen und wenden sie in der Hoffnung, doch noch herauszuhören, was er uns offensichtlich verschweigt, statt das wir einfach üben, den Anweisungen folgen und somit selbst erfahren. Nur durch die eigene Arbeit an und mit mir erfahre ich die Dimensionen des Seins. Sagen wird es mir niemand. Denn es gibt nichts zu sagen. Der Schlüssel zu der Türe des Seins ist Hingabe.

 

Diejenigen, die wissen, dass sie nicht wissen, werden weise sein.
Diejenigen, die meinen sie wüssten, bleiben unwissend.

 

Man muss verlieren können um zu gewinnen.
Viele Leute verstehen zu schnell,
um wirklich zu verstehen.
Das Leben ist ein Prozess.
Verlieren können heisst stark werden.
Gewinnen müssen heisst schwach sein.
Der Verlierer wird stärker,
der Gewinner nicht.

Taiji und Wettkämpfe

Es scheint ein Urbedürfnis des Menschen zu sein, sich zu messen. Auch im Taiji. Es finden verschiedene Formen der Wettkämpfe statt. Das Paradox, eine friedliebende Kampfkunst in Wettkämpfen zu beurteilen, wird durch vielerlei andere Komponenten noch verschärft.

 

Die Situation
Kurz zusammengefasst kann man sagen, dass Taiji heute nach äusseren Merkmalen beurteilt wird (Grösse der Schritte, Flexibilität, Höhe der Kicks und so weiter...) . Das ist insofern problematisch, als dass man eine vor allem innere Kunst nach äusseren Masstäben beurteilt.
Da ich einen Motor eines Autos nicht beurteilen kann, wenn ich nicht weiss, wie ich die Haube öffne, muss ich bei der Beurteilung auf andere Masstäbe ausweichen - auf das Design des Autos und seine Ausstattung. (Später werden wir sehen, dass wir diesen Vergleich weiter ziehen können - und merken, dass auch nicht das Fahrverhalten des Autos beurteilt wird, das immerhin noch einiges auf den Motor schliessen lassen könnte.)

Wenn also schon Wettkämpfe veranstaltet werden sollen, dann kann man sich überlegen, ob es nicht angemessenere Formen der Beurteilung gibt.

 

Wie man die energetischen Komponenten des Taiji erfasst
Man kann Energie sehen, wenn man weiss, worauf man schauen soll. Man muss dazu nicht zwangsläufig hellsichtig sein. Da es ja schon in den Klassikern heisst, dass der Körper dem Qi folgt, kann man die Bewegung der Energie körperlich wahrnehmen.
Die energetische Bewegung des Körpers lässt sich nach folgenden Kriterien beurteilen:

 

Bewegt sich der Körper als Einheit, oder bewegen sich die Arme und auch die Beine isoliert?
Entspringt die Bewegung aus den zwei Zentren? Das heisst: Sind zwei Wellen sichtbar, die sich durch den Körper ausbreiten? Die eine Welle kommt aus dem Boden und bewegt sich durch Sprunggelenk, Knie und Hüftgelenk nach oben. Dort entsteht die zweite Welle, die sich vom Dantian her ausbreitet in die Arme.
Bezieht die zweite Welle aus dem Dantian die Wirbelsäule mit ein? Bewegt sich die Wirbelsäule wie ein hängendes Seil, das die Impulse aufnimmt und weiterleitet, oder wie ein Besenstiel, starr und rigide?
Bezieht die zweite Welle alle drei oberen Gelenke mit ein - Schulter, Ellbogen und Handgelenk?
Entfaltet sich die Bewegung von innen nach aussen, oder geschieht sie nur an der Perihperie?
Entfaltet sich die Bewegung von unten nach oben, oder geschieht sie nur oben?
Sind die sechs Hauptgelenke miteinander verbunden? Das heisst: Hüftgelenk und Schultern, Knie und Ellbogen, Sprunggelenk und Handgelenk? Diese Gelenke sind von unten nach oben miteinander verbunden. Das heisst, die Schultern bewegen sich nicht isoliert, sondern werden von den Hüften gesteuert. Die Bewegung der Ellbogen entstehen durch eine Bewegung der Knie. Die Bewegung der Hand entsteht durch einen Impuls aus dem Fussgelenk.
Entstehen Schritte und Tritte aus einem Impuls aus dem Dantian?


Dies sind einfache Kriterien, mit denen man den Energiefluss im und durch den Körper auf einer ganz körperlichen Ebene beobachten kann. Es braucht also keinen speziellen Blick dafür, lediglich eine genaue Wahrnehmung für subtile Bewegungen. Neben all den anderen Kriterien, die man noch beurteilen könnte (Wie stark ist die Intention? Wo ist das Bewusstsein? Wieviel Energie fliesst?), scheinen mir das Kriterien zu sein, die genauso konkret und objektiv beurteilbar wären wie die Weite eines Schrittes und die Höhe eines Trittes.


Warum man Form und Push Hands zusammen beurteilen sollte
Taiji ist nicht nur Form. Taiji ist eine Kampfkunst, also die Kunst der Begegnung. Deshalb sollte nicht nur ein Aspekt des Taiji beurteilt werden, sondern Taiji in seiner Gesamtheit. Deshalb gehören die Beurteilung von Form und Push Hands zusammen.
Um wieder den Vergleich mit dem Auto zu nehmen: Wenn wir das Auto in seiner Gesamtheit beurteilen wollen, schauen wir uns nicht nur Design und Austattung an, sondern auch sein Fahrverhalten. Das Fahrverhalten im Taiji prüfen wir mit Hilfe des Push Hands.
Andererseits ist es auch so, dass an Push Hands Wettkämpfen gerne Teilnehmer anderer Kampfkünste teilnehmen und in ihrer aggressiven Art den Geist des Push Hands missachten. Ausserdem ist es bei Wettkämpfen mit solchen Partnern schon zu Verletzungen gekommen. Wenn also auch bei einem Push Hands Wettkampf die Taiji Form beurteilt wird, verhindert man solche Trittbrettfahrer.

 

Die Kriterien zur Beurteilung des Push Hands kann man weiter ausfächern als einfach nur, wer öfters aus dem Gleichgweicht fällt. Folgende Kriterien sollten zu einer Beurteilung unbedingt auch herangezogen werden:

 

Wie ist der Geist des Teilnehmers? Entspricht er dem Taiji-Geist, findet also ein Tanz von Energie statt? Oder geht es nur ums Gewinnen?
Zeigt der Teilnehmer seinem Partner gegenüber die gebührende Hochachtung und den gebührenden Respekt?
Ist der Teilnehmer darauf Bedacht, den "Schützenden Geist" zu wahren, um ein optimales Klima sicher zu stellen, in dem Achtung und Sicherheit an erster Stelle stehen?
Ist der Teilnehmer immer am Stossen? Lässt er sich auch Stossen?
"Hört" er beim Stossen, oder stösst er einfach?
Kommt sein Stoss aus dem Boden und dem Dantian, oder stossen die Arme?
Wenn der Teilnehmer gestossen wird und aus dem Zentrum fällt, hält er sich am Gegner? Kompensiert er fehlende Wurzelkraft mit harten Armen?

Zitate von Cheng Man-ching

Folgende Aussagen wurden von einem direkten Schüler von Cheng Man-ching aufgezeichnet. Sein Name ist mir nicht bekannt. Ich habe die Kopien seiner Aufzeichnungen aus vierter Hand erhalten.

 

Die Studenten baten den Meister: "Bitte, zeigen Sie uns das Geheimnis!"
Der Meister sagte: "Nein, ihr seid zu stark, zu hart, und ihr werdet ohnehin nicht zuhören, was ich euch sage."
Und der Meister sagte: "Ihr müsst entspannen."

 

Ihr müsst dem Qi vertrauen.

 

Lernt Energie entgegenzunehmen.

 

Taijiquan ist als Selbstverteidigung nicht statisch. Ihr könnt gar nichts abblocken, weil die Energie einfach weiterfliesst, kreisförmig. Ihr müsst die Energie annehmen.

 

Bewegung hat zu tun mit der Beziehung von Körper und Geist. Gewohnheitsmässige Bewegung geschieht, wenn der Geist mit dem Körper nicht kommunizieren kann.

 

Hinter jeder Bewegung ist Bewusstsein. Darum ist es möglich, den Grad des Bewusstseins eines Gegners aus seinen Bewegungen abzulesen.

 

Neutralisiere immer in Kreisen. Lass die Kraft alle Zeit kreisen.

 

zu Tui Shou: Beharre nicht auf dem Stossen.

 

Mache den Lotus-Kick langsam!

Verschiedene Formen und Stile

Verschiedene Formen und Stile...

Stellen wir uns einen Ball vor, einen Ball, der alle Eigenschaften eines guten Balles erfüllt: Er ist rund, mit Luft gefüllt, nicht zu hart und nicht zu weich. Solange der Ball diese Eigenschaften erfüllt, spielt es keine Rolle, welche Farbe er hat. Wenn er rot ist, ist er ein Ball, wenn er blau ist, ist er auch ein Ball.
Nehmen wir an, ich möchte den Ball als Geschenk verpacken. Es ist egal, ob ich dazu eine grosse Kiste nehme oder eine kleine, ob diese Kiste aus Holz ist oder aus Karton, ob ich die Kiste dann noch mit Papier umhülle oder nicht - und welche Farben und Muster dieses Papier hat - und ob ich eine Schnur darum binde oder nicht: der Ball bleibt immer derselbe Ball. Er verliert keine seiner Eigenschaften und nichts an Qualität.
Wenn wir mit diesem Ball spielen, sind wir frei, was wir mit ihm tun. Wir können ihn uns am Strand zuwerfen oder wir können Fussball spielen, der Ball bleibt ein Ball.
So wie der Ball durch bestimmte Eigenschaften definiert wird, so wird auch Taijiquan durch bestimmte Eigenschaften definiert. Taiji wird beschrieben durch die Prinzipien, die wir im ersten Teil des Buches besprochen haben. Alles was unter Einhaltung dieser Prinzipien geschieht, ist Taiji. Ich kann damit machen, was ich will, solange ich die Prinzipien einhalte.
Eine Methode, die Prinzipien zu üben, ist das Fliessen durch die Form. Mit Form wird ein festgelegter Bewegungsablauf beschrieben, der im Taiji langsam und alleine ausgeführt wird. Verschiedene Stile des Taiji haben verschiedene Formen entwickelt. Welchen Stil man praktiziert spielt keine Rolle, denn der Stil ist nur Verpackung. Verschiedene Stile sind wie verschiedene Muster der Verpackung, gewisse sind schlichter, andere sind kunstvoller, manche haben ein Band rundherum, andere nicht. Die Stile tragen die Namen der Familien, in denen sie entwickelt und weitergegeben wurden. So kommt der Chen-Stil aus der Chen-Familie, der Yang-Stil aus der Yang-Familie, der Wu-Stil aus der Wu-Familie usw.
Es gibt Leute, die sagen, ein Stil ist besser als ein anderer, und eine Form ist besser als andere. Für mich sind es verschiedene Verpackungen. Man kann sich dabei aussuchen, was einem am meisten entspricht. Oder, wie wir sehen werden, kann man auch einfach seinen eigenen Stil entwickeln.


..., ein Ritual
Rituale und deren Sinn sind uns in unserer gegenwärtigen Kultur weitgehend abhanden gekommen. Sie sind aber so notwendig wie eh und je, da sie Initiationspunkte und Ventile für tiefe Aspekte unserer Psyche darstellen. Da wir sie in persönlichen Zeiten grosser Veränderungen immer noch bräuchten, schafft sich unsere Kultur eine ganze Reihe von Ersatzritualen. Das Verhängnisvolle dabei ist, dass diese 'Rituale' meist nicht den Charakter einer heiligen Handlung haben, sondern schlicht einer Flucht. Was damit versucht wird, ist aus dem engen Gefängnis des Mentalen auszubrechen, in dem wir heranwachsen und leben. Ersatzrituale sind verzweifelte Versuche einer Sinnfindung. Durch Flucht lässt sich aber keinen Sinn finden.
So ist zum Beispiel das Problem der Drogen sehr vielschichtig. Sie sind ein wirkungsvoller Weg, andere Bewusstseinsdimensionen zu erreichen und werden dementsprechend auch in echten Ritualen, zum Beispiel im Schamanismus, eingesetzt. Doch während sie dort zu einem heilenden und integrierenden Zweck eingesetzt werden, wenden wir sie so unkontrolliert an, dass sie zerstören und isolieren.
Ein anderes Beispiel sind Jugendbanden. Die Jugendlichen versuchen damit, den fehlenden Halt innerhalb einer Gemeinschaft, einer Familie oder eines Stammes wiederherzustellen. Zum Teil herrschen innerhalb solcher Banden hierarchische Strukturen. Bei vielen Urvölkern werden die jungen Stammesmitglieder in der Übergangszeit ins Erwachsenenalter auf Visionssuche geschickt, die einerseits die Brücke vom Kind zum Erwachsenen darstellt und andererseits den Platz und die Aufgabe in der Gemeinschaft aufzeigt. Solche echten Rituale werden in Banden durch Mutproben ersetzt. Das Problem ist, dass die Banden sich isolieren und sich darum selbst eine Initiation schaffen müssen, was nicht gelingen kann.
Auch Medienkonsum kann zum Ersatzritual werden. Während man ursprünglich am Feuer sass und sich Geschichten erzählte, sitzt man heute vor den Fernseher und glotzt. So durchziehen Ersatzrituale die gesamte westliche Gesellschaft, man könnte noch viele aufzählen. Was allen Ersatzritualen gemeinsam ist, ist ihr abstumpfender, isolierender, destruktiver Charakter.
Was wir brauchen, sind echte Rituale, die unseren echten Bedürfnissen gerecht werden. Die Form ist ein solches Ritual. Sie ist der heilige Moment in unserem Tagesablauf, in dem wir uns voll und ganz auf uns, unser Sein, unsere Verbindung zu Erde und Himmel besinnen und diese Grundhaltung üben. Die Form ist ein Ritual der Besinnung.


Die Gefahr des Rituals
Rituale, da nur eine Form, die mit Inhalt, mit Sinn gefüllt werden muss, haben eine Tendenz zur Erstarrung. Dies geschieht, wenn das Hauptaugenmerk auf das Gefäss gelenkt wird, nicht auf den Inhalt. Diese Erstarrung können wir überall finden: Im Gottesdienst der Kirche, im klassischen Konzertleben, wo immer dieselben Werke aufgeführt werden, im Liebesakt, der zur blossen Gewohnheit oder 'Sache' wird, in den Werken eines Künstlers, der sich ständig selber wiederholt.
Sinn ist kreatives Entfalten, wohingegen das Ritual selbst nicht kreativ ist. Sobald also die Kreativität abhanden kommt, wiederholt sich eine hohle Form ohne Sinn.
Eine Form mit dem Sinn gleichzusetzen ist wie die Gebrauchsanweisung mit dem Fernseher zu verwechseln.
Was sind also die Qualitäten des Form-Rituales? Wie erfülle ich das Ritual mit Leben?

 

Das erfüllte Ritual
Der Schlüssel zu einem erfüllten Ritual liegt in der Intention, mit dem es ausgeführt wird. Je mehr ich von mir einbringen kann, desto tiefer die Wirkung. Ich möchte dazu von meiner eigenen inneren Art erzählen, mit dem ich die äussere Form erfülle.
Es gibt für mich zwei Betrachtungsweisen. Die eine ist, dass das Ritual mir hilft, mich zu vervollständigen. Im Falle einer Taiji-Form hilft sie mir, mich auf den drei Ebenen der körperlichen Integration, der Ebene der Interaktion und der spirituellen Ebene zu schulen und zu verfeinern. Diese Erkenntnis führt zu einer gewissen Demut und Dankbarkeit gegenüber der Form, einer gewissen Bewusstheit des heiligen Charakters.
Die andere Betrachtungsweise, die aus dieser Bewusstheit wächst, ist, dass wir, die eine Form machen, eine Verantwortung tragen. Wir sind diejenigen, die eine Jahrhunderte alte Linie des Bewusstseins am Leben erhalten. Wir sind Hüter eines Schatzes, den unsere Vorfahren geborgen und gehütet haben. Wir sind die vorderste Spitze einer Welle, die sich seit Jahrhunderten durch das Meer des Bewusstseins bewegt. Es liegt an uns, diese Welle der Kraft nicht verebben zu lassen und sie für unsere Nachfahren zu erhalten.
Jedesmal, wenn ich mich mit der überlieferten Form zu einem Tanz der Gegenwart verbinde, bin ich mir der Vergangenheit und der Zukunft bewusst, die sich darin vereint. Bevor ich beginne, rufe ich die vergangenen Taiji-Meister an bei mir zu sein und mit mir und durch mich zu fliessen. Ich bin ihnen dankbar und bin mir der Verantwortung bewusst, die ich gerne trage.
Dies sind meine persönlichen Intentionen, mit denen ich das Ritual-Gefäss fülle, um es lebendig zu erhalten. Jeder muss seine eigene Art des Dienstes finden.
Eine andere Ebene ist, dass ich die Form wirklich im vollen Bewusstsein mache, die Prinzipien dadurch in meinem Körper, meinem Wesen und meinem Geist zu verankern. Es empfiehlt sich, jedesmal eine Qualität oder eine Ebene (siehe unten) heraus zu nehmen und darauf während der Form zu fokussieren. Andernfalls besteht wieder die Tendenz, einfach Bewegungen zu machen, während ich in Wirklichkeit wo ganz anders bin.
Beim Üben der Form durchläuft man verschiedene Stadien: Am Anfang bewegen Sie sich durch die Form, überlegen, welcher Körperteil sich wohin bewegt, gehen von Stellung zu Stellung. Allmählich beginnen Sie dann, durch die Form zu fliessen, ohne viel überlegen zu müssen. Doch auch dies gehört noch immer zum Anfangsstadium. Erreichen Sie eine höhere Stufe, kehrt sich der Prozess um, und die Form fliesst durch Sie, während Sie einfach sind. Auf dieser höheren Stufe kommen Sie dem Taiji näher und näher. Doch Sie können und sollen noch weitergehen: Auf der dritten Stufe gibt es keine Trennung mehr zwischen Ihnen und der Form. Es ist der Zustand des dynamischen Seins, des ewig Wandelbaren, des Einsseins mit dem Dao, dem So-Sein.

Embrace The Tiger And Return To The Mountain

The following text is part of a thesis written in 2003. It has been written for people who are just finishing a school for energetic healing but do not know much about Taiji. So it gives a brief overview as well as a short in-depth introduction to my favourite subject, the art of non-fighting, Push Hands or Tui Shou.
Some part of the texts found their way into the Book "Taiji. Die innere Kraft von Himmel und Erde", available in German.
I'm not an English-pro, but I hope the content talks more to you than the mistakes in language. I put it on the web for people who speak no German and are interested in a slightly different approach to Taiji than you find in many schools. This approach sees Taiji as an integral art that involves the whole human being, physically, energetically, psychologically, spiritually, in the context of self and culture (and that's where the Push Hands comes into play) and culture, evolving naturally and with its own wisdom as we allow it to and relax into being and into life. I have created some easy-to-learn exercises who will lead you to this place, and the website with its material in German guides you through this process (although it is important to say that while relaxing into being is ultimately the only and easiest thing you can do, the way to it means practise, even with easy-to-learn exercises. Practise leads to experience. Experience leads to relaxing into a dynamic, evolving, ever-changing being).

 

Preface
"As we become more integrated, we become more relational. Our capacity for understanding and working with outer relationships is enhanced by the sophistication of our inner one. Instead of relating from a single part of ourselves, which makes us inflexible, we have a broader base from which to relate. There is simply more there for another to be attracted to, and more of us there to meet them."
(Anodea Judith, Eastern Body, Western Mind)

 

Imagine: You are walking along the beach. The sun sets. A soft, warm breeze touches gently your shirt and skin. The sound of the water talks of billions of years.
Suddenly something catches your intention. Two people facing each other with wide stances, pushing each other back and forth. You stop and watch. Against the evening sky you see them as two shadows. You wonder what they are doing. First you think they are investigating in a kind of fight, but as you keep watching it seems more like a dance, a smooth flowing of the two. They push each other without any outer effort, but don't get pushed off even though it looks like they are not resisting the attacks. Their feet remain firmly on the ground. You keep watching this harmonious dance of energy, this gentle but powerful exchange, this complete harmony of two people melting into an ever-changing, dynamic unity. As their bodies Start to dissolve in the settling darkness of a clear night, you separate and go on on your way, wondering what you have seen.
That's what often happens when I practice Tui Shou outside. People are fascinated watching it. They don't resist it, and it looks beautiful. It does not fit into anything we know. Tui Shou is part of Taiji. It describes a whole universe of interaction. I will focus here on what happens in the dance of opposite forces, when the two become one. I have decided to write my Thesis about Tui Shou as a mind-opener for something I truly love and of which my dream is to bring it into the world as a way of learning and having true joy and fulfilment. Also, I intent to close a circle with it. Through Taiji I came to Snowlion. During the training, I had to drop some of the principles of Taiji-interaction, because they simply didn't fit. The worst time came as I couldn't do Tui Shou anymore because I couldn't handle the amount and depth of information that I got by touching others. I finally learned to deal with it. Now, with a broader base, a deeper awareness of myself and others, I return to it, and after Snowlion, it will be my main focus again. The Thesis is one Step of this.
On the other hand, the grounding, rooting and centering effect of Taiji gave me the ability to go into processes without ever fearing to loose my center. Taiji provided a save vessel for me that always kept me in contact with my Hara.
The most profound effect the practice of Taiji and especially the interactive part Tui Shou has on me is still unfolding. It changes my whole perception and way of being, my way of interacting in daily life and in my healing practice. Everything becomes more and more a dance - a joyful, healing, dynamic, open way of mindful "playing" with energy. I dance with my problems. I dance with my clients. I dance with all the pain in joy, praising its beauty.

 

A short introduction - What is Taiji
This sign made its journey around the world - the Yin and Yang. But who really knows the real name of it? It is Taiji (also written Tai Chi). We associate with it something like harmony or balance. The literal translation from the Chinese means something like the highest ultimate. The martial art that has its foundation on Taiji is originally called Taiji Quan, but only Taiji is used normally to name the martial art. Quan means fist. So it means fighting with the principles of Taiji.
Tui Shou is a part of Taiji. Taiji is practiced in our culture as meditation in movement, or even as movement only, but it originally is a martial art, where meditation in movement is one aspect of it. There are two kinds of martial arts, the inner ones and the outer ones. The outer ones, like Karate, Taekwondo and Jiu Jitsu use muscular strength, called Li in Chinese. The inner ones, Taiji, Xingyi and Bagua use internal energy, called Qi. The Japanese word for Qi is Ki, which we also find in Aikido.
The main principals of the inner martial arts are relaxation, centering, rooting, connecting, a clear mind and a strong intention - all the important aspects of healing as well. There are many stiles in Taiji, and within each style, there are many forms to practice. A form is a fixed set of movements that enhance relaxation and all the other principles. Yet there are people who know ten forms but don't know how to relax and sink into the ground. There are people who know the form very well, and even know how to apply all the principles. But they still have a problem, and you may be able to relate to it: It is relatively easy to sit in peace on a meditation cushion, but as soon you get up, you struggle again with all the daily problems and people and loose your center again. The same is true with the form. A meditation cushion is not life, and a Taiji form is not life. It does not enhance our interacting and connecting skills. It does not teach how to interact with different people, with different energies. It does not teach how to stay centered in the stormy struggles of every day life. There is no interaction, and therefore no mirror that shows us what still doesn't flow freely, no feedback that brings up aspects of ourselves that we don't see when we are alone. Since Taiji is a martial art, it is primarily an art of interaction. The way to practice interacting and connecting skills in Taiji is Tui Shou, also called Push Hands, which is the translation from Chinese words. There are two types of Tui Shou, the Fixed Step and the Moving Step. I write about Fixed Step Tui Shou.
Fixed Step Tui Shou is the most focused form of Taiji interaction. While moving around, it is still possible to compensate failures of relaxation, centering and grounding through quick movement. With a fixed stance, it is not. In Fixed Step Tui Shou, we pure down to the very essence of Taiji.
There are also two different ways of practicing Tui Shou. One is called Pattern Tui Shou, the other Freestyle Tui Shou. As the name says, Pattern Tui Shou works with patterns - short, repetitive movements that are so long repeated until they are internalized, or as I would say, become a habit. Basically, it teaches: "If someone attacks likes this, react like that. If someone pushed like this, do that." Pattern Tui Shou is a. programming of the body-mind, what comes out of it is a programmed response. (The word body-mind describes the unity of body and mind in a centered Hara.) This makes sense as it replaces responses that are not appropriate in
a healthy, dynamic interaction (as resistance, or counterattacking during an attack, for example), with a response that is more appropriate. Freestyle Tui Shou goes the other way: The body-mind is given permission to flow with whatever comes in whatever way as long as it stays centered and relaxed. This way, the body-mind is able to unfold its own wisdom. There are no programmed responses and it is therefore not predictable. My way of learning and teaching Tui Shou is basically the free style.

 

Fighting and consciousness?
When I introduce Tui Shou in a Taiji class, people often say: "But I don't want to learn to fight. I just want to have some peace here". Then I tell them that how to break someone's nose or arm, or even to kill someone is taught through the peaceful movements of the form, because every movement has one or even more fighting applications that can be used if needed. Now, with Tui Shou, we learn how not to fight in an interaction where someone attacks us and still remain unharmed, relaxed and centered. Tui Shou has no fighting intention. It is a deeply peaceful spiritual discipline.
What we learn in a rather physical way has its effects on every level of our being. So as we learn Tui Shou, we also learn to deal with energies on a verbal level, for example, or a pure energetic level. The way of moving is easily translatable into the way of speaking and listening to someone: Do I block, resist, or give up immediately? Am I able to receive information or a verbal attack fully, root it into my being and, if appropriate, give it back without hard or invasive force? When somebody talks to me, can I get the essence, the center, and interact on that level so that no resistance is given or needed? Can I speak from my center and bring my partner into his center through simple resonance?
The beauty in this is also that it is not only an exchange of energy, but it is also creative. If someone attacks me verbally, I receive two things: the energy of the words, and the intention. The energy may be sharp and violent, but on a very profound level it is only energy. With this in my consciousness, I can receive it only as energy. Then, there's the intention that formed the energy. With practice I can become skilled enough to get the intention into my Hara, and as it arrives there, it neutralizes, it heals immediately. Then comes the creative part: What do I do with the energy and the healed intention? I am free to take the energy into my system and use it for myself (physically speaking: what is a push different than a massage?), I can root it into the ground, or I can recirculate it, that means give it back in a circular motion. And also, I can give the intention back, but now it is realigned, and what the person sent out with the intention to destroy comes back with the effect of healing. Wow! That's one of the true treasures of Tui Shou: I learn to receive the world as it is and to deal with it in a healing way. Not only during practice or a healing session - always, in every single moment. Tui Shou serves as a direct biofeedback system. We can talk a lot about how relaxed, centered and grounded we are. But as we get pushed of, it is no question that we are not; there is no 'but'. (Although, of course, it's still possible to deny the obvious. There is a story about a man who practiced Taiji for thirty years and pushed with the well known Taiji master and gifted teacher William C.C. Cheng. This man got pushed of all the time; he had no chance to stay on his feet. He finally asked master Cheng why he could get pushed of so easily. Cheng said: "Well, my friend, you are not relaxed." The man was sure that he was relaxed and didn't believe what Cheng said. Even though they went on pushing and he still was pushed of very easily, he kept denying the obvious fact that he wasn't relaxed.)
That's also why many people who do Taiji don't like the part of Tui Shou. It is not possible to pretend anything in Tui Shou. You are seen naked, without any mask and with no excuse. When you fall, you fall. You can't pretend you're rooted when you're not. Tui Shou is a direct bio-feedback-system that gives you immediate bodily feedback on the whole body-mind system. It shows on the physical level where there are blocks, where parts are not integrated and where they are, it points out gaps and leaks in the energy field as well as the full and strong spots, it brings patterns of behaviour to the surface, it shows the condition of intention (Hara).

 

Boundaries
Taiji is the merging dance of two opponent forces. The two become not-two. Like water flowing around a stone. The stone has its own uniqueness; the water has its own uniqueness. They don't loose their identity or their essence as the water follows its nature to flow and the stone follows its nature to stay, but in this very moment they become one of a bigger whole. The stone and the water are not the same, but they are not separated.
What I want to say is: We talk a lot about boundaries, so where are they in a merging dance where separation means that you don't succeed? There is a form of boundaries within unity. Or even: two. One describes the auric boundaries, the other one a completely different kind. The more you are rooted in the earth, the more you can expand your field of awareness. The more you can go down, the more you can go out. In Tui Shou, it is crucial how deep you can go into the earth. For three reasons: the deeper the roots, the deeper your partner needs to go to uproot you. And, the deeper you go, the more you are able to expand, which means, you can wrap yourself energetically around your partner, and he's not able to push you any more. The third reason is that the deeper you go, the more energy you get from the earth, which makes you fuller, more aware, more sensitive. The more energy you have, the more you can feel the energy of the partner.
This all happens on the auric levels. The crucial point is rooting. As long as you are rooted you have your boundaries.
The second level is the one of the Hara. Hara is not only a state of being, it can be used as a defence where feelings are avoided, but it is also a form of boundary. Being in the Hara is being in your very middle, is being in clarity, and is being in a state where it is very difficult to be harmed at all. If an opponent wants to push you off when you are in this state, he needs to break your Hara-Line. Now, with practice, it is possible to make this Hara line at the same time stronger and thinner. It gets dense and denser until it almost dissolves, but it is extremely powerful.
It is hard to get a real idea of the Hara as a boundary, because we are used to think of a boundary as something out there that doesn't let things in. But the Hara is not really "out there". It works different. The Hara gives me the ability to blend. What isn't separated but fully integrated can't hurt. What is dancing in the great circling dance of Yin and Yang does not find resistance. And it needs resistance to hurt. (Remember: It is not the falling that hurts, but the arrival on the ground.)
So let's have a look at how a strong Hara gives me the ability to join a dance where boundaries are not out there, but the dance itself is the boundary.

 

Neutralizing
There are basically four kinds of energies in Taiji. Three of them are Yang, outwards going, one is Yin, receiving, neutralizing. The way of learning Tui Shou is basically the way of learning to receive energy and neutralizing it. The Yin-aspect is emphasized because it needs the most relaxation, rooting, alignment and so on. As the Yin-aspect unfolds, the Yang-aspects - projecting and releasing energies outwards - are enhanced with them almost automatically.
Let's use our imagination to look at an attack and how it is possibly neutralized in a Taiji-way. We'll do it in slow-motion to have the time to look very closely. The person who is neutralizing goes through five different stages:

Center: The push comes. I see it coming. I feel it coming. I center mind and body, for both is crucial. I drop my energy very low. I bring everything together and in alignment. I connect the three Dantian along the Hara-line. I am connected with my wholeness. I need my wholeness to meet what comes, since I don't know what it is that comes. I need everything I have to meet the other person authentically. Centering means to be authentic. No more pretending. Pretending won't work. Centering is gathering my wholeness on the line that connects everything. It means to become fully present. I am ready. I am Yin. It can come, the Yang.
Open: I open my energy-gates, open the joints of the body, the meridians, and the chakras, open the charge of energy from the earth, and open my awareness. It is like inhaling. Everything becomes alive. The Yin is full, it is alive. The Yang comes closer.
Expand: I expand my field of energy; I expand my field of awareness while staying complete and centered. I may physically expand an arm to meet and join the arriving arm. My arm says a wholeheartedly welcome! To the other arm. I don't grab it, I just connect. My arm is connected to my center, physically and energetically. It expands by opening up the whole body even more. By touching I get more information about the partner's intent. I may adjust posture to be able to be turned by the incoming force like a wheel around the Hara.
Blend: The arm comes even closer. My arm now has the same speed. With my gentle touch, hardly to be felt by the partner, I have a connection that allows me to connect my center with my partner's. What was two becomes one. I guide my partner's arm with my center and therefore move his center. We start to dance. Now creativity unfolds. I can root the incoming energy. I can transform it. I can give it back in a circular movement. Or my partner changes -quality, direction, whatever. The arm may touch my torso. I dance with it. It is like a part of my body.
Integrate: After the dance has finished, I honour it. There is something to learn in it. Always. For both parts. I integrate it by becoming still. It is the stillpoint of the interaction. Integration can last very long, since Tui Shou happens on all the levels of the auric field, the Hara, the Essence and the body. Especially in the beginning of my practice, integration of some interactions took place for as long as three weeks. It happens very holistically. And the dance goes on.

 

The little difference: Moving the c from two to one – from reacting to creating
Commonly, in Tui Shou and in every day life, we find three kinds of reaction. The first one is resistance. It is very common to resist change. Everybody who starts Tui Shou needs to deal with that in the first years. It is deep in our system to resist something, coming from the outside or the inside. When we push someone who's resisting, it feels like a rock.
The second is being the victim. Once we let go of resistance, there is nothing else. Tui Shou students then change from too hard to too soft. With it, they also let go grounding and centering. They are floating in empty space - and therefore can be pushed very easily, and, since they have no ground, and can't push (try once to push when you're floating in empty space). It is like pushing a balloon filled with air.
The third common reaction is denying. People stand there as if nothing would happen, and people fall as if nothing had happened. It is like pushing a statue or a vase.
All the three reactions come out of a split. Reaction is an in time shifted action to an action that happened before. As soon as I re-act, I am not present any more. As soon as I react, it means duality, there is no oneness with the partner anymore, and he can manipulate me whatever
way he wishes, because I will always in a certain way re-act to his action. What happens is depending on him.
As my partner pushes me, I let him push without re-acting anything. It doesn't mean that nothing happens, but I blend and merge with the energy and let the moment unfold out of this unity. This is a direct action, not a re-action.
There are two aspects to reaction: reacting to something, and reacting something.
Instead of re-acting to another person or to circumstances
our own past or a pattern we copied from someone/somewhere,
we learn to act.

 

Here we also see the big difference between the 'western' and the 'eastern' way. Psychotherapy mainly focuses on the "re", the past, in order to enable us to act appropriate in the present. Tui Shou works on the "acting", the present, directly, and dissolves the "re" with it. So it is a completely different way of working with oneself.
In psychotherapy, we go through the auric level and then, if at all, into the Hara. In Taiji and all the Inner Martial Arts, we start with the Hara. As it begins to stabilize, connect, realign and strengthen, the energy starts to build up as in a pressure cooker. Once there is too much energy for it to contain, the steam spreads out, the energy flows into the auric level and does clear, charge and realign on these levels as well. These, of course, are two completely different processes. Psychotherapy eventually leads through the chaos to the center, while the 'eastern way' starts in the center from where we explore the turbulences.
The dissolving of the "re" into presence is part of what the Daoists call Wu Wei. Wu Wei has no real translation in English (or any western language), which is a clear sign how unfamiliar and hard to understand it is for the western cultures. Wu Wei is translated for example as "action through non-action", "non-action in action", or, as I prefer, "acting through allowing" or "acting through being".
To understand this, we need to grasp an idea of non-action, allowing and being in relation to interaction. Usually we associate with it lack of intention and energy, a state of numbness and powerlessness, of giving away one's power to someone else, of loosing control, of a lack of will and so on. But there are powerful states of being, where nothing is done, but a lot achieved.
And so it is with Wu Wei, which is just another name for one of these states of being. It is a state of being in the Hara. But it is in no way static, it is joining and dancing, flowing and dynamic. It is through Wu Wei that we achieve not-twoness.
Wu Wei is being with or in intention. Unfortunately, and this is another aspect why it is hard for western people to understand, we associate with intention a goal, something we do, something we need our will for. But in the Hara, there is no will. The will exists on the auric level.
Will is "being" projected into the future. I want something to be different in the future and I use will to make that change happen. The English language is of great help here. Or shall we consider it a simple coincidence that the word "will" also means the future of to "be"? Now, the Hara-level is beyond time, beyond future, and therefore beyond will. So the Chinese word for intention, Yi, describes more a state of awareness.
In Taiji we learn to direct energy by focusing our awareness. This is the Qigong aspect of Taiji. This is the level where we direct the quite dense, almost physical energy called Qi
through our body, which increases health and aliveness. Yet there are other levels as well.
True intention does exist alone, and doesn't need any additional energy to cause changes in the world. The physical expression of this can be found on very high levels of Taiji. As we learn Taiji, we learn to direct energy with our intention (and not our will, as beginners try).
On high levels, we learn to use intention without adding energy. Highly skilled Taiji masters are able to push someone with very little, hardly visible movement, and the person literally flies very fast and for many meters. (Of course this is not the goal of Taiji but a side-effect, although I know many people who practice Taiji for achieving such skills. Nevertheless it is a
great demonstration of the power of intention). To set an intention means to put the boat on the river. Once the boat is on it, nothing needs to be done. We will get there.

The Dao De Jing describes it this way:

 

Act without doing, work without effort.
(63)

Rushing into action, you fail. Trying to grasp things, you hose them. Forcing a project to completion, you ruin what was almost ripe.
Therefore the Master takes action
by letting things take their course.
He remains as calm
at the end as in the beginning.
He has nothing,
thus he has nothing to lose.
What he desires is non-desire;
what he learns is to unlearn.
He simply reminds people
of who they have always been. (64)

In the pursuit of knowledge,
every day something is added.
In the practice of the Way of Flowing,
every day something is dropped.
Less and less do you need to force things,
until finally you arrive at non-action.
When nothing is done,
nothing is left undone.
True mastery can be gained
by letting things go their own way.
It can't be gained by interfering. (48)

Stephen Mitchel, who translated the Dao De Jing, gives also the following comment:
«Nothing is done because the doer has wholeheartedly vanished into the deed; the fuel has been completely transformed into flame. This "nothing" is, in fact, everything. It happens when we trust the intelligence of the universe in the same way that an athlete or a dancer trusts the superior intelligence of the body. Hence Lao-Tzu's emphasis on softness. Softness means the opposite of rigidity, and is synonymous with suppleness, adaptability, endurance. Anyone who has seen a Taiji or Aikido master doing not-doing will know how powerful this softness is.»

 

It is from this point of dissolving reaction that creation can unfold. What I learn through Tui Shou is how to create my life instead of reacting to circumstances. As long as I try to catch happiness, I won't get it. Because I re-act. Happiness, fulfilment, truth, mastership, can't be found in the past, but only in the present, in the now. They all are a creating, never ending and always unfolding process.

 

Embrace the Tiger and Return to the Mountain
There is a movement in the Yang Taiji Form that is called Embrace the Tiger and Return to the Mountain. It has always meant a lot for me. It means finding one's power and internalizing it. Many movements have such poetical names. Some explain that with the preference of the Chinese for poetical expressions. But, as many people are not aware of, Taiji has its source in shamanism, and there is a great shamanic fullness in the Taiji movements and Qigong postures. We can understand (and with understanding I mean holistically, not only mentally) each movement and each interaction on different levels - the level of the body, the level of Qi, the shamanic level, the psychological, the spiritual, the relational and many more. Once we really open ourselves up to a simple Taiji movement or to a deep interaction, it becomes a door to dimensions far beyond anything. Taiji becomes a journey without an end. It becomes a way, a path, and a discipline.

 

Everybody is different. Everybody pushes different. With Tui Shou, I get in physical and deep energetic contact with hundreds or thousands of people. I learn about them, and most of all, I learn about me in relation to them.
In Tui Shou, we open ourselves to the world and learn how to dance with. We don't start to argue how the partner should be pushing. In terms of learning to push and in terms of the principles of Taiji, there are definitely many "wrong" ways of pushing, but there is no "wrong" way to get pushed. The wrong way would be to start to argue about it instead of dancing with it. Can I still relax while people get nasty, aggressive, egoistic, tricky, use external force? Can I open myself to whatever comes, blend with it, guide it, and integrate it? Or do I resist, become tense? In Taiji, nothing is ever blocked. There is no "no". Can I say yes to an attack?
Even a psychopathic attack is energy. Can I blend with it in a way to receive the energy, whatever form it takes, root it, transform the fiery intention behind it and give it back through my heart as love? Who wouldn't consider this an art? And that's for me why martial arts are martial arts, not because the movements are so artistic.
In order to cause a change in the world, we need to merge with it. We can't change it from the outside. We can't change it with a "no".
We open ourselves to the world as it is in the present moment and learn how to dance with it in a genuine healing way. That makes Tui Shou a deep, most peaceful spiritual discipline.

 

Epilogue
Again and again I am amazed how deeply resistance is settled in our individual and collective system. I find it in myself and around the world in almost every body I pushed with. On the level of humanity, I ask myself questions like "What is it that humanity resists against collectively?" "Why does humanity resist?" And over and over, also in my Healing practice, I find that people (or even peoples?) use a lot of energy for two things: trying to let go and resisting relaxation. It is like two opponent forces that bang into each other constantly with their heads front to front; and all that would need to be done would be to stop these two
energies.

 

We can't force to relax. We can't try to flow.
We relax.
We flow.
We fall into being.


In the end, there is no path.
It happens or it doesn't.

 

Meanwhile, I enjoy Tui Shou.
I find in it so much I love in live - movement, expansion, unity, emptiness, humility, integrity, kindness, trustfulness, stillness, patience, detachment, instinct, simplicity, guidance, empathy, nurturance, interdependence, yielding, joyful laughter, spontaneity, sharing, a centered heart, and much more.
And I am happy when as many people as possible enjoy it with me.

 

In love.

Ein Interview mit Meister LaoDao vom Hintern Berg

Ich bin Es, du bist Es

 

Meister LaoDao, was unsere Leser natürlich am meisten interessiert, ist, ob es Sie denn wirklich gibt.

 

LaoDao: Ist das eine Frage?

 

Wie meinen Sie das?

 

L: Haben Sie mir eben eine Frage gestellt?

 

Jetzt eben?

 

L: Ja, nicht die, aber die letzte davor.

 

Ich weiß nicht genau, was Sie meinen.

 

L: Ich auch nicht.

 

Könnten Sie mir die Frage beantworten?

 

L: Welche denn nun?

 

Die Frage, ob es Sie gibt?

 

L: Oh! (Stille) Wer spricht denn da? Hahaha!

 

Wie meinen Sie das?

 

L: Unsere Konversation scheint vor allem aus Fragen zu bestehen, nicht wahr? Das war auch eine Frage. Aber nicht wirklich. Oder doch? Schon wieder eine Frage! Wissen Sie, ich glaube, Fragen zu stellen ist etwas ganz wichtiges. Es gibt auch Antworten dazu, und die soll es geben. Wozu sonst die Fragen? Das müssen Sie mir jetzt nicht beantworten. Ich will Ihnen also die Frage beantworten. Nur müssen wir dazu immer im Bewusstsein halten, dass erstens unsere Kapazität, die Wirklichkeit zu erfassen, begrenzt ist, so sehr wir auch entwickelt sind. Denn das Universum ist nicht statisch, nein, es entwickelt sich. Es lernt. Es lernt durch uns, ja. Es ist immer zumindest ein kleines Bisschen grösser als wir. Sie glauben mir nicht? Nun, Sie müssen mir nicht glauben. Ich glaube mir auch nicht. Denn zweitens interpretieren wir das, was wir nicht aussprechen können und doch sagen müssen, immer von unserem begrenzten Bewusstsein aus, so umfassend dieses auch sein mag. Und so ist das, was wir sagen, bis zu einem gewissen Grad auch immer unrichtig. Lustig, nicht? Sie lachen ja gar nicht? Warum denn nicht? Ist das nicht befreiend?

 

Ich verstehe nicht ganz, worauf Sie hinauswollen.

 

L: Von irgendwohin hinauswollen ist gar keine Rede! Die Dinge sind immer sehr einfach. So einfach, dass wir sie manchmal einfach verstehen müssen. Obwohl sie so einfach sind. Ich will also einfach einfach sein hier, und nun die Frage ein drittes Mal beantworten, ob ich existiere.

 

Sie haben sie schon beantwortet?

 

L: Noch nicht das dritte Mal. Wenn Worte ausgesprochen werden, existieren sie dann? Und wenn ja, wo genau? Es gibt Träume, die geträumt werden wollen, ohne dass das der Träumer will. Existiert der Traum im Träumer? Der Träumer im Traum?

 

Nun, also, ich denke…

 

L: Wer denkt? Woher kommt der Gedanke? Entsteht der Gedanke aus einer chemischen Reaktion in ihrem Gehirn? Oder ist die chemische Reaktion in ihrem Gehirn eine Re-aktion auf etwas ganz anderes? Oder ist dieses Ganz-Andere und die chemische Re-Aktion Ein-und-Dasselbe auf verschiedenen Ebenen? Kommt der Gedanke aus der Vergangenheit, der Zukunft, der Leere? Wohin geht er? Existiert er? Wer stellt all diese Fragen? Gibt es einen Denker?

 

Nun… Ich weiß nicht. Meinen Sie sich oder mich?

 

L: Wer weiß? Wer weiß nicht?

 

Ich weiß nicht mehr, was ich sagen oder fragen soll.

 

L: Oh, das war nicht meine Absicht. Ich habe nur versucht, die Frage zu beantworten, ob ich existiere. Wer ist ungeeigneter, diese Frage zu beantworten, als ich selbst? Entschuldigen Sie, das war schon wieder eine Frage. Stellen Sie mir eine Frage, bitte, bevor noch mehr Fragen kommen.

 

Also, Herr LaoDao, sie werden ja auch ›der letzte Weise vom Hintern Berg‹ genannt. Können Sie uns etwas darüber erzählen, wo dies genau liegt? In welchem Teil Chinas sind Sie zu Hause?

 

L: Nun, um ehrlich zu sein, dieser zweifelhafte Titel macht die Sache ja nicht unbedingt leichter, und ich muss dazu sagen, dass nicht ich ihn mir gegeben habe. Nur schon, mich als Weisen zu bezeichnen, ist ja wohl eine Narrentat der Extraklasse. Und: Stellen Sie sich vor, dass ›vom Hintern Berg‹ ja nicht eine Ortschaft angibt, sondern lediglich eine Richtung. So was, nicht wahr? Der Hintere Berg ist immer der, der auftaucht, wenn man den vorherigen erklommen hat. Ein wahrhaft mystischer Ort, sage ich Ihnen, und manchmal dauert es Monate, um daraus herauszukommen, um in der nächsten Kneipe ein Reisbier zu trinken.

 

Apropos Reisbier, Sie reisen viel, das war aber nicht immer so.

 

L: Oh, ja, sehr viel, weil ja der Ort an sich dauernd wandert. Das muss ich tun, wenn ich mir und meiner Bestimmung treu bleiben will. Doch das stört mich nicht. Im Gegenteil! Wissen Sie, früher, als für Sie und eigentlich alle ausser ein paar Eingeborenen Woodstock noch ein Fremdwort war, da war der Hintere Berg einfach der Hintere Berg, und fertig. Niemand kam auf die Idee, ihn zu erklimmen. Wenn man ihn mal sah, setzte man sich hin, und dachte, das wär's dann, ich habe meine Sache erfüllt. Heute ist das anders. Die Leute erkennen, dass es erst der Anfang ist, den Hinteren Berg zu erkennen, und setzen sich nicht mehr auf ihren eigenen Hintern. Und sie forschen weiter. Ja, deshalb reise ich viel, und ich habe Spaß daran. Ich reise ja nicht alleine. Es sind viele Leute mit mir unterwegs. Immer mehr und mehr.

 

Um nun auf Taiji zu sprechen kommen, praktizieren Sie selber Taiji?

 

L: Versuchen Sie mal, aus dem Universum auszusteigen! Haha! Es wird Ihnen nicht gelingen! Wie könnte ich jemals nicht Taiji praktizieren?

 

Ich muss meine Frage etwas anders stellen: Praktizieren Sie Taijiquan?

 

L: Sie meinen, ob meine Faust (quan chin. für Faust deut., Anm. d. Ü.) auch zum Universum gehört? Haha! Ich habe sie bis jetzt nicht aus dem Universum rausschmuggeln können! Nein, ich meine das ernst. Sie meinen, ob ich mich wie Herrn Yang oder Chen bewege, da muss ich sagen: Nein. Aber es fließt dasselbe durch meine Seele und meinen Körper und alles dazwischen, wie durch die Seele und den Körper und alles dazwischen des Herrn Yang oder Chen - und vieler anderer Seelen und Körper und alles dazwischen, wohlgemerkt. Die Kultivation des Qi, der Lebensenergie, der Lebensfreude, und jede wahre gesundheitliche, soziale, kulturelle, individuelle oder kollektive Kultivation kann nicht vom Leben getrennt geschehen. Das, was Herr Chen entwickelte, oder besser gesagt, was sich durch ihn hindurch manifestierte, war nicht von seinem Leben getrennt, nicht von seinem Wesen, seiner Seele, seiner Essenz. Taijiquan war sein Leben, war Ausdruck und Abbild seines Lebens, war sein Weg und seine Bestimmung. Deshalb hat es bei ihm auch so wunderbar geklappt! Es geht nicht darum, die Meister nachzuahmen, sondern das zu suchen und zu finden, was sie gefunden haben, und was sie zum Meister gemacht hat: ihre Essenz, ihr ureigenes Potenzial.

 

Das wirft einen etwas anderen Blick auf die gesamte Praxis eines Weges, sei dies nun Taijiquan oder irgendein Weg.

 

L: Nun, Sie dürfen das nicht zu eng sehen. Doch, Sie dürfen schon, aber ich will Sie ermuntern, Ihren Blick zu weiten: Es spricht nichts dagegen, sich mit Taiji zu befassen, solange man sich durch Taiji mit sich selbst befasst. Genau dasselbe haben ja die Ur-Meister auch getan. Aber es genügt nicht, sich bloss mit Taijiquan als Thema zu befassen. Man muss es in sich selbst finden.
Nur weil es große Musiker gibt, die wunderbare Stücke komponieren, heißt das ja nicht, dass man sich von nun an nicht mehr mit Musik befassen darf und soll. Doch es ist nicht förderlich, die Alten bloss zu imitieren.

 

Haben Sie eine regelmässige Praxis?

 

L: Ich atme. Ich gehe. Ich esse. Ich schlafe. Ich lache. Ich weine. Ich öffne mich dem Leben.

 

Sie weinen? Ich meine, als unsterblicher Weiser, hat man da noch solche Probleme?

 

L: Wer sagt denn, dass weinen ein Problem ist, mein Freund? Ist lachen ein Problem? Durchfall kann ein Problem sein, oder auch das Fehlen einer Verbindung zur eigenen Essenz. Und wer sagt hier, ich sei unsterblich?

 

Das heißt es von Ihnen.

 

L: Papperlapapp. Wie schon gesagt, unsterblich heißt, nicht aus dem Universum aussteigen zu können. Zeigen Sie es mir, wie Sie das trotzdem tun, und Sie sind der erste Sterbliche! Es hat gar keinen Sinn, irgendwelche Zeit und Energie mit solchen Worten und Konzepten zu verschwenden. Meine Worte und Taten werden vergehen. Das, was von mir weiterlebt, ist das, was in Ihnen Resonanz auslöst, aber es lebt nicht in mir weiter, oder weil es meines ist, sondern es lebt in Ihnen weiter, und weil es Ihres ist. Das so genannte Unsterbliche ist nichts Persönliches. Und darum ist der LaoDao, der hier vor Ihnen sitzt, nicht unsterblich. Vielleicht habe ich Unpersönliches realisiert, aber das tun wir alle andauernd.

 

Wenn ich noch einmal zurück zu Taijiquan kommen darf, Meister LaoDao, dann möchte ich Sie fragen, was Sie als grundlegend in der Praxis des Taijiquan anschauen.

 

L: Wieder müssen wir differenzieren. Wenn wir unter Taiji die ungehinderte Entfaltung von Yin und Yang verstehen, ist es grundlegend zu lernen, dieser Entfaltung nicht im Weg zu stehen.
In Bezug auf Taijiquan als Übungspraxis machen wir dies, indem wir entspannen. Entspannen ist das Wichtigste. Da Körper und Geist nicht getrennt sind, fördert eine Entspannung auf der körperlichen Ebene die Entspannung auf allen anderen Ebenen. Doch wir müssen uns bewusst damit auseinandersetzen, was etwa Entspannung auf der Ebene des Verstandes bedeutet. Oder Entspannung auf der emotionalen Ebene. Deshalb ist es wichtig, Taiji in allen Gebieten zu praktizieren. Ich meine damit nicht verschiedene Taiji-Formen. Ich meine damit, dass wir es in den Austausch bringen mit anderen Menschen, aber auch mit Kultur und Natur. Nur so erfassen wir alle Dimensionen. Grundlage ist also immer, sich etwas Grösserem zu öffnen. Ob sie nun ein paar kleine Übungen machen, um Energie zu tanken oder sich zu beruhigen, oder ob Sie Taiji als lebendigen Tanz von Himmel und Erde tanzen.
Alles andere ist Grundlage. Die Haltung, das Becken, die Bewegung der Wirbelsäule, alles. Und gleichzeitig ein Weg, das Bewusstsein für alle diese Dinge zu schulen.

 

Sind das nicht ein wenig unorthodoxe Positionen, die Sie da beziehen?

 

L: Oh, Sie fragen mich nur um meine Meinung. Ob ich damit gleich eine Position beziehe, sei dahingestellt. Das heißt nicht, dass ich das Gesagte relativieren oder subjektivieren will, nein. Vielleicht ist ›unorthodox‹ ein etwas schwieriges Wort, weil es sich als Gegenpol zum Orthodoxen darstellt, und das schafft von vornherein eine Basis des Widerstandes, vor allem auch, weil unorthodox nicht eine eigene Qualität besitzt, sondern nur eine Un-Qualität, eine Negierung. Und natürlich auch deshalb, weil Widerstand ein Aspekt von orthodox ist.
Wissen Sie, das Dao ist nicht daoistisch, oder konfuzianistisch, so wie Ihr Gott nicht christlich oder jüdisch ist. Das Dao wie auch Gott sind in der Lage, solche Einengungen zu umfassen. Wirklich! Was ich sage, ist also nicht, sagen wir mal, spezifisch chinesisch. Es geht hier ja nicht darum, einem Nationalismus zu frönen, sondern eine möglichst universale Wahrheit zu formulieren. Eine möglichst universale Wahrheit, die umfasst, statt auszuschliessen. Meine Kapazität dazu ist sehr begrenzt, ich bin nur ein kleiner alter Chinese, und dazu noch vom Hintern Berg. Wenn Ihnen das Ganze also ein wenig chinesisch vorkommt - es ist nicht meine Absicht. Doch die Dinge geraten durcheinander, wenn sie sich manifestieren. Dadurch entstehen ja gerade die Zehntausend Dinge. Aus jedem Satz, den ich hier sage, kann man Zehntausend weitere Sätze ableiten. Die Diskussionen nehmen also kein Ende. Es sei denn, man erfährt die universale Wahrheit in sich selbst. Das gibt für ein kleines Momentchen Ruhe. So lange, bis man versuchen muss, auf irgendeine Frage eine Antwort zu geben.

 

Wenn wir schon von chinesischen und nicht-chinesischen Dingen sprechen, Ihr Hut gehört ja ebenso unzertrennlich zu Ihnen wie Ihr Schnurrbart. Für uns Westler ist ein Hut mit solchen Dimensionen doch eher ein wenig ungewohnt. Wie sind die Reaktionen darauf?

 

L: Als ich letztlich von Los Angeles, wo ich an eine Tagung über postalternative Behandlungsmedizin eingeladen worden war - können Sie mir erklären, was das heissen soll, ich weiß es auch nach der Tagung noch nicht, obwohl mein Vortrag dazu gut angekommen war, scheint mir - jedenfalls, als ich nach Hause fliegen wollte, musste ich durch diese ganze Kontrollprozedur, als ob ich aussehe wie jemand, der ein Flugzeug entführen könnte, oder nicht aussehe, wie jemand, der ein Flugzeug entführen könnte, weil ja jetzt die Entführer so aussehen, als könnten sie es nicht, die haben etwas gelernt, also, da stehe ich, und der Mann sagt zu mir, was ich da auf dem Kopf habe, und ich sage, das sei mein Hut, und er sagt, das sei doch kein Hut, das sei viel eher ein Dach, wo denn das Haus dazu sei, und ob ich das Haus sei, und ob ich irgendwo eine Türe hätte, und sonst hätten Entführer doch eher Küchentücher auf dem Kopf als Hausdächer.

 

Wirklich?

 

L: Vielleicht habe ich ihn auch falsch verstanden.

 

Sprach er Englisch?

 

L: Ja.

 

Gab es Verständigungsschwierigkeiten?

 

L: Nun, ich glaube nicht, aber wenn ja, dann hätte ich das nicht verstanden, denn ich spreche kein Englisch.
Ich war etwas überrascht, dass die Herren Mediziner, die bei meinem Vortrag anwesend waren, dass von denen so viele Chinesisch zu sprechen schienen, und nach kürzester Zeit ihren Nachbarn, die kein Chinesisch zu sprechen schienen, simultan zu übersetzen begannen, jedenfalls redeten sie während meines ganzen Vortrages. Das finde ich doch eine Leistung.

 

Wie lange dauerte Ihr Vortrag?

 

L: Drei Stunden.

 

Ich hoffte, Sie könnten uns noch etwas über postalternative Behandlungsmedizin erzählen, und über seine Verbindung zum Taiji.

 

L: Nun, wie gesagt, ich hatte natürlich von all den Vorträgen nichts verstanden, aber ich glaube, es geht darum, dass man auf die Idee gekommen ist, man müsse einen Kranken nicht einfach nur behandeln, sondern ihm helfen, seine selbstheilenden Kräfte zu entdecken. Das war jedenfalls mein Gefühl. Nun, das machen wir, wenn wir uns nicht nur mit Taiji als einer überlieferten Kunst befassen, sondern mit dem Menschen. Eventuell durch Taiji, doch Taiji ist dann die Medizin, die sich der Mensch selber verabreicht, indem er sie von innen heraus entwickelt. Was das allerdings mit der Post zu tun hat, weiß ich nicht.

 

Denken Sie, es ist ein Zufall, dass Taiji ausgerechnet in China entstand?

 

L: Nein, das sicher nicht. Auch wenn Taiji etwas Universales ist, haben die Umstände in China die Entdeckung dieser Kunst natürlich erst ermöglicht. Das Wissen vom Dao, die Einheit von Körper und Geist, Handeln durch Nicht-Handeln und so weiter sind ja wesentliche Aspekte des Taiji, die in China zum geistigen, kulturellen und sozialen Grundschatz gehörten. Währenddem hat man in anderen Kulturen wie der westlichen das Augenmerk auf andere Aspekte gerichtet und andere Qualitäten kultiviert.
Obwohl ich auch sagen muss, dass zum Beispiel der physische Aspekt des Taiji auch bei Ihnen bekannt ist, wie ich auf meinen Reisen festgestellt habe. Wenn es in den Klassikern heißt, der ganze Körper bewege sich wie eine Perlenschnur, und ich dann im Westen Menschen dieses Spiel spielen sehe - wie heißt es dich gleich… (überlegt) … Tennis! - dann kann man wohl davon ausgehen, dass diese Spieler nicht die Taiji-Klassiker kennen. Und trotzdem bewegt sich, jedenfalls bei den guten Spielern, der ganze Körper wie eine Perlenschnur. Dasselbe habe ich auch in anderen Sportarten beobachtet, wie Speerwerfen oder Baseball. Hier sehen wir, dass es sich wirklich um universale Prinzipien handelt, die sich von selbst ergeben.

 

Die westliche Kultur bereitete aber keinen Boden, um diese körperlichen Prinzipien mit geistigen Prinzipien zu verbinden.

 

L: Ja, ich glaube, das ist so. Die Abspaltung des Körpers vom Göttlichen war in der Tat kaum sehr förderlich. Taijiquan befasst sich mit der Erforschung von Veränderung und Vernetzung auf und durch alle Ebenen, der beschriebene physische Effekt ist natürlich nur eine Ebene davon. Es ist jedoch auch zu sagen, dass wir in China lange keine Ahnung hatten von der chemischen Ebene, oder von all den faszinierenden Erzählungen, die uns Hirnforscher oder Neuro-Wissenschaftler unterdessen zu erzählen wissen. Nicht nur die Westler haben neue Aspekte zu integrieren, um zu einem umfassenden Verständnis zu kommen, sondern ebenso wir alten Chinesen.
Dazu ist auch noch zu sagen, dass mir westliche Sportler von ihren Bewusstseinszuständen während des Sportes berichtet haben - etwa Golfer, wie sie sich auf ihren Schlag konzentrieren. Diese Zustände sind oft exakt dieselben, die wir durch Taiji, Meditationstechniken und so weiter entwickeln. Nur haben die westlichen Sportler keinen Rahmen, kein Modell, in das sie ihre Bewusstseinszustände einordnen können. Und deshalb reden sie nicht so darüber. Aber auch die Zustände ergeben sich ganz natürlich, wenn man sich ihnen öffnet.

 

In ihrer nun leider schon wieder vergriffenen Publikation, LaoDaos letzte Weisheiten, finden wir ebenso viel Raum wie Worte. Wie wichtig ist Ihnen Raum, Stille, Leere?

 

L: Ich nehme an, sie meinen den geistigen Raum, die Stille. Nun, ich kann Ihnen nicht wirklich sagen, wie wichtig mir Raum und Stille sind, denn sie entstehen durch mich wie die Worte, wissen Sie. Die Leere entsteht mit der Manifestation, ja. Es ist nicht die absolute Leere, wenn wir genau sein wollen. Aber Sie wissen ja sicher, dass in einem Vakuum eines einzelnen Atoms mehr Energie gespeichert ist als in der gesamten festen Masse des Universums? 95% unseres Universums besteht aus Energie, die wir nicht wahrnehmen und nicht verstehen, hat man mir erzählt. Wir könnten diese Leere als Wuji bezeichnen, doch das ist sie nicht. Wuji hat sich nicht manifestiert, sonst wäre es ja Taiji! Diese Leere, dieser Raum, diese Energie, diese Stille, das ist also bereits eine Form von Manifestation. Wahres Wuji ist überall enthalten, sogar dort, wo diese Leere, diese Stille nicht enthalten ist. Deshalb kann ich nicht sagen, das Eine sei mir wichtiger oder ebenso wichtig wie das Andere. So ungefähr. Was war noch mal Ihre Frage?

 

Ähm, jedenfalls, eine Ihrer Aussagen, die wir auch in diesem Buch zitieren, ist: "Wie jede Quelle das Meer ist, so brauchst auch du dich nirgendwo hin zu beeilen". Fördert diese Aussage nicht eine Ich-bin-ok-und-du-auch-Wischiwaschi-Philosophie?

 

L: Das haben Sie sehr schön gesagt. Ja, ich glaube, das kann der Fall sein. Aber das kann immer der Fall sein. Denken Sie nur daran, was man mit den Worten Buddhas oder Jesu alles anstellen kann! Ganz zu schweigen also mit den Worten eines kleinen Chinesen. Es kommt immer darauf an, auf welches Bewusstsein eine Aussage trifft. Doch ich glaube, ich kann dazu einige Erläuterungen geben, die einer Wischiwaschi-Vertröstung vielleicht etwas entgegentritt. Tatsächlich ist es ja so, dass das Dao in allem ist. Oder anders gesagt, alles ist direkter Ausdruck des Geistes. Oder Manifestation des Einen. Oder wie wir das auch immer umschreiben wollen. Das heißt, dass die höchste Realisation dieser Non-Dualität also nicht einem linearen Weg folgen kann, da sie ja omnipräsent ist. Man muss nicht einen Weg gehen, wenn man bereits da ist. Diese höchste Realisation ist nichts anderes als das Wegfallen des Schleiers, den wir uns selbst gewoben haben. Er existiert, aber nicht etwa im Außen, sondern in uns, er ist ein Produkt von uns. Wir haben uns diesen Schleier der Trennung gewoben, um uns eine Identität aufzubauen, uns selbst und unser Umfeld zu organisieren. Wir sind als Spezies noch nicht bereit, die Vielschichtigkeit des Kosmos ungefiltert zu empfangen und verarbeiten zu können. Das wäre etwa so, als würden Sie einer Kaulquappe Infinitesimalrechnungen beibringen wollen. Da kann man Ihnen nur Geduld wünschen.
Nun geht es nicht darum, diese Identität wieder abzulegen, sondern den Schleier! Dieses ganze Gerede, man solle sein Ego fallen lassen, ist doch eher verhängnisvoll. Wenn Sie schon einmal jemandem begegnet sind, der wirklich Identitätsprobleme hat, werden Sie mir das bestätigen. Wir müssen also einerseits nichts erreichen, was tatsächlich kein Weg ist, andererseits etwas ablegen. Und dieses Ablegen folgt gewissen Gesetzmäßigkeiten, einer gewissen Linearität, also einem Weg: Wir weben den Schleier, wir lernen durch den Schleier, finden Identität, realisieren, dass da noch mehr ist, und entweben den Schleier wieder, ohne das Erreichte zu zerstören, sondern wir integrieren unsere individuelle Identität in eine universale Identität. Das Ego als selbstorganisierende Funktion bleibt weiterhin bestehen. Wenn Sie den Schleier entweben, wissen Sie weiterhin, wie Sie, Ihre Frau und Ihre Kinder heissen, dass Sie Steuern zahlen und Lehrer sind. Sie mögen noch immer Birnen lieber als Äpfel, und werden immer noch ärgerlich, traurig und so weiter. Ihre Persönlichkeit mit all ihren Sonnen- und Schattenseiten bleibt bestehen, doch Sie als Ganzes erfahren eine neue Qualität, das Erleben, ganz im Kosmos eingebettet und Teil der sich unaufhörlich entfaltenden Vielschichtigkeit des Universums zu sein. Ihr Leben wird nicht weniger intensiv, nicht weniger leidenschaftlich, Sie übernehmen nicht weniger Verantwortung, ganz im Gegenteil, Sie übernehmen die volle Verantwortung, und doch tritt etwas Unpersönliches, Höheres in der Weise in Ihr Leben, als dass es durch Sie wirkt. Sie werden zum Gefäss, zum Zeugen. Sie werden lebendiger Ausdruck nicht nur Ihrer eigenen Definition, sondern des Einen Geistes.

 

Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

 

L: Ich habe Hunger.

LaoDao, der Weise vom Hintern Berg, beantwortet Fragen

Wie lasse ich los?

LaoDao: Hier zwei kurze und eine lange Antwort. Die kurzen:
Sei zufrieden mit dem, was ist, statt dir zu wünschen, was sein könnte und sein sollte.
Sei geduldig mit dir.

Die lange Antwort: Was denn? Was willst du denn genau loslassen? Es ist wie das Erwachen ohne Wecker - es geschieht. Das soll dich aber nicht daran hindern, zu entspannen, bis es loslässt. In einer gewissen Weise sind entspannen und loslassen sogar miteinender verknüpft, ja, durchaus, obwohl ich einen linearen, kausalen Zusammenhang nicht herstellen würde. Nun denn, wohlan dem so sei es trotzdem, es gibt also viele Arten, loszulassen. Loslassen geschieht, wenn Differenzierung und Integration geschieht. Loslassen geschieht, wenn du dich dem Grösseren öffnest. Loslassen geschieht, wenn du die Vorstellung von Loslassen und Nicht-Loslassen loslässt.
Loslassen geschieht, indem du erkennst.
Auf der körperlichen Ebene kannst du loslassen, wenn die Struktur stimmt - das Skelett, sozusagen. Becken fallen lassen, indem du in die Knie gehst und diese nach vorne bringst. Die Wirbelsäule aufrichten, als wäre sie ein am Himmel befestigtes Seil.
Auf der Ebene der Intention, des Verstandes und der Energie (Emotionen und Lebensenergie), der ganze Bereich, der im Englischen mit mind übersetzt wird, lässt du ebenso durch richtige Struktur los. Struktur haben die Intention und der Verstand. Ist dein Verständnis klar? Das heißt: Nimmst du die Dinge, Menschen und inneren und äußeren Ereignisse so wahr, wie sie sind, oder so, wie du die wahrnehmen möchtest? Siehst du Konflikte, wo keine sind? Hörst du Stimmen, wo keine sind? Nimmst du Vergangenheit wahr, statt die Gegenwart unmittelbar zu erkennen? Muss das Wahrgenommene durch ein internes Spiegellabyrinth, und kommt es verzerrt bei dir an?
Was ist deine Intention? Intention hat mit Klarheit zu tun. Schaffe Klarheit, indem du verwesentlichst. Du verwesentlichst, indem du erkennst, differenzierst, aussortierst und integrierst.
Durch die Klarheit der Intention und des Verstandes werden dein Wirken und deine Wahrnehmung klar. Dadurch werden deine Emotionen klar und deine Lebensenergie voll. Durch mehr Energie kannst du mehr loslassen.
Nimm dich zurück, ohne den Kontakt zu verlieren. Unterbreche das Involviertsein, ohne die Verbindung zu unterbrechen. Frage dich: Wer ist involviert? Wer will loslassen?
Es war einmal ein Mann, der fand seine Brille nicht. Weißt du, warum nicht? Weil er sie auf seinem Kopf trug! Eine unglaublich aufregende Geschichte, nicht wahr? Manchmal müssen wir nichts finden, weil es schon da ist. Wir müssen nur realisieren, dass es schon da ist. Manchmal müssen wir nur einen Schritt zurücktreten, um etwas zu finden.
Wer sagt, loslassen sei einfach? Das nächste Mal, wenn dir das jemand sagt, ziehst du ihm an den Haaren und fragst ihn, ob er sie nicht loslassen wolle, und der ganze Schmerz komme nur von der Anhaftung.
Wer sagt, loslassen sei schwierig? Das nächste Mal, wenn dir das jemand sagt, gibst du ihm eine Ohrfeige und sagst ihm, es sei jetzt aber nicht schwierig gewesen, deine Hand loszulassen.
Ach, weißt du, man sagt ja immer, wie hochkomplex unser Gehirn sei, und wie wenig wir es nutzen. Wenn du mich fragst, ist es vor allem ein komplexer, großer, dummer Filter, den wir zum Schweigen bringen müssen, um Gott oder das Dao zu erkennen.

 

Wie kann Dynamik in einer Gruppe entstehen, ohne dass jemand die Führung übernimmt?

LaoDao: Ich finde deine Frage sehr gut und wichtig. Sie ist aber auch sehr komplex. Alles, was mit Gruppenenergie zu tun hat, ist sehr komplex. Darum gebe ich dir zwei Antworten darauf, eine kurze, und eine etwas längere. Ok?
Die kurze Antwort auf die Frage, wie eine Dynamik aufkommen kann, ohne dass jemand die Führung übernimmt, ist: durch zuhören, annehmen, aufeinander eingehen. Wenn eine Gruppe dies nicht kann, zeigt sich dies sehr schnell darin, dass sie ein Alphatier braucht. Es ist viel schwerer, zuzuhören, anzunehmen und aufeinander einzugehen, als einfach seine Meinung kund zu tun.

 

Das ist die kurze Antwort, nicht wahr, ja? Ich hatte einmal einen Onkel, Ni Hao Wu Ming aus dem Dorf Yinyi Lang Dang im Bezirk Gu Shen, ein Schüler des berühmten Lu Chi An Wu Dao Hsing, der jede Antwort mit "zuhören" beantwortete. Ich habe ihn also als Kind vielleicht gefragt: "Was machen die Bienen, wenn sie summen?", oder "Was macht der Regen, wenn er tropft?" oder "Was macht das Wasser, wenn es träumt?" und ich bekam immer dieselbe Antwort. Also, mein Onkel hätte noch eine kürzere Antwort gehabt als ich eben, er möge mir dies verzeihen, bis zu seinem Grad der Meisterschaft habe ich es nicht gebracht, trotz seiner vorzüglichen Schulung.
Die zweite, etwas längere Antwort, will ich folgendermaßen beginnen: Wie kann in einer Gruppe nicht eine selbstorganisierende Dynamik entstehen? Weshalb verbinden sich Atome zu Molekülen, und diese zu Zellen, und diese zu Organismen? Wie bewegt sich ein Vogelschwarm mit hunderten von Vögeln, wenn er plötzlich die Richtung wechselt?
Tatsache ist, dem Universum haftet nichts, aber auch gar nichts Individuelles an. Was eine Gruppe daran hindert, zu einem selbstorganisierenden Organismus zu werden, ist die Illusion, man sei keine Gruppe - und das daraus resultierende egozentrische Verhalten. Sowohl diejenigen, die es lieben, sich zuzuhören, als auch diejenigen, die die Rolle des Alphatieres übernehmen, handeln aus dieser Egozentrik heraus - und sogar diejenigen, die sich zurückziehen.
Man kann sagen, dass zuhören und annehmen manchmal nichts nützt, wenn sich auch nur einer aus der Gruppe zu gerne selber zuhört. Das stimmt teilweise. Es stimmt in dem Sinn, dass ausschliessliches Zuhören nicht hilft. Zuzuhören und anzunehmen heißt ja nicht, nicht einmal einen Impuls geben zu können und einen Narzissten auf seine Selbstverliebtheit aufmerksam machen zu dürfen. Deswegen wird man nicht zum Alphatier, nein, man wird Teil der Dynamik. Zuhören und annehmen heißt nicht, unbedingt einverstanden zu sein oder nichts darauf antworten zu dürfen.
Chaos enthält Ordnung. Diese offenbart sich nur, wenn wir das Chaos zulassen. Lassen wir Chaos nicht zu, verneinen wir die selbstorganisierenden Kräfte und somit die Kreativität des Moments. Vielleicht lassen wir das Chaos nicht zu, weil wir keine wahre Einsicht in das Wesen von Chaos haben. Oder wir können es nicht halten, es ist zu viel für unser Nervensystem.
Die Frage nach Gruppendynamik, die aus sich selbst entsteht und Größeres schafft, ist insofern so sehr wichtig, weil der Schlüssel dazu der Schritt aus der Egozentrik ist. Statt egozentrisch zu handeln, was immer Trennung und Isolation bedeutet, geht es darum, zu einem tieferen Selbst zu erwachen, zu einer soziozentrischen (wörtl. übersetzt etwa: Gruppen-Dantian, Anm. d. Ü.) Sichtweise der Dinge. Seltsame Worte für eine alten Chinesen, nicht wahr? Und ohnehin - wie macht man das?
Man könnte sagen: Lass deine egozentrische Weltsicht los! Womit wir beim Loslassen wären. Wie lässt man los? Man kann nur loslassen, was man erkennt. Der erste Schritt ist also, die eigene egozentrische Sicht zu erkennen - was schon einen Schritt aus der eigenen Egozentrik erfordert, paradoxerweise. Doch es wird dir nicht sehr schwer fallen, wenn du dich, nach einer, sagen wir, missglückten Gruppendynamik genau betrachtest und dich fragst, was dein Anteil an der missglückten Dynamik war. Hast du dich nicht eingebracht, hast du dich zurückgenommen, hast du nicht zugehört, hast du Unnötiges gesagt, hast du die anderen nicht wahrgenommen, hast du eine Führerrolle übernommen, hast du dich ab den anderen aufgeregt, ohne ihnen einen Impuls zu geben, usw. Es geht nicht ohne Selbsterkenntnis, nein, ohne die geht es einfach nicht! Es ist immer sehr leicht, die anderen verantwortlich zu machen. Doch die Welt ist nie so, wie wir sie gerne hätten. Das hindert uns jedoch nicht daran, darin zu fließen, das liegt ganz alleine an uns.
Man könnte auch sagen: Erwache zu einem grösseren Selbst, das integriert, statt zu isolieren! Womit wir beim Erwachen wären. Wenn du schläfst, und erwachst, wie machst du das, so ganz ohne Wecker? Es passiert ganz einfach. Du tust nichts bewusst dazu. Ja, das ist ein wichtiger Teil. Doch das heißt nicht, den Egozentriker rauszuhängen und zu sagen: "Eines Tages erwache ich, wenn die Zeit da ist." Solange man nicht erwacht ist, kann man immerhin sich damit beschäftigen, ein angenehmer Egozentriker zu sein.
Sich in eine Gruppendynamik einzugeben heißt eben gerade nicht, Verantwortung abzugeben - an die Gruppe, an einen Führer, oder an die Dynamik - sondern die gemeinsame Verantwortung für das Ganze zu übernehmen.
Wir können gewisse Hürden unserer Zeit nur noch in der und durch die Gemeinschaft lösen. Darum ist das so wichtig.
Es gibt also ein höheres Prinzip, mit dem man sich befassen kann. Bei uns vom Hinterm Berg heißt es Hao Jan Zi Ch'i, der Ausdehnende Geist. Es ist das, was wohlwollend nach Entfaltung strebt. In eurer Kultur ist das die Seele, andere nennen es das authentische Selbst oder das tiefere Psychische.
So wie im Taijiquan natürliche Bewegung entsteht, wenn alle Körperteile ein Ganzes bilden, in dem ein Arm immer noch ein Arm und ein Bein ein Bein ist, aber eben ein integrierter Arm und ein integriertes Bein, wenn sie losgelassen und integriert werden, und wenn die Bewegung aus der Mitte sich entfaltet, so ist es auch bei einer Gruppe. Wenn die einzelnen Teile (Gruppenmitglieder) loslassen (ihre Egozentrik, ihren Narzissmus, nicht aber ihre Identität und ihre Qualitäten) und sich integrieren (einbringen und in Verbindung sind), dann kann aus der gemeinsamen Gruppenseele heraus, aus dem gemeinsamen Dantian, dem Zentrum, dem Herzen des Chaos, eine wundervolle, kreative Ordnung entstehen.
Das muss geübt werden, natürlich. Man hat mir erzählt, ihr im Westen übt das zum Beispiel mit dem Zusammenstellen von Menüplänen, eine für mich sehr amüsante Idee, hihihi… Aber es ist sicher ein gutes Übungsfeld.
Eine aufregende Reise, fürwahr, eine sehr aufregende Reise!

 

Wo genau befindet sich der Ort der Stille/Leere?

Überall! Die Wolken, das Wasser, der Wind, die Blumen, die Vögel - sie alle Schreien die Stille hinaus!
Du fällst in die Stille, wie ein Tropfen ins Wasser fällt. Du erkennst die Leere als allem innewohnend, so wie du einmal erkannt hast, dass du atmen musst, um zu leben.
Auch innerer und äußerer Lärm kann uns von der Stille nicht trennen. Auch ein volles, hektisches Leben kann uns von der Leere nicht trennen.
Die Leere und die Stille haben keinen Ort, weil alles ihr Ausdruck ist.


Gibt es einen Zustand der Wunschlosigkeit?

Oh ja! Doch solange du dir Wunschlosigkeit wünscht, gibt es ihn natürlich nicht, nicht wahr?
Genauso wenig nützt es dir, deshalb einen Zustand der Nicht-Wunschlosigkeit zu akzeptieren, denn die Akzeptanz trägt den Wunsch nach Veränderung in sich.
Als Richtlinie gilt: Sei glücklich mit dem, was du hast.
Und: Unterscheide zwischen echten Bedürfnissen, unechten Bedürfnissen und Wünschen. Ein Wunsch ist ein (echtes oder unechtes) Bedürfnis, das in die Zukunft projiziert wird. Erfüllung findest du jedoch nie in der Zukunft. Die Gleichung wenn-dann, wenn ich das habe, wenn das passiert, dann bin ich glücklich, ist immer eine Ungleichung. Zufriedenheit zeigt sich im Jetzt. Du fällst in sie hinein. Du wirst von ihr erfüllt.
Was nicht heißt, dass du sie nicht üben und praktizieren kannst, und sie kommt und geht, wie es ihr beliebt, nein! Richte dich auf das Jetzt aus, immer und immer wieder. Das ist die Praxis.


Kannst du mir etwas über das innere Lächeln erzählen?

Wunderbar, wunderbar! Du kannst nicht todernst Lebensenergie und damit Lebensfreude kultivieren. Deshalb ist in der Praxis das innere Lächeln wichtig. Es öffnet, es lässt fließen, es macht kreativ.
Das geht sehr oft vergessen bei fast jeder Praxis, die sich doch eigentlich mit Lebensenergie und Lebensfreude befasst. Im Westen wird tiefsinnig oft mit schwer und ernst gleichgesetzt, doch das ist eine Verknüpfung, die aus kultureller Konditionierung geschieht. Wenn du jedoch wirklich tiefen Menschen begegnest, wirst du auch ihre tiefe Heiterkeit spüren.
Das innere Lächeln soll in deiner Praxis jedoch ebenso wenig aufgesetzt sein wie ein falsches äußeres Lächeln. Erfreue dich am inneren Lächeln, spüre seine Wirkung, und du wirst es nicht mehr vermissen wollen.

 

Wie weiss ich, ob ich die Dinge, Menschen, inneren und äusseren Ereignisse so wahrnehme, wie sie wirklich sind? Ich werde sie doch immer nur durch meinen Raster sehen können. Du, grosser Meister, siehst sie durch deinen, sicherlich bewussteren Raster. Was ist Wirklichkeit?

Redest du mit mir?

Ja.

Oh! Wo ist denn hier ein großer Meister? Haha! (Schaut um sich, über sich, hinter sich, unter seine Füße.) Ich jedenfalls bin nur ein klitzekleiner Chinese, der es gerade mal schafft, seinen Hut durch die Gegend zu tragen.
Aber lassen wir das. Was heißt wirklich, was heißt Wirklichkeit? Wie willst du die Dinge und Ereignisse innen und außen nicht wahrnehmen, wie sie sind? Wie willst du den Mond als Quadrat wahrnehmen? Wie willst du Ärger als Freude wahrnehmen? Wie willst du deine Zweifel über die Wirklichkeit deiner Wahrnehmung nicht wahrnehmen?
Wie spiegelt das Wasser den Baum an seinem Ufer? Ist die Spiegelung des Baumes der Baum? Behauptet dies irgendjemand? Der Baum etwa? Oder gar das Wasser? Oder sonst jemand? Ist die Spiegelung subjektiv? Ist sie Interpretation? Oder nicht vielmehr nackte Poesie? Sind die Vögel auf dem Baum, die unentwegt die Wahrheit herausschreien, realer als die Spiegelung der Vögel?
Warum spiegelt das Wasser die Vögel, aber nicht ihren Gesang? Ist das Wasser deshalb selektiv? Folgt es seiner Natur? Behauptet es, den Gesang auch zu spiegeln?
Ist die Stille, die die gespiegelten Vögel aus ihren weit aufgerissenen Spiegelmündern schreien, nicht auch die Wahrheit?
Hat das Wasser eine Wahl? Kann es den Baum von sich aus nicht spiegeln? Hat es einen Einfluss auf die Qualität der Spiegelung, oder sind es nicht eher andere Nicht-Wasser-Einflüsse, die die Spiegelung prägen?
Entschuldige, das waren einige Fragen.
Der Witz ist ja, und es ist ein umwerfender Witz, wenn er einschlägt, dieses Raster auszuschalten. Welches Raster? Denn nicht die Interpretation ist das Problem, sondern ein Anspruch auf die Alleingültigkeit dieser Interpretation! Ein Problem entsteht nur dann, wenn das Wasser der Welt aufzwingen will, die Spiegelung sei der wahre Baum.
Probleme entstehen nur dann, wenn wir der Welt - oder uns selbst! - unsere Wahrnehmung als Wahrheit aufzwingen wollen.
Also zurück zum subjektiven Relativismus? Alles ist Interpretation und subjektiv? Nein, das ist ein trugschlüssiger Kurzschluss! Vielmehr: Alles ist auch Interpretation und subjektiv gefärbt.
Aber es geht noch weiter, dieses ganze Gerede von mir hier gerade jetzt ist immer noch sehr langweilig, weil oberflächlich. Es ist ganz einfach: Es gibt keine getrennten Dinge. Es gibt nicht nur einen Wahrnehmer, und ein Wahrgenommenes. Es gibt die Beziehung zwischen den beiden, und die ist, was auch wahrgenommen wird!
Sobald ich die rein wissenschaftliche Ebene verlasse, und mich nicht mehr darauf beschränke, Chemie und Physik von Wasserspiegelungen und Wasser und Bäumen abzuliefern, entsteht eine Beziehung. Das Problem ist nur, diese Beziehung nicht zu erkennen, denn dann projizierst du die Wahrnehmung der Beziehung auf das Objekt.
Die Wirklichkeit ist dieses Ganze. Es ist das Ich (die Wahrnehmende), das Es (das Wahrgenommene) und das Wir (die Beziehung). Behalte das im Bewusstsein.

 

Was weißt du über das Qi und seine Beziehung zu den verschiedenen Schwingungsebenen der Aura? Ist Qi die Grundenergie, die sich in den verschiedenen Aurakörpern in unterschiedlicher Schwingung manifestiert? Sind wir in diesem Sinne ein Art Qi-Prisma das die Grundenergie in verschiedene Schwingungen transformiert?
In diesem Fall hat das Qi der Erde das wir beim Qigong durch uns fließen lassen eine bestimmte Schwingung, und wechselt diese im Körper je nach bedarf? Oder ist es ganz anders?!

Nun, mein Lieber, ich würde an dieser Stelle sehr gerne ein Gedicht rezitieren, aber mir fällt gerade keines ein. Darum ist es nun unausweichlich, eine etwas ausführliche Antwort darzubringen. Wir müssen hier, ohne zu intelligent zu wirken, die Sachlage etwas differenziert betrachten und dann zu einigen messerscharfen Schlüssen kommen.
Zum einen denke ich, dass wir die Begriffe zuerst einmal etwas genauer definieren sollten. Was ist Qi? Qi ist Lebensenergie, Energie. Das Qi in unserer Leber und das Qi in den Bäumen ist einerseits dasselbe Qi, andererseits auch nicht. Wenn Qi Energie ist, dann ist es dasselbe, und auch dasselbe, das Planeten und Käfer und Autos bewegt. Es klingt furchtbar, aber es ist so - alles in Manifestation ist Qi. Alles Manifestierte ist Energie. Ein Vitamin ist Energie, ein Quark zum Essen und ein Quark als subatomares Teilchen ist Energie, Liebe ist Energie, Bewegung ist Energie.
Nun hat diese Energie aber verschiedene Qualitäten. Ein Stein hat ganz andere Qualitäten als eine Wolke. Die Leberenergie hat eine andere Energie als die Nierenenergie als die Lungenenergie. Das ist sehr nahe liegend, weil Leber und Nieren und Lungen auch verschiedene Funktionen haben. Also noch ein Kriterium? Genauer gesagt müssen wir noch weiter differenzieren. Qualität heißt Dichte, Schwingung, Effekt, Ausdruck, Funktion usw. Wir können uns darauf beschränken, folgende Kriterien hinzuzuziehen: die Chemie (Dichte, Zusammensetzung usw.), den Effekt (auf einen Beobachter oder die Außenwelt), die Schwingung (Frequenz) und - das Bewusstsein.
Dies sind vier Aspekte der Energie, die das gesamte Spektrum umfassen. Ein Beispiel: Wir können verschiedene Zustände des Menschen als verschiedene Arten der Manifestation betrachten. Der Wachzustand des Menschen hat eine bestimmte Chemie (gewisse Neuronen, Hormone, Hirnregionen, die aktiv sind usw.) Der Wachzustand hat einen bestimmten Effekt auf unsere Umwelt, wir sind zu Interaktion und Kommunikation fähig. Er hat eine Schwingung (im Gehirn etwa Beta-Wellen und Alpha-Wellen) und ein Bewusstsein oder Bewusstseinsfeld: Wir nehmen die Außenwelt wahr, Bäume, Steckdosen, Hitze, Autos, Reishütten und Zahnbürsten, alles grobstoffliche Dinge. Wir nehmen im Wachzustand nicht ausschließlich grobstoffliche Dinge wahr (sondern auch z.B. Emotionen, Liebe, Stimmungen), aber wir nehmen grobstoffliche Dinge ausschließlich im Wachzustand wahr. Im Schlaf nehmen wir keine grobstofflichen Flüsse und Bienen mehr wahr, nicht einmal das Bett unter uns und die Decke auf uns. Wir träumen vielleicht von Schiffen und Felsstürzen, aber sie sind nicht grobstofflich.
Der Schlafzustand hat auch wieder eine ganz andere Körperchemie als der Wachzustand, ebenso einen anderen Effekt auf unsere Umwelt und andere Schwingungen des Gehirns. Und der traumlose tiefe Schlaf schließlich hat noch einmal in allen vier Bereichen ganz andere Qualitäten.
Dies alles sind also verschiedene Ausdrucksformen von Energie. Die verschiedenen Schwingungen des aurischen Feldes sind eben das, verschiedene Schwingungen, so wie rot und violett auch ganz einfach verschiedene Frequenzen sind. Wovon? Es ist ja nicht tatsächlich etwas, das schwingt, sondern Schwingung.
Ob wir nun erden oder Energie aus dem Universum beziehen oder aus Obst oder sie anderen Menschen ruchlos abzapfen, die Energie verteilt sich dahin, wo sie gebraucht wird - und nimmt dadurch andere Schwingungen an. Unser Nervensystem ist tatsächlich sehr intelligent, es weiß meist schon, wo es mit neuer Energie hin soll und was es damit machen soll. Darum bin ich kein Vertreter davon, Energie an diese oder jene Stelle zu leiten oder bewusst ihre Frequenz zu ändern, weder im Eigengebrauch des Qigong noch in der Anwendung bei Heilung. denn nicht nur unser Nervensystem ist intelligent - erinnern wir uns, ein Aspekt von Qi ist Bewusstsein. das ist nicht einfach so eine Art Strom, das ist Bewusstsein! Qi ist intelligent! Wir machen also zum Beispiel medizinisches Qigong und führen der Milz Energie in einer bestimmten Farbe zu, aber was wir eigentlich bräuchten, wäre, etwas Energie in die Lösung eines Beziehungsproblems zu stecken, welches der wahre Auslöser unseres momentanen Leidens ist. Nur ist uns das nicht bewusst. Indem wir die Energie lenken, verhindern wir also unter Umständen in bester Absicht, dass der eigentliche tiefere Kern Energie bekommt, und fokussieren auf das oberflächliche Symptom.
Ja, wir sind eine Art Prisma, obwohl das Prisma natürlich auch nichts anderes ist als Qi. Es besteht keine Trennung zwischen Prisma und der Energie, so wie zwischen einer Schwingung und ihrem Klang keine Trennung besteht. Nicht der Klang schwingt, die Schwingung klingt ganz einfach, wenn sie im hörbaren Bereich liegt. Wenn sie noch höher schwingt, beginnt sie zu leuchten.
Unser Körper ist ganz einfach der dichteste Teil des Energiesystems, dessen willkürliche, in unserem Verstand stattfindende scheinbare Abtrennung vom Ganzen wir dann "LaoDao" nennen, oder "Qinesischer Haubentroll" oder "Apfel". So was, nicht wahr? Ganz erstaunlich! Diese Fähigkeit des Verstandes, die Dinge zu zerstückeln!
Nun ist noch etwas Weiteres zu sagen: Wir Chinesen unterscheiden nicht nur viele verschiedene Arten von Qi, sondern auch Qi in Bewegung als Kraft oder spirituelle Energie, Shen. Auch Yi, die Intention, ist schließlich ganz einfach eine Energieform - und wenn es heißt, Yi führe das Qi, dann heißt das, dass die eine Energie die andere leitet. Und eine kleine Zwischenfrage ist dann: Wer oder was leitet die Intention? Wer setzt die Intention, wenn ich eine Intention setze? Aber das nur als kleiner Impuls, das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.
Das Nervensystem hat natürlich eine gewisse Kapazität, Qi in eine andere Schwingung zu transformieren. Das heißt, es hat auch seine Grenzen. Viele Menschen können nicht Nahrungs-Qi in spirituelle Energie umwandeln, weil ihr Nervensystem nicht die Kapazität dazu hat. Deshalb üben wir auch Taiji und Qigong - um diese Kapazität des Transformators für höhere und auch mehr Energie zu erhöhen.
Ist das eine vorläufige Antwort, ja?

 

Dazu gleich noch eine Frage: Gibt es einen Zustand von dem man sagen kann: jetzt ist die maximale Aufladung mit Qi erreicht (So wie wenn ein Tank voll gefüllt ist)? Oder gibt es keine Grenze, da der Tank sein Fassungsvermögen unendlich steigern kann?

Wir sind, jedenfalls der Teil von uns, der sich manifestiert hat und deshalb auch mit Qi in Kontakt ist, immer endlich. Alles, was wir tun, produzieren, sagen, denken, ist immer endlich. Eines Tages werden dem Dao sei Dank auch diese Worte enden und wieder vergessen werden. Darum auch unsere Kapazität, Qi oder das Universum in uns aufzunehmen.
Da muss ich auch schnell sagen, dass es natürlich möglich ist, sich ins Unendliche auszudehnen, oder das Unendliche in sich zu umfassen, doch dazu ist der Schritt aus jeglicher Dualität erforderlich. Es ist die vollkommene, unmittelbare Erkenntnis, dass die Erkenntnis und der Erkennende dasselbe sind.
Du steigst aus der Identifikation mit dem ausschließlich Materialisierten aus und erschließt damit die Unendlichkeit.
Doch ja, unser Energiesystem hat eine Grenze, Qi fassen zu können. Doch du wirst sehr, sehr lange brauchen, um auch nur irgendwo in die Nähe dieser Grenze zu kommen. Kein Grund zur Sorge also, nicht wahr?

 

Dieses Fallenlassen der Identifikation mit der Manifestation bringt mich auf einen weiteren Gedanken: Ist das Phänomen Deja-Vue mit dem Sekundenzeigerstillstand beim Meditieren verwandt?

Bitte sehr?

Wenn ich eintauche in die Meditation, und dann die Augen öffne und auf die Uhr vor mir schaue, steht manchmal der Sekundenzeiger still.

Du trittst aus dem Zeit-Raum-Kontext heraus, der eine allgemeine Abmachung ist, und weiter nichts, und dein linearer Verstand verschwindet, ja. Es ist ja tatsächlich so, dass es nichts gibt außer die Gegenwart, alles andere ist lediglich die Fähigkeit des Verstandes, Ereignisse aus der Vergangenheit zu speichern oder sich künftige Ereignisse auszumalen. Aber Vergangenheit oder Zukunft als tatsächliche Gegebenheit, die sich irgendwo im Universum befindet, gibt es nicht. Leuchtet das nicht ein? Was sollte es anderes geben, als das Jetzt? Sogar Erinnerungen an das, was wir Vergangenheit nennen, geschehen im Jetzt, ebenso Projektionen in das, was wir Zukunft nennen.
Nun gibt es aber diese Ereignisse, die eintreffen, und man ist sich sicher, man hat sie schon einmal gesehen oder erlebt. Oder man kann sogar sagen, was als nächstes passieren wird. Oftmals sind dies vage Erinnerungen an einst geschehene Ereignisse oder Worte oder Stimmungen, die aber so vage bleiben, dass man meint, sie seien die aktuelle Situation, welche die Erinnerungen getriggert hat.
Es gibt aber ganz klar auch die wirklichen Deja-Vues, ich selbst erlebe immer wieder, dass ich doppelt im Raum vorhanden bin, weil ich eine Situation zweimal erlebe.
Wie kann das geschehen? Das Universum besteht aus Möglichkeiten. Nichts ist vorherbestimmt. Leute, die behaupten, die Zukunft voraussagen zu können, sei dies metaphysisch oder statistisch, sehen immer nur von der Gegenwart in eine lineare "Zukunft", in der keine Entscheidungen geschehen. Man sieht immer nur bis zur nächsten Entscheidung. Es ist also nicht so, dass man im Schlaf oder einem veränderten Bewusstseinszustand auf der linearen Strasse der Zeit herumreist, um gewisse Stationen später wieder zu erkennen.
Vielmehr ist das Universum, von dem wir in keiner Art und Weise auch nur im Geringsten irgendwie getrennt wären, ein organisches Ganzes, ein lebendiger Organismus, der sich nicht wandelt, sonder Wandel ist. Immerwährende sich entfaltende Gegenwart, als würde sich eine Blume auf ewig entfalten. Und dadurch, dass in dieser unendlichen Gegenwart die unendliche Gegenwart enthalten ist, ist von unserem endlichen Standpunkt aus im Jetzt die so genannte Zukunft schon als Potenzial mit einer gewissen Entfaltungswahrscheinlichkeit enthalten. Das heißt, dass Deja-Vues nicht unbedingt ein Wiedererkennen eines in der Vergangenheit quasi visionär erfassten zukünftigen Ereignisses sein müssen, sondern ganz einfach ein Durchbrechen des linearen Raum-Zeit-Konstruktes und ein Ausbruch in die Multidimensionalität der Gegenwart, in der durchaus zwei Ereignisse, die sich vollkommen ähnlich oder einigermaßen ähnlich sind, zur "selben Zeit" am "selben Ort" passieren können.
Ja, das Stillstehen der Zeit und diese Wiedererkennungseffekte sind insofern miteinander verwandt, als dass sie durch das Durchbrechen der Illusion einer linearen Zeit geschehen.
Uff. Ich glaube, ich brauche fünf Minuten Pause. Und es soll mir keiner sagen, er hätte es vorausgesehen. und es soll auch niemand sagen, der Sekundenzeiger gehe doppelt so schnell wie normal.

 

Wenn ich mein Gewicht 100% verlagere, was passiert mit der Hand auf der Seite des leeren Beines? Fließt die Energie in den Fingerspitzen der "leeren Seite"?

Mir scheint, du sprichst hier von etwas, das du selber so erfahren hast?

Ja, die Fingerspitzen der Seite des nicht belasteten Beines sind voll von Energie. Ist das so, oder sollte dies nicht sein?

Aha, so dachte ich mir das. Du erzählst mir also etwas, das du erfährst. Und dann fragst du mich, ob das so sei? Hast du es nicht erfahren?
Natürlich kann man sich viele Dinge einbilden. Doch sich körperliche Empfindungen einzubilden, ist doch eher schwierig. Auf jeden Fall hast du eine Wahrnehmung. Wie könnte sie nicht sein, obwohl du wahrnimmst? Das wäre, als würdest du vor einem Berg stehen und sagen: "Ich sehe einen Berg. Ist da ein Berg? Sollte er da sein? Darf ich ihn sehen? Bin ich befähigt dazu?"
Wie nimmst du das, was du Energie nennst, denn wahr?

Als Fülle und ein Pulsieren in den Fingerspitzen.

Fülle und Pulsieren, gut. Das sind, neben Wärme und Kribbeln und einer gesteigerten Präsenz, Zeichen dafür, dass Energie fließt. Wir können deine Wahrnehmung also guten Gewissens als Energiewahrnehmung interpretieren.
Jetzt, warum diese Empfindung auf der Seite des nicht belasteten Beines ist, da gibt es einige Erklärungen. Ich nehme an, das ist ein direktes, wunderbares Resultat der verzweifelten Versuche deines Taiji-Lehrers, die diagonalen Energieverbindungen durch Übungen der Wellenformen zu öffnen. Darum spürst du jetzt Energie in der linken Hand, wenn du rechts stark mit dem Boden verbunden bist, und umgekehrt. Die energetischen Verbindungen sind also gestärkt und offen! Wundervoll! Und noch dazu: Du nimmst das wahr! Wunderbar, also. (Es kann auch vorkommen, dass Dinge offen oder vorhanden sind oder geschehen, und man nimmt sie nicht wahr. Trotzdem sind sie real).
Wenn ihr dann allmählich die Wellenformen rechter Fuß-rechte Hand und linker Fuß-linke Hand noch stärker einbezieht, wirst du wieder neue Wahrnehmungen entdecken.
Lass also diese Wahrnehmungen zu, vertraue ihnen, genieße sie!


Welche Bedeutung misst du dem Stolz zu? Entspringt er einzig aus der Egozentrik oder gibt es auch einen sozialen Stolz? Wie würde sich ein Mensch ohne Stolz verhalten?

Wir sollten wohl zuerst zwei Begriffe klären, Stolz und Egozentrik, bevor wir zum Schluss kommen, dass ich dem Stolz keine wesentliche oder unwesentliche Bedeutung beimesse.
Zuerst zur Egozentrik. Da müssen wir zuerst das Ego definieren, um zu verstehen, was da im Zentrum sein soll.
Für Ego gibt es viele, viele Definitionen. Zwei sollten uns reichen, um damit arbeiten zu können. Erstens bezeichnet Ego die ordnende Funktion, die da macht, dass ich mich von dir unterscheiden kann. Das ist insofern praktisch, als dass ich weiß, dass mich jemand anspricht, wenn mich jemand anspricht. Auch sonst sind dieser ordnenden Instanz so fabelhafte Dinge zu verdanken wie die Erkenntnis, dass mein Körper Sauerkraut nicht so gut verträgt wie Kürbis, oder dass ich genügend Stille brauche, um mich von meinen Worten zu erholen.
Diese ordnende Instanz genannt Ego fällt auch nicht weg, wenn wir von Erleuchtung sprechen. Auch ein erleuchteter Mensch dreht sich um, wenn man ihn mit seinem Namen anredet. Und er hat sogar Vorlieben und Bedürfnisse.
Das Interessante ist nun, und das führt uns zur zweiten Definition, dass diese ordnende Instanz ein Eigenleben entwickeln kann und sich selbst für eine reale Wesenheit hält. Unglaublich, nicht wahr? Wie kann so etwas passieren? Nun gut, das ist eine etwas andere Frage, die ein andermal beantwortet werden soll. Aber ein Staunen ist dieser Vorgang allemal wert.
Es gibt also den Menschen, nennen wir ihn Fred, und dieser Fred ist ein vollendeter Ausdruck des Universums. Fred beginnt in frühen Jahren zu erkennen, dass dieser vollendete Ausdruck des Universums Fred genannt wird, er beginnt, darauf zu reagieren, und er beginnt, seine natürlichen Neigungen und Vorlieben auch Fred zu nennen. Es entsteht quasi ein Fred-Zwei und dieser Fred-Zwei hält auch die Gedanken, die durch Fred fließen, und seinen kreativen Output für von Fred-Zwei hervorgebrachte Gedanken. Fred-Zwei schafft es sogar, Fred vergessen zu machen, und vergisst ihn sogar selber! Und alles, was übrig bleibt, ist Fred-Zwei. Sowas, nicht wahr? Was für ein raffiniertes Spiel! Wie ein Hollywood-Drehbuch!
Es kommt noch dicker! Fred-Zwei entwickelt Aspekte, die Fred gar nie haben konnte, weil er ein unmittelbarer Ausdruck des Nicht-Selbst des Universums war. Fred-Zwei entwickelt Gier, entwickelt Stolz, entwickelt Endlichkeit! Ja!
Warum macht das Fred-Zwei? Einerseits entstehen diese Aspekte ganz von alleine durch die Illusion einer Trennung vom Universum, die ja die Grundlage für Fred-Zweis Dasein bildet. Andererseits entwickelt - unglaublich! - Fred-Zwei eine Art Schaltkreis, um die universale Energie bei sich zu behalten, sich selbst mit seinem eigenen Output zu nähren, statt das Universum damit zu bereichern. Ich nenne das den Ego-Schaltkreis. Statt dass universale Energie durch ein menschliches Prisma fließt und dann sofort weiter auf die universale Leinwand, um ein wunderschönes Bild der Vielfalt zu zeichnen, fließt Energie durch Fred-Zwei und gleich in Fred-Zwei zurück. Dieser Schaltkreis ist wichtig, sonst würde auf die Dauer der Illusion keine Energie mehr zugefügt werden. Sie muss sich selber ernähren. Sie frisst sozusagen ihre eigene vergoldete Scheiße. Narzissmus ist geboren. Nicht nur, dass Narzissmus für Mitmenschen eine höchst lästige Angelegenheit sein kann, er ist vor allem das Produkt einer Illusion, die sich selber nährt. Und damit der wahren Sache nicht förderlich.
Gleichzeitig würde ich Narzissmus und Stolz und all diese Dinge nicht so sehr verurteilen, wie das gerne in selbst ernannten spirituellen Kreisen gemacht wird. Sie sind vielmehr, was sie sind. Solange sie da sind, sind sie da, wenn nicht mehr, dann nicht mehr.
Dieser Narzissmus wird gedämpft, wenn Fred-Zwei bei seinem Heranwachsen lernt, dass er in Ordnung ist. Wir nennen das ein gesundes Selbstvertrauen. Und die Gesamtheit Fred + Fred-Zwei ist glücklicher und wird in späteren Jahren ihr Potenzial (das durch Fred + die ordnende Instanz ohne wesentliches Eigenleben fließt) leben können, wenn auch Fred genährt wird. Dies geschieht durch bedingungslose Liebe, und das ist, was Eltern ihren Kindern geben können.
Teil Zwei dieser unglaublichen Geschichte ist, dass dieser Narzissmus-Kreis durchbrochen werden und die Illusion als solche erkannt werden kann. Auch das ist ein wirklich unglaublicher Vorgang! Bedenken wir, dass die Illusion alles tut, um sich selbst aufrecht zu erhalten! Und plötzlich - bumm! - oder allmählich - hhhhhh - ist sie weg. Das sind die zwei Arten des Erwachens. Das Bumm ist, wie ich es auch schon genannt habe, ein Erwachen ohne Wecker. Es geschieht, wenn die Zeit dafür da ist. Das Hhhh ist ein Erwachen, das mehr durch Expansion geschieht. Und zwar eine unauffällige Expansion von Fred, wodurch Fred-Zwei einen schwindenden Stellenwert im Gesamtkontext kriegt und sich allmählich ganz auflöst. Es gibt Schulen, die streiten sich darüber, ob Bumm oder Hhhh das wahre Erwachen ist. Ich meine, beide haben recht und unrecht, und vor allem ist es belanglos. Wenn jemand wach ist, dann spielt die Art des Erwachens nicht wirklich eine Rolle.
Nun zurück zum Stolz. Stolz ist also eine dieser Eigenschaften des narzisstischen Egos. Sobald du erkennst, dass es keinen Denker deiner Gedanken gibt außer Gott oder das Dao oder das Universum, sobald du erkennst, dass alles, was durch dich entsteht nicht deine Produkte sind, sobald du Zeuge der Kreativität wirst, die sich durch dich entfaltet, statt zu meinen, du seiest ihr Ursprung, fällt jeglicher Stolz weg. Wer sollte worauf stolz sein? Es gibt nur das Universum.
Stolz ist ein Ausdruck dieses sich selbst nährenden Schaltkreises.
Nun erwähnst du den sozialen Stolz. Der Mensch ist kein Einzelwesen, sondern vielmehr ein Atom oder Molekül eines größeren Organismus. Es gibt zum Beispiel den Nationalstolz, eine kollektive Form des Stolzes eines größeren Organismus. Und damit die kollektive Form eines kollektiven Narzissmus. Wie überall gibt es auch davon krankhaftere und weniger krankhafte Formen. Wenn die Sportler deines Landes an einem wichtigen Spiel eine Medaille gewinnen - dann ist Stolz nicht weit. Obwohl - warum bist du dann stolz? Hast du etwas zum Erfolg dieser Menschen beigetragen? Wohl kaum. Warum dann Stolz? Es ist ein rein kollektiver. Wir Chinesen! Wir Schweizer! Wir Amerikaner! Diesen Stolz kann man vermutlich noch nicht narzisstisch nennen, und vielleicht ist Stolz sogar das falsche Wort dafür. Vielleicht wäre Freude der bessere Ausdruck. Genauso kannst du Freude empfinden und auch zeigen, wenn dein Kind eine Leistung erbringt - es laufen lernt, es ein schönes Lied singt oder was auch immer. Ob dies stolz ist, ist davon abhängig, wie sehr diese Freude dich selbst in einem narzisstischen Sinn nährt. Fließt die Freude durch dich zu deinem Kind und weiter ins Universum, oder hältst du dich daran fest, brüstest du dich damit, brauchst du sie zur Rechtfertigung deiner Überzeugungen? Nährt sich Fred-Zwei damit selbst?
Nun, ich sage nicht, du dürfest keinen Stolz empfinden. Wenn du Stolz empfindest, empfinde ihn. Das ist wunderbar! Wenn dein Kind eine Nationalhymne singt und du empfindest Stolz, dann ist das so. Wir können sagen, dass Stolz, wie alle narzisstischen Egofunktionen, mit fortschreitender vertikaler Entwicklung immer kleiner wird. Solange du dich auf einer Ebene befindest, die dich Stolz gegenüber deinem Vaterland empfinden lässt, so wie es zum Beispiel viele Amerikaner tun und ausdrücken, dann ist das so. Es ist, wie es ist. Nicht gut, nicht schlecht. Eine Wertung kann höchstens daraus entstehen, was dieser Stolz oder allgemein der Narzissmus mit seiner Umwelt anrichtet. ja, eine Wertung soll da sogar entstehen! Doch innerhalb der eigenen vier Wände, da darf doch jeder tun und lassen, was er will?
Man kann sich entschließen, sich weiter zu entwickeln und sich etwa von einer nationalistischen auf eine weltzentrische Ebene auszudehnen. Dann erfreust du dich daran, dass sich Menschen an ihren Leistungen erfreuen, seien es Portugiesen oder Chinesen. Doch auf diesen Entschluss kannst du nur stolz sein, solange du nicht erkennst, dass nicht du ihn gefasst hast, sondern er durch dich wirkt.
Ein Mensch ohne Stolz empfindet in Situationen, in denen andere Menschen oder Nationen oder soziale Gruppierungen Stolz empfinden, zum Beispiel Freude, Dankbarkeit, Heiterkeit. Er ist sich bewusst, dass er das Gefäß ist für die Strömungen des Universums, ein Prisma für das göttliche Licht, und nimmt weder Leistungen noch Misserfolge persönlich. Eine Gießkanne ist nicht stolz auf das Wasser, das durch sie Blumen nährt. Ja, ja, natürlich, eine Gießkanne hat gar nicht die Möglichkeit, Stolz zu empfinden! Diese Möglichkeit hat nur Fred-Zwei. Ist Fred-Zwei einmal abgelegt, so wie man einen illusionären Rucksack voll fremdem Gepäck, das niemand vermisst, ablegt, und Fred ist wieder unverhüllt, ist er wie eine Gießkanne - auch er hat keine Möglichkeit mehr, Stolz zu empfinden, auch wenn er die kognitive Fähigkeit dazu im Gegensatz zu einer Gießkanne durchaus hätte. Aber Mitgefühl, Freude, Dankbarkeit kann er empfinden. Genauso wie Schmerz und Traurigkeit, doch niemals Gram gegen sich selbst.
Ich bin nicht stolz auf diese Worte. Sie sind weder sonderlich klar, noch sonderlich einleuchtend, noch sonderlich hilfreich. Das liegt im Wesen der Sache. Doch vor allem sind sie nicht von mir. Eine Frage kommt, eine Antwort kommt. Die Frage geht, die Antwort geht.


Braucht man den Verstand? Ist er lebensnotwendig?

Wer fragt hier? Wer will das wissen? Hahaha! Umwerfend, nicht wahr? Der Verstand fragt, ob er gebraucht wird! Möchte er in die Ferien? Ist er sich seiner selbst müde? Oder meint er, er könne abtreten weil er nicht gut genug sei?
Die Frage ist zuerst: Was ist der Verstand? Ist darunter die ordnende Egofunktion gemeint? Oder die kognitive Intelligenz? Oder meinst du ganz einfach das Verstehen? Rationales? Intuitives?
Wenn du damit die ordnende Instanz meinst, die dem Geist-in-Aktion-Organismus-in-aktueller-Manifestation-genannt-Laodao hilft, sich als kleiner Chinese mit großem Hut in einer kleinen Welt mit großem Universum zurecht zu finden, dann ist diese Instanz entweder überlebensnotwendig oder auf Hilfe eines anderen Geistes-in-Aktion-Organismus-in-aktueller-Manifestation-genannt-Irgendwie angewiesen, auf einen Ersatz-Verstand also.
Wenn du damit deine kognitiven Fähigkeiten meinst, dann ist es in der alltäglichen Welt als geerdete Wesen doch auch wichtig, gewisse Fähigkeiten zu besitzen. Du musst dir den Fahrplan deines Zuges merken können, kontrollieren können, ob die Kassiererin richtig Wechselgeld gibt und so weiter. Nicht wahr?
Ob das Verstehen universaler Zusammenhänge wichtig ist für, sagen wir, spirituelles Erwachen, ist wieder eine andere Frage. Ich habe schon vorher von den Bumm-Schulen und den Hhhh-Schulen gesprochen. Bumm-Schulen befürworten und fördern das plötzliche Erwachen, Hhhh-Schulen das graduelle.
Die Methode der Bumm-Schulen ist es, den Verstand ad absurdum zu führen, mit so intelligenten Fragen wie: "Was war dein Angesicht vor dem Urknall?" Oder: "Wo bist du jenseits des Universums?" Oder ganz einfach: "Was ist die allerdringlichste Aussage?"
Solche Aufgaben dienen nur dem Zweck, den Verstand so an seine Grenzen zu führen, dass die Grenzen des Verstandes erkannt werden - und das, was jenseits des Verstandes ist.
Die Hhhh-Schulen fordern dagegen viel mehr auf, den Verstand bis über die Grenzen des Universums auszudehnen. Nicht, indem mehr und mehr Wissen angesammelt wird, sondern mehr und mehr Verstehen der Vernetzung und Nicht-Zweiheit aller Manifestation und Unmanifestation. Viele Physiker der neueren Zeit zum Beispiel waren/sind auch Mystiker, und zu diesem Zustand sind sie durch Ihren Verstand gekommen.
Wenn wir von verstehen reden, ist die Sache etwas einfacher: Ja, es ist wichtig, gewisse Zusammenhänge zu verstehen, Vernetzungen zu erkennen, sich danach auszurichten. Für spirituelles Wachstum genauso wie für psychologisches. Sonst bleibst du immer in deiner eigenen kleinen Welt gefangen. Doch ob dieses Verstehen intuitiv oder rational geschieht, spielt keine Rolle. Wichtig ist, wahres Verstehen nicht mit dem Verstehen von Worten gleichzusetzen.
Manchmal ist es wichtiger, zu erfahren, als zu verstehen. Andererseits geschieht differenzieren und integrieren durch wirken lassen und verstehen. Zusammenhänge erkennen. Sinn erkennen. Das ist auch Verstehen. Auch das ist wichtig.
Alles geschieht zu seiner Zeit. An einem Tag können wir Hilfe annehmen, an einem anderen nicht. Es geschieht. Wachstum geschieht, sobald wir uns dazu entschließen. Doch der Entschluss geschieht. Jenseits des Verstandes.
Viele Menschen wollen verstehen, aber sie wollen nicht sehen. Sie versuchen, das Außen zu verstehen, doch verschließen die Augen vor sich selbst. Oftmals ist es wichtiger, nach innen zu schauen, um das Außen zu verstehen.
Verstehen, erkennen, hat ganz oft damit zu tun, die volle Verantwortung für sich zu übernehmen. Ehrlich zu sich selbst zu sein.
Doch auch das geschieht, wir können es nicht erzwingen.

 

Welche Farbe hat Qi?

Welche hättest du denn gerne? Jede, die du willst. Qi ist Qi. Energie ist Energie. Welche Farbe hat der Strom? Der Wind? Die Kraft, die sich als Welle durch den Ozean bewegt? Diejenige Kraft, die dich davor bewahrt, vom Fahrrad zu fallen?
Ich sage jede, die du willst, weil du der Energie mit deiner Intention ganz beliebige Qualitäten geben kannst. Und darum auch Farben. Sobald deine Intention klar ist, kannst du das, und viele andere Sachen, machen. Das braucht man hin und wieder bei Heilungen, jedenfalls nach gewissen Methoden, oder in therapeutischem Qigong.
Dazu ist auch noch zu sagen, dass die Erdenergie natürlich auch von sich aus eine andere Frequenz und damit Farbe hat als zum Beispiel Herzenergie oder Angst oder eine Gedankenform oder ein Hirntumor. Qi erstreckt sich über das gesamte Spektrum des Regenbogens.


Wie erkenne ich, ob ich Schwingungen von anderen Menschen oder meiner Umgebung erhalte, oder ob es meine Projektionen sind? Wie halte ich diese verschiedenen Empfindungen auseinander?

Du meinst diese verschiedenen Wahrnehmungen? Du sagst sehr richtig, es sind verschiedene Empfindungen, und doch fühlen sie sich unter Umständen gleich an! Unglaublich! Da kommt etwas von außen, und es fühlt sich gleich an wie das, was von innen kommt! So was, nicht wahr? Was hat man sich dabei gedacht? Man sollte mal nachfragen, ob da eigentlich kein Update geplant ist, vielleicht würde das einer von euch mal übernehmen, ja? Freundlicherweise?
Danke. Aber bis es uns in einer besseren Version gibt, müssen wir uns mit uns selbst zufrieden geben. Ist ja auch keine so schlechte Sache, eigentlich, wenn man es bedenkt, nicht wahr? Also, trotzdem: Die Frage ist sehr wichtig. Ja, unter Umständen sogar lebenswichtig. Wer war nicht schon einmal verliebt und der Überzeugung, der Auslöser oder die Auslöserin dieser starken Empfindung müsse dasselbe empfinden, anders ginge das ja gar nicht, nur um dann festzustellen, dass das eine ganz gewaltige Projektion war, ein peinlicher Irrtum, ein schmerzlicher Fehler. Als ich in meiner Jugend, also damals, dieses Mädchen, Hu Niu Lang im Reisfeld erblickte, war ich so hin und… Nun ja. Das ist eine andere Geschichte.
Jedenfalls: Es gibt viele Antworten auf diese Frage, und trotz all diesen Worten habe ich dir noch keine gegeben, also will ich das jetzt nachholen. Der sicher wichtigste Punkt, jedenfalls aus meiner bescheidenen Sicht unter meinem Hut hervor, ist, dass du dir eben diese Frage immer und immer wieder stellst! Dass du sie nie vergisst! Dass sie zu einer Grundfrage deines Grundfragenkatalogs wird, immer bereit, zuzupacken, dich zu rütteln und zu schütteln! Ohne, natürlich, ohne das kreative Momentum zu opfern.
Diese Frage kommt aus dem Beobachter und schult den Beobachter. Der Beobachter ist die einzige Konstante in unserem Leben, ob wir jetzt Auto fahren, Häuser bauen, in erotischer Ekstase glühen oder in tiefster Trauer sind, ja, mit Übung sogar, ob wir wach sind, träumen oder im Tiefschlaf oder tiefster Entspannung uns von all dem verabschiedet haben - der Beobachter bleibt. Ganz einfach darum, weil er außerhalb von uns ist - oder besser gesagt, weil er das Einzige ist, was wir tatsächlich sind. Aber das ist ja jetzt nicht so wichtig. Hauptsache ist, dass diese Frage vom Beobachter her kommt.
Nun, wie man innere und äußere Empfindungen unterscheidet, obwohl sich von außen kommende auch innen zeigen. Denn unser Körper ist ja eine wunderbare Antenne für sowohl Inneres als auch Äußeres! Erstens hältst du diese Frage also omnipräsent. Zweitens lernst du deine Art, auf die Dinge und Menschen und Umstände zu reagieren, mit ihnen in Kontakt zu treten, sie abzuwehren, über sie nachzudenken, zu entscheiden, sie zu empfinden im weitesten Sinne, ganz genau kennen. Lerne deine offensichtlichen und subtilen Muster kennen! Wahrnehmungsmuster, Denkmuster, Handlungsmuster, Reaktionsmuster undsoweiterundsofort. Dann kannst du beginnen zu unterscheiden, was von dir kommt, und was von außen. Die Empfindungsqualität bleibt dieselbe, doch so kannst du differenzieren.
Niemand sagt, das sei ein einfacher Weg, aber ich würde auch nicht sagen, er sei schwierig. Und vor allem ist er spannend!
Wie man das lernt, meinst du? Ich glaube, du weißt es… Oder kam das jetzt aus meinem Innern? Kann ich mal ein Glas Wasser haben?

 

Stimmt es, dass alles in der Natur hierarchisch aufgebaut ist und deshalb auch die Menschen nicht ohne Hierarchie leben können?

Ob das stimmt? Wer hat dir denn das erzählt? Beginnen wir ganz vorne.
Protonen, diese lustigen kleinen Teilchen, haben so kleine noch kleinere Teilchen, ob sie auch noch lustiger sind, weiß ich nicht genau, jedenfalls haben sie einen lustigeren Namen: Quarks, jedenfalls also, zwei davon oben und eines unten, und das Neutron hat zwei davon unten und eines oben. So was. Ist es nicht interessant, dass da Dreierbeziehungen am Werk sind? Was noch lange nicht heißt, dass Dreierbeziehungen im menschlichen Leben im gegenwärtigen Stand seiner Entwicklung auch eine unkomplizierte und fruchtbare Sache wären, nur um auf die Gefahr hinzuweisen, gleich Parallelen zum Menschen aufzuzeigen. Aber wir sind auf einer Reise, also, Protonen und Neutronen, das gibt also den Atomkern, und drum herum schwirren Elektronen (die bis heute nicht aus Quarks und auch sonst aus Nichts-Kleinerem) bestehen, das gibt ein Atom. Atome schließen sich zusammen zu Molekülen, Moleküle zu Zellen, Zellen zu Organismen. So weit, so gut, nicht wahr? Es geht dann sogar noch weiter. Organismen schließen sich zusammen zu Gemeinschaften, Gruppierungen, oder zum Beispiel Nationalitäten usw.
Wir haben hier also tatsächlich ein hierarchisches System. Atome schließen sich nicht zu Hunden zusammen, und Quarks erst recht nicht zu nationalen Gruppierungen. Hunde und nationale Gruppierungen enthalten Atome, doch sie bestehen nicht einfach so aus ihnen. Ich kann lange eine Schachtel mit Atomen schütteln, da kommt nie ein Hund raus, und auch keine nationale Gruppierung mit einem Manifest und einem Rechtssystem, nicht einmal dann, wenn ich sehr lange schüttle.
Genauso besteht ein Text aus Abschnitten, die Abschnitte aus Sätzen, die Sätze aus Wörtern, die Wörter aus Buchstaben, da gibt es nicht viel zu rütteln.
Denn diese Einheiten werden immer komplexer. Worte sind mehr als Buchstaben, Sätze mehr als Wörter. Moleküle umschließen Atome, sind aber mehr als nur Atome, Zellen umschließen Moleküle, Organismen Zellen und so weiter. Ja, sogar ein Haufen Zellen machen noch keinen Hund! Ein Hund ist einfach komplexer als die Ansammlung seiner Zellen.
Warum? Weil die Komplexität immer höher wird, von Stufe zu Stufe. Also können wir sagen, diese Entwicklungsstufen die da aufeinander folgen, das ist eine Hierarchie. Nun hat der Name Hierarchie natürlich so einen mittelalterlichen Beigeschmack, denn er bedeutet ja eigentlich ein Herrschaftsverhältnis. Davon können wir, die dem Mittelalter doch wenigstens zum Teil schon ein wenig entstiegen sind, uns lösen. Denn wir erkennen sofort und messerscharf, dass Moleküle nicht über Atome herrschen, sondern sich in ihnen ja schlussendlich der Atome Sinn entfaltet. Auch herrschen Zellen nicht über Moleküle, und ein Organismus genannt Hund unterdrückt auch nicht seine Zellen in peinigender Knechtschaft.
Wir könnten einen neuen Begriff einführen, der dieses Echo des Mittelalters umschifft, und das wurde auch getan: die Holarchie. Doch statt nun auch noch einen neuen Begriff erklären zu müssen, bleiben wir mal bei der Hierarchie und definieren sie als ein Zunehmen von Komplexität, nicht von Knechtschaft.
In diesem Sinn kannst du als Mensch nicht ohne Hierarchie leben, nicht wahr? Denn dein Organismus ist so aufgebaut. Und nicht nur dein Organismus, selbst dein Geist! Jeder, der schon einmal ein Kind gesehen hat, und ich glaube, das sind viele, hat gemerkt, dass das Kind nicht als fertiger Erwachsener zur Welt kommt. Nein, es entwickelt sich durch verschiedene Stufen hindurch zum Erwachsenen. Wir können diese Stufen menschlicher Entwicklung zum Beispiel vor-egoisch, egoisch oder egozentrisch, und nach-egoisch nennen. Am Anfang hat das Kind kein Bewusstsein seiner selbst, erst durch einen langsamen Ablösungsprozess lernt es, dass es ein von der Mutter getrenntes Wesen ist, und entwickelt eine Identität. Das gipfelt im egozentrischen Stadium, welches dann wiederum sehr lange anhalten kann, weit bis ins Erwachsenenalter. Und die anwachsende Komplexität oder Hierarchie können wir im folgenden Beispiel sehen: Menschen entwickeln sich von egozentrisch (ICH!) zu soziozentrisch (Familie) zu ethnozentrisch (Land, Gruppierung, Rasse etc.) zu weltzentrisch (die Menschheit) zu kosmozentrisch oder integral (der Kosmos als ein lebendiges, vernetztes System zunehmender Komplexitäten). Dies sind Stufen. Niemand springt von egozentrisch zu integral, ohne die anderen Stufen zu durchlaufen. In den verschiedenen Stufen gibt es verschiedene Identifikationsmodelle, und jedes ist komplexer als das Identifikationsmodell der vorherigen Stufe.
Ja, und das ist sogar bei Frauen so! Männer denken ohnehin hierarchisch, also in solchen Stufenmodellen, sie nehmen auseinander, analysieren. Frauen tendieren dazu, vernetzend zu denken, also nicht so sehr in diesen Stufen. Und doch entwickeln sie sich ebenso wie die Männer und alle Lebewesen und der ganze Kosmos in Stufen! Wunderbar, nicht wahr?
Nun, in deiner Frage schwingt, so scheint es mir, noch ein anderes Element mit. Wir haben also gesehen, dass Menschen wie alle Lebewesen sowohl physisch als auch psychisch und sozial sich in Hierarchien entwickeln. Doch das heißt natürlich nicht, dass sie in politischen (oder privaten) Herrschaftssystemen leben müssen. Je nach Entwicklungsstand (egozentrisch, soziozentrisch und ethnozentrisch) fördert das Bewusstsein natürlich ein gesellschaftliches und politisches Herrschaftssystem. Womit wiederum auch gleich gesagt werden muss, dass nicht jeder Mensch, der in einem solchen Herrschaftssystem lebt, sich auf dieser Entwicklungsstufe befindet. Lediglich der Grossteil der Menschen in einem solchen System befindet sich dort. Ebenso ist es ja nicht so, dass jeder Mensch, der in einer demokratischen Welt lebt, welche aus soziozentrischen, ethnozentrischen und weltzentrischen Stufen entsteht, in einer dieser Stufe ist. Es gibt jedoch genug Grund zur Annahme, dass ko-kreative, kollektiv-intelligente Gesellschaftsstrukturen auf einer breiteren Basis möglich sind. Natürlich erst, wenn eine breite Bevölkerungsschicht sich auf dieser Ebene befindet.
Lustigerweise ist also ein nicht-hierarchisches System (wie es die Gesamtheit Hund ja zum Beispiel auch ist), eine logische Stufe im hierarchischen Entwicklungssystem. Bis das auf einer nationalen oder gar globalen Ebene der Fall ist, können wir alles dafür tun, in unserem persönlichen Umfeld, in kleinen, aber offenen Gruppen, in unseren Beziehungen, in unserer Familie, an unserem Arbeitsplatz, in Organisationen, Firmen dieses Bewusstsein zu ermöglichen. Ich sage ermöglichen, und meine damit ermöglichen. Wir können es nicht erzwingen. Aber wir können es mit aller Kraft ermöglichen! Der Mensch muss durch die verschiedenen Entwicklungsstufen hindurch, das muss er, er kann nicht einige überspringen, so wie sich kein Hund explosionsartig aus einer Atom-Versammlung bildet. Das ist was, sage ich dir, diese Entwicklung ermöglichen! Wenn du dich ihr widmest, in dir selbst und deinem Umfeld, wird es dir nie langweilig werden! Und du bist an diesem wunderbaren, wunderbaren Platz, an dem du nichts erzwingen kannst, niemandem deinen Willen aufzwingen kannst, darum auch keine Erwartungen an die anderen - oder dich! - haben kannst, darum niemals enttäuscht wirst, und mit aller Kraft und deinem ganzen Wesen zur Ermöglichung von Evolution beiträgst, und in den schönsten Stunden, in den ergreifendsten Momenten dann erlebst, dass Evolution sich entfaltet, dass Entwicklung aus sich selbst heraus passiert, das Wachstum geschieht, Menschen sich ändern, auf wunderbare, wundersame, wunderschöne Art und Weise, auf wunderlichen Wegen, plötzlich erblühen Blumen, wo vorher nichts war, erwächst Erkenntnis, wo vorher Ignoranz war, erscheint Licht, wo Dunkel war, zeigt sich Richtung, wo Verwirrung waltete, strahlt Liebe, wo Unverständnis war, atmet Freiheit, wo enge Grenzen regierten, ja, und als Zeuge dieser Wunder, ja, Wunder sind es, bist du erfüllt von unendlicher Dankbarkeit und lachst aus vollem Herzen, und du bist dir bewusst, dass auch dies eines dieser Wunder ist, du bist Teil und Ganzes, und du kannst nicht anders, als zu lieben, leidenschaftlich und mitfühlend, die ganze Schöpfung, dankbar, als Teil der Evolution, die Evolution hervorbringt.
Es gibt nichts zu tun. Packen wir's an.

 

Wie befreie ich mich von sich ständig wiederholenden Reaktionsmustern?

Reaktionsmuster zeigen wir ja auf den verschiedensten Ebenen - körperlich, emotional, mental. Unsere Wahrnehmung läuft in Mustern, unsere Interpretation der Wahrnehmung läuft in Mustern, unsere Umsetzung der Interpretation in eine Reaktion verläuft in Mustern. Beängstigend, nicht wahr? Zumal die Muster im Verhältnis zu dem was tatsächlich ist, willkürlich und irrational erscheinen können.
Ganz gleich, auf welcher Ebene oder in welcher Phase wir ein Reaktionsmuster erkennen, und meistens ist dasselbe Reaktionsmuster nicht nur auf einer Ebene anzutreffen, ist der erste Schritt, dieses bewusst wahrzunehmen. Dann können wir es genauer betrachten, der männliche Geist analysiert es sogar: Wenn das passiert, reagiere ich so und so.
Doch mit der Wahrnehmung und Analyse an sich ist es nicht getan, nicht wahr? Schön zeigt das diese lustige Form im Westen, über sich selber zu reden, die Psychoanalyse und auch viele Formen der Gesprächs-Psychotherapie. Was man da vor allem lernt, ist, über seine Probleme zu reden - doch eine Veränderung ist damit noch keinesfalls garantiert.
Was ist also das fehlende Element, fragt man sich? Vielleicht sind es mehrere Elemente: Der erste Schritt ist meiner Meinung nach, ganz die Verantwortung dafür zu übernehmen. Weder irgendjemandem noch der Vergangenheit die Schuld dafür zuzuschieben, sondern ganz und gar, voll und ganz dafür verantwortlich zu sein. Was dann geschieht, ist, dass man aufhört, sich über die Muster zu nerven, die man zwar erkannt hat, die aber frisch und fröhlich weiter wirken und walten. Damit lässt man von der Opferrolle los. Dann bist du nicht mehr das Opfer eines Musters. Sobald du dich von etwas distanzierst, bist du es nicht mehr. Das ist ein grundlegender Schritt für Veränderung.
Der zweite Schritt ist, eine ganz bewusste Entscheidung zu treffen. Will ich Gefäß für dieses Muster sein, oder will ich das nicht?
Im Falle dass du das nicht willst, wovon ich jetzt mal ausgehe, nicht wahr, ist der dritte Schritt, eine klare Intention zu setzen. Eine klare Intention ist jetzt aber nicht, ganz klar dem Universum mitzuteilen: "Ich will nicht nach diesem Muster handeln. Ich will nicht Gefäß sein für dieses Muster." Denn die fatale Eigenart des Universums ist, dass es das Wörtchen ‹nicht› nicht empfängt. Und dann kommt es verkehrt raus! Es ist ganz wichtig, sich ganz genau klarzumachen, was man will, nicht, was man nicht will. Du sagst dir also zum Beispiel: "Ich will kreativ und frei auf Situationen reagieren können." Oder: "Ich will geerdet und verwurzelt sein, was auch passiert."
Der vierte Schritt ist, dass du deine Intention in den Körper bringst, damit das keine Kopfsache bleibt. Bringe es in den Körper, die Zellen, durchtränke sie damit. Wie man das macht? Stell es dir vor! Stell es dir so lange vor, wie diese Intention in jede Zelle ausstrahlt, bis du es in deinem Körper spürst! Bis sich zum Satz eine körperliche Empfindung einstellt.
Taiji und Qigong und diese wunderbaren Dinge helfen, Intentionen in die Zellen zu bringen. Das ist eine gute Übungspraxis.
Der fünfte Schritt ist, dir sowohl diese Intention als auch das Muster im Bewusstsein zu halten. Wohlgemerkt, du behältst das Muster auch im Bewusstsein, weil wir nicht an der Realität vorbei einfach ein bisschen positiv denken, sondern um unsere Lernerfolge feststellen zu können, aber du nährst das Muster nicht mit Energie. Es darf noch da sein, aber du lädst es nicht zu Tee und Kuchen ein.
Der sechste Schritt ist, geduldig zu sein. Erzwingen wollen bringt nichts.
Der siebte Schritt ist Übung.
Dazu ist auch noch anzufügen, dass das Muster eventuell eine Botschaft ist. Vielleicht ist es ratsam, die Botschaft zu erkennen, dann braucht es den Boten nicht mehr. Wie das geschieht? Lausche achtsam. Achte auf Zeichen, verbal, nonverbal, Körperempfindungen, Gedanken, Bilder, Energieflüsse - weite deine Wahrnehmung.
Sieben Schritte, um ein Müsterchen loszulassen? Eigentlich sogar acht, wenn man das Erkennen des Müsterchens dazu zählt? Ist das nicht ein wenig übertrieben? Das mag man sich hier durchaus fragen. Nun, denn, wohlan, man kann es auch kürzer fassen: Richte dich mit deinem ganzen Wesen darauf aus, Fluss zu werden, Gefäß zu werden, jeden Moment neu erschaffen zu werden, kreative Quelle zu sein. Das klappt auch prima. Wenn es klappt.

 

Ich versuche folgendes von Meister Nakamura Temp und Chuang Tse zu verstehen:
Die normale Konzentration - Die Dinge führen, der Geist folgt. Der Grund dafür liegt darin, dass wenn der Geist von den Dingen angezogen wird, im Geist Vorstellungen von diesen Dingen entstehen und man in einen unfreien Zustand gerät. Das nennt man "Konfrontation, einen Feind herstellen".
Die andere Möglichkeit -Dharana Dhyana Samadhi- ist: Der Geist wird von den Dingen nicht gestohlen, er führt, die Dinge folgen. In diesem Zustand ist man frei, "Ohne Konfrontation gibt es auch keinen Feind".
Meine Meinung war bisher, dass stets das Denken, der Geist, voran geht und so die Begegnung mit den Dingen entsteht. Vielleicht kannst du mir mit einer Zusatzerläuterung weiter helfen?

Nun, also, gut. Wohlan. Eigentlich wäre es weise, nichts dazu zu sagen, sondern dich zu ein paar einfachen Übungen anzuleiten. Denn nicht Übungen stiften Verwirrung, sondern Gesagtes. Aber ich sage jetzt trotzdem etwas, um die Verwirrung Zukünftiger noch etwas zu unterstützen, vielleicht, wer weiß, jedenfalls in der Hoffnung, dass sich deine Scheinverwirrung löst, denn ja, das ist sie, keine wahre Verwirrung, da du dir die Antwort auf deine Frage schon selbst gegeben hast. Was die Meister hier unter "normaler Konzentration" verstehen, sollten wir vielleicht eher die "allgemein übliche Art der Wahrnehmung und Lebensführung" nennen, denn es ist nicht wirklich eine Konzentration, im Gegenteil, und was ist schon normal? Jedenfalls, diesen Weg, dass die Dinge führen und der Geist folgt, kennen wir alle. Die Werbung führt, der Konsument folgt. Werbung ist nicht das einzige, aber ein gutes Beispiel. Sie stellt eine Welt vor, die nicht existiert, uns aber vorgaukelt, sie sei kaufbar. Wir entwickeln eine Vorstellung von Leben, doch sie orientiert sich nicht am Leben oder der Kultur oder der sozialen Struktur, sondern der Marktwirtschaft. So geraten wir in einen unfreien Zustand, wir sind fremdbestimmt. Daraus ergeben sich früher oder später Konsequenzen, Konflikte, innen und außen.
Die zweite Möglichkeit, die die Meister hier beschreiben, Dharana, Dhyana, Samadhi, ist demnach die Unübliche. Dharana ist die Konzentration, Dhyana die Meditation, Samadhi die Einswerdung. Dieser Gesamtzustand zeigt sich dadurch aus, dass wir weniger re-aktiv werden, weniger fremdbestimmt, mehr zentriert, besonnen. Nun, dies alles ist nur ein Effekt von vielen, die uns diese Dreiheit bescheren. Aber wir konzentrieren uns hier darauf. Es ist dann also durchaus so, dass die Dinge nicht mehr führen, sondern einfach wahrgenommen werden. Der Geist wird nicht mehr von den Dingen gestohlen, weil er in sich ruht. Dann führt der Geist, und die Dinge folgen.
Nun, zu deiner Meinung, ist sie deine Meinung? Woher kommt sie? Wohin führt sie?
Jetzt kommen wir in die unausweichlichen Begriffsdefinitionen, was ist "Denken", was ist "Geist". Dass stets das Denken vorangeht, ist etwas eng gefasst. Denkt ein Baby, denkt ein Meerschweinchen? Auf jeden Fall begegnen sie Dingen, nicht wahr? Windeln und Brüsten und Löwenzahn und Heu. Doch was heißt "begegnen"? Begegnet ein Baby der Brust? Und wenn wir rechnen, wie viel Meerschweinchenzaundraht Hans nun kaufen muss, wenn das Quadrat zur Hypotenuse und so weiter, ist es dieses Denken, das Energie lenkt?
Und was ist "Geist"? Denken ist nicht Geist, sondern eine Funktion des Geistes, des kleinen Geistes, könnten wir sagen, englisch "mind", im Gegensatz zum großen Geist, "spirit". Welcher Geist führt nun? Der kleine, der große?
Und wenn ich nun einen anderen Begriff einführe, den der Intention, dann gilt es diesen zu erklären, warum dass Intention nicht Absicht ist, und so weiter.
Was ich damit will, ist nicht noch mehr Fragen, die ich gerade stellte, beantworten, dies führte hier entschieden zu weit. Darum meinte ich auch, es wäre weiser, nichts zu sagen, doch ich möchte ja nicht so tun, als wäre ich weise, und dich damit an der Nase herumführen. Darum habe ich bis jetzt gesagt, was ich bis jetzt gesagt habe. Doch es zeigt auch ganz schön, dass wenn man einmal zu denken beginnt, das unter Umständen länger dauert, als man es sich wünscht, vor allem über solche etwas feinstofflicheren Dinge. Nicht, dass die Fragen da oben nicht ganz eindeutig zu beantworten wären, doch die Frage ist: Was nützt es?
Darum jetzt etwas, das vielleicht nützt. Achte in deinem Leben darauf, wie viel du agierst, und wie viel du re-agierst. Wie viel du kreativ bist, und wie viel du re-aktiv bist. Re-agieren und re-aktiv sein heißt nicht nur, auf einen Umstand oder eine Person zu re-agieren, sondern oft auch, die Vergangenheit zu re-agieren, also zu wiederholen, als wäre sie präsent.
Stell dir das Leben, jeden einzelnen Minimoment, dich selbst, alle Leute, alle Situationen, alles, als eine sprudelnde Quelle vor (weil dies so ist, übrigens). Alles wird von Moment zu Moment unaufhörlich geschaffen und kann deshalb kreativ gestaltet werden. Beginne, mit jedem einzelnen Moment, in jeder Millisekunde, kreativ zu sein, und es wird keine Konfrontation geben, und damit keinen Feind. Alles wird zum Anlass zu unaufhörlicher, spontaner Kreativität, die sich aus dem gegenwärtigen Moment nährt, nicht aus der Vergangenheit, nicht aus der Hoffnung auf eine Zukunft, die da von alleine kommen möge.
Das ist die ganz einfache Übung, die ich dir zu deiner Frage bieten kann, immer und immer wieder, in jedem Moment.

 

In der Umgangssprache gibt es eine Redewendung, dass sich Gegensätze anziehen. Aber ein Gesetz des Universums besagt, dass Gleiches Gleiches anzieht.
Was stimmt nun?

Gleich und gleich gesellt sich gern, wenn es um Geselligkeit geht, nicht um Dynamik. Menschen mit gleichen Interessen gesellen sich, mit gleichen Hobbys, mit gleichen Wertesystemen, mit gleichen Denk- oder Wahrnehmungsmustern, um zusammen zu sein.
Wenn es aber um Dynamik geht, um Wachstum, um Evolution und all diese anderen großartigen Dinge, dann braucht es Polarität, Gegensätze.
Wir Menschen brauchen beides. Nur der denkende Verstand teilt auf in entweder-oder. Wir brauchen das Zusammensein, und wir brauchen polare Dynamik. Beides zusammen in einem freien Fliessen macht eine gute Beziehung aus, eine gute Gemeinschaft, in der man sowohl so sein darf, wie man ist, als auch sich verändern darf und soll zu dem, was man sein kann.
Was ist wohl effektiver auf die Dauer: Wenn dir jemand einen Fisch zu essen gibt, oder wenn er dich lehrt, zu fischen? Vergiss vor lauter Fischen die Angel nicht!

 

Sind Hoffnungen Illusion? Ist das Leben Illusion? Wie entlarve ich sie? Wann nützen sie, wann schaden sie? Kann der Mensch ohne sie leben?

Zuerst zu den Hoffnungen, dann zum Leben. Hoffen ist eine menschliche Fähigkeit. Sie ist nicht entweder-oder. Hoffnung kann das Schiff sein, das dich zur Insel der Illusion bringt. Sie kann aber auch der Rettungsring sein, der dich am Leben erhält.
Ich weiß nicht, ob man Hoffnungen "entlarven" muss. Man kann sich aber genau hinterfragen, ob die Hoffnung Illusion nährt, oder sich an der Realität orientiert. Sei diese auch noch so fern. Und manchmal für den rationalen Verstand auch noch so unmöglich.
Kann der Mensch ohne sie leben? Ich frage: Muss der Mensch ohne sie leben? Sie ist ja nicht a priori schlecht.
Ich würde als einfache Regel vorschlagen: Solange die Hoffnung dich zu Eigenverantwortung führt und zu Eigeninitiative einlädt, ist sie förderlich. Sobald dich die Hoffnung isoliert, von dir selbst, von Freunden, von deinem sozialen Gefüge, von tieferen Gefühlen, ist sie genauer zu betrachten.
Ist das Leben eine Illusion?
Solange du lebst nicht.


Lieber LaoDao, wie begegnest du Menschen, die mit ihrer Religion, ihrem Gott missionieren wollen, davon überzeugt sind, dass ihr Gott der allein-seligmachende auch für dich ist?

Nun, es kommt drauf an. Je nach Lust und Laune. Nicht wahr? Manchmal ist die Frage für mich: MUSS ich diesem Menschen jetzt unbedingt begegnen? Oder kann ich mich distanzieren? Falls dieser Mensch in ein Umfeld gehört, in dem ich mich bewege, kann ich mich fragen: Ist dies das richtige Umfeld für mich?
Falls eine Begegnung unausweichlich oder sinnvoll ist, nützt es manchmal, wenn ich ganz klar sage, dass ich im Moment nicht errettet werden will, vielleicht ein andermal, und dass ich dann auf dich (die absolutistische Person) zukomme, herzlichen Dank für das Mitgefühl.
Wenn wir die Frage noch etwas weiter betrachten und sie formulieren als: Wie begegne ich einer anderen Bewusstseinsstufe, dann ergibt das eine komplexe Antwort, wenn sie umfassend sein soll. Doch meine kleine bescheidene Antwort ist: Ich nehme sie als das an, was sie ist. Ich missioniere nicht selber, sondern finde den wahren Teil darin - jede Bewusstseinsstufe hat einen wahren Kern. Diesen Wert anerkenne ich, diesen Teil in den Ansichten der Person nehme ich ernst. Über diese Wahrheit kann ich mich dann mit der Person wunderbar unterhalten.


Bin ich das Bewusstsein oder bin ich das Gefährt des Bewusstseins? Diese Frage las ich in einem Buch und möchte sie gerne an dich weitergeben.

Als Einleitung möchte ich gerne eine ungemein lustige Geschichte loswerden:
Ein Bewusstseinsexperte wurde gefragt, was Bewusstsein sei. Er antwortete:
"Ich weiss es nicht."

 

(Pause. Stille.)

 

Umwerfend, nicht wahr? Ist es nicht?

 

(Stille.)

 

Nun, wohlan dem so sei es. Wir müssen wohl zuerst "Bewusstsein" definieren, um zu einer annähernd intelligente Antwort auf diese Frage zu finden, was
ich mir nicht anmasse. Und da nicht einmal der Experte Bewusstsein definieren kann, gestaltet sich die Frage beziehungsweise die Antwort wohl etwas schwierig.
Ich möchte zeigen, wie man an eine solche Frage herantreten kann: Es ist eine Entweder-Oder-Frage. Die erste Frage bei Entweder-Oder-Fragen ist immer, ob wirklich eine Entweder-Oder-Frage vorliegt, oder ob nicht auch eine Sowohl-Als-Auch-Frage möglich wäre. Der denkende Verstand bevorzugt natürlich Entweder-Oder-Antworten, ja und nein, schwarz und weiss. Doch dem denkenden Verstand geht es nicht um Wahrheit, sondern um Sicherheit. Wir wollen hier aber ein Quäntchen Wahrheit herausfiltern, nicht eine vermeintliche Sicherheit. Die Sache mit der Wahrheit ist, dass sie nicht unbedingt auch Sicherheit gibt, noch fühlt sie sich zwangsläufig gut an oder leuchtet ein.
Um zu der Frage zurück zu kommen, ist es so: Wenn mit Bewusstsein das All-Bewusstsein, Wuji, Gott, Gottheit, Lila, der Grosse Geist gemeint ist, dann bist du sowohl das Bewusstsein als auch das Gefährt des Bewusstseins. Denn "All-Bewusstsein" schliesst per definitionem alles ein.
Das ist die erste Antwort. Du bist beides.
Jetzt, in einem zweiten Schritt, müssten wir wohl "Ich" definieren. Nehmen wir hier "Ich" als Person, also ein definierter Organismus mit Körper, Enotionen, Gedanken, Vorlieben etc., und einem Namen wie Thorsten oder Heidehilde oder LaoDao. Wenn wir nun Bewusstsein als All-Bewusstsein in der Manifestation einer Seele definieren, welche nicht mehr ALLES ist, aber auch nicht das Ego oder die Persönlichkeit, und welche allenfalls reinkarniert und so eine Persönlichkeit (inklusive Körper) zwar mitformt, aber diese doch immer wieder wechselt, also von deiner jetzigen Definition von dir selber relativ unabhängig existiert, dann ist "Ich", oder bist du, sicher nicht das Bewusstsein (All-Bewusstsein als Seele), sondern in einem gewissen Sinne das Gefährt.
Das ist die zweite Antwort. Du bist das Gefährt.
Alles klar?
Wir haben also eine Entweder-Oder-Antwort, als auch eine Sowohl-Als-Auch-Antwort.
Schliesslich zielt die Frage darauf ab, ob das Ich isoliert von Gott existiert. Das Ich als LaoDao oder sonstige Definition tut das, ja. (Nun ja, es ist gleichzeitig isoliert als auch in Gott. So wie wir immer im Universum sind,
was wir auch tun, und wie einsam wir uns auch fühlen). Die Definition eines Ich ist eine beliebige Beschränkung Gottes oder des Kosmos auf ein definiertes Individuum, welches dann eine scheinbare Eigendynamik annimmt und scheinbar eigenständig denkt und handelt und fühlt etc. usw. und so fort. Wir können dies das "kleine Ich" nennen. Das "grosse Ich" hingegen ist der ewige Fluss
des Bewusstseins in Gestalt von Thorsten und Heidehilde und LaoDao, und darum grenzenlos. Wir sind sowohl sehr beschränkte als auch grenzenlose Wesen.
Doch die Grenzenlosigkeit muss erfahren werden, sonst ist sie ein blosses Konzept. Und Konzepte sind nicht unbedingt die Grundlage für eine freie, natürliche Entwicklung.
Um eine kurze Antwort noch länger und erschöpflicher zu machen, können wir eine weitere Definition von "Ich" definieren, und zwar das All-Bewusstsein in der Manifestation des Ego, mit all seinen Absonderlichkeiten, Schattenseiten etc. Ist das All-Bewusstsein auch im absonderlichsten Schattenbereich des Menschen? Wenn es allgegenwärtig und alldurchdringend ist, dann muss es ja auch da sein. Oder exakter formuliert: Es ist auch der absonderliche Schatten.
Also, um eine dritte Antwort zu geben, bist du beides und keines zugleich, weil du das Ganze bist. Und dies, obwohl wir "Ich" jetzt anders definiert haben.
Du bist also sowohl ein "Ich" (das Gefährt), als auch ein "Es" (das Bewusstsein) , als auch ein Wir (Nichts von beidem und beides). Lustig, nicht?
Zum Schluss dieser überaus verwirrenden Antwort will ich sagen, dass bewusst-sein dahin führt, wo solche Fragen sich auflösen. Doch der wichtigste Schritt ist, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Obwohl auf einer absoluten Ebene ohnehin alles eins ist und so weiter, fahren wir gut, wenn wir für alles, was wir tun, lassen, sagen, fühlen, denken, die volle Verantwortung
übernehmen. und auch für alles, was sich durch uns denkt, sagt, tut etc. Nicht, weil wir allmächtig sind, sondern weil wir erwachsen sind.
Schau dir das Wort an: er-wachsen. Wie er-kennen. Er-blicken. Alle diese Wörter haben mit einem Bewusstsein zu tun, das bezeugt. Bezeuge deine Gedanken. Bezeuge deine Gefühle. Bezeuge deine Gefühle über deine Gedanken. Bezeuge deine Gedanken über deine Gefühle. So dehnst du dich aus in dich selber.
Und du erkennst: So ist es.

 

Was ist eine Wertung? Wann ist eine Wahrnehmung eine Wertung?

Also: Eine Wahrnehmung ist eine Wahrnehmung, und eine Wertung ist eine Wertung.
Das ist die kurze und richtigste Antwort. Trotzdem noch ein paar Ausführungen: Man kann die Wertung wahrnehmen, also ist die Wertung an sich keine Wahrnehmung. Wahrnehmung an sich kann sich selbst nicht wahrnehmen. Etwa so, wie Präsenz nicht noch mehr präsent sein kann, oder Wasser noch nasser.
Eine Blume wahrzunehmen ist keine Wertung. Aber, und hier kommt das Aber, die Wertung folgt zugleich. Eine schöne Blume, eine hässliche Blume, eine Ist-Mir-Egal-Blume. Oftmals nehmen wir nicht die Dinge an sich wahr, sondern unsere Wertung davon, und diese Wertung halten wir dann für das Ding an sich.
Verstehst du? Und vielleicht ist es das, was in dir Verwirrung stiftet. Wenn du fragst, ob Wahrnehmung eine Wertung ist, kann man auch so antworten: Deine Wahrnehmung ist subjektiv. Weil deine Wahrnehmung durch dich geschieht, und du ein Subjekt bist, ein einzigartiges Individuum. Wir könnten also auch sagen, deine Wahrnehmung sei einzigartig. Auch das ist richtig. Wir sehen hier vielleicht schön, wie wir sachliche Dinge werten. "Deine Wahrnehmung ist subjektiv" kann sehr schnell einen negativen, etwas herablassenden Beigeschmack bekommen - und zwar durch eine Bewertung, die subjektiv ist. "Deine Wahrnehmung ist einzigartig" ist eine ebenso sachliche Feststellung, doch hat das Ganze schnell einen anerkennenden Touch, nicht wahr?
Deine subjektive Wahrnehmung ist begrenzt. Das liegt in der Natur des Menschen. Sie ist immer auch - nicht ausschließlich, aber auch - eine ganz subjektive Interpretation. Also ist geschieht auch die Wertung aus einer subjektiven, begrenzten, persönlichen Sicht - und auch falls sie mit gegenwärtiger Ethik und Moral und allgemein akzeptierten Verhaltensregeln übereinstimmt, heißt dies noch nicht, dass sie nun mit einer "reinen Wahrnehmung" verwechselt werden sollte und als "Wahrheit" benannt werden darf. Eine Wertung ist keine Wahrheit. Ich sage auch nicht, dass eine Wertung eine Nicht-Wahrheit ist, aber wiederum sollte man Wertung und Wahrheit nicht gleichsetzen, so wie man Wertung und Wahrnehmung nicht gleichsetzen kann.
Wertungen geschehen auf mentaler Ebene ("Arroganter Kerl."), auf emotionaler Ebene ("Er macht mich ganz aufgeregt."), auf energetischer Ebene ("Seine Präsenz fühlt sich bedrohlich an. Ich spüre Schärfe."), auf intuitiver Ebene ("Ich habe ein ganz seltsames Gefühl") usw. Sie können positiv oder negativ sein. Sie können einen kreativen Fluss fördern oder hemmen. Und sie können differenziert wahrgenommen werden.
Es geht wirklich darum, Wahrnehmung und Wertung (und Wahrheit) klar auseinander zu halten.
Wertung ist nicht schlecht. Aber Wertung ist Wertung. Und Wahrnehmung ist Wahrnehmung.
Sobald man beginnt, über Wertungen nachzudenken, beginnt man, sie als solche wahrzunehmen. Dabei werden sie vielleicht ein wenig mehr davon gelöst, für Wahrheiten gehalten zu werden. Wunderbar!
(PS: Ob ich wohl noch kurz auf "Wahrheit" eingehen muss? Wie jedes Wort, das auf -ung,-heit oder -keit endet, ist sie nicht so einfach fassbar, nicht wahr? Wir müssen verschiedene Arten von Wahrheit unterscheiden: Es gibt absolute Wahrheit und subjektive Wahrheit. Absolute Wahrheit gibt es nur im absoluten Bereich, sprich, in dem Bereich, der nicht in der Manifestation ist, also nicht im Taiji, sondern im Wuji. Alles andere ist subjektive Wahrheit. Auch Gedanken, Emotionen, Intuition etc. sind in der Manifestation, also immer auch - nicht ausschließlich - subjektiv. Und nun kommt das Lustige: Wahrnehmung ist absolut, sobald sie das Wahrgenommene als solches erkennt. Wirklich und Wahrhaftig. Das macht das Wahrgenommene nicht absolut, aber die Wahrnehmung ist absolut. Lustig, nicht wahr? Also sind deine Wertungen absolut? Nein!
Deine Wahrnehmung ist es. Je mehr du deine Wahrnehmung weitest, desto mehr erkennst du, was du nicht bist. Du bist nur Wahrnehmung. Aber das muss man erlebt haben, darüber nachdenken bringt nichts. Außer, dass es sich anbietet, das Nachdenken und die Wertungen davon wahrzunehmen.
Noch ein letztes Wörtchen zu Wahrheit: Alles, was du wahrnimmst, ist zur selben Zeit wahr, in der es auch subjektiv ist und vielleicht nichts mit einem "realen" Auslöser zu tun hat.
Wer soll werten, welche Auslöser relevant sind und welche nicht? Wenn du Freude spürst, dann ist diese Freude jetzt und da wahr und präsent, ob sie nun einen kausalen Zusammenhag mit einem Ereignis, das sich jetzt gerade ereignet, oder das sich vor zehn Jahren ereignet hat, oder das sich nur in deiner Phantasie ereignet, oder gar keinen ersichtlichen Grund zu haben scheint. Ebenso mit Ängsten, mit Gedanken etc. Es geht nicht, zu sagen: "Diese Emotion wurde in meiner Kindheit getriggert, und das ist schon lange her, und darum muss ich mir nur klar werden, dass damals damals und heute heute ist, und dass ich heute anders reagieren kann." Das hat auch seinen großen wahren Kern, aber wenn du eine Emotion JETZT spürst, dann ist JETZT die Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, sie jetzt zu befreien, indem du sie nicht wegrationalisierst, nicht bewertest, sondern voll und ganz wahrnimmst, oder zumindest, alle Rationalisierungen und Bewertungen auch voll und ganz annimmst.)

 

Was ist der Grund, dass man eine Person nicht spürt? Zum Beispiel bei einer Umarmung oder bei Push Hands.

Die Antwort ist ganz einfach. Die Person will sich nicht zeigen oder kann sich nicht zeigen. Wir können zwar physisch im Raum sein, aber beliebige Aspekte von uns abkapseln und damit verstecken. Bewusst oder unbewusst. Man muss nur auf der Hut sein, die versteckten Aspekte nicht zu vergessen!
Wie gesagt, das läuft sowohl bewusst als auch unbewusst. Es ist nicht per se schlecht oder gut. Es kann ein sinnvoller Schutzmechanismus sein. Es kann auch verletzend eingesetzt werden. Wieder, bewusst und unbewusst.
Je mehr wir von uns zur Verfügung haben, das heißt bewusst gemacht haben, differenziert und integriert haben, desto mehr haben wir für andere zur Verfügung. Und umgekehrt - je weniger integriert ist, desto weniger können wir einbringen.
Oder aber, um diese Perspektive auch noch zu beleuchten: Es kann sein, dass DU dich verschließt, und die Empfindungen nicht zulässt. Dann spürst du auch nichts von der anderen Person. Weil du dich aber nicht bewusst verschließt, projizierst du dieses Nicht-Spüren auf dein Gegenüber und meinst dann, er sei verschlossen…
Das ist in ungefähr, was ablaufen kann in einer solchen Situation. Im Detail ist dann die Situation von Fall zu Fall zu betrachten.

 

Sehr geehrter LaoDao, wenn ich ZanZhuang stehe, weiss ich manchmal nicht mehr, wer da eigentlich steht. Wenn ich es aber nicht weiss, wer ist es dann?

Ja, wunderbar!
Das ist die erste Antwort für den sehr geehrten Fragesteller.
Die zweite: Wer weiß nicht, wer da steht? Wer ist dieses Ich, das nicht weiß? Wer ist das Ich, das Nicht-Wissen wahrnimmt? Wer fragt sich, wer da im Nicht-Wissen steht?
Das sind die kurzen Antworten. Lass mich trotzdem noch etwas mehr dazu sagen: Je tiefer du sinkst, je mehr du loslässt, desto mehr Trennungen verschwinden - beziehungsweise die Illusion von Trennung löst sich auf, bis sich auch das Ich auflöst und die Unterscheidung in Wahrnehmenden und Wahrnehmung und Wahrgenommenem nicht mehr existent ist. Dieser Satz birgt in sich viele Abers. Lass ihn mich darum so formulieren, um ein anderes Licht auf die Aussage zu werfen: Je mehr du dich weitest und je mehr du dich integrierst, desto mehr Trennungen verschwinden. Und ich muss sofort ergänzen: Das Ich löst sich nicht wirklich auf. Es macht nur diesen Anschein, wenn wir die Dinge von der ursprünglichen Ebene her betrachten. Genauso wenig löst sich ja dein Körper auf, obwohl dies von der ursprünglichen Ebene betrachtet absolut wahr und richtig ist. Aber während du stehend in einen ursprünglichen Zustand sinkst oder expandierst, in dem es keine Trennung gibt, und somit kein isoliertes Ich oder einen isolierten Körper, kann dich jemand fotografieren, und er wird nicht Nichts oder Alles fotografieren, sondern einen stehenden Menschen. Wir können - ja müssen! - eine wichtige Unterscheidung machen: ich-los und ich-frei. Psychotiker und klitzekleine Babys sind ich-los. Klitzekleine Babys sind wir nicht mehr und werden wir auch nicht wieder werden, und psychotische Zustände sind auch nicht das, was wir erreichen wollen.
Ich-frei heißt, dass du mehr bist als dein kleines Ich.
Es wird während des Sinkens oder der Expansion ausser der Illusion von allgemein gültiger Trennung nichts losgelassen, nicht einmal transformiert, sondern lediglich integriert. Das Ich wird nicht zerstört (was zerstört wird, sind Überidentifikationen mit dem Ich, das Anhaften, das krampfhafte und verzweifelte Festkrallen des Ich an sich selbst, aber diese Zerstörung ergibt sich durch die Einbettung in ein grösseres Ganzes), es wird auch nicht in göttliches Licht transformiert (obwohl es zu leuchten beginnt, jedoch nur dadurch, dass es in das Strahlen des Wuji eingebettet ist, wobei zu sagen ist, dass Wuji an sich nicht strahlt, aber auch nicht nicht-strahlt, dass Wuji-in-Manifestation jedoch strahlt, wobei zu sagen ist, dass natürlich alles Wuji-in-Manifestation ist, das Strahlen jedoch daher kommt, dass eben dies auf möglichst vielen Ebenen bewusst erlebt und gelebt wird, also Wuji-in-Manifestation, welches sich des Wuji [in und ohne Manifestation] bewusst ist, strahlt), sondern es wird integriert, eingebettet in das, was tatsächlich und unausweichlich ist.
So, und jetzt hole ich erst mal Luft. Atmen! Atmen!
Ja, wer steht da eigentlich? Sowohl du selbst mit all deinen Qualitäten und Eigenarten, mit Körper, Psyche, Seele, und gleichzeitig steht da etwas, das sich jeder Definition und auch der Bezeichnung "etwas" entzieht.
Wer sich da fragt, wer da steht, ist der Betrachter oder Zeuge oder Beobachter, welcher ebenso Nicht-Du ist als auch Alles - also auch Du. Diesen Beobachter kannst du weiten und den Fragesteller beobachten.
Lustig, nicht? Ich wünsche dir weiterhin frohes Stehen jenseits jeglicher Konzepte, inklusive beziehungsweise exklusive diesen hier.

 

Gibt es etwas, was nicht ist?

Sobald etwas etwas ist, ist es. Auch solange Nichts nichts ist, ist es. Und wenn nichts etwas ist, ist es ohnehin. Sobald du daran denkst, ist es.
Ist ein Vakuum? Ein Vakuum, das sich ausgerechnet durch ein Fehlen von etwas auszeichnet? Ja, auch ein Vakuum ist. Ein Quantenvakuum zum Beispiel hat zu allem dazu noch eine ungeheure Energiemenge - ist also nicht etwas, das nicht ist. Dazu ist auch gleich zu sagen, dass das Quantenvakuum in der Manifestation ist, also nicht im Wuji, sondern im Taiji. Sonst liesse es sich nicht errechnen, oder beobachten, oder erahnen. Viele halten das Quantenvakuum für Gott oder das Dao, doch Gottdaowujinirvana lässt sich nicht berechnen. Denn jede Berechnung findet in der Manifestation statt und ist somit Manifestation. Kein Wunder ist das Dao, das man benennen kann, nicht das Dao, und Gott hat auch gewusst, weshalb er den Leuten geraten hat, sich kein Bildnis von ihm zu machen.
Es gibt ja diesen lustigen Sachverhalt der Antimaterie, und sogar die ist. Materie, die explizit nicht ist, ist. Lustig, nicht?
Alles, was in der Manifestation ist, ist. Es muss nicht gleich ein steinharter Stein sein, ein Gedanke, ein Empfinden, eine Ahnung, all dies ist in der Manifestation.
Was jenseits der Manifestation ist, oder inseits, lässt sich nicht beschreiben, weil jegliche Konzepte und Worte Manifestation sind. Das ist, als würdest du mit Bauklötzen eine Sinfonie beschreiben wollen. (Das ist jetzt ein Vergleich in der Manifestation, hinkt also).
Nun denn, sobald - oder spätestens wenn - wir es benennen oder auch nur erahnen, ist es. Da kommt die Frage auf: Wenn ein Mann alleine im Wald etwas ruft, und seine Frau, die nicht da ist, protestiert nicht, hat er dann recht? Oder, wenn irgendwo im All zwei Sterne kollidieren, und niemand weiß davon oder hat etwas gesehen oder gehört, und man hat diese zwei Sterne auch vorher nie gesehen und sieht nun keine Folgen eines Zusammenstosses, existiert das ganze Szenario? Sobald wir uns diese Frage stellen, ja. Zumindest als Option oder Wahrscheinlichkeit oder Potenzial, doch als was auch immer, das ist ganz gleich, weil: Wir als manifestierte, also existierende, seiende Wesen, stellen uns diese Frage, welche eine Ausdrucksform von Manifestation ist.
ist das eine Antwort oder eine Anti-Antwort? Auf alle Fälle existiert sie.


Gibt es eine Frage, auf die es keine Antwort gibt? Wenn ja, wie lautet sie?

Nun, wir müssen da etwas unterscheiden: Es gibt viele Fragen, auf die es keine richtige Antwort gibt, also eigentlich keine Antwort, und es gibt viele Fragen, auf die es nur unvollständige Antworten gibt.
Des Weiteren gibt es Fragen, auf die es nur eine subjektive Antwort gibt, auf die sich Antworten also scheinbar widersprechen können.
Und wir müssen nach dem Sinn von Fragen fragen. (Ob eine solche Frage wohl nach einer Antwort verlangt?)
Fragen, auf die es keine richtige Antwort gibt, sind diejenigen Fragen, die sich mit dem Absoluten befassen, mit Wuji, Gott, dem Numinosen, dem Unbeschreiblichen. Da Wuji absolut ist, Taiji (Manifestation) aber relativ, das heisst unperfekt, sich dauernd wandelnd, und somit auch eine Antwort relativ, weil sich dauernd wandelnd, ganz einfach aus dem Grund, weil sie im Taiji entsteht und vergeht, ist eine Beschreibung des Absoluten immer ein Witz.
Unvollständige Antworten gibt es auf komplexe Fragen, etwa "Was ist Liebe?".
Die Frage nach Liebe lässt sich auch, aber nicht nur, subjektiv beantworten. Viele Materialisten reduzieren Liebe auf Chemie. Auch eine solche Antwort ist in einem gewissen Sinne subjektiv - und widerspricht sich damit selbst, da sie Objektivität beansprucht. Jeder Reduktionismus ist subjektiv und relativistisch. Lustig, nicht?
Und die Frage "Was löst dieses Gemälde in dir aus?" verlangt nach einer gänzlich subjektiven Antwort. Diese Antworten können dann sehr unterschiedlich sein. Und lustigerweise entstehen dann Diskussionen, als sei ein subjektiver Eindruck etwas Objektives, Diskutierbares. Aus einer scheinbar objektiven Perspektive können subjektive Antworten also falsch sein. Das bekommst du bei voreingenommenen Psychologen zum Beispiel zu spüren, wenn du ihnen nicht die Antwort über dein inneres Empfinden lieferst, die sie haben wollen.

Nun, zum Sinn von Fragen, möchte ich dir einen Witz erklären:
Die Struktur dieses Witzes ist eine von Frage und Antwort. Zuerst wird eine wohl nicht alltägliche, doch wohl fragbare Frage gestellt. Darauf wird eine absurde Antwort gegeben. Sie beinhaltet zum einen die scheinbare Tatsache, dass alle Krokodile in der Nähe von Zwetschgenbäumen leben. Des weiteren wird behauptet, dass diese Tiere darunter Schutz suchen, sich nämlich verstecken. (Hier wird auch impliziert, dass alle Krokodile in freier Natur darauf angewiesen sind, sich verstecken zu müssen, eine Behauptung, die dem biologischen Laien vielleicht Fragen wie die folgenden aufwirft: Vor wem? Warum?) Die eigentliche Pointe, der Höhepunkt des Witzes ist nun, dass behauptet wird, Krokodile seien nur darum so flach, weil die Elefanten, die sich in den Zwetschgenbäumen aufhielten, auf sie herunterfielen. Eine absurde Behauptung also, die jeder Grundlage entbehrt und in sich komisch wirkt, weil der Zuhörer unweigerlich darauf verwiesen wird, sich ein Bild von einem Elefanten in einem Zwetschgenbaum zu machen. Daraufhin stellt er sich dann auch noch vor, wie der Elefant auf das Krokodil fällt. Die ganze Antwort an sich gewinnt noch an Reiz, weil sie die Lösung der vorangegangenen Fragestellung darstellt, warum Krokodile flach seien. Ausserdem wird mit dieser Antwort indirekt auch darauf hingewiesen, dass Krokodile nicht flach geboren werden, ein weiteres komisches Moment.
Nun, nach dieser kleinen Einleitung, bist du, falls du mir aufmerksam gefolgt bist, sicher bereit, den Witz zu lesen:

"Warum sind Krokodile so flach?"

"Weil sie sich unter Zwetschgenbäumen verstecken, und dann fallen die Elefanten auf sie."

 

Na? Hast du gelacht? Nicht? Oder nur ein ganz kleines bisschen? Dabei ist doch der Witz so umwerfend! Anscheinend scheint die vorhergehende Analyse, wenn auch unvollständig, abrissartig, skizzenhaft, dem Witz selbst die Pointe, die Würze, das Überraschungsmoment, die Möglichkeit zur unmittelbaren Erfahrung zu nehmen. Nun ja, versuchen wir es andersherum:

 

"Warum können sich Elefanten so ausgezeichnet auf Zwetschgenbäumen verstecken?"

"Weil sie blaue Augen haben."

 

Hast du gelacht, geschmunzelt, einen Laut von dir gegeben oder sonst ein Zeichen der Erregung, das signalisierte, dass du den Witz verstanden hast? Gut! Soll ich ihn noch erklären? Nein, warum auch, du hast ihn ja verstanden.
Hast du nicht gelacht, weil du ihn nicht verstanden, die Pointe offensichtlich nicht erfasst hast? Also, ich will dir den Witz erklären: Er hat wieder die Struktur von Frage und Antwort. Diesmal wird eine schon absurde Frage gestellt. Oder hast du schon jemals einen Elefanten auf einem Zwetschgenbaum gesehen? Oder von jemanden gehört, der einen Elefanten auf einem Zwetschgenbaum gesehen hat? Jeder Biologe wird dir bestätigen, dass diese Frage absurd ist. Elefanten klettern nicht auf Bäume. Auch nicht auf Zwetschgenbäume. Nun weist diese Frage aber nicht nur darauf hin, dass der sie Stellende nicht nur davon ausgeht, dass Elefanten auf Zwetschgenbäume klettern, sondern auch, dass sie auf diesen Bäumen besonders gut getarnt sind. Auch diese Annahme per se, nämlich, dass ein Elefant auf einem Baum gut getarnt sein soll, ist wieder bar jeder vernünftigen Weltanschauung. Die Frage wirft also, abgesehen von weiteren Fragen, die dem Zuhörer unweigerlich im Unbewussten kitzeln - zum Beispiel, wie ein Elefant auf einen Zwetschgenbaum hinaufkommt, oder, wie ein solcher Zwetschgenbaum beschaffen sein muss, um das Gewicht des Elefanten zu tragen - insgesamt ein Bild auf, auf das es rational gar keine oder nur eine falsche Antwort geben kann. Die Antwort indes verblüfft, indem sie die Tarnfähigkeit eines Elefanten auf einem Zwetschgenbaum damit begründet, dass er blaue Augen hat. Die Antwort ist also, dass das riesige Volumen eines Elefanten in einem Zwetschgenbaum vernachlässigbar klein ist, weil seine doch relativ kleinen Augen ein wenig aussehen wie Zwetschgen. (Was an sich schon wieder ein Fragezeichen aufwirft). Die Antwort wird jedoch nicht begründet, die Parallele von Elefantenauge und Zwetschge muss selbst gefunden werden. Sie zielt auf die einzige annähernd mögliche Gemeinsamkeit zwischen einem Elefanten und einem Zwetschgenbaum ab und ist daher, wenn ansonsten auch absurd, die möglichste, die richtigste aller unmöglichen und falschen Antworten. (Abgesehen davon, dass dem zoologischen Laien eventuelle Zweifel aufkommen können, ob Elefanten wirklich blaue Augen haben). Darin besteht also die Pointe des Witzes. Er beantwortet eine falsche Frage mit der richtigsten Antwort.

 

Bist du nun befriedigt? Hast du jetzt herzhaft gelacht? Wohl kaum. Es zeigt sich, dass die kurze Erläuterung des Witzes den Witz selber nicht ersetzen kann.
Einen Witz verstehen heisst ihn zu erfahren, nicht rational, sondern paradox. Diese Erfahrung kann nicht ersetzt oder nachgeliefert werden durch eine Erklärung, durch einen Vermittler. Sie ist unmittelbar. So ist es mit aller Erfahrung. Worte können sie in keiner Weise ersetzen.

 

Und das ist der Sinn von Fragen: Wir suchen nicht Antworten, wir suchen Wachstum.
Ob das wohl eine Antwort ist?

 

Lieber LaoDao, kürzlich wurde ich von einer Japanerin gefragt, ob Schamanismus dasselbe sei wie der Animismus in Japan. Was kann ich ihr antworten? (Ausser, dass ich es nicht weiss...)

Nun, müsste ich hier wohl sagen, und: wohlan.
Es wird wohl, fürchte ich einmal mehr, eine etwas lange Antwort werden.
Nichtsdestotrotz ist hier anzufügen, dass ich nur ein klitzekleiner Chinese bin, kein Japaner, und auch kein vergleichender Religionswissenschaftler, weder ein chinesischer noch sonst einer. Zwar weiß ich einiges aus meiner Erfahrung über die genannten Ismen, das spezifisch Japanische daran kommt mir jedoch eher spanisch vor, ohne Fachchinesisch zu sprechen.
Allgemein gesprochen unterscheiden sich Ismen, deshalb sind sie es auch, ich glaube nicht, dass zwei Ismen dieselbe Sache sind. Wir kommen wohl nicht umhin, die beiden Ismen etwas klarer zu umreissen, um anschliessend Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszuschälen, und schlussendlich, auch wenn das gar nicht die Frage war, den Bezug zu Taiji und Qigong zu machen.
Animismus leitet sich her von "anima", was Seele bedeutet. Animismus sieht alles als beseelt an - Steine, Pflanzen, Tiere, Menschen, Elemente, und auch feinstofflichere Wesenheiten ohne Körper. Es gibt für Animisten keinen Gott wie etwa in der Christenheit, dem Judentum oder im Islam. Alles ist beseelt, ist göttlich. Animismus ist streng genommen keine Religion, wenn wir diese als Institutionalisierung bezeichnen, sondern ein Glaube, oder noch genauer, das Weltbild und Wahrnehmungsmuster einer bestimmten (der magisch-mytischen) Bewusstseinsstufe. Animismus ist somit Grundlage vieler Religionen.
Schamanismus geht auch von der Beseeltheit aller Dinge aus. Das "Problem" mit der Definition von Schamanismus ist ein wenig, dass es auf der ganzen Welt Schamanen gibt, und daher ein breites (breiteres als beim Animismus) Spektrum an Schamanismus. Ein Schamane ist ein Reisender zwischen verschiedenen Ebenen der Realität und macht deren Verknüpfung bewusster und somit für den Menschen und die Natur heilsamer. Das ist die grundlegende Definition. Der Schamane ist also mehr Praktiker als Gläubiger. Den meisten Erscheinungsformen von Schamanismus ist gemeinsam, dass in eine obere, mittlere und untere Welt eingeteilt wird. Es gibt jedoch weitere Ausprägungen des Schamanismus, die nicht auf der ganzen Welt anzutreffen sind, wie etwas das Medizinrad, welches auf umfassende Weise die zwei Reisen des Menschen beschreibt (siehe dazu auch Martins Artikel über das Medizinrad in Schamanismus und Märchen).
Womit wir bei den Gemeinsamkeiten angelangt wären: Animismus und Schamanismus betrachten Materie als beseelt. Im Schamanismus gibt es jedoch einen großen Geist, einen Gott. Während der Animist eher Gläubiger ist, ist der Schamane eher Praktiker. Diese Aussage zeigt Tendenzen, zeigt, wo sich der Schwerpunkt bewegt.
Animismus entspricht der Evolution der Wahrnehmung auf der magisch-mythischen Bewusstseinsstufe. Es kann also keinen integralen Animismus geben, wohingegen integrales Bewusstsein das animistische Bewusstsein in sich aufnimmt und in einen umfassenderen Kontext stellt. So ist im Gegensatz zu Animismus ein integraler Schamanismus möglich; und hier zeigt sich auch, wie Animismus und Schamanismus verwechselt werden, wenn Schamanismus als "primitiv" bezeichnet wird (was er sein kann, auch der Neo-Schamanismus unserer Zeit, aber nicht sein muss). Ausserdem verfügen manche schamanische Traditionen über das umfassende, integrale Modell des Medizinrades, welches sich deutlich vom Animismus abhebt.
Um noch einige Ismen beizugeben: Auch der Buddhismus mit seiner Aussage, alles sei Buddha-Natur, ist in diesem Sinne animistisch (obwohl natürlich Buddha-Natur und Seele nicht dasselbe ist, obwohl natürlich Seele nicht Nicht-Buddha-Natur ist, da alles Buddha-Natur ist, aber Buddha und Manifestation sind nicht getrennt, und das ist der animistische Punkt hier), jedoch weit mehr als magisch-mythisch-animistisch. Ebenso spricht der Daoismus davon, dass alles Dao sei (was so gesagt irreführend ist), oder das Dao in allem (was falscher ist als die erste Aussage), also auch das Element des Göttlichen als Manifestation aufweist. Hier können wir zudem unterscheiden zwischen institutionalisiertem und ursprünglichem Daoismus, was wir auch als Daoismus als Religion und Daoismus als Erfahrung bezeichnen können. Daoismus als Religion weist viele animistische Züge auf.
Aber auch in anti-heidnischen, anti-materiellen Religionen (oder ihren Verfremdungen) wie der Christenheit (bzw. die katholische Kirche) finden wir in den mystischen (also auf Innenschau beruhenden Traditionen, nicht zu verwechseln mit mythischen Bewusstseinsebenen) Wurzeln animistische Züge: etwa die Erzengel, welchen Elemente (oder welche Elementen, Stichwort Huhn und Ei) zugeordnet werden.
Am Anfang, oder jedenfalls näher am Anfang als jetzt, war ein Bewusstsein, welches Welt und Seele als Einheit wahrnahm. Im Laufe der Evolution entwickelten sich von da aus verschiedene Methoden, Philosophien, Praktiken (und keine Ismen, die kamen erst später, im wissenschaftlichen Weltbild zu ihren Titeln). Eine Ausprägung war Schamanismus, ein anderer Qigong, später Taiji. Es ist kein Zufall, dass es Stile gibt, die Tiere nachahmen, oder Positionen, welche im Namen Elemente tragen. Der Taiji-Meister und der Schamane gewinnen ihre Kraft aus derselben Quelle: aus der Beziehung zur manifestierten Unendlichkeit. Der Taiji-Meister erfährt die Dinge ebenso wie der Schamane als nicht getrennt von sich. Er ist in Beziehung zum Wesen aller Dinge, sei das in Steinen, Pflanzen, Tieren, Menschen, sei dies in Donner und Licht, Wasser und Wind, Feuer, Erde, Regen, in Flüssen, Seen, Bergen, weiten Ebenen, dunklen Höhlen… Dadurch, dass er in Beziehung zum Wesen aller Dinge ist, erfährt er sie als nicht getrennt von sich, denn es ist sein eigenes, ureigenes Wesen, das in Beziehung mit dem ureigenen Wesen der Dinge ist, und diese Wesen sind nicht getrennt; er verkörpert das, was innen ist, und das, was außen ist, wobei sich die Illusion einer Trennung von innen und außen auflöst, sich die Nicht-Zweiheit zeigt, das Wesen, das Wesen, ja.
Ich wundere mich, wie viel Kalorien ich verbrenne, wenn ich dies alles sage, und ob man vom reden Hunger bekommt, nun ja, es kommt mir so vor, nicht wahr?

 

Lieber LaoDao, wie kann sich Fred (siehe das Thema "Stolz") als "Grosser" selber nähren, wenn er in der Kindheit zuwenig bedingungslose Liebe bekommen hat?

Siehst du, hier kommt all das ins Spiel, was wunderbar ist, nicht wahr? Das evolutionäre Potenzial, das vorwärts strebt und eine Kraft besitzt (bzw. eng mit einer Kraft verknüpft ist, oder besser gesagt die Kraft selber ist), die vorwärts drängt, die einem immer und immer wieder aufstehen lässt. Der ausdehnende Geist, der nie zu wachsen aufhört, der erforscht, erfährt, und so genannte Rückschläge als Wachstumspotenzial ansieht. Die heilende Kraft, die aus sich heraus ganz macht, differenziert und integriert. Dies sind die wunderbaren Kräfte, und sie sind Teil von uns, oder besser, wir sind Teil von ihnen.
Wir sind auch Teil von ihnen, und sie wirken auch, wenn wir dies nicht wahrnehmen oder es nicht wahrhaben wollen.
Niemand hat dir je Macht und Kraft rauben können, das ist nur eine hartnäckige Illusion. Du hast deine Kraft immer noch in dir, und du hattest sie immer in dir. Weit innen weißt du das, sonst wärest du nicht hier und würdest diese Frage stellen. Die Kraft ist in dir, und noch viel mehr, du bist IN der Kraft, und noch umfassender, di BIST die Kraft und die Kraft ist du, und sie ist dies bedingungslos und gerade jetzt in diesem Moment, und in diesem auch, und in diesem auch usw. Was du (bzw. Fred) also einmal nicht hattest erfahren können, kannst du JETZT erfahren, und damit kannst du dich nähren, jetzt und jeden Tag. Lasse zu, dass du neue heilende Erfahrungen machst, und du wirst sie machen.
Und, abschliessend, ist noch anzumerken: Groß-Fred ist nicht alleine auf der Welt, und du auch nicht, und man muss nicht alles alleine machen, Groß-Fred wird von anderen Menschen angenommen, wie er ist, wird genährt, und so ist es auch mit dir.

 

Es gibt in der Esoterik immer wieder Erklärungen, warum Krankheiten entstehen etc. Meine Beobachtung ist, dass sehr oft gerade die wirklich liebevollen Menschen schwer krank werden. Da sind diese oberflächlichen esoterischen Erklärungen sehr bald an ihrer Grenze. Gibt es eine Erklärung für Krankheit, Leid, Schmerz?

Oh ja, nicht? Eine Erklärung gibt es immer, die Frage ist nur, ob sie richtig ist. Die meisten Erklärungen sind richtig - aber nur teilweise. Verhängnisvoll wird es immer dann, wenn eine Erklärung absolut gesetzt wird. Zum Beispiel eben, Krankheit sein eine Selbstverschuldung und habe damit zu tun, dass das menschliche Wesen, das nun krank ist, noch nicht vollständig erleuchtet sei und jetzt besser etwas vorwärts mache damit. Nun, ich bin nicht erleuchtet, würde ich sagen, da mir Worte auf -ung wie Erleuchtung zu abstrakt sind, aber mein kleiner Zeh tut mir trotzdem weh. Ich hatte da einen Onkel, She Chuan Li Ming Hing Zhi, der war, würde ich sagen, erleuchtet, weil man mit ihm in keinem Raum eine Lampe brauchte, und der starb schlussendlich an seltsamen Wucherungen auf seiner Haut. Und auch alle anderen Erleuchteten, die sich so auf der Erde tummeln, sterben. Die einen an Krebs, die anderen am Alter, aber alle sterben.
Die esoterische Sichtweise, man sei allein und einzig für den eigenen Gesundheitszustand verantwortlich, ist eine Gegenreaktion auf eure westliche Medizin, die das Ersatzteillager Mensch mit allen möglichen Medikamenten heilen kann. In der westlichen Medizin kommt Heilung von aussen, in der Esoterik kommt sie, wenn sie denn kommen würde, den Esoterik ist ja bei euch im Westen nicht viel mehr als ein Wohlfühl-Konzept, jedenfalls, sie käme von innen. Die esoterische Idee versucht also lediglich, die traditionell westliche Idee auszubalancieren, und Balance ist ja immer wieder eine gute Sache. Nur ist das Problem, wenn die neue Idee dann absolut gesetzt wird, nicht wahr? Und diese Ausschliesslichkeit wollen wir vermeiden.
Nun, eine etwas umfassendere Sichtweise erkennt, dass sie, Gesundheit, sowohl von innen und aussen kommt, und dass ebenso Krankheit, Leid und Schmerz von innen und von aussen kommen können. Es spielt da so viel mit! Krankheit kann einen rein körperlichen (und zum Teil vererbbaren Aspekt) haben (was Esoteriker natürlich auf Karma reduzieren, und Karma reduzieren sie auf Schuld) einen psychischen, einen seelischen, aber auch einen individuellen, einen sozialen, einen kulturellen, einen ökologischen, einen ökonomischen. Ihr lebt im Westen (und natürlich ist das unterdessen auch im Osten in weiten Teilen so) in einer Welt, in der sich das Individuum nicht entfalten kann, weil es gezwungen ist, seine Grenzen aufzugeben, weil viele gezwungen sind, über ihre Ressourcen zu leisten; in einer Welt mit giftiger Luft und vergiftetem Essen ohne wahre kulturelle Werte, ohne den Sinn für echte Inhalte, von dem die breite Masse durchtränkt und inspiriert wäre. Wie soll man da nicht früher oder später krank werden? Das alles einzig und allein auf das Individuum zu reduzieren ist so einfältig wie jeder andere Reduktionismus auch. Ob man nun den Mensch auf ein Ersatzteillager oder auf ein esoterisch-allmächtiges autonomes Wesen beschränkt, es wirkt dieselbe Engstirnigkeit.
Das mag eine kleine Erklärung für esoterische Sichtweisen sein, aber für Krankheit, Leid und Schmerz ist es natürlich noch keine. Wenn ich nun diese Zustände erklären soll, muss ich auf irgendein Weltbild zurückgreifen. Das Spektrum der Erklärungen reicht von "Es gibt keinen Gott" bis "Alles ist der göttliche Plan", wie man im Westen vielleicht sagen würde.
Ich würde am ehesten sagen: Es ist, wie es ist, und etwas anderes gibt es nicht. Der Mensch hat aber zudem die Gabe, Sinn zu sehen, zu spüren, zu manifestieren, und das ist eine grosse Gabe, glaube ich. Er kann Sinn jenseits von oberflächlichen Erklärungen finden, auch in einer Krankheit, im Leid, ohne sich dabei auf irgendwelche Weltbilder stützen zu müssen, ein gefühlter, empfundener Sinn; und diese Fähigkeit ist die kreative Kraft des Jetzt, die aus sich selbst heraus entsteht.

 

Soll man Fragen an andere stellen, die man selbst beantworten kann?

Nein! Um Himmels Willen!
Die essentiellen Fragen musst du ohnehin alleine beantworten. Und wenn eine Frage wirklich beantwortet ist, verschwindet sie, da brauchst du keine Zweitmeinung.
Es sei denn, du willst entweder den Leuten zeigen, wie schlau du bist, oder du willst sie mit deiner Frage auf eine Reise schicken, weil es sich ganz deutlich so anfühlt, dass sie auf eine Reise geschickt werden wollen…
Ich frage mich hier auch immer wieder, warum mir die Leute so viele Fragen stellen. Seltsam, nicht? Ich finde.
Und da ich mich diese Frage frage, und ich mir mit einer eigenen Antwort antworte, nehme ich das gleich als Gelegenheit, mich zum Hintern Berg zurück zu ziehen und mich wieder einmal etwas der Stille zu widmen. In ihr liegen alle Antworten.


Es war schön, mit euch geplaudert zu haben!

 

(Und da ging er).