Bewegung als Dialog| Strandsichten aus Korsika

Bewegung ist von Anfang an ein offener, antwortender Prozess, ein Dialog. Warum das so ist und was das für uns bedeutet, erläutert Martin Schmid in Worten, die im Rahmen der Korsika-Kurse entstanden sind. Ein Buch für Praktizierende aller Bewegungsrichtungen und körperzentrierter Methoden. Und für alle, die sich für die Vielschichtigkeit eines integralen Dialogs interessieren. Praktisch und poetisch zugleich zeigt es neue Wege zu einer umfassenden Gestalt des Dialogs.

Aus dem ersten Kapitel

Dieses Platzes wegen sind wir hier. Darum haben wir unsere Reise unternommen. Wir sind ja nicht hierher gezaubert worden, sondern sind schon ein, zwei Tage unterwegs. Wir haben uns genähert.

Jetzt sind wir an unserem Platz angekommen. Jetzt sind wir da. Warum sind wir hier? Was hat uns hierher geführt? Die oberflächliche Antwort ist offensichtlich. Vielleicht bin ich hier, weil ich intensiv Yoga, Qigong oder Taiji machen will. Vielleicht bin ich hier, weil ich Ferien in einer Gruppe machen möchte. Oder weil ich schon hier war und es mir gefällt.

Wenn wir jedoch eine Antwort nicht als Endstation, sondern als Stufe sehen, können wir Schritt für Schritt, Antwort für Antwort tiefer sinken. Warum bin ich hier? Was hat mich hierher geführt? Die Frage ist nicht etwas, was man beantwortet und abhakt, sondern eine Gesprächspartnerin. Die Frage ist meine Partnerin für einen inneren Dialog.
Die meisten von uns suchen nicht Antworten, sondern Wachstum. Es ist wichtig die Antwort nicht nur zu haben und zu sagen, sondern sie zu sein. Sie zu verkörpern. Sie zu leben. So entsteht der Dialog des Lebens.

Eine andere Frage, auf den ersten Blick vielleicht eine einfachere: Welche Farbe hat das Meer? Sofort mag man antworten: blau. Doch das ist falsch. So haben wir eine Schlussfolgerung gezogen, bevor wir überhaupt geschaut haben. Bevor wir wirklich geschaut haben. Bevor wir ganz genau beobachtet haben. Schauen wir genau hin, kommen wir zur Antwort: Die Frage ist falsch. Denn das Meer hat nicht eine Farbe. Da ist hellblau, dunkelblau, türkis, grün, braun, gelb, beige, schwarz, grau, und all die wunderbaren Farben, für die zumindest ich keinen Namen kenne. Und sie ändern sich unaufhörlich. Je nach Lichteinfall bewegt sich das Spektrum von tiefblau nach gleißend glänzend, als hätte jemand einen Teppich aus Lichtseide darüber gelegt.

Im Verweilen bemerken wir erst die Veränderungen. Und erst dadurch erkennen wir das Beständige. Auf diese Weise funktioniert das, was wir Achtsamkeit nennen. Achtsamkeit ist ein beständiges Erinnern an den vorherigen Moment, die vorherige Mikrosekunde. Durch beobachten und empfinden, differenzieren und integrieren, subtilisieren und verwesentlichen wird dieses Erinnern zum Tor zum Jetzt. Wir erkennen den Wandel und wir erkennen das, was sich nicht wandelt: das Wasser, das alle Farben in sich aufnimmt; die Leinwand, auf die alle Veränderungen projiziert werden; den Betrachter, der dies alles wahrnimmt. Bis auch dies alles sich im reinen Fließen – in den Verben – auflöst und so seine wahre Natur offenbart. Es gibt keinen «Wandel», das ist eine Abstraktion. Aber es gibt «wandeln», was ein Wort ist für eine körperliche Bewegung, die im Dialog ist mit dem Geist und der Seele des Wandelnden. Eine körperliche Bewegung also, die sich nicht auf den Körper beschränkt. Es gibt keinen «Betrachter», aber es gibt «betrachten». Wir betrachten in einem ersten Schritt die äußerlichen Vorgänge, mit der Zeit wird jedoch das Betrachten selbst zum Gegenstand des Betrachtens, bis es sich in sich selbst auflöst, bis es sich sich selbst offenbart.

Schon sind wir mittendrin im Kern integraler Bewegung, dem Kern, der Stille und Bewegung vereint und über eine Vereinigung hinausführt. Und das nur, weil wir uns auf das Betrachten des Meeres einlassen.