Korsika | Das Journal 2005.

Zum Geleit

Vor unserer Abreise hatte ich die Teilnehmer informiert, dass ich mir in unserer gemeinsamen Zeit in Korsika Notizen machen würde. Ich sagte, dass ich mich über Notizen von TeilnehmerInnen auch sehr freuen würde, um ein Journal fürs Web zu gestalten. Fünf der zwölf TeilnehmerInnen haben sich Notizen gemacht und somit zu einem wunderbaren Journal beigetragen.
Dies ist das Resultat. Ich habe die Texte nicht verändert oder angeglichen, nur gekürzt und zusammengestellt. Die Farben verraten den Verfasser/die Verfasserin:

Birgit
Susanne
Michi
Cornel
Martin

Ausserdem steuerten Tatjana, Cornel und Martin Fotos bei. Viel Spass!

Herzlichen Dank an alle Beteiligten!
Martin

Stimmung

Gönnen Sie sich doch ein wenig Stimmung dazu.


Freitag


Oh wow: Der lang ersehnte Urlaub ist da!

Eine lang ersehnte Reise hat begonnen.

In meinem Herzen ist Jubel!

Korsika ein Zauberwort, zu dem es keine Erklärung gibt.
Zum zweiten Mal darf ich Ferien auf Korsika geniessen! Für die einen eine Wiederkehr, für die anderen völliges Neuland.

Die Herausforderung wird sein, für mich und diejenigen, die ein zweites Mal dabei sind, von den Erwartungen loszulassen, die vom letzten Mal herrühren. Taiji beginnt, bevor wir gestartet sind. Und los gehts!

Die Sonne scheint, es ist nicht zu heiss. Die Last der beiden vollbepackten Rucksäcke erscheint leicht, als ich in Aarau auf den Zug gehe. Komme pünktlich in Rüschlikon an, wo ich den Teil der Mitreisenden treffe, der meine Fahrgemeinschaft bildet.

Drei Autogruppen starten ihre Reise am Freitag, um 12.00 Uhr Richtung Noli, unserer ersten Übernachtungsstation. Begleitet werden wir von Wolken, starkem Regen und Sonnenschein.

 

Wie wunderschön es immer ist, einen ersten Blick auf das Meer zu erhaschen! Ich kann dann einen Moment lang kaum mehr fahren....

In Noli ist Ferienstimmung pur: Das Einchecken im Hotel wird zum kleinen Abenteuer und lässt den Faktor Zeit bereits zum ersten Mal verschwimmen.

Samstag


Samstagmorgen um 06.30 macht sich eine gemischte Gruppe, die sich in allerbester Ferienlaune befindet, Richtung Savona auf, um sich einen Platz auf der Fähre zu sichern.

Um halb sieben sind wir an der Fähre und ich geniesse es, die verschlafenen Gesichter und Gemüter zu beobachten, die Atmosphäre von Fernweh und Reiselust zu schnuppern.

Die Überfahrt von 6½ Stunden wirkt verkürzt durch Wanderungen auf dem Schiff, Gesprächen mit viel Gelächter, essen, dösen, Fotos schiessen und vor allem durch den Ausblick in die Weite des Meeres und des Himmels, des ungewohnt weit entfernten Horizonts. Taiji wird spürbar, Zeitlosigkeit, Ewigkeit. Irgendwann kommt Martin und berichtet, dass er Wale gesehen hat!
Da habe ich natürlich nur noch ein Ziel: Auch welche zu sehen- und wirklich, einer schenkt sich mir und ich sehe ihn gerade noch abtauchen. So wunderbar!!!
Dann taucht sie auf im Dunst des Meeres: Die Insel Korsika! Ihre Macht wird spürbar und ich fühle mich ein wenig wie Odysseus, als er die Sirenen hört. Ich kann meine Neugier und Freude kaum zügeln...

 

Nach unendlich langen 6 Stunden Fahrt, bringt uns die Fähre in den Hafen von Bastia.

Wir fahren 1¼ Std., gehen noch einkaufen und bezogen um ca. 18 Uhr müde unsere Bungalows. Zwei Teilnehmer sind von den neu erstellten so begeistert, dass sie verschiedene ausprobieren möchten und zweimal umziehen... Doch dann sind sie im richtigen gelandet.

Hier werden wir von Sonne, Wind und Temperaturen von ca. 27 Grad begrüsst.
Entlang der Küstenstrasse fahren wir nach Ghisonaccio, wo wir im Bungalowdorf Marina D' Oru unsere Unterkunft beziehen.

Und dann der erste Meerkontakt.
Oh, wie sehr ich weiss, dass ich hierher gehöre...auch wenn ein Teil von mir es noch gar nicht glauben kann.
Ich freue mich wie ein kleines Kind, als ich entdecke, dass neben den Palmen auch vertraute Bäume wie Linden und Pappeln wachsen. Alles leuchtet in frischem Grün, das liebe ich sehr.

Ein gemeinsames Pizzaessen schliesst den Kreis,

Sonntag


um am nächsten Tag um 07.15 mit Qigong zu beginnen.

 

Ich eile an den Strand; es hatte nachts gewittert und die Stimmung in der Luft ist grandios: Schier unglaublich, faszinierend majestätisch als Willkommensgruss ein doppelter Regenbogen vor dunklen Wolken bei aufgehender Sonne, welche die Häuser zum Leuchten bringt, das Meer sein Lied singend, spielende Regentropfen tanzen lachend vom Himmel- ich muss einfach jemanden überglücklich umarmen und finde gleich ein "Opfer"... Susanne meint, ob sie mich zwicken soll, damit ich glauben kann, dies echt zu erleben.....es gibt nur eine Beschreibung für meinen Zustand: Exzessives Glücklichsein!

 

   

Erstes Qigong im sanften Nieselregen, der Geruch von Pinien: Leben pur.

Qigong im warmen Morgengewitter, Sonnenaufgang und Regenbogen. Perfekt.

 

Ich spüre den Wind, den Regen,
ich rieche den Duft, der in der Luft liegt, ich rieche das Meer.
Ich höre den Donner, das Rauschen des Meeres.
Ich sehe den schwarzen Himmel, der über den Hügeln im Landesinnern ruht, den Blitz, das satte Grün der Palmen, der Büsche, der Wiesen.
Ich sehe den einmaligen Sonnenaufgang am Meereshorizont, im Hintergrund den doppelten Regenbogen, der sich am schwarzen Gewitterhimmel zeigt.
Ich spüre die Energie und bin überwältigt.

Nach dem Frühstück fahren wir ca. 20 Min. auf safarimässigen Wegen zum Pinienwald, der unseren Taijiplatz beherbergt. Ich bin sprachlos- es ist so schön hier! Energie, Stille, heitere Unbeschwertheit in der Luft....

Berührt und bewegt von der Kraft dieses Ortes, der Ruhe, der Stille, dem Rauschen des Meeres, dem leisen Summen des Windes sowie dem Zirpen der Grillen - all dies lasse ich durch mich hindurchrieseln.

 

Ein ausserordentlich ruhiger, sanfter und starker Ort - alles fällt hier leichter: das Stehen in den Positionen, das Fliessen durch die Übungen, das Erden der Kräfte; selbst meine Auffassungsgabe scheint vertiefter und meine Reaktionen scheinen beschleunigt zu sein, wie ich beim Fotografieren bemerke.
Das Licht ist weisslichblau und oft etwas stumpf. Grün in allen Schattierungen dominiert die Farbskala, darunter mischen sich das Grau der Pinienborken, das Graubraun der Zapfen, das Rotbraun des Nadelteppichs, das helle Graugelb des Sandbodens. Die Wellen rauschen in ruhigen Zügen heran. Zikaden zirpen, einzelne nahe Stimmen heben sich wie Rasseln vom sirrenden Grund des Chores ab. Ein leichter Wind weht kühlend vom Meer und kräuselt unsere feineren Körperhaare.

Ein erstes Stehen, 20 Min.

Mit den Füssen stehen wir schulterbreit.
Wichtig wahrzunehmen ist, dass beim Solar Plexus (Sonnengeflecht) sich eine Kugel befindet, die den Oberkörper stützt und aufrichtet.

Wir sinken in die Knie bis eine angenehme Stellung eingenommen werden kann. Die Fuss-Aussenseiten sind belastet.
Wir bilden mit unserer Wirbelsäule eine Gerade, die das gesamte Gewicht des Oberkörpers hinunter in die Beine (in den Boden) verlagert. Dies führt dazu, dass die Oberschenkelmuskeln das Gewicht tragen. Man kann sich auch vorstellen, als würde das gesamte Gewicht durch das Steissbein in den Boden sinken...

So einfach.
Stehen.
Einfach so.

(Ich wundere mich immer wieder, wie auch schon Einsteiger 20 Minuten stehen können. Stehen ist für mich das Schwierigste überhaupt. Push Hands, freie Bewegung, Formen… Das alles ist nichts gegen das Stehen! Für mich jedenfalls...)

Wie leicht das hier fällt. Ich lasse mich noch so gerne anstecken von dieser Leichtigkeit- und so beginne ich zu ahnen, was es heisst, das Becken fallen zu lassen. Ich atme mit dem Meer, werde mir der groben Struktur meines Körpers bewusst. Eidechsen huschen unbekümmert umher. Der Blick kann weit schweifen, die Augen geniessen die Weite. Ewigkeit, Verbundenheit. Ich bin gehimmelt und geerdet.

Am Abend mein erstes Push Hands. Die Gruppe rutscht im Kreis zusammen, kommt sich mit jedem Moment näher, ich fühle mich sehr wohl.

Gekonnt und gezielt führt Martin die Nicht-Taiji-Leute in die Praxis des Taiji und am späteren Abend ins Push-Hands ein.


Zu unterscheiden ist die freie Form von Push-Hands und Push-Hand-Patterns. Von Martin sind wir im Push-Hands der freien Form unterrichtet worden.

Push Hands lässt sich kaum beschreiben, es will erlebt sein. Beim externen Push Hands lachen wir viel, wie immer. Es geht um "technische" Sachen wie dem Stand, das Erden.

Push Hands: Solange ein Ego gegen das andere kämpft, gibt es Gewinner und Verlierer. In Wahrheit gibt es sogar nur Verlierer. Denn solange durch das Gewinnen nur das narzisstische Ego gestärkt wird, ist das nicht ein wirklicher Gewinn. (Es sei denn natürlich, dass sich das Ego dadurch so aufbläht, dass es eines Tages sich selbst nicht mehr halten kann und platzt).
Sobald wir im Push Hands (und nicht nur im Push Hands) ein gemeinsames Lernfeld kreieren, gibt es nur Gewinner.

Dann zeigt Martin internes Push Hands- und ich bin erst mal fassungslos. Mein Nervensystem kann diese Erfahrung einfach nicht fassen, ist überfordert und ich will nur noch weg. Ich bin sehr froh, dass Martin den Kontakt zu mir beibehält und ich kann mich wieder ein wenig sammeln.

Im Push Hands lernen wir, miteinander umzugehen, einander wohlwollend und entspannt zu begegnen, auch in dynamischen Situationen und in Konfliktsituationen.

Ein Yang-Angriff kann vom Yin-Verteidigender locker mit dem Oberkörper angenommen werden, der bis zu 80% der Energie in das hintere Bein leiten liässt und dies somit in die Erde leitet. Die restlichen 20% gehen in Bewegungsenergie über. Aus diesem Grund ist der Stand - das Training der Erdung - essenziell.
Hier ist die Wahrnehmung der Funktion der Kugel des Solar Plexus stark ausgeprägt. Denn der Stand bleibt fix (geerdet), während der Oberkörper mit der Energie mitgeht und sie in den Boden leitet.

Alle TeilnehmerInnen pushen mit mir und erfahren so empfindungsmässig den Unterschied zwischen externer Neutralisation, interner Neutralisation und Widerstand. As Empfinden der Yin-Fülle interner Neutralisation werden sie dann nach und nach wieder abrufen können und im eigenen Körper verkörpern lernen.
So gefällt mir das Lehren. Kein Konzept, keine Theorie. Nur Erfahrung. Und Integration.

Martins Durchlässigkeit zu spüren, wahrzunehmen, wie meine Energie einfach geschluckt und in die Erde neutralisiert wird, nichts mehr ausrichten kann... Yin-Fülle nennt er das Mysterium, das gerade einen wichtigen Teil meines auf Widerstand und Blockaden ausgerichteten Weltbildes hat einstürzen lassen - und mir eine neue Welt gezeigt hat. Mein Yang nützt in diesem Falle nichts, rein gar nichts. Weshalb sollte ich in Zukunft noch Widerstand bieten? Ich habe neue Ziele: Das Fliessen zu üben, Sanftheit zu kultivieren, mein Yin zu nähren, um Ausgewogenheit zu erreichen.

Push Hands ist nicht bei allen Taiji-Praktizierenden beliebt weil sie meinen, es sei ein Kampf (dabei ist es eben gerade die Kunst des Nicht-Kämpfens). Unbeliebt ist es auch, weil man dabei nichts vormachen kann - weder sich, noch anderen. Wenn ich falle, dann falle ich. Basta.

Der Oberkörper (Kopf, Brustkorb, Schultern, Arme...) ist locker & entspannt, auch forschend & tastend um allfällige Schwachpunkte (Energielöcher) am Gegenüber zu entdecken, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, resp. dessen Balance zu trainieren.

Der Unterkörper ist standfest, was nicht heisst, dass er sich nicht bewegt. Das Becken ist locker, da es Impuls gebend ist.

Ich will nicht mehr reden...auch nicht über dieses Erlebte reden...Sprache hat im Moment keinen Platz mehr, kann mein Empfinden nicht abdecken. Ich möchte nur noch weinen, bin tief erschüttert, denn ich erinnere mich daran, mal durchlässig gewesen zu sein, erinnere mich an das Aufmauern meiner Festung... Ich erinnere mich an die Weichheit meiner Babies, an ein längst vergessenes Körpergefühl meiner eigenen frühen Kindheit, als ich selber die Welt war, eins mit dem Wind. Dieser Verlust scheint enorm zu sein, denn eine tiefe Trauer erfasst mich und beschäftigt mich bis tief in die Nacht hinein.

Montag



Am nächsten Morgen "arbeiten" wir mit den sechs Koordinaten, machen Prinzipienarbeit...das hört sich fürchterlich trocken an, doch wer das meint, kennt Martin nicht. Er bringt uns müden Haufen mit Humor sanft auf Trab und wir werfen übermütig Pinienzapfen durch die Luft, als gelte es, das Abendessen zu erjagen. Mit jedem Lachen verblassen unangenehme Erinnerungen an den ungeliebten schulischen Turnunterricht von früher- so macht Körperarbeit Spass!

Wir stehen schulterbreit & locker. Am linken Fuss befindet sich mental ein Stein. Wir neigen uns mit dem rechten Arm zum Stein und werfen den Stein auf die rechte Seite. Dieser Wurf erfolgt durch folgende Impulse:
Bevor der Wurf stattfinden wird, wird die Energie tief aus dem Boden (seitens des linken Fusses) geholt und in das Knie des linken Beines übermittelt und gelangt in die Hüfte, die eine Drehung auslöst und die gesamte Energie in die Schultern, Ellbogen und Hand lenkt.

Beim Stehen erlebe ich intensive Minuten, die Zeit existiert nicht mehr.

In Korsika, wo das ganze Taiji-Training im Freien stattfindet, übernimmt die Natur einen wesentlichen Teil der Vermittlung und Übermittlung.

Der Energiepegel der Insel ist unglaublich hoch.

Taiji ist eine Beziehungsangelegenheit. Sei es die Beziehung zur Erde, die Beziehung zu einem anderen Element,
Wasser - das Meer,
Luft - der sanfte Wind,
Feuer - die Sonne,
oder sei es im Push Hands die Beziehung zu einem anderen Menschen.
Beziehung fördert Entspannung.

Was Intention bewirken kann, merke ich kurz darauf einmal mehr, als wir den Input bekommen, unsere Bewegungen, mit der sinnlichen Aufnahme von Meer und Sonne zu machen. Dies lässt mich weich, voll und aktiv und meiner Weiblichkeit bewusst werden.

Am Abend habe ich Mühe, mich erneut auf Push Hands einzulassen, das so unerwartet tief gehen kann. Doch im Vertrauen auf mich und die Gruppe kann ich von Herzen mitmachen....und baue dabei Unmengen von Energie auf. Es fehlt an der Erdung und dadurch wirke ich eher wie ein Akku denn wie ein Brunnen, der alles durchfliessen lässt.

"Yin und Yang" ist ein Modell, durch das man sich selbst betrachten und somit näher kennen lernen kann. Sie sind ein Modell, weil wir die Wirklichkeit interpretieren. Das heißt nicht, dass Yin und Yang nicht wirklich existieren. Doch wir müssen es abstrahieren, um darüber zu reden. Jegliche Spekulationen über Yin und Yang sind Spekulationen über ein Konzept. Trotzdem ist es wichtig, Yin und Yang zu verstehen. Immer wieder. Immer wieder neu.

Das Yang wird effizient sein, wenn das Yang aus dem Yin geboren wird. Durch die Erdung und Entspannung (auch Gesicht & Geist, sprich auch keinen Willen) kann der Qi-Fluss kultiviert und somit die Yang Energie nach aussen gebracht werden.

Deshalb liebe ich Push Hands. Alles ist da ganz konkret, fassbar, greifbar, unmittelbar, empfindbar, spürbar, manifestiert. Spekulationen haben im Push Hands ganz einfach keinen Platz.

In der Nacht stehe ich förmlich unter Strom und kann kaum schlafen.
Am nächsten Abend wird mich Martin spüren lassen, wie sich erden anfühlen kann - das schenkt mir ein wertvolles Aha-Erlebnis.

Dienstag



(Versuch über einen Hund)

 

Den Sonnenaufgang in seinen schönsten Farben erleben, Streching, Qigong am Meer um Körper und Geist zu wecken, dies waren Erlebnisse, die meiner Seele zulächeln.

Ich laufe mit Urs am Strand entlang zum Taijiplatz; ein wunderschöner Spaziergang! Meine Seele bekommt kaum genug von der Weite des Meeres.

Eine Muschel.
Achtsam. Still.

Und noch eine.
Ausdruck des Herzens.

Und noch eine.
Lächelnde Leere.

Sanft rauschend das Meer.
Tief. Unendlich tief.

Es war nicht immer so gewesen.
Es wird nicht immer so sein.

Wir kommen genau richtig an - die "Autofahrer" trudeln auch gerade ein und ich freue mich über dieses Timing.
Ich liebe diesen Trupp aufgestellter, eigenverantwortlicher Menschen!

 


    

Ein paar Mal habe ich versucht, Bilder festzuhalten, die nicht zentralperspektivisch oder hierarchisch ausgerichtet sind; sie sind ohne eigene Mitte oder zentriert in einer leeren Mitte, aus ihrem eigenen Rhythmus heraus organisiert oder aus dem Prinzip der Gegenüberstellung.
Dies widerspiegelt auch die Art und Weise, wie ich den Arbeitsplatz wahrgenommen habe, der allseitig offen und in sich selbst stark differenziert war, so dass wir ihn ganz nach Bedürfnis stets neu definieren, uns neu darin zentrieren konnten, als Gruppe oder jedes für sich.
Es widerspiegelt auch die Art und Weise, wie ich die Welt in der Stehmeditation wahrgenommen habe, und zuletzt in der freien Bewegung, also im Qigong und im Taiji. Insofern bin ich in diesen Bildern am stärksten präsent, obwohl am wenigsten anwesend - im Gegensatz etwa zu den Porträts, die von der Auseinandersetzung mit einer Person bestimmt und daher ohne meine Anwesenheit nicht denkbar wären, obwohl hier die porträtierte Person präsent ist, nicht-Ich.

 

Urs...

 


... und sein Werk

Mittwoch


Beim Taiji geht innen wie aussen viel ab und wir brauchen Integrationszeit. Auch so mancher Oberschenkel freut sich über die Pause...Apropos "Zeit": Sie ist hier entschleunigt, ich empfinde das als heilsam.

 

Bonifacio die Stadt auf den Klippen. Einmalig, mystisch in seiner Schönheit. Für mich hat diese Stadt eine Anziehungskraft ganz besonderer Art.

Der Ausflug tut allen gut.
Nach dem Stadtbummel und dem Mittagessen, verbringen wir drei regenerierende Stunden am Strand.
Weisser Sand, klares, warmes Wasser... Drei der Jungs und ein Mädel drehen auf und toben ausgelassen im seichten Wasser herum, mit viel Gebrüll auf wilder Jagd nach einem flachen Stein. Ich ertrinke fast vor lachen, es macht mir Riesenspass, sie zu beobachten!
Na, da haben wir doch wieder Taiji! Wie deutlicher könnte es sein, wie wenn man müde vom schwimmen oder herumtoben im warmen Sand liegt: Zwischen Himmel und Erde, eingehüllt in Energie, sanft liebkost vom flüsternden Wind....
Langsam gewöhnt sich mein Nervensystem an den hohen Energiepegel Korsikas.

Donnerstag


Ich freue mich darüber, dass wir liegendes Qigong machen. Es fällt mir leicht, mich diesem Flecken Erde, der mich trägt, anzuvertrauen und es kommt einiges ins Fliessen, auch wenig erwünschtes...Beim Stehen habe ich das Gefühl, dass meine Wurzeln tiefer als sonst eindringen dürfen; die Erde umfasst sie und hält mich sicher. Ich verbinde mich später in der Bewegung mit dem Wind und wir tanzen gemeinsam, er ist der führende Partner....mal ist er dröhnendes Yang, mal wisperndes Yin, ich kann mich ihm hingeben und ihm zuhören, ihm erlauben, mich zu bewegen. Diese Intimität berührt mich tief.

 


Einige von uns fahren am Nachmittag in die Berge: Eine Kulisse an Wildheit und Schönheit erwartet uns, es ist kaum zu glauben! Der Fluss ist kristallklar. Ich komme sogar noch ein winziges bisschen zum Klettern, das ich so gerne mache. Geschenk über Geschenk hat hier in Korsika auf mich gewartet, um geöffnet zu werden...Ich bin sehr glücklich, immer wieder und wieder...

Am Strand werden Kursteilnehmer gefragt, wer denn ihr Meister sei.
In China gibt es das Meister-Schüler-Verhältnis. Hier amüsieren sich meine Taiji-Studenten, vor allem die langjährigen, darüber, dass ich nicht Meister genannt werden will. Sie meinen, es entspringe einer persönlichen Laune oder Bescheidenheit.
"Taiji meistern", was soll das schon heissen? Wie meistert man ein nach oben offenes System? Und was heisst "meistern" denn eigentlich? Taiji ist der ganz natürliche Zustand. Wie meistert man einen ganz natürlichen Zustand? "Meister" hat im traditionellen chinesischen Kontext seine Berechtigung, in welchem ich mich nicht bewege.

Freitag


Ich stehe am Meer, im Sand, im Wind und zum ersten Mal kann ich mich der Yang-Kraft der Sonne öffnen.
Ich bin es.
Mein Atem ist der Wind
mein Körper die Erde
mein Blut das Meer
meine Wärme die Sonne.

Alles ist Harmonie, alles ist Sein, ist und war schon immer.
Ursprung, der sich selber gebiert.

Ich werde immer stiller beim Vermitteln von Taiji.
Wenn ich etwas sage, ist die Gefahr gross, dass später gesagt wird "Martin sagt, es sei so und so…", "Martin sagt, man soll….", "Martin sagt, man soll nicht…"
Nichts ist natürlich weiter entfernt von jeglicher Wahrheit.
Darum verlasse ich mich mehr und mehr darauf, die Grundprinzipien klar zu vermitteln, und hoffe darauf, dass meine Informationen nicht Informationen bleiben, sondern die eigene Einsicht nähren. Alles andere ist nicht in meinem Interesse.

Die Energie kommt aus dem Boden und gelangt in das Tan T'ien und von dort aus in die Arme. In Form von Wellen, die dem Yin & Yang Prinzip unterliegen, fliesst diese Energie durch unseren Körper. Deshalb ist es üblich, die Arme in der Nähe des Bauches zu haben, da die Energie konzentrierter ist.

Später ist die Bewegung eingeengt von Gedanken, nichts zu spüren von "freier" Bewegung, nichts will ins fliessen kommen. So beschliesse ich in der Freiheit, die hier mit Martin als Leiter stets gegeben ist, mich dem Meer anzuvertrauen- es wird mir die Bewegung zeigen. Taiji im Wasser. Wunderbar...Das Becken kann fallen so tief es will, vielleicht bis in den Urgrund des Meeres; die Arme fliessen mit den Wellen, die sich nicht um den Widerstand meiner Handstösse kümmern, sondern diese Bewegung neutralisieren, an den Strand spülen und assimilieren......ich lerne: Widerstand ist wirklich zwecklos.

Das Push Hands am Mittag bewirkt das Gleiche: Jede und jeder Einzelne kann sich wiederum neu erfahren.
Alles ist stetes Loslassen...Widerstand verliert immer mehr seinen Reiz, das Leben erscheint leichter, einfacher.

Push Hands.
Aus Abwehr wird ein Fluss,
aus dem Fliessen ergibt sich das Nicht-Zwei mit einem gemeinsamen Zentrum,
es entsteht ein Wir, das Kreativität und Dynamik fördert.

Dieses Gefühl wird noch einige Male vergessen, doch nicht verloren gehen. Mit der Zeit wird es sich als Ebene in meiner "Matrix" installiert haben....

Mit den Fingern haben wir am Partner nach energetischen Schwachstellen (Energielöchern) gesucht und je nach dem, ob eine gewisse Kälte zu verspüren war, deutete dies auf einen Schwächepunkt hin. Mit einem feinen Fingertippen (oder Schubs) konnte der Partner aus dem Gleichgewicht gebracht werden.
Ziel ist es für den Partner einen gleichmässig-verteilten Qi-Fluss und eine gute Erdung zu haben.

Wir kommen darauf zu sprechen, dass das Entwickeln von Energie die eine Sache ist. Wie die Energie aber eingesetzt wird, ist eine ganz andere Sache. Persönlichkeitsarbeit ist ab einer gewissen Stufe im Taiji unabdingbar.

Am Nachmittag besuchen wir Corte.

 

 

Diese alte Stadt schmiegt sich wie ein eigenständiges Wesen in den Berg, ineinander verschachtelt... Miteinander leben und sich leben lassen scheint die Devise der Stadt und der Einwohner zu sein, sagt Urs zu mir. Bei den meisten meiner Gefährten erwacht der Jagd- und Sammeltrieb und es werden Keramiksachen u.a. erstanden. Ein letzter gemeinsames Abendessen rundet die Woche ab.

Samstag & Sonntag


Ich gehe am morgen noch einmal früh ans Meer, um Qigong zu machen. Aus der Gruppe ist heute niemand da.
Nein, es ist kein Abschiednehmen. Die Sonne geht auf wie seit Urzeiten, die Wellen tanzen sich an den Strand wie immer, der Wind begleitet alles mit seinem Lied, wie immer.
Tief geerdet gehöre ich dazu. Wie sollte ich von etwas, dessen Teil ich bin, Abschied nehmen?
Frohgelaunt packe ich meine Sachen, bereit weiter zu fliessen. In Bastia fallen erste Regentropfen...nach dreieinhalb Stunden mit der Fähre nehmen wir die Autobahn Richtung Heimat in Angriff…

Zürich Hauptbahnhof, der Äther überfüllt mit tausend Informationen, kann ich gleich das Erden und Durchfliessen lassen üben: Gelebtes Taiji im Alltag. Es bewährt sich bestens.....

Es war eine tolle Gruppe: Cornel unser Fotograph, der mit Tatjana ein Jobsharing teilte. Unsere grossen Jüngsten Sämi und Michi, die gekonnt eine Schwertform praktizierten.
Marlis unsere "Zmorge-Chöchin" und Autoscheibenputzerin.
Richard, Urs und Patrik unser Männer-Dreierteam, das uns mit Kochen verwöhnte.
Birgit und Elsbeth, die genossen und integrierten.
Und nicht zu vergessen Martin; er führte ruhig, gekonnt und zielgerichtet durch diese Taiji-Ferienwoche.

Mein herzlicher, aufrichtiger Dank gilt Martin, der durch das Anbieten des Kurses und durch sein Sein und durch seine besondere Art des Lehrens die Struktur geschaffen hat, und allen Gefährten und Gefährtinnen, die es mit ihrer geerdeten Präsenz, ihrer Aufrichtigkeit und Lebensfreude erst ermöglicht haben, dass wir gemeinsam die Taiji- und Qigongwoche als ein farbenfrohes, lebendiges, lehrreiches und nährendes Gemälde entdecken konnten. Alle haben mitgemalt, inspiriert und unterstützt. Das Lachen aller und der Klang der Gespräche ist in meiner Erinnerung einem freudig ergreifenden Musikstück gleich.
Danke Martin, danke liebe Mitreisende, danke Korsika!

Taiji auf Korsika, es ist in meinen Gedanken in meinen Ressourcen.
Ich spüre den Wind, die Fülle, den Sand, die Wellen, die Schönheit, die Einmaligkeit dieser Insel.
Ein Erlebnis besonderer Art. Taiji ganz innen zu spüren, durch die Bewegungen zu fliessen, ganz bei sich selbst zu sein, all dies auf dieser Insel, dass macht dieses Erlebnis so besonders und einmalig!

Taiji heisst Entspannung. Doch es heisst nicht, sich auf dem Erreichten auszuruhen. Es zieht mich weiter, zu neuen Abenteuern, neuen Ufern, neuen Inseln der Erkenntnis, neue Reisen wollen getan werden, neue Gebirge entsteigen der Tiefe, sie rufen, und ich folge, ich folge...