Das »Integral« in Integral Movement – Teil 1
John O’Donohue hat sinngemäß geschrieben (bitte frag mich nicht wo), er schreibe nicht von Gott, weil das Wort allen anderen Worten darum herum den Atem nehme.
»Integral« ist auch ein schwieriges Wort. Nicht ganz so schwierig, aber trotzdem. Und vielleicht ist es sogar ein gefährliches Wort.
Warum? Weil es so leicht alles schluckt. Kaum sagt man integral, klingt es groß. Umfassend. Tief. Entwickelt. Nach einer höheren Ordnung. Nach einem Wort, das schon gewonnen hat, bevor es zeigen musste, was es meint und kann. Und so wird es, ehe man es sich versieht, zum Schwammwort. Es kann vieles aufnehmen und verstecken und verwässern. So wie auch sein Geschwisterchen »integrativ«.
Wenn alles integral wird
Von allem gibt es eine integrale oder integrative Variante. Integral Yoga, Integratives Coaching, Integrale Körperarbeit, Integrative Leib- und Bewegungstherapie, Ganzheitlich-Integrative Atemtherapie, … Moment.
Die Bezeichnung »ganzheitlich-integrativ« klopft an mit der Bitte, man möge doch »integral« und »integrativ« und »ganzheitlich« kurz definieren. Denn sonst würde sie in dieser Kombination allenfalls keinen Sinn machen.
Stimmt.
Also.
Integral meint eine umfassende Ordnung / Perspektive / Architektur, die verschiedene Dimensionen von vornherein mit einbezieht oder zumindest mitdenkt.
Integrativ meint einen Vorgang des Verbindens, Einbeziehens, Zusammenführens oder Eingliederns – des Integrierens eben.
Etwas schärfer:
Integral fragt, in welches Ganze integriert wird.
Integrativ integriert etwas.
Haltung, Vorgang, Architektur
Gut. Grundlegend verschieden also. Eine Methode kann integrativ sein, ohne integral zu sein.
Und darum könnte man »ganzheitlich-integrativ« auch »integral-integrativ« nennen?
Ganzheitlich = integral?
Nein. Ganzheitlich meint, dass der Mensch oder ein Vorgang nicht auf einen Teil reduziert, sondern als Ganzes gesehen wird.
Also zum Beispiel nicht nur Körper, nicht nur Technik, Psyche, Funktion, sondern Körper, Wahrnehmung, Gefühl, Denken, Beziehung, Lebenskontext, Sinn usw.
Etwas zugespitzt differenziert:
Ganzheitlich ist eine Haltung.
Integrativ ist ein Vorgang.
Integral ist eine Architektur.
Was das Integral in Integral Movement meint
Im allgemeinen Sprachgebrauch aber wird integral häufig in Richtung ganzheitlich, umfassend, alles einbeziehend verstanden. Besonders in Feldern wie Coaching, Yoga, Therapie, Bildung oder Organisationsentwicklung wird integral oft ziemlich nahe bei ganzheitlich verwendet.
Darum muss man vorsichtig sein.
Das Integral in Integral Movement bedeutet nicht einfach ganzheitlich. Es hat zwei wichtige Aspekte, die wir jetzt bereits angesprochen haben. Einerseits, dass die verschiedenen Dimensionen des Menschen — Körper, Wahrnehmung, Beziehung, Denken, Empfinden, Handeln — so zusammengehören, dass sie erst in ihrer lebendigen Beziehung das Ganze bilden.
Andererseits bezeichnet integral eine Architektur, und hier ganz konkret: Die Architektur, die der integrale Philosoph Ken Wilber herausgearbeitet hat. Mehr dazu im nächsten Blog-Beitrag dieser Reihe.
Integration als Richtung
Ist Integral Movement also nicht integrativ? Doch. Integral Movement ist ein Ausdruck der Integraldynamik. Die Integraldynamik ist das Zusammenspiel der Köbi- und der Kulti-Dynamik. Köbi-Dynamik ist das Kürzel für fünf Verben: zentrieren, öffnen, weiten, begegnen, integrieren. Die Kulti-Dynamik ist das Kürzel für sechs Verben: beobachten und empfinden, subtilisieren und verwesentlichen, differenzieren und integrieren. 5 + 6 = 11 Verben, könnte man meinen. Es sind aber zehn. Integrieren kommt in beiden Dynamiken vor. Die Integraldynamik und darum alles, was wir hier machen, steuert immer auf Integration zu.
Was das genau bedeutet, werden wir im Lauf der Serie auch näher kennenlernen.
Die Verpflichtung, nicht zu reduzieren
Also. Wer »integral« sagt, muss auch B sagen. B ist für mich die Verpflichtung, nichts auf etwas anderes zu reduzieren. Dafür brauche ich ein Top-Framework. Es muss so einfach sein, dass es die ganze Komplexität aufnehmen kann. Die ganze Komplexität, wenn man nicht etwas auf etwas reduzieren kann, aber auch nicht Schwamm drüber alles in einen integralen Suppentopf werfen kann.
Das werden wir uns anschauen.
Integral Movement ist keine Sammlung von Inhalten. Es ist eine Weise, mit Komplexität zu praktizieren. Ich praktiziere so, dass das, was wirkt, nicht ausgeschlossen wird. Egal, was es ist. Vom Fuß über ein altes Muster hin zum Ort oder die Schieflage der persönlichen Welt.
Ein Modell gegen blinde Flecken
Ein gutes Modell verhindert, dass ich blind werde für das, was nicht meinem Temperament entspricht. Es erinnert mich daran, dass es Innen und Außen gibt. Individuum und Beziehung. Körperliche Entwicklungslinien, emotionale Linien, kognitive Linien, ethische Linien. Verschiedene Zustände und Entwicklungsstufen, die durchaus auch im selben Gewand daherkommen können, und die man differenzieren muss. Typen in allen Ausführungen, und damit Potenziale und Einschränkungen. Perspektiven.
Es geht nicht darum, das alles einzubeziehen. Vielmehr ermöglicht die Architektur, dass nichts vergessen wird.
Habe ich es schon gesagt? Das werden wir in der Serie genauer anschauen.
© 2026 Martin Schmid
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Disclaimer
Seltsam, aber wahr: Diesen und die nächsten LOG-Einträge dieser Serie lasse ich mit pangram.com prüfen, um zu bestätigen, was ich schon weiß: Dass der Text von einem Menschen, nämlich mir, geschrieben ist. Damit du dich darauf verlassen kannst.
Pangram ist ein Web-Dienst, mit dem man Texte analysieren lassen kann, und das ziemlich treffend erkennen soll, ob KI eingesetzt wurde. (Ich habe es an verschiedensten Texten ausprobiert, und es stimmt nicht immer. Trotzdem, voilà.)