Das »Integral« in Integral Movement – Teil 4
Und nun? Oder: Was soll’s?
Wozu das alles?
Habe ich in der kleinen Integral-Serie (Beitrag 1, Beitrag 2, Beitrag 3) »Integral« vorgestellt und es quasi noch etwas komplexer gemacht, um nun im neuen Shop ein paar schöne Landkarten verkaufen zu können?
Oder um dir zu sagen: Ohne meine Expertise wirst du das nie schaffen?
Das sind berechtigte Fragen, oder? Denn wenn man es liest, ist es doch recht komplex, noch mehr, wenn man es auf dem Bildschirm liest, fürchte ich.
Aus Fragen gewachsene Landkarten
Aber nein. Ich zeige lediglich auf, wohin mich mein Differenzieren und Integrieren, Subtilisieren und Verwesentlichen in dreißig Jahren Unterrichten und 38 Jahren auf dem Weg (man wird alt …) gebracht haben. (Stand 2026)
Die Landkarten, die ich vorstelle, sind aus Fragen gewachsen. Sie sind keine Antworten, sondern Orientierungen.
Denn im Laufe meiner Laufbahn hat man mir und habe ich mir Hunderte, Tausende Fragen gestellt.
Fragen aus der Praxis
Als da zum Beispiel wären …
Fragen von mir an mich
• »Welches Muster wiederhole ich da dauernd? Wie löse ich es?«
• »Warum verkörpere ich in meiner Praxis Klarheit und Ausrichtung, im Leben baue ich aber Chaos?«
• »Bewege ich mich gerade frei oder nur auf meine besonders raffinierte Art eingeschränkt?«
• »Was bleibt von mir, wenn ich mich nicht mehr bewegen kann wie heute?«
• »Ist das eine körperliche Grenze oder nur eine sehr überzeugende Gewohnheit?«
• »Warum entdecke ich dieselbe grundlegende Einsicht alle drei Jahre wieder?«
• »Ist das gerade Differenzierung oder Erbsenzählerei?«
• »Was geschieht, wenn Köbi heute keine Lust auf die richtige Reihenfolge hat?«
• »Wann bin ich Leiter, wann Begleiter und wann einfach der Typ, der den Raum reserviert hat?«
• »Warum dauert das Aufwärmen inzwischen länger als früher das ganze Training?«
…
Fragen von anderen an mich
• »Warum verändert sich meine Haltung nicht? Meine Lehrerin sagt, Taiji sei alles, was ich brauche. Man müsse und soll nichts anderes tun.«
• »Warum fühlt sich meine Praxis so leer an? Einfach eine leere Routine, sonst nichts.«
• »Ich bin eigentlich recht zufrieden mit meiner Qigong-, Vipassana-, Pilates- und Zumba-Praxis. Und den Tango-Stunden. Und dem Online-Lebenscoaching. Es ist nur ein bisschen viel.« »Ist da eine Frage dahinter?« »Ich glaube schon.« »Wollen wir sie herausfinden?« »Ich glaube schon.«
• »Ich bin jetzt schon so lange unterwegs, aber was hat sich wirklich verändert? Ich habe das Gefühl, ich stehe immer noch am selben Ort.«
• »Warum soll ich Open Hands praktizieren? Solo-Bewegung reicht mir völlig.«
• »Darf ich eine Übung abbrechen, wenn sie mir nichts sagt – oder hat sie dann gerade besonders viel zu sagen?«
• »Woher weiß ich, ob ich etwas empfinde oder mir nur sehr überzeugend vorstelle?«
• »Integral, integral, der mit seinem Integral. Ich mach einfach, was sich gut anfühlt.« »Das finde ich super.«
…
Wenn wir einen Schritt zurücktreten, sehen wir: das sind Fragen nach Lebensmustern, nach Realität, nach Sinn.
Das Schöne an einem Embodiment-Weg ist, dass es keine bloßen Ideen-Antworten gibt. Wir können sie beantworten, indem wir neue, andere oder richtigere Bewegungen entdecken.
Wenn sich die Sichtweise dreht
Etwas konkreter:
• »Ich arbeite hart an mir. Warum fruchtet es nicht?«
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Dann komme ich eben mit der Karte des Unendlichen Spiels, zeige darauf dies & das, und die Sichtweise dreht sich quasi von selbst um 180 Grad.
»Ach so, es geht nicht ums Optimieren, ums Gewinnen und um ein Idealbild?«
»Es geht darum, im Moment zu spielen.«
»Aber Spielen, das ist für Kinder, nicht?«
»Schau dir die Elemente, Herausforderungen und Potenziale des Unendlichen Spiels auf der Karte nochmals an.«
»Okay. Das ändert alles.«
Wenn eine Praxis nicht das kultiviert, was gebraucht wird
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Oder jemand kommt mit Gelenkschmerzen zu mir. Obwohl diese Person »sehr viel Yoga« macht – und wie sich schnell herausstellt, hyperflexibel ist. Dann zücke ich meine Karte mit den neun körperlichen Grundqualitäten. Ich zeige sie und kläre kurz auf. »Aha, also ist Yoga vielleicht gar nicht das Optimale für mich? Was dann? – Und finde ich trotzdem Erleuchtung?«
Schon sind wir mitten in einer sinnvollen, maßgeschneiderten Praxis.
Die Frage nach Erleuchtung wird mich später die Integraldynamik-Karte hervorkramen lassen, darauf die Integrale Landkarte, darin die Entwicklungsebenen und die Zustände (siehe unten).
Ich könnte alles auch ohne Karte zeigen, aber dann wäre es zu viel Information auf einmal im luftleeren Raum.
Wenn ein Ereignis zum Erlebnis wird
Oder jemand kommt und schwärmt mir das Blaue vom Himmel und das Grüne vom Weltfrieden, wird bei einer Interaktionsübung aber immer sofort defensiv, wenn es ein wenig dynamisch wird, was diesen Jemand selbst stört. Wir finden heraus, dass es nicht eingefleischte Reaktionsmuster sind. Es ist etwas anderes …
Also zücke ich die Karte der Integraldynamik, zeige auf die Integrale Landkarte und die Ebenen und kläre kurz, dass ein Ereignis immer durch eine individuelle Deutungsebene zu einem Erlebnis wird. Im Dialog kommen wir dann darauf, dass es vielleicht an der Zeit wäre, diese an sich unsichtbare eigene Deutungsebene mal genauer zu betrachten.
Ausschnitt aus der Integraldynamik-Landkarte. Klicken zum Vergrößern
Wenn Offenheit ein Zentrum braucht
Ausschnitt aus der Integraldynamik-Karte. Klicken zum Vergrößern.
Oder jemand kommt und sagt, man latsche immer über ihre Grenzen, immer werde sie verletzt, aber »ich will meine Offenheit nicht aufgeben, das ist schließlich meine Grundqualität«.
»Richtig.« Wieder zücke ich die Karte der Integraldynamik, dieses Mal zeige ich auf Köbi. Ich kläre kurz, wir kommen in den Dialog: »Ahaaa, Offenheit benötigt ein stabiles und agiles Zentrum.«
»Ja, und sie führt in Kontakt, wo sie sich verbindet, ohne sich zu verlieren …«
»Kann man das üben?«
»Das kann man üben.«
»Wie?«
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Ich zeige zuerst auf demselben Plakat auf die Praxisfelder und zücke dann das Plakat Praxis-Ökologie Three Rivers. »Da sind gleich drei ganz konkrete Praxisfelder, mit denen man das perfekt praktizieren kann. Du kannst aber auch andere nehmen.«
»Na dann mal los!«
»Warte!«, sage ich, zeige wieder auf das Plakat, »Nicht zu schnell, einen Schritt nach dem anderen, zuerst zentrieren wir mal. Feld eins.«
Wenn Aktivität zum blinden Fleck wird
Dann hätten wir da den jungen Mann, der liebend gerne Open Hands macht, auch sonst alles mit Aktivität, Ballspiele, Wettbewerbe jeder Art – aber drei Minuten ruhig stehen oder sitzen und zur Ruhe kommen?
Sofort wird er unruhig, dann aggressiv.
»Sag jetzt bloß nicht:«, sagt er zu mir, »Du musst halt meditieren. Nimm einfach wahr. Solchen Bullshit.«
Sage ich nicht, solchen Bullshit. Wieder das Plakat Praxis-Ökologie Three Rivers. »Jede Methode/Aktivität hat einen Bias.«
»Bias?«
»Blinde Flecken. Sie kann das verhindern, was wir vielleicht wirklich bräuchten. Dauer-Aktivität kann verhindern, dass du zu dir kommst und mal hinhörst, was bei dir eigentlich läuft.«
»Ja, aber ich bin lieber aktiv.«
»Sollst du auch bleiben. Aber Studien zeigen auch, dass einseitige Aktivitäten einseitig wirken, nicht ganzheitlich. Die Chance ist zwar da, dass du durch Aktivität deine innere Unruhe loswirst. Aber vielleicht würde es helfen, auch mal was Ruhiges zu kultivieren.«
»Aber ich werde immer gleich so wahnsinnig unruhig.«
»Starte klein. 20 Sekunden Ruhe und Selbstwahrnehmung vor jeder neuen Interaktion. Im nächsten Schritt versuchst du, diese Ruhe in die Interaktion zu bringen. Dann dreißig Sekunden.«
Bis er, 16 Monate später, 20 Minuten Umi am Stück sitzt und berichtet, in wie vielen Lebensbereichen sich etwas positiv verändert hat.
Anschauungsmaterial für eine möglichst einfache Praxis
Also. Das sind einige wenige Beispiele.
Die Karten sind keine Essenz, keine Methode, kein Zaubermittel, sondern schlicht und einfach Anschauungsmaterial.
Anschauungsmaterial für eine möglichst einfache und effektive Praxis. »Möglichst einfache und effektive Praxis«, so kann man Integral hier zusammenfassen.
Also kein Anschauungsmaterial für eine möglichst komplizierte Praxis. Wie ich in Beitrag 3 geschrieben habe, ist eine Praxis-Ökologie auch eine Praxis-Ökonomie.
Wir werden dadurch nicht zu Therapeuten, Psychologinnen oder Bewegungsphilosophen. Aber der Mensch in Bewegung wird zum Weg, statt nur Fitness oder Physiotherapie zu machen. Manchen Menschen genügen Fitness oder Physiotherapie. Auch gut so.
Aber es gibt Menschen, die nach mehr hungern. Das Integral-Modell und die Anschauungsmaterialien schützen uns nicht nur davor, Einseitigkeit zu kultivieren, sondern auch vor Beliebigkeit und einem Ausufern dessen, »was man auch noch alles sollte«, bis man resigniert aufgibt oder sich in Selbstoptimierung ausbrennt.
Eine Einladung zur Reise
Wir leben immer in einem Framework. Ein Framework, von dem viel unbewusst als Gegeben angesehen wird. Es ist ein Filter, mit dem wir die Welt wahrnehmen und nach dem wir Leben, der also unsere Bewegung gestaltet. Manchmal kommen wir an Lebensstationen, an denen wir aufgefordert werden, das Framework selbst zu betrachten. Und es vielleicht zu modifizieren oder zu erweitern.
Die Karten zeigen uns, wo wir stehen und wohin wir noch gehen können.
Es gibt kein Muss, kein Du sollst. Aber es gibt eine Einladung zu einer abenteuerlichen Reise.
Willkommen.
© 2026 Martin Schmid
Die in diesem Log-Eintrag vorgestellten Karten findest du im Shop.
Mit dem Newsletter bleibst du auch über Gelegenheiten informiert, dieses Ebenen, Aspekte und Dimensionen der Praxis zu erforschen.
Disclaimer
Von einem Menschen geschrieben. Sagt KI.
Seltsam, aber wahr: Diesen und die anderen LOG-Einträge der Integral-Serie ließ ich mit pangram.com prüfen, um zu bestätigen, was ich schon weiß: Dass der Text von einem Menschen, nämlich mir, geschrieben ist. Damit du dich darauf verlassen kannst.
Pangram ist ein Web-Dienst, mit dem man Texte analysieren lassen kann, und das ziemlich treffend erkennen soll, ob KI eingesetzt wurde. (Ich habe es an verschiedensten Texten ausprobiert, und es stimmt nicht immer. Trotzdem, voilà.)
Ich mache das von nun an nicht immer, weil der Service kostet. Trotzdem kannst du sicher sein, dass weiterhin ich es bin, der diese Log-Beiträge verfasst.